Politiker Müller: „Grundpfeiler der Demokratie“ – Der „March for Science“ lebt fort! (9)

Posted on 12. Juni 2017

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Wissenschaftler sind im „Marsh for Science“ für eine demokratische Gesellschaft auf die Straße gegangen – unabhängig und überparteilich. Der ranghöchste Politiker, der sie dabei durch eine Rede unterstützte, war der Regierungschef der Hauptstadt Berlin, Regierender Bürgermeister Michael Müller. Er unterstrich die Bedeutung einer freien Wissenschaft für die Demokratie.

#ScienceMarchBER

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin, sprach beim „March for Science“ in der Hauptstadt. (Foto: Senatskanzlei/M_Becker)

Wir haben uns heute hier am Brandenburger Tor versammelt, um ein deutlich sichtbares Zeichen über Berlin hinaus zu setzen: Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft dürfen nicht angetastet werden.

Die Freiheit von Forschung und Lehre ist ein fester Pfeiler unserer Demokratie und unserer freien und weltoffenen Gesellschaft. Dafür stehen wir hier, gerade jetzt, in einer Zeit, in der autoritäre Kräfte in vielen Ländern der Welt Rechtsstaat, Demokratie und Menschenrechte in Frage stellen und Nationalisten neue Mauern und Grenzen errichten wollen.

Wir sind hier, um zu bekennen: An der Freiheit der Wissenschaft lassen wir nicht rütteln. Wir werden all denen entschlossen entgegentreten, die diese Freiheit gefährden. Und wir stehen solidarisch an der Seite derer, die wegen ihrer Forschung und Lehre verfolgt und diskriminiert werden.

Berlin ist sich seiner historischen Verpflichtung bewusst. Denn hier stand die Wiege des Bildungsideals von Wilhelm von Humboldt, dessen 250. Geburtstag wir dieses Jahr feiern werden. Ein Kernelement dieses Ideals ist die akademische Freiheit.

Berlin hat zwei Diktaturen im 20. Jahrhundert erlebt. Unsere Stadt hat die Schrecken der Naziherrschaft erlebt und die Verfolgung und Knebelung der unabhängigen Wissenschaft durch die SED-Diktatur. Wir Berliner wissen aus unserer Geschichte, was die Unterdrückung der Freiheit bedeutet. Und was es bedeutet, wenn Menschen ihre Bürger- und Freiheitsrechte entzogen werden. Nie wieder dürfen wir dies zulassen.

John F. Kennedy hat in seiner Rede an der Freien Universität im Sommer 1963 formuliert, was auch heute – 54 Jahre nach seinem Auftritt in Berlin – noch gilt und wir als Auftrag annehmen: dass wir der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Freiheit dienen.

Für die demokratische Gesellschaft ist eine unabhängige Wissenschaft unabdingbar – wer diese beschädigt, greift nicht nur das akademische Leben an, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes – die Freiheit und die Demokratie, aber auch unseren Wohlstand. Und die freie Wissenschaft ist eine der wichtigsten Grundlagen für überlegtes politisches Handeln.

Deshalb dürfen und werden wir es nicht hinnehmen, wenn Forschende und ihre Ergebnisse diffamiert  werden. Wir werden nicht akzeptieren, dass sogenannte

„alternative“ Fakten verbreitet werden und so getan wird, als seien sie wissenschaftlichen Erkenntnissen ebenbürtig. Und wir werden die Entlassungen und Inhaftierungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht schweigend hinnehmen. Dass ganze akademische Einrichtungen einen Kampf um ihre Existenz führen müssen, weil sie frei und unabhängig forschen und lehren, ist ein Skandal und für uns alle eine ernste Gefahr.

Dieser Gefahr wollen wir mit vereinten Kräften begegnen, nicht nur heute in Berlin und weltweit bei den Märschen für die Wissenschaft, sondern auch in Zukunft. Wir treten mit einer klaren Haltung für die Freiheit und gegen autoritäre Politik und nationalistische Strömungen ein – ganz besonders, wenn Freiheit und Demokratie in unseren engsten Partnerländern und bei unseren Nachbarn gefährdet scheinen.

Deswegen möchte ich heute ganz besonders den Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern, Studierenden und Beschäftigten der Central European University in Budapest unsere Solidarität zusichern und vor allem unsere Unterstützung bei dem Bemühen, die Arbeit der CEU weiterhin an ihrem Standort in Budapest zu ermöglichen.

Bei aller Sorge um die Geschehnisse in vielen anderen Ländern – wie etwa in der Türkei – dürfen wir nicht übersehen: Auch in unserem eigenen Land, in unserer eigenen Stadt stellen Populisten unsere Werte und unsere demokratische Grundordnung in Frage. Dazu sage ich: Offenheit, Toleranz und Freiheit dürfen für uns nicht verhandelbar sein, weder für Deutschland, noch für Berlin.

Lassen Sie uns daher gemeinsam für eine weltoffene, tolerante und von Freiheit geprägte Wissenschaft und Forschung eintreten. Das ist nicht nur unsere Verpflichtung, von der Kennedy einst sprach. Es ist auch im eigenen Interesse unserer Stadt, deren Zukunft eng mit einer unabhängigen, international vernetzten Wissenschaft verknüpft ist.

Dabei sollten wir auch nicht zu leichtfertig Boykottaufrufen folgen. Boykott und Abgrenzung passen nicht zum Selbstverständnis der Wissenschaft. Sie helfen den Betroffenen nicht und schränken unsere gemeinsamen Handlungsmöglichkeiten ein. Stattdessen sollten wir Brücken bauen und solidarisch sein mit bedrohten Personen und Institutionen und ihnen in der Not auch akademische Zuflucht in Berlin gewähren.

Unsere Hochschulen tun dies bereits in vielen Initiativen, etwa mit Programmen für verfolgte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Berlin eine neue Wirkungsstätte finden und ihrer Arbeit weiter nachgehen können. Oder auch mit zahlreichen Initiativen, die geflüchteten Menschen helfen, ein Studium aufzunehmen und eine neue Zukunft aufzubauen.

Mit ihrem Engagement setzt die Berliner Wissenschaft ein weithin sichtbares Zeichen gegen Nationalismus, gegen das Hochziehen von Mauern und für eine weltoffene und freie Wissenschaft.

Dafür danke ich allen Beteiligten in der Berliner Wissenschaft ausdrücklich. Und dafür sichere ich ihnen auch künftig die Unterstützung der Landespolitik zu.

Bisher erschienen:

Demnächst: Literaturwissenschaftler Wertheimer: „Fragwürdige Exzellenz“

Diese und weitere Beiträge der Reihe mit den interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

 

 

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