Wertheimer: „Fragwürdige Exzellenz“ – Der „March for Science“ lebt fort! (10)

Posted on 14. Juni 2017

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Es gibt durchaus unterschiedliche Meinungen in der Wissenschaft: Öffnung zur Gesellschaft? Finanzierung nach Leistung? Wettbewerb der Forscher? Der Tübinger Literaturwissenschaftler Prof. Jürgen Wertheimer hielt beim „Marsh for Science“ in Tübingen dagegen und wünscht sich die alte „Universitas“.

#ScienceMarchTUE

Prof. Jürgen Wertheimer sieht in gesellschaftlichen Eingriffen, wie der Exzellenz-Initiative, eine Gefahr für die Wissenschaft. Er sprach beim „Marsh for Science“ in Tübingen.

Wenn wir schon mal auf die Straße gehen – dann muss schon einiges schieflaufen. Der unmittelbare Anlass für diesen Aufmarsch der Wissenschaften, mag im massiven Druck, der von außen auf uns zukommt, liegen. Die Massnahmen von Trump, Orban, Erdogan zielen auf die Substanz der wissenschaflichen Werte, der offenen, freien Kultur, für die die „Uni“ steht. Aber ich will es uns nicht zu leicht machen und nur mit den Fingern auf die anderen zeigen. Die restriktiven Maßnahmen, die sich mit dem Namen „Trump“ verbinden, haben nur eine Krise sichtbar gemacht, die sich seit längerer Zeit angebahnt hat, und die nicht – jedenfalls nicht nur – fremdverschuldet und von aussen aufoktroyiert, sondern durchaus auch hausgemacht ist.

Niemand wird ernsthaft infrage stellen, dass kein Weg am Elite- und Exzellenzsystem der letzten Jahre vorbeiführt. Nun, ich bin dieser Niemand. Ich leugne es geradezu, dass dieses System der Universität gutgetan hat und weiter guttun wird. Im Gegenteil, es hat uns verwundbarer, abhängiger, eingeschränkter gemacht. Eingesperrt in ein schier undurchdringliches und unabstellbares Regelwerk aus Evaluationen, Akkreditierungen, Modularisierungen, Normierungen und Standardisierungen hängen wir am Tropf fragwürdiger Rankings und rotieren in einer permanenten Castingshow der Besten, der Sichtbarsten, der Internationalsten oder irgendwelcher anderer Superlativisten. Wir haben uns darauf dressiert, dressieren lassen, Formate an die Stelle von Inhalten zu setzen, Ideen in Module einzupacken und Exzellenz anstatt Begabung zu fördern. Nein, ich habe nichts gegen Begabung und Talent – aber sehr viel gegen die automatisierte Herstellung von herdenartiger Serieneliten. Ich habe nichts gegen Haltung, aber viel gegen Still-Halten. Nichts gegen Format – wohl aber einiges gegen alles überlagernde Formate. Nichts gegen Perfektion, aber viel gegen Phantasielosigkeit, Leidenschaftslosigkeit, – ja, ich wage es, solche Begriffe einzubringen. Weil ich davon ausgehe, dass auch in der Wissenschaft sterile Geschäftsmäßigkeits-Routine der eigentliche innere Feind der Kreativität ist. Und dass wir gerade dabei sind, die Uni in eine solche perfektionistische Langeweile-Legebatterie umzubauen.

Society, however, must feel that we are burning with the power of knowledge. That we are not residents of the ivory tower of abstraction. That the art of science is closely related to their everyday problems. That science can be fascination, excitement — and fun…. Even the latest Pisa report makes evident that there is a direct connection between the fun side of science and the quality of its results!

Aber es ist, um mit Nietzsche zu sprechen, sicher keine „Gaya sciencia“, keine fröhliche, wirklich kreative Wissenschaft, die derzeit ausgebrütet wird. Und das ist der innere Feind, von dem ich spreche. Und vor dem ich warne – nicht aus Missgunst, sondern aus Sorge. Denn dieser innere Feind geht an die Substanz des Prinzips „Universität“ und der bereits im Wort enthaltenen „Gemeinschaftlichkeit“ – von der nur mehr selten etwas zu spüren war – bis auf heute.

Da muss man nicht nostalgisch nach Humboldt schielen und an Früher denken. Das große Versprechen der Uni ist nach wie vor ihre Universalität und Einheit – nicht Einförmigkeit und hektischer Vernetzungswahn. Die Botschaft, die zentrale Besonderheit, der USP der Uni ist ihre Unteilbarkeit – undivisible soll sie sein. Manche Firmen würden von solch einer corporate identity träumen – wir bauen sie ab. Wir bauen sie ab, weil wir sie in ein Top-Down geleitetes Managementsystem verwandeln, um einer behaupteten Effizienz willen. Weil wir das berühmte aude sapere, den Mut, gedanklich aufs Ganze zu gehen buchstäblich an der Kassa abgegeben haben.

Kein Unternehmen der Welt macht auf Uni. Aber die Uni ist töricht genug, sich in eine Firma zu verwandeln zu wollen. Und Abläufe zu imitieren, die dort Sinn machen mögen – für das symbiotische, verletzliche , vielstimmige Geflecht Uni aber tödlich sein können. So macht man es, ohne dies zu wollen, den Gegnern leicht. Komplexe Systeme sind in Krisenzeiten resilienter als homogene, eindimensionale. Der durch andauernden Konkurrenzdruck losgetretene Verlust der Einheit ist der Beginn des Verlusts der Einzigartigkeit. Die Top-Down gesteuerte Zweiklassen-Uni produziert notwendigerweise Ausschlusskriterien. Sie scheint sich um Inklusion zu bemühen – de facto aber produziert sie Exklusion. Im Treppenhaus baut man Barrieren ab. Im Vorstand zieht man die Wände hoch.

Für Originalität und Risiko wollte man bereits ein spezielles Modul kreieren – ich glaube, die Entwicklung wurde wieder eingestellt? Denn die Wahrheit ist: Originalität ist eigentlich in diesem standardisierten Verfahren nicht mehr vorgesehen. Risiko ist out. Außenseiter werden stillgestellt. Und Wissenschaftszweige, die ihre „anwendungsbezogene Relevanz“ nicht unmittelbar nachweisen können, haben es definitiv schwer. Was zum Teil an ihnen liegen mag. Zum größeren Teil aber an einem kurzgriffigen Anwendungs- und Praxisbegriff.

Den Humanities als Lebenswissenschaften, als Wissenschaften, die zum Leben gehören, ist die Widerständigkeit und die Kritikfähigkeit eingeschrieben wie dem Leben selbst. Wie auch eine gewisse experimentierfreudige, verspielte Leichtigkeit zu ihr gehören. Und Phantasie als Repertoire des Möglichen, des Hypothetischen, dessen was vielleicht nicht existiert hat aber existiert haben könnte – So der geniale italienische Schriftsteller Italo Calvino, der bereits in den 80erJahren in seinen Six Memos for the Next Millenum der Univ. Harvard u. a. den Ratschlag gab, an ganz neue Werte zu denken, darunter sehr überraschende, unkonventionelle, – eine gewisse Leichtigkeit, Lightness, die die Schwerkraft des Alternativlosen überwindet, Quickness, Visibility (aber nicht in Form der Rankinggeilen Visibility, sondern einer intelligibility , einer mobilen, beweglichen Anschaulichkeit und schließlich Multiplicity, die nun als diversity Furore macht.

Es könnte die große Stunde der Universitäten sein: als den letzten verbliebenen lebendigen Räumen jenseits ideologischer, religiöser oder kommerzieller Indoktrination – Universitas – die große säkulare, basisdemokratische Institution autonomen Nachdenkens und vertrauensvoller Zusammenarbeit! Übrigens über Grenzen hinweg: es stünde der Uni gut an, sich nicht nur um muslimische Studierende zu kümmern, sondern sich auch der vielen saekularen Akademiker, die vor dem türkischen Nationalislam auf der Flucht sind, unbürokratisch anzunehmen!

Und – in diesem Zusammenhang – solch einen Schwachsinn wie ausgerechnet von Studierenden aus Entwicklungsländern Gebühren zu erheben in dieser Phase der „Internationalisierung“ nicht einmal anzudenken!

„Es ist der Geist, der sich den Körper baut“ sagt Schiller einmal. Aber noch sehr viel mehr gilt: es ist der Geist, der sich die Uni baut, die er will. Und noch haben wir es in der Hand, das zu machen, was wir aus der Uni machen wollen!

Wenn wir bereits hier an der Uni nicht beginnen, die Fähigkeit zu kritischer Reflexion und auch zur gelegentlichen Irritation nicht nur zu dulden, sondern zu fördern – ich wüsste nicht, wer sonst uns diese Aufgabe abnähme. Wenn eine dieses Namens würdige „Universität“ sich als auf die Praxis bezogen profilieren möchte – dann soll sie sich hier engagieren. Es geht nicht darum, eine Doktrin – und sei es die der Exzellenz – in möglichst viele Gehirne und Köpfe hineinzuhämmern (wie ich dies einmal in offizieller Runde hab sagen hören!), sondern möglichst viele Gehirne erst mal wieder freizupusten von seit der Schulzeit in sie implantierten Modularisierungsmaßnahmen. Sie wieder dazu zu bringen, ihr kreatives Potential zu entfalten, statt es zu tarnen. In einer Zeit des rasanten Wirklichkeitsschwunds, des bösartigen, alle überfordernden Ineinanderfließens von Faktischen, Halb- und Postfaktischem, von Fiktion und Lüge, Lüge als Fiktion, von Cyber- und Hypertext gehören die Wissenschaften ins Zentrum, nicht an die Peripherie der Gesellschaft! Wir stehen jetzt in der Pflicht massiv zu reagieren. So massiv wie irgend notwendig , um den Trumps und Orbans und auch allen kleinen, klandestinen Trumps und Orbans, die anheben, ihre Hände an die Wurzeln des Systems Uni zu legen, unmissverständlich zu signalisieren, dass sie sich dabei die Finger verbrennen könnten.

Now or never! Years ago we used to make fun on Huntingtons Bestseller. Now we find ourselves in the middle of a clash of cultures far beyond Huntingtons idea. It is the clash of simplifiction against enlightenment , of unambiguity against ambiguity, of lies against truth.

Ja, von nun an geht es wirklich um einen Clash of Cultures der sich – weltweit und unabhängig von einzelnen Religionen oder Systemen – schon seit einiger Zeit angebahnt hat: dem zwischen monologischen, engen, auf Eindeutigkeit zentrierten Denken auf der einen – und einer Lebensweise und Denkart, die sich der Vielfältigkeit , Ambivalenz und Mehrdeutbarkeit der Wirklichkeit stellt. Ich hoffe, die Uni weiß, auf welcher Seite sie steht, zu stehen hat! Und zwar faktisch, nicht nur als fiktiv.

Bisher erschienen:

Demnächst: Marcus Anhäuser: „Was machen wir morgen?“

Diese und weitere Beiträge der Reihe mit den interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

 

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