Schwerhoff: „Die Streitkultur verteidigen“ – Der „March for Science“ lebt fort! (12)

Posted on 21. Juni 2017

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Wissenschaft liefert der Gesellschaft nicht nur Fakten und Ergebnisse, sie trägt ganz wesentlich zu ihrer Kultur bei. Etwa zur guten demokratischen Streitkultur, in der das Gegenüber nicht als Feind, sondern als Andersdenkender betrachtet wird. Der Historiker Prof. Gerd Schwerhoff mahnte in Dresden, diese Kultur zusammen mit der wissenschaftlichen Freiheit zu verteidigen.

#ScienceMarchDD

Prof. Gerd Schwerhoff zeigt, wie sehr Wissenschaft zur Kultur einer Gesellschaft beiträgt. Er sprach beim „Marsh for Science“ in Dresden.

Ich freue mich, als Vertreter der Geisteswissenschaften bei diesem March of Science sprechen zu können, obwohl wir im englischsprachigen Bereich gar nicht unter die ‚harten‘ sciences gerechnet, sondern als weichere Humanities davon abgegrenzt werden. Aber ob sciences oder humanities, ob Lebens- und Technikwissenschaften oder Sprach- oder Geschichtswissenschaften, wir alle stehen hier wegen gleicher Sorgen und auf der Grundlage gleicher Überzeugungen:

  • der Sorge vor allem vor nationaler Borniertheit und Abkapselung, der wir die Überzeugung entgegensetzen, dass Wissenschaft eine internationale, ja eine weltumspannende Angelegenheit ist, dass sie der Freiheit bedarf, der Mobilität von Menschen und Ideen, um erfolgreich neue Erkenntnisse hervorzubringen;
  • der Sorge auch um eine angemessene Grundfinanzierung wissenschaftlicher Forschung und der Beobachtung, dass diese Finanzierung in vielen Teilen der Welt nur dann gewährt wird, wenn kurzfristige Gewinne und Anwendungsmöglichkeiten Dem stellen wir die Überzeugung entgegen, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht schämen müssen, wenn sie Grundlagenforschung jenseits kurzfristiger Verwertungsinteressen betreiben, ja dass gerade hier neue, wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden können.

So weit, so gut. Aber gibt es nicht doch einen Punkt, so könnte man einwenden, an dem die Humanities quer zum Anliegen des March of Science liegen? Wie steht es mit der Fokussierung auf das „wissenschaftlich gesicherte Wissen“? Können wir als Geisteswissenschaftler den Slogan „There is no alternative to facts!“ überhaupt unterschreiben? Bringen wir nicht schon den Studierenden des ersten Semesters bei, wie vielstimmig das Konzert wissenschaftlicher Meinungen zu ein und demselben Problem ist? Sind es mithin nicht gerade die Vertreter der Humanities, die mit Lust an der Dekonstruktion von absoluten Wahrheiten arbeiten, und die sich mit den puren Fakten schwer tun?

Dieser Einwand, so möchte ich antworten, beruht auf einem Missverständnis. Wissenschaftliche Skepsis gegenüber allzu einfachen und absoluten Wahrheiten, soviel ist richtig, gehört gleichsam zur disziplinären DNA der Humanities. Aber das gilt, ebenso wie alles Folgende, mehr oder weniger für alle wissenschaftlichen Disziplinen. Wissenschaft bedeutet immer, scheinbar selbstverständliche Gewissheiten ständig und systematisch zu erschüttern. Orientierung an den Fakten und auf die Fakten hin heißt für uns gerade nicht zu behaupten, wir wüssten ein für allemal, was richtig ist und was falsch, was unumstößlich gilt und was nicht.

Vielmehr ringen wir jeden Tag und hart darum, mehr Erkenntnisse zu gewinnen und neue Fakten zu erschließen, auch und gerade solche, die vertraute Wahrheiten in Frage stellen und herkömmliche Fakten über den Haufen werfen. Das geht nicht ohne Streit ab, im Gegenteil: Systematische Kontroversen etwa über die notwendige Quellenkritik oder die logischeren Argumente sind gerade der Weg, auf dem wir bessere Erkenntnisse erzielen wollen. Er soll auch dazu dienen, unterscheiden zu lernen, ob etwas zum harten Kern gesicherten Wissens gehört, ob etwas als vertretbares Urteil erscheinen kann oder ob eine Behauptung als unvereinbar mit den Fakten gelten muss.

Über die Ursachen von Reformation und Hexenverfolgung, von Stalinismus und Nationalsozialismus lassen sich sehr unterschiedliche, z.T. auch konträre Thesen aufstellen und vertreten. Aber wer z.B. den Holocaust grundsätzlich leugnet, stellt sich außerhalb des faktengestützt Vertretbaren. Beliebige Fakten sind eben innerhalb der Wissenschaft nicht vertretbar, und alle Behauptungen müssen umgekehrt der kritischen Überprüfung zugänglich sein.

Diese wissenschaftliche Diskussionskultur müssen wir gegen alle Angriffe von innen und außen verteidigen, und zwar auch deshalb, weil sie eng mit der politischen Kultur unserer Demokratie verbunden ist. Das bedeutet nicht, dass „die“ Politik zu tun habe, was „die“ Wissenschaft sagt – ganz im Gegenteil. Aber freie Wissenschaften können am besten in einer freien Gesellschaft gedeihen, und diese freie Gesellschaft profitiert umgekehrt von einer kritischen und zugleich sachorientierten Streitkultur innerhalb der Wissenschaften. Insofern möchte ich nicht nur eine faktenbasierte Politik anmahnen, sondern zugleich eine politische Streitkultur, die von leidenschaftlichem Meinungsstreit und sachlichen Kontroversen zugleich geprägt ist. Es ist an uns, diese Streitkultur zu leben und sie zu verteidigen.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Machen wir uns nichts vor: Auch die Wissenschaften sind von dem etwas idealen Bild, das ich gerade skizziert habe, manchmal weit entfernt. Zu der Verteidigung der Streitkultur innerhalb und außerhalb der Wissenschaften gehört es z. B.

  • sich auch auf andere Standpunkte einzulassen und nicht nur die eigene Meinung zu bestätigen, wie es in den Blasen der sozialen Netzwerke allzu oft geschieht;
  • dazu gehört also ganz notwendig auch die Selbstkritik, die Bereitschaft, die eigenen Meinungen und Faktenbehauptungen immer auch in Frage stellen zu lassen;
  • und dazu gehört, dass die Lust am Streiten ihre Grenze dort findet, wo die physische Integrität des Gegenübers angegriffen wird, wie es vor kurzem mein Kollege Werner Patzelt erlebt Gerade weil ich mit vielen seiner Urteile nicht übereinstimme, fühle ich mich verpflichtet, auf diese Grenze ganz nachdrücklich hinzuweisen. Wissenschaftliche, aber auch demokratische Streitkultur schließt Gewalt aus!

In diesem Sinne sollten wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Disziplinen versuchen, den ebenso leidenschaftlichen wie sachorientierten Streit nicht nur in unserem professionellen Alltag zu leben, sondern auch in die Gesellschaft immer wieder neu hineinzutragen, zum beidseitigen Nutzen.

Bisher erschienen:

Demnächst: Konrad Ott: „Die Philosophie der Unwahrheit“

Diese und weitere Beiträge der Reihe mit den interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

 

 

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