Konrad Ott: „Die Philosophie der Unwahrheit“ – Der March for Science“ lebt fort! (13)

Posted on 23. Juni 2017

1


Sind „alternative Fakten“ Lügen? Die Unwahrheit kennt viele Gesichter, manche davon weit schlimmer als Lügen, weil für sie die Wahrheit gleichgültig ist. Das beschrieb Prof. Konrad Ott, Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt an der Universität Kiel, beim „March for Science“ in Kiel: Humbug als schlimmster Feind der Wahrheit.

#ScienceMarchKI

Prof. Konrad Ott ist Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Ethik der Umwelt an der Universität Kiel. Er sprach beim „March for Science“ in Kiel.

Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt hat gezeigt, dass es außerhalb der Lüge andere wahrheitswidrige Redeweisen gibt. Die Lüge ist gewissermaßen ein einfacher Standardfall innerhalb eines Spektrums solcher Umgangsweisen mit Sprache. Die Lüge steht kontradiktorisch zur Wahrheit; andere Sprechweisen stehen konträr zu ihr. Es gibt „Humbug“, leeres Gerede, „Phrasendrescherei“, „Dampfplauderei“, „Schönrednerei“, „phoniness“ und eben auch „bullshit“.

Der Lügner achtet Frankfurt zufolge noch die Wahrheitsbindung der Rede als Erfolgsvoraussetzung der Lüge, wohingegen dem „bullshiter“ Wahrheit gleichgültig ist. „The lack of connection to a concern with truth – this indifference to how things really are – that I regard as of the essence of bullshit”. Dem “bullshiter” ist Wahrheit „egal“, er/sie will nur mit “bullshiting” durchkommen, d.h. irgendwelche Erfolge einstreichen.

„Bullshit“ ist daher begrifflich bestimmt als die Unbekümmertheit um Wahrheit. Bullshit is „a matter not of falsity, but of fakery“. Der „bullshiter“ setzt unbekümmert alle möglichen Behauptungen in die Welt, ohne sie verantworten zu wollen. Bullshiting, so Frankfurt, „is a greater enemy of the truth than lies are”.

Der „bullshiter“ lässt sich nie auf eine Argumentation ein über das, was er sagt, sondern produziert unaufhörlich „statements“ oder wiederholt sie bloß. Er setzt darauf, dass Wiederholungen die Wirkungen zeitigen, die sie, logisch betrachtet, nicht zeitigen dürfen. Snyder bezeichnet dies im Anschluss an Victor Klemperer als einen „schamanistischen“ Umgang mit der Sprache. Wenn ich p behaupte, kann ich p nicht begründen, indem  ich p wiederhole. Die Wiederholung unbelegter Behauptungen über unterschiedliche Medien und Kanäle ist high-tech-Schamanismus. Die neuen Medien scheinen wie geschaffen für „fakery“ aller Art. Wir müssen sie im Interesse an Aufklärung stärker als bisher als Medien der Gegenaufklärung begreifen.

Frankfurt rückt „bullshitism“ nahe an das „bluffen“, das beim Pokerspiel üblich ist. Mit einem „bluff“ kann man aber nur dann erfolgreich sein, wenn der andere sich „bluffen“ lässt. Darauf muss der „bullshiter“ wetten und damit geht er ein Risiko ein. Wir müssen also antizipativ überlegen, wie man sich von „bullshit“ nicht „bluffen“ lässt. Darauf komme ich am Ende zurück.

Nun könnte man fragen, warum sich die Wissenschaften überhaupt daran stören sollten, wenn in der Sphäre des Politischen „fakery“ vermehrt auftritt. Mit Niklas Luhmann könnte man die Subsysteme von Wissenschaft und Politik anhand ihrer jeweiligen Codes separieren: Wahrheit/Falschheit für die Wissenschaften, Macht/Opposition für die Politik. Oder man könnte mit Max Weber sagen, in der Wissenschaft seien Begriffe Pflugscharen zur Lockerung des Erdreiches des Geistes, in der Politik seien sie Schwerter zur Bekämpfung von Gegnern.

Politische Rede, so könnte man hinzufügen, diene nicht der Wahrheitsfindung, sondern auch in Demokratien der Gewinnung einer Mehrheit des Wahlvolkes. Politische Rede sei von Hause aus polemisch, persuasiv und agonal; die Kunst der Rhetorik sei seit der Antike immer auf die Effekte ausgerichtet gewesen, die ein durch Sophisten geschulter Rhetor bei einem Auditorium erzielen kann. Wahlkämpfe seien keine Veranstaltungen zur Wahrheitsfindung, sondern eher der Werbung verwandt. Kandidatinnen für politische Ämter konkurrierten so ähnlich um die Gunst des Wahlvolks wie Waren um die Gunst der Konsumentinnen konkurrierten. So sagt es auch die ökonomische Theorie der Demokratie. Und so, wie die Werbung auf Psychologie rekurriert, rekurriert die politische Rhetorik auf die Lehre von den Redefiguren, angefangen von der „capatatio benevolentia“ bis hin zum „ornatus in verbis conjunctis“.

Viele von uns würden diesen Auffassungen auf der Ebene der Faktizität ein Wahrheitsmoment zubilligen, sie aber nicht als idealtypische Position mit allen Konsequenzen in die politische Philosophie und die politische Praxis übernehmen wollen. Denn welche Hindernisse gäbe es dann noch wider das allmähliche „Abdriften“ der politischen Rede auf einem „slippery slope“ in Richtung Demagogie, Propaganda und „post-truth politics“? Und müsste man nicht in einer an Aufklärung interessierten Politik Schwerter zu Pflugscharen umschmieden wollen – um in Webers hintergründigem Bild zu bleiben? Wahlkämpfe sind, so gesehen, nicht regellos und die Wahrheitsbindung zählt zu diesem Regelwerk. Wir Demokraten haben mit „post-truth politics“ auch deshalb große Probleme, weil wir unterstellen, dass wahrheitswidriges Sprechen für politische Ämter „eigentlich“ disqualifiziert. Lügen sind Rücktrittsgründe. Man darf nicht mit Mitteln in ein politisches Amt kommen, die Gründe sind, das Amt niederlegen zu müssen.

Das zunächst nur intuitiv geäußerte Unbehagen an der Aufkündigung des Wahrheitsbezuges durch „post truth politics“ muss sich seinerseits begründen lassen. Mein leitender Gedanke ist, dass das Projekt der Aufklärung die Praxis von Wissenschaft und Politik und unsere kommunikative Alltagspraxis überspannt. Die Rede vom „Projekt der Aufklärung“ will besagen, dass Aufklärung mehr ist als nur eine philosophische Epoche. Gleiches gilt für Gegenaufklärung.

Demokratie ist weder angewandte Wissenschaft noch angewandte Moral, sondern eine gemeinsame geschichtliche Praxis der Beurteilung regelungsbedürftiger Materien, die reflexiv zu einem umfassenden politischen Selbstverständnis führt („Verfassungspatriotismus“). Daher dienen die historischen Geisteswissenschaften einer kritischen Aneignung von Traditionen.

Deliberative  Demokratie  ist  der  Idee  der  politischen  Aufklärung  verpflichtet,  da  sie, so Habermas, von formell intakten Kommunikationsflüssen zwischen a) einem professionalisierten Kernbereich des politischen Systems, b) einem Geflecht von intermediären Institutionen (staatliche Ämter, Gremien der wissenschaftlichen Politikberatung, Büros wie TAB, Verbände usw.) und c) einer aktiven und in Verbänden und Parteien organisierten zivilen Bürgerschaft ausgeht. Innerhalb demokratischer Praxis werden wir häufig zu der Einsicht kommen, dass wir abstimmen oder verhandeln müssen; gleichwohl ist die Beurteilungspraxis zunächst an das Beibringen von Gründen gebunden. Die Mehrheitsregel bei Abstimmungen und das Finden (fairer) Kompromisse gehören zum politischen Geschäft, sind aber nicht die „Quintessenz“ demokratischer Politik. Dies ist der Austausch von Gründen unter Staatsbürger*innen, wobei der „Pool der Gründe“ bei politischen Fragen recht umfänglich ist. Eine elementare Diskursregel gilt auch in politischer Rede: „Jede und jeder darf nur das sagen, woran sie/er selbst glaubt“.

Ohne eine wechselseitiges Grundvertrauen hinsichtlich der Arten und Weisen, in denen sich der Austausch der Gründe vollzieht, kann deliberative Demokratie nicht gelingen. Die klassische Zensur unterbindet Deliberation durch Verbote. Sie ist in der Verfassung des Grundgesetzes verboten. „Post-truth politics“ ist, wenngleich auf andere Weise als direkte Zensur, mit den Gelingensbedingungen komplexer Deliberationen nicht vereinbar, sondern in einem strengen Sinne „dysfunktional“. Der Unterschied zwischen Zensur und „post-truth politics“ ist analog zu dem zwischen Lüge und „bullshit“ im Sinne Frankfurts. Die Zensur fürchtet die freie Meinungsäußerung und versucht sie zu unterbinden. „Post-truth politics“ nutzt die Meinungsfreiheit schamlos und unbekümmert aus. Daher ist ihr mit den Mitteln des Rechts nur schwer beizukommen. „Post-truth politics“ muss dort bekämpft werden, wo sie auftritt: in der politischen Öffentlichkeit, nicht primär im Gerichtssaal.

Deliberative Demokratie und „post-truth politics“ sind auf einer konzeptionellen Ebene unvereinbar. Diese Unvereinbarkeit reicht weit tiefer als  parteipolitische Unterschiede innerhalb  deliberativer Politik.  Auch  deliberative  Demokratie  muss  dann  aber  in  einem  näher  zu  bestimmenden  Sinne „wehrhaft“ sein können. Die Tradition von Wissenschaft als Aufklärung und auch die (privilegierte) Rolle eines Hochschullehrers verpflichten dazu, „post-truth politics“ nicht zu dulden.

Bisher erschienen:

Demnächst: FU-Präsident Alt: „You never walk alone“

Diese und weitere Beiträge der Reihe mit den interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

 

 

Advertisements