FU-Präsident Alt: „You never walk alone“ – Der „March for Science“ lebt fort! (14)

Posted on 26. Juni 2017

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Hochschulen und ihre Wissenschaftler haben eine besondere Verantwortung, sich für eine freizügige Gesellschaft einzusetzen. Das betonte beim „March for Science“ in Berlin der Präsident der Freien Universität Berlin, Prof. Peter-André Alt. Seine Hochschule trägt – in jahrzehntelanger direkter Konfrontation mit der Unfreiheit – diesen Anspruch schon im Namen. Und er ermutigt die Wissenschaftler: Sie werden im Kampf für diese Verantwortung nicht allein gelassen.

#ScienceMarchBER

Prof. Peter-André Alt, Präsident der FU-Berlin, plädiert für die Verantwortung der Wissenschaft für eine freie Gesellschaft. Er sprach das Schlusswort beim „March for Science“ in Berlin.

Warum beteiligen sich die Berliner Hochschulen am March for Science?  Die Landesrektorenkonferenz war sich in kurzer Zeit einig: wir müssen uns engagieren, denn hier stehen Fragen auf dem Spiel, die uns direkt betreffen. Ich will zuerst das Stichwort „akademische Lehre“ nennen, das bisher kaum zur Sprache kam. Lehre an Hochschulen muss frei sein, sie muss ein größtmögliches Spektrum von Themen zulassen und den friedlichen Wettstreit von Methoden und Deutungsmustern erlauben. In Zeiten, in denen Populisten den Sinn wissenschaftlicher Autonomie und Rationalität in Frage stellen, ist es geboten, für genau diese Werte einzutreten. Wir tun das heute und hier mit den symbolischen Mitteln der Demonstration. Wir müssen es aber in Zukunft tagtäglich in unseren Institutionen tun. Die Vielfalt der Lehrinhalte, die Unabhängigkeit des akademischen Unterrichts bilden fundamentale Bestandteile einer freien Wissensgesellschaft, die wir zu schützen haben.

Im Vorfeld bin ich gefragt worden, ob wir nicht andere, viel konkretere Probleme hätten. Zum Beispiel die Verbesserung der Studienbedingungen, die Reduktion der Abbrecherzahlen, die Absicherung der befristet Beschäftigten. Es stimmt, wir sind nicht sorgenfrei. Unsere neuen Hochschulverträge listen eine Vielzahl von Aufgaben auf, denen wir uns in den nächsten fünf Jahren zu stellen haben. Übrigens auf der Basis einer guten Finanzierung, der besten, die wir in den letzten zwanzig Jahren erreicht haben. Aber heute geht es nicht um das ganz Konkrete, sondern um das Allgemeine, die Rahmenbedingungen. Und eins gehört zum anderen. Ohne die Sicherung wissenschaftlicher Freiheit, ohne das klare Bekenntnis zu autonomer Forschung und Lehre wird es uns auch nicht gelingen, die Probleme unseres Alltags zu lösen. Deshalb sind wir, die Berliner Hochschulen, heute beim March for Science dabei.

Zur Freiheit der Lehre gehört die Internationalität der Hochschulen. Gegen wachsende Intoleranz und Illiberalität verteidigen die Hochschulen die Vielfalt  als  wichtige Grundlage akademischer Weltoffenheit. Wir brauchen die Diversität in Lehre und Forschung, wir benötigen Menschen aus allen Ländern dieser Erde, mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft, religiöser Zugehörigkeit, geschlechtlicher und kultureller Identität. Hochschulen müssen Orte bleiben, an denen das Zusammenleben und Zusammenarbeiten im Zeichen größtmöglicher Heterogenität praktiziert wird. In diesem Sinne fungieren sie auch als Modelle für die Form offener Gesellschaften, die wir uns heute und in Zukunft wünschen.

Aus diesem Grund empfinden die Berliner Hochschulen eine besondere Verpflichtung, sich für gesellschaftliche Freiheit und gegen Repressionen einzusetzen. Wir wissen: freie Wissenschaft gedeiht nur in einer freien Gesellschaft. Und umgekehrt gilt: wo soziale Freiheit eingeschränkt wird, verliert auch die Wissenschaft ihre Spielräume. Es sind die Diktaturen dieser Welt, die Forschung missbrauchen, unliebsame Erkenntnisse unterdrücken und nonkonformistische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verfolgen. Viele Berliner Hochschulen engagieren sich daher für Verbünde wie „Scholars at risk“, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, deren Freiheiten eingeschränkt sind, angemessene Arbeitsbedingungen in Autonomie und Unabhängigkeit zur Verfügung stellen.

Für die Freiheit der Wissenschaft und der akademischen Lehre einzutreten bedeutet nicht, dass man es sich einfach macht. Denn Wissenschaft ist unbequem. Ihre Ergebnisse stehen nicht selten in Widerspruch zum Offensichtlichen unserer Erfahrung. Sie halten bittere Wahrheiten bereit, Zumutungen und Herausforderungen, Ambivalenzen und manchmal Paradoxien. Zu den Zumutungen der Wissenschaft gehört es auch, dass sich ihre Resultate nicht auf einfache Formeln reduzieren lassen. Wer simple Glaubenssätze sucht, der wird durch die Wissenschaft schlecht bedient. Wer Schwarzweißmalerei will, wird mit Wissenschaft nichts anfangen können. Unsere Forschung offenbart uns tagtäglich, dass die Welt vielfältiger, widersprüchlicher, reicher, aber auch spannungsvoller ist, als wir es glauben mögen. Dem muss man sich stellen. Die Hochschulen haben daher die Pflicht, diese Seite der Wissenschaft zu zeigen, unbequemes Denken zu fördern, schwierige Wahrheiten zu transportieren. Gerade in Berlin, der Stadt mit so vielen historischen Narben, ist das eine besondere Verpflichtung. Und auch deshalb sind wir heute hier.

Am Schluss – und das ist ja wirklich ein Schlusswort – möchte ich mich bei unseren Initiatorinnen und Initiatoren sowie bei den vielen ehrenamtlichen Helfern bedanken für ihren unermüdlichen Einsatz, für das erfolgreiche Crowd-Funding und die gute Vorbereitung. Ich tue das namens aller, die hier gekommen sind, um durch die Beteiligung am March for Science zu zeigen, dass auch für unsere freie Wissenschaft gilt: You never walk alone.

Bisher erschienen:

Demnächst:

Eine Antwort der Gesellschaft: Bundespräsident Steinmeier auf dem Kirchentag: Vernunft muss uns retten.

Diese und weitere Beiträge der Reihe mit den interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

 

 

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