Fake-News aus der Wissenschaft? – Plastikmüll im Menschen

Posted on 24. Oktober 2018

1


Medienrummel um Mikroplastik-Partikel im Darm: Kunststoff ist überall, warum nicht auch im Menschen. (Fotos (2): ZDF)

Blogautor Wissenschaft kommuniziertPlastik ist in! Insbesondere Mikroplastik, ganz besonders seitdem die Medien – viel zu spät – erkannt haben, wieviel Kunststoff unsere Weltmeere zumüllt. Mikroplastik ist der neue Umwelthype: Das Fernsehen wiederholt ständig die schaurigen Bildern von Wolken aus Platikmüll in den Weltmeeren, das Wort Mikroplastik wird zum Reizwort in Schlagzeilen, jeder kleinste Versuch, Plastikteile aus dem Meer zu fischen, wird ausführlich in den großen Fernsehnachrichten gewürdigt. Das ist gut so, denn das Problem ist eklatant und gravierend, eine Lösung tatsächlich nicht in Sicht.

Aus Sicht von Kommunikatoren ist es eigentlich gut, auf Themenwellen aufzuspringen. Das garantiert Aufmerksamkeit und größere Reichweite: Richtiges Timing ist auch für die Wissenschaftskommunikation so wichtig wie richtige Themenwahl. Doch in den letzten Tagen trieb das Thema Mikroplastik durch eine Studie aus Wien in einer Weise durch die Medien, die eher an Fake-News erinnert, als an seriöse wissenschaftliche Berichterstattung.

Der Gastroenterologe Dr.Philipp Schwabl präsentiert seine Pilotstudie im Fernsehen.

„Erstmals Mikroplastik im menschlichen Körper nachgewiesen“ lautete die Headline einer gemeinsamen Pressemitteilung der Medizinischen Universität Wien und des österreichischen Umweltbundesamtes. Und selbstverständlich wurde in dem Text, ohne direkte Zusammenhänge zu behaupten, Bezug genommen auf die Flut von Plastikmüll im Meer, auf den Gebrauch von Mikroplastik in Kosmetika und Zahnpasta und auf Tierversuche, die „erste Anzeichen“ einer Schädigung ergeben hätten.

Was war geschehen: Die österreichischen Wissenschaftler hatten in einer Pilotstudie bei acht Probanden aus acht Ländern, die eine Woche lang Lebensmittel aus Plastikverpackung verzehrt, Getränke aus Plastikflaschen getrunken und Fisch gegessen hatten, Mikroplastik-Teilchen im Stuhl gefunden. Das war es. Eigentlich kein erstaunliches Ergebnis, selbst wenn die Probanten sich anders ernährt hätten, denn Plastik ist überall um uns herum, sogar in Zahnpasta: Kein Wunder also wenn durch Reibung oder als winzige Bruchstücke Kunststoffteilchen in den Mund und in den Verdauungstrakt geraten. Physiologisch ganz normal, wenn sie unverdaut wieder imk Stuhl ausgeschieden werden.

Doch Tagesschau, Tagesthemen, heute und heute journal und die Zeitungen berichteten ausführlich und warfen das Thema gleich mit der Plastikverschmutzung der Weltmeere in einen Topf (das ZDF versuchte immerhin (teilweise !) ein wenig zu differenzieren).

Vier Anmerkungen zu dem neuen Medienhype

Das wirft Fragen auf: Etwa an die Studie: Eine Pilotstudie hat im Allgemeinen keinen wissenschaftlichen Aussagewert, sondern ist ein methodischer Versuch, um die Aussagekraft der beabsichtigten Vorgehensweise und der Ergebnisse vorab zu testen. Was aber ist dann das Ziel der Hauptuntersuchung? Und ist das Ergebnis einer Pilotstudie, mit einem wenig überraschenden Ergebnis, tatsächlich geeignet, auf einem großen internationalen Kongress (hier der in Wien stattfindenden europäischen UEG-Week der Gastroenterologen, also der Magen-Darm-Mediziner) präsentiert zu werden?

Pressemitteilung der Medizinischen Universität Wien: „Erstmals …nachgewiesen“

Fragen etwa auch an die Nachrichtenjournalisten: Ist das Ergebnis einer Pilotstudie tatsächlich so gravierend, das man ihm ebensoviel oder sogar mehr Raum gibt als den meisten Nobelpreis-Arbeiten? Nun aus eigener, vieljähriger Redaktionserfahrung kann ich nur sagen: Das ist verständlich. Wenn Reizworte auftauchen wie „erstmalig“, Mikroplastik“, „im Menschen“, dann reagiert jeder gut informierte Nachrichtenjournalist alarmiert, der die Berichte der letzten Monate über die Verschmutzung der Meere in Erinnerung hat, und räumt dem Thema einen größeren Raum ein. Offen bleibt allerdings die Frage, ob er die Wissenschaftsexperten in der eigenen Redaktion zu Rate zieht. Oder gibt es die gar nicht mehr?

Doch Fragen auch an die Wissenschaftsjournalisten, die eigentlich in der Lage sein sollten, eine Pilotstudie richtig einzuordnen. Als Beispiel mag hier die renommierte Süddeutsche Zeitung dienen:  Die Meldung „Mikroplastik erstmals im Menschen gefunden“ erschien sogar auf der Titelseite, mit Fortsetzung auf der Wissenschaftsseite und mit einem Kommentar des Ressortleiters Wissenschaft auf Seite 4: „Plastikmüll, das allgegenwärtige Abfallprodukt der globalisierten Konsumgüterindustrie, steckt nicht mehr nur in Weltmeeren, in Mägen von Seevögeln oder – erschreckend genug – im ewigen Eis der Arktis, sondern auch in Ausscheidungen menschlicher Probanden“, schrieb er da. Alarmierender geht es nicht, wobei viele der behaupteten Tatsachen von der Studie gar nicht gedeckt sind. Und von Plastikmüll sprachen die Forscher gar nicht.

Pressemitteilung des Mediziner-Kongresses: „first study of its kind“.

Ganz besonders kritische Fragen aber ergeben sich an die Wissenschaftskommunikatoren, die hinter den Meldungen aus Wien stecken. Ist es richtig, ein eher erwartbares Ergebnis einer kleinen Pilotstudie mit acht Probanden so hochzujazzen? Tut man damit der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und den beteiligten Wissenschaftlern einen Gefallen? Und wenn die Forscher darauf dringen, ist es nicht besser, ihnen zum Schweigen zu raten? Auch das kann gute Wissenschaftskommunikation sein.

Hochjazzen bedeutet: aufbauschen, ein Ergebnis Sensations-heischend kommunikativ zu verpacken. Das beginnt bei der Vorgehensweise mit Vorabveröffentlichung mit Sperrfrist, Pressekonferenz beim Kongress und Verfügbarkeit der Wissenschaftler für die Fernsehkameras. Und endet noch nicht einmal bei der Überschrift: Die Mediziner vom Gastroenterologen-Kongress sprechen von einer „first study of its kind“ (was immer das heißt). Daraus wird bei der Pressemitteilung von Umweltbundesamt und Meduni Wien „Erstmalig gefunden..“. Dabei bleiben – ganz natürlich für eine Pilotstudie – viele Fragen offen: Etwa woher kamen die Kunststoffpartikel – es wurden verschiedene Sorten festgestellt, aber nicht, ob sie aus Müll oder Verpackung oder anderen Quellen resultierten; oder inwieweit Umweltverschmutzung die Ursache ist, oder unsere Lebensweise mit Kunststoffverpackungen überall; oder ist die Gesundheit durch Plastikpartikel im Darm irgendwie beeinträchtigt?

Natürlich wurden solche Fragen in der Pressemitteilung von den Mediziner mit „wissen wir noch nicht“ oder „müssen wir weiter untersuchen“ beantwortet. Doch diese üblichen Alibi-Statements von Wissenschaftlern gingen gleich in der ausführlichen Darstellung von Plastikmüll in den Meeren und Mikroplastik verloren: Hier wollte jemand den Themenhype Mikroplastik nutzen, und das ist ihm gelungen.

Wissenschaftskommunikation hat Verantwortung

Aufspringen auf einen Themenhype der Medien ist auch in der Wissenschaftskommunikation gut. Gerade die Wissenschaft kann ja oft wertvolle Fakten zu den Themen liefern, die gerade die Medien und die Gesellschaft bewegen. Aber eine kleine Studie nutzen, die nicht nur wissenschaftlich wenig relevant, sondern in Wirklichkeit auch gar nichts zum Thema Plastikmüll in den Meeren aussagen kann, um Schlagzeilen zu generieren, das grenzt an Fake-News liefern und widerspricht allen Bemühungen, die Diskussionen um gesellschaftliche Probleme zu versachlichen. Das gilt auch, wenn die Fake-News eine gute Sache unterstützen, nämlich Maßnahmen gegen den Plastikmüll zu ergreifen.

Wissenschaftskommunikation hat eine Verantwortung. Es geht nicht nur um hohe Abdruckzahlen und große Einschaltquoten. Wissenschaftskommunikation gestaltet ganz wesentlich das Bild der Wissenschaft in der Gesellschaft mit. Wenn Sie aber dazu genutzt wird, Ergebnisse unberechtigt hochzujazzen oder Fake-news zu verbreiten, leistet sie diesem Ziel einen Bärendienst.