„Wie Vertrauen entsteht und vergeht“ – Treffpunkt #WisskomMUC

Posted on 2. November 2018

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Vertrauen: Kernstück der Wissenschaftskommunikation. Aber sie birgt auch Abhängigkeit und Risiko.

Blogautor Wissenschaft kommuniziertFür manchen Berufsstand geht es bei der Kommunikation ganz und gar nicht um Vertrauen. Im Gegenteil, bei einigen geht es sogar um ausgesprochenes Mißtrauen, wenn ich etwa an Zauberkünstler denke, bei denen die Zuschauer alle wissen, dass die Show aus Lug und Trug besteht. Doch je schöner sie lügen, umso erfolgreicher sind sie.

Ganz und gar nicht so in der Wissenschaft: Hier spielt Vertrauen die zentrale Rolle, sowohl intern, für die Kommunikation der Forscher untereinander, als auch extern, wenn wissenschaftliche Ergebnisse von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Und dies ist das Feld der Wissenschaftskommunikation. Vertrauen ist ein entscheidendes Schlüsselelement der Wissenschaftskommunikation. Doch was wissen wir darüber? Wie entsteht Vertrauen? Wie kann man Vertrauen aufbauen, pflegen, schützen? Und wie umgehen mit Vertrauensverlust?

Szene-Treffpunkt Wissenschaftskommunikation in München: Gemeinsam nachdenken und austauschen.

„Vertrauen“ war das große Thema des jüngsten „Treffpunkts Wissenschaftskommunikation München“ #WisskomMUC im Vorhoelzer Forum der Technischen Universität München. Als Experte sprach der Psychologe Prof. Rainer Bromme von der Universität Münster zu „Vertrauen – Voraussetzung und Ergebnis erfolgreicher Wissenschaftskommunikation“. Rainer Bromme ist ein Wissenschaftler, der sich in beiden Bereichen auskennt, in der Wissenschaftskommunikation, schließlich er war Sprecher des DFG-Schwerpunktprogramms „Wissenschaft und Öffentlichkeit“, und bei Vertrauen, denn er forscht in den letzten Jahren vor allem zu diesem Thema. „Vertrauen in Menschen, die Wissenschaft betreiben“, so beschrieb Gastgeber Ulrich Marsch, Chef der Corporate Communications der Hochschule, den Kernpunkt des Themas,“ist eine Grundvoraussetzung, wie wir in unserer Gesellschaft zu Entscheidungen kommen und handeln.“

Experte für Vertrauen: Der Psychologe Prof. Rainer Bromme aus Münster forscht zu Wissenschaftskommunikation und Vertrauen.

Um eines gleich vorwegzunehmen: Prof. Bromme schränkte sein Thema ein auf das „informierte Vertrauen“ und blendete dabei all die Fragen von Emotionen, Befindlichkeiten und Äußerlichkeiten aus, die eine große Rolle spielen, wenn Menschen einander vertrauen. Wissenschaft, so konstatierte er, finde zwar allgemein große Akzeptanz in der Bevölkerung, aber sie habe ein „latentes Vertrauensproblem“, denn sie verändere sich so rasch, dass Außenstehende kaum mehr mitkommen, ihre Ergebnisse sind ständig mit Unsicherheiten belastet und zu vielen Fragen gebe es unterschiedliche wissenschaftliche Meinungen. Und deswegen stößt die Wissenschaft, wenn es um einzelne Themen geht, keineswegs immer auf offene Ohren mit ihren Ergebnissen.

So sind die Bürger immer vor das Problem gestellt, zu entscheiden, wem sie vertrauen können. Das, so räumte Bromme mit einem weitverbreiteten Irrtum auf, sei keine Frage der besseren Argumente für eine Sache, sondern eine Frage des „Wer ist der Absender“. Zwei Strategien werden dabei von den Bürgern genutzt: Zum einen arbeiten sie sich in die Fakten und Gegebenheiten eines Problems so tief ein, um eine informierte Entscheidung zu fällen, zum anderen entscheiden sie nach der Vertrauenswürdigkeit des Absenders – und oft genug wechseln sie zwischen den beiden Wegen hin und her. Da aber viele wissenschaftliche Fragestellungen viel zu komplex und umfangreich sind, als dass sich einzelne Bürger in alle bis zu einer informierten Entscheidung einarbeiten können, empfahl der Psychologe Bromme den versammelten Wissenschaftskommunikatoren, eine „Strategie der Vertrauensbildung“ zu entwickeln

Ausgangspunkt einer solchen Strategie sind drei Werte-Dimensionen, die für Bürger nach den Forschungen von Prof. Bromme ausschlaggebend sind, wenn sie über Vertrauenswürdigkeit entscheiden:

  1. Die Expertise: Sind die beteiligten Forscher fähig und haben sie die Erfahrung, um diese Erkenntnisse zu gewinnen bzw. die Probleme zu lösen?
  2. Die Integrität: Halten sich die Forscher an die gültigen wissenschaftlichen Regeln?
  3. Das Wohlwollen: Haben die Forscher bei ihrer Arbeit den Nutzen für andere im Blick, also für die Gesellschaft, und nicht den eigenen?

Mit diesen Dimensionen kommen eine ganze Reihe von Hintergründen und Eigenschaften ins Spiel, die geschickte Wissenschaftskommunikation immer wieder ansprechen sollte, am besten indirekt.Jeder kennt das Phänomen, dass gerade Zweifel entstehen, wenn jemand etwa zu betont von sich behauptet „ich bin ehrlich“. Zu diesen Hintergründen gehören nach dem Modell Brommes Dinge wie Ausbildung, Erfahrung, Intelligenz, aber auch Eigenschaften wie aufrichtig, fair, ethisch, verantwortungsbewußt oder rücksichtsvoll. Die Folien des Psychologen aus Münster lesen sich zum Teil wie eine Checkliste für Geschichten/Nachrichten aus der Wissenschaft.

Mit seinem Modell der drei Dimensionen der Vertrauenswürdigkeit räumte Prof. Bromme auch mit dem sogenannten „Defizit-Modell“ der Wissenschaftskommunikation auf. Dies besagt, die Bürger müssten nur möglichst viel von Wissenschaft wissen und verstehen, dann würden sie die richtigen Entscheidungen treffen. Dazu aber ist moderne Wissenschaft zu komplex. Bromme machte aber auch deutlich, dass Vertrauen immer mit Abhängigkeit verbunden ist. „Der Vertrauensgeber (Bürger) vertraut dem Vertrauensnehmer (Wissenschaftler), dass er die Fähigkeit und die Bereitschaft hat, das zu tun, was er vorgibt zu tun.“

Vertrauensvolle Zuhörer: Wissenschaft hat es besonders schwer Vertrauen zu wecken, zu komplex, zu viele Diskussionen, zu vorläufig sind ihre Ergebnisse.

Daher aber ist Vertrauen immer auch mit Risiko verbunden. „No risk no trust.“ Wenn man Vertrauen entwickle sei es sinnvoll, auch die Frage zu stellen, wo die Risiken, Widersprüche und Konflikte in der wissenschaftlichen Diskussion liegen. „Es ist die Natur von Wissenschaft selber, und das macht die Schwierigkeit der Wissenschaftskommunikation aus“, das alle Ergebnisse in Frage gestellt werden. Umso wichtiger sei es, Vorläufigkeit, Unsicherheit und Belastbarkeit von wissenschaftlichen Ergebnissen mit zu kommunizieren. Ganz abgesehen davon gebe es zu jedem Thema gibt es unterschiedliche Deutungen, die nicht aus der Wissenschaft kommen, sondern die politisch, ökonomisch, religiös oder kulturell motiviert sein können.

„Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ im Vorhoelzer-Forum der TU München.

Eine persönliche Anmerkung: Vertrauen ist entscheidend, und die Wissenschaftskommunikation hat aus der Sache heraus besonders große Schwierigkeiten, es aufzubauen. Prof. Bromme ist Wissenschaftler, und vielleicht ist er deshalb in seiner Verpflichtung zur sachlichen, rationalen Abwägung nicht auf eine weitere Dimension des Vertrauens eingegangen, die ich für ebenso wichtig halte, wie die nüchterne Beschreibung der Dimensionen: die Emotionen. Mit denen haben Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren noch viel größere Probleme als mit der sachlichen Abwägung, wem darf ich vertrauen. Da kann ein schlecht gewählter Name oder eine flapsige Formulierung schon der Anlass sein, keine emotionale Grundlage für Vertrauen entstehen zu lassen, oder eine Äußerlichkeit. Mit den Emotionen der Bürger umzugehen, aber auch der Wissenschaftler selbst, ist eine ebenso große Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation. Und da hätte ich mir gerade von den Psychologen, die ja die Zustände der Seele erkunden, Hilfestellung erwartet.

Der „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“ #WisskomMUC ist eine Initiative dieses Blogs „Wissenschaft kommuniziert“. Er soll Aktive in der Wissenschaftskommunikation zusammenführen zum Erfahrungsaustausch, zum Vernetzen, zum Diskutieren über das eigene Tun, aber auch Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten mit einbeziehen. Der „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ wandert jedes Mal zu einer anderen der Münchner Wissenschaftsinstitutionen –

Ein „Treffpunkt“ mit Perspektive: Blick vom Vorhoelzer Forum auf München.

Gelegenheit, andere Umgebungen kennenzulernen, andererseits das eigene Haus den Kollegen zu präsentieren. Großzügiger Gastgeber dieses „Treffpunkts“ war die Technische Universität München (TUM), die ins Vorhoelzer Forum auf dem Dach der Hochschule einlud, mit grandiosem Ausblick auf die Münchner Skyline, und im Anschluss zum Get Together einen kleinen Imbiss servierte. Die Moderation des Abends hatte der Kommunikationschef der TUM, Dr. Ulrich Marsch, übernommen.

Der nächste „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“ #WisskomMUC findet am 28. November 2018 statt. Gastgeber ist dann die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Es spricht der WiD-Geschäftsführer Markus Weißkopf zu dem im April ausgefallenen Thema „Was halten die Bürger von der Wissenschaft? – Aktuelle Ergebnisse und neue Auswertungen des Wissenschaftsbarometers“. Alle Leser dieses Blogs sind herzlich eingeladen.