Die Zeitenwende der Wissenschaftskommunikation – Ein Pionier zieht Bilanz

Posted on 8. November 2018

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Es tut gut, immer wieder einmal innezuhalten und Bilanz zu ziehen.
Für Dr. Josef König, langjähriger Pressesprecher
der Ruhr-Universität Bochum und Mitgründer des
Informationsdienstes Wissenschaft (idw) ist mit seinem
Ausscheiden aus aktiven Ämtern die Zeit gekommen: Er zieht
Bilanz, wie weit Wissenschaftskommunikation in den letzten 30 Jahren
gekommen ist – und was sie noch nicht geschafft hat.

Ein Pionier der Wissenschaftskommunikation: Dr. Josef König.

Wissenschaft kommuniziert: Herr Dr. König, nach fast 30 Jahren in der aktiven Wissenschaftskommunikation ist es sicher einmal Zeit, Bilanz zu ziehen. Was hat sich in den letzten 30 Jahren in der Wissenschaftskommunikation verändert?

König: In dieser Zeit hat sich Erhebliches verändert. Am auffälligsten ist wahrscheinlich die Beschleunigung, die durch die elektronischen Medien, und ganz besonders das Internet, gekommen ist. Als ich 1989 anfing, gab es ja kein Internet, das von der Allgemeinheit genutzt wurde. Es gab zwar wissenschaftsintern schon einige Netze, aber nicht für den Normalbürger. Das kam erst 1992 mit der Erfindung des World Wide Web am CERN.

Die heutige Geschwindigkeit konnte man sich damals gar nicht vorstellen. Damals hat man drei Tage gebraucht, um eine Nachricht in die Redaktion einer Zeitung zu bekommen. Man schrieb eine Presseinformation, die wurde eingetütet, wurde per Post an die Journalisten geschickt und dann hoffte man am dritten Tag, dass unter Umständen etwas in den Zeitungen ist. Heute schreiben wir etwas, drücken auf den Button und schon ist die Information weltweit unterwegs – und eventuell hat man innerhalb weniger Sekunden schon die ersten Retweets oder die ersten Nutzungen.

Das Zweite ist: Durch die neuen Kanäle, die durch das Internet in den letzten zehn Jahren entstanden sind, hat sich das Verhältnis von Sender und Empfänger deutlich verändert. Früher war es üblich, dass man Journalisten ansprach und ihnen die Mitteilungen schickte, und man vertraute darauf, dass die dann kritisch damit umgehen, entweder nachfragen oder die Information entsprechend in die Medien bringen. Heute verlieren wir immer mehr Wissenschaftsjournalisten, aber wir haben immer mehr direktes Publikum gewonnen, dadurch dass wir die Kanäle als Wissenschaftskommunikatoren selbst bespielen. Wir suchen uns unsere eigenen Publika, einfach weil die Presse, die Journalisten, unter immer schwierigeren Bedingungen arbeiten, nicht die Verstärkung bekommen haben wie wir in der Wissenschaftskommunikation.

Damit habe ich schon den dritten Punkt angesprochen, nämlich die enorme Verstärkung und Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation. Als ich anfing, waren ein Großteil der Kollegen und Kolleginnen Einmann- oder Einfrau-Betriebe, meistens Einmann-Betriebe. Mittlerweile sind „Presse und Kommunikation“ in manchen großen Universitäten als Abteilungen mit 30 oder 40 Mitarbeitern besetzt. Natürlich sind auch ihre Aufgaben deutlich ausgeweitet worden. Insbesondere seit dem Beginn der Exzellenzinitiative, seit etwa 2007, ist eine Verstärkung und Professionalisierung zu sehen, die enorm ist. Heutzutage ist es nicht mehr ganz so schwierig wie früher, für Wissenschaftskommunikation Personal und Geld zu bekommen, weil in Rektoraten und an den Spitzen der Einrichtungen entdeckt worden ist, dass man Kommunikation betreiben muss. Das war vor 30 Jahren anders. Wir waren entweder nicht beachtet worden oder viele der Kollegen wurden auch zwischen Kanzler und Rektor der Universitäten aufgerieben.

Wissenschaft kommuniziert: Wer hat die Pressesprecher nicht beachtet?

König: Wir hatten das Empfinden, dass das, was wir als Pressesprecher tun, wenig Beachtung in der Universität und bei den Spitzen der Hochschule fand. Teils war es Rektoren und Kanzlern auch egal, was der Pressesprecher macht, solange es keinen Ärger gab. Ich habe bestimmt über 20 Jahre meines Berufslebens keine Anweisung von einem Rektor oder Kanzler bekommen, was ich tun oder lassen sollte.

Wissenschaft kommuniziert: Ist das nicht auch ein Zeichen, dass sich in den 30 Jahren in der Wissenschaft etwas in Richtung Kommunikation verändert hat?

König: Natürlich. Es gibt ja in Deutschland immer noch die Diskussion, inwieweit Wissenschaftskommunikation den Wissenschaftlern nutzt oder nicht. Wir alle kennen die Debatten darüber, auch manche Professoren äußern da erhebliche Zweifel, etwa der Mannheimer Medienwissenschaftler Matthias Kohring, die sagen, Wissenschaftskommunikation schadet sogar der Reputation der Wissenschaft in der Gesellschaft.

Aber mittlerweile ist die Situation so, dass eine große Zahl von Wissenschaftlern, vor allem die jüngeren, zumindest ein Bewußtsein dafür haben, dass sie sich nach Außen darstellen müssen und dass es ihnen, wenn schon nicht in der universitären, dann doch in der späteren Karriere nutzen wird. Es werden heute ja auch Angebote in den Hochschulen gemacht, zumindest in den größeren Universitäten, wie man seine Fotrschungsarbeiten nach Außen darstellen kann.

Gigant auf der grünen Wiese: Die 1962 gegründete Ruhr-Universität schleppte weniger Traditionen mit und öffnete neue Wege.

Insofern hat sich das Bewußtsein deutlich geändert. Früher mußte man als Pressesprecher vielleicht nicht kämpfen, aber die Professoren waren nicht gewohnt, dass man Interesse zeigt für das, was sie machten. Und sie legten auch keinen großen Wert darauf. Sie wollten hauptsächlich in der Wissenschaftscommunity reüssieren. Und wenn doch, dann hieß es „Hauptsache Sie bringen mich in ‚Natur und Technik‘ der Frankfurter Allgemeinen“. Da wollten alle rein. Das war das Einzige, was sie befriedigte, alles andere war damals noch nicht en vogue.

Wissenschaft kommuniziert: Und wie ist das heute?

König: Ich meine, durch die enorme Ausweitung der Medien kann man sich ja kaum noch retten vor Nachweisen, dass die eigenen Sachen gelesen – oder besser – verbreitet werden, zumindest in den elektronischen Medien. Was die Zeitungen angeht, steckt ja der Wissenschaftsjournalismus in einer Krise. Dadurch dass die Zahl der Wissenschaftskommunikatoren deutlich ausgeweitet wurde, die Zahl der Wissenschaftsjournalisten in den Redaktionen dagegen mittlerweile zurückgeht, ist die Konkurrenz, dort eine Meldung unterzubringen, erheblich größer geworden. Deshalb suchen sich und bespielen die Kommunikatoren zunehmend ihre eigenen Kanäle. Es wird ja heute viel mehr über Social Media gemacht als über die Presse.

Wissenschaft kommuniziert: Sehen Sie das als einen Nachteil oder einen Vorteil?

König: Ich würde sagen, das ist vor allem eine Veränderung. Vergleichbar etwa als Gutenberg die beweglichen Lettern erfand und damit dem Buchdruck zur großen Verbreitung verhalf; da waren es nicht mehr allein die Klöster, die Bücher durch handschriftliches Kopieren vervielfältigten. Es ist eine Veränderung der medialen Welt, wobei wir im Moment noch gar nicht so genau wissen, was die Folgen sein werden. Smartphone und mobile Kommunikation sind gerade einmal zehn Jahre alt. Wohin sich das entwickeln wird, wie die jungen Leute heute, die ja nur noch mobil unterwegs sind, in Zukunft kommunizieren werden, das wird sich erst in einigen Jahren zeigen.

Wissenschaft kommuniziert: Eines Ihrer „Kinder“, das eng mit dem Medienwandel verbunden ist, war der Informationsdienst Wissenschaft (idw), der entstand, um Pressemitteilungen per Internet zu verbreiten. Welche Zukunft sehen Sie für dieses Projekt?

König: Der idw war sicher eines der Highlights meines Berufslebens. Er wird jetzt bald 25 Jahre alt, ein Vierteljahrhundert. Ihn zu gründen war zum einen ein Aspekt des Medienwandels zur elektronischen Kommunikation. Wir waren die ersten, die das machten. Andererseits spielt der idw seine Rolle voll aus, wenn es darum geht, die Nachfrage der Journalisten nach Experten und das Angebot der Wissenschaft an fachgerechten Informationen in Einklang zu bringen. Da hat der sicher viel Gutes geleistet und leistet das noch.

Online-Nachrichten aus der Wissenschaft: Moderne Website des Informationsdienstes Wissenschaft idw.

Er ist ja nicht nur unter Journalisten beliebt, sondern gerade auch unter Wissenschaftlern und Menschen, die direkt mit Wissenschaft zu tun haben. Er ist als Primärquelle ein gutes Instrument, dort wo es darum geht zu erfahren, was gerade meine Kollegen machen. Deshalb wird er auch intensiv in den Wissenschaftsorganisationen genutzt. Natürlich ist der idw nach so langer Zeit etwas in die Jahre gekommen, doch die Arbeiten laufen, um ihn ständig besser an die Entwicklungen anzupassen, etwa mit einer Magazinansicht oder drei Apps, die demnächst verfügbar sind. Ich bin auch zuversichtlich, dass meine Nachfolgerin das mit der richtigen Einstellung angeht und fortführen wird.

Wissenschaft kommuniziert: Hat sich denn auf der anderen Seite der Wissenschaftskommunikation, nämlich der Gesellschaft, in den letzten Jahren Bemerkenswertes verändert?

König: Das Interesse ist breiter geworden, das kann man sagen. Sowohl das Interesse dafür, was passiert, ist in der Öffentlichkeit vorhanden, auch beispielsweise für Vorträge. Das sehe ich, wenn ich abends zu Vorträgen in die Stadt gehe, die meist sehr gut besucht sind. Das war früher mühsamer, eine Vortragsreihe in der Stadt mit Publikum zu füllen. Da musste man hier in Bochum schon einen langen Atem zeigen. Da ist ein größeres Interesse, auch der jungen Leute. Auf der anderen Seite ist das Angebot auch ausgeweitet worden.

Das größere Interesse hängt vielleicht auch mit der zunehmenden Akademisierung der Gesellschaft zusammen. Als ich Anfang der siebziger Jahre studierte, studierten gerade einmal 7 oder 8 Prozent eines Jahrgangs. Heute sind es ja bald 50 Prozent, es gibt kaum noch Berufe, in denen man ohne abgeschlossenes Studium Karriere machen kann. Wenn ich mir anschaue, wie sich das weiter entwickelt, mit Künstlicher Intelligenz und selbstlernenden Robotern, dann wird es sich ausweiten, dass akademisches Wissen und spezielle Fähigkeiten für einen erfolgreichen Berufsweg notwendig sind.

Wissenschaft kommuniziert:  Ich denke auch an Dinge wie „Alternative Fakten“ oder „Fake News“, also an eine geänderte Glaubwürdigkeit der Wissenschaftler.

König: Das sehe ich weniger als langfristiges Problem. Ich denke, das Denken mit Alternativen Fakten ist im Moment eher eine Mode. Donald Trump hat zwar den Begriff geprägt, aber diese alternativen Fakten gab es schon immer. Das alternative Faktum, das am längsten die Geschichte geprägt hat, ist wohl die Konstantinische Schenkung – weit über 900 Jahre wurde geglaubt, sie sei echt, bis sich dann das Dokument als Fälschung erwies, als ein um 800 gefertigtes und auf 315 zurückdatiertes Dokument, eine Lüge des Papsttums, um seine Macht zu sichern. Politische Lügen gibt es immer wieder. Das neue an den „Fake News“ heute ist die leichte Möglichkeit ihrer Verbreitung durchs Netz. Aber die Zahl der Faktenprüfer nimmt ja glücklicherweise deutlich zu. Auf der anderen Seite glaube ich nicht – das zeigt ja auch das „Wissenschaftsbarometer“ – dass das  Vertrauen in Wissenschaft tatsächlich sinkt. Es gibt natürlich eine normale Skepsis in vielen Fällen, dann hört man auch immer wieder von Fälschungen in der Wissenschaft, von Beiträgen in wissenschaftlichen Zeitschriften, die zurückgezogen werden müssen.

Wenn man diese wenigen Fälle mit den tausenden von Beiträgen vergleicht, die wöchentlich erscheinen und ohne jeden Zweifel korrekt sind, dann sind die Fälschungen im unteren Promillebereich. Ich denke, von den Fakten her sind „Alternative Fakten“ kein Problem, sondern eher medial aufgebauscht. Da fehlt uns eine gewisse Gelassenheit. Und genau das ist es, was sich durch die ungeheure Ausweitung der Kommunikationskanäle geändert hat.

Wir leben heute in einer ungeheuren Aufgeregtheit. Das betrifft auch die Wissenschaft selbst, wenn ich etwa an Impfen denke oder an Chemtrails oder Ähnliches. Es hat schon immer sogenannte „Spinner“ gegeben, wie man sie früher bezeichnet hat, aber heutzutage haben die durch die Nutzung der Medien größeren Zulauf und eine breitere Wahrnehmung. Letztlich aber gibt es ein großes Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft.

Wissenschaft kommuniziert:  Wenn Sie jetzt nach 30 Jahren Bilanz ziehen – was würden Sie Ihren Nachfolgern gern mitgeben?

König: Zunächst einmal würde ich Ihnen zu einer gewissen Gelassenheit raten: Wissenschaftskommunikation ist wichtig, unbestritten, aber sie ist nicht alles. Es gibt zweifellos wichtigeres, die Wissenschaft selbst. Die Wissenschaftskommunikation kann auch nicht zum Reparaturbetrieb der Wissenschaft werden. Zunächst einmal muss die Wissenschaft dort, wo betrogen wird, wo unsauber gearbeitet wird und Zeitschriften ihre Beiträge zurückziehen müssen – sie muss diese Fälle in den Griff bekommen und sich entsprechend verhalten. Das ist auf dem Weg, die Zahl der Ombudspersonen für wissenschaftliches Fehlverhalten ist in den letzten Jahren deutlich ausgeweitet worden.

Wissenschaftskommunikation ist eine Mischung von Information und PR für die Wissenschaft. Da konkurriert die Wissenschaft mit allen anderen gesellschaftlichen Institutionen, die Kommunikation betreiben. Wir leben heute in einem Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie und wir kämpfen in der Informationsflut um das immer geringer werdende Aufmerksamkeitspotenzial der Menschen. In diesem Kampf braucht man einen langen Atem. Das haben wir beispielsweise mit dem Erfolg des Informationsdienstes Wissenschaft (idw) gezeigt, den wir aufgebaut haben. Aber man braucht auch eine Portion Intensität und Gelassenheit.

Wissenschaft kommuniziert: Was machen Sie denn, wenn Sie jetzt keine Wissenschaftskommunikation mehr machen?

König: Zunächst einmal ist ja nicht gesagt, dass ich nicht weiter Wissenschaftskommunikation betreiben werde. Ich habe zwar gerade die Geschäftsführung des Informationsdienst Wissenschaft, dem ich 24 Jahre treu war, abgegeben, aber ich bin jetzt frei in vielen anderen Sachen. Es kann sein, dass ich einzelne kleine Aufträge und Beratungen übernehme. Ich habe auch noch ein oder zwei Buchprojekte. Es gibt also noch Einiges zu tun. Ich stelle mir auch durchaus vor, dass ich wieder studieren gehe, zurück in die Philosophie. Im Moment beschäftigt mich die Theorie des Geistes, ebenso Fragen der Identität. Und wenn das Wetter schön ist, setze ich mich gern auch für ein paar Tage auf das Fahrrad und fahre entlang der Flüsse. Ich fühle mich auf jeden Fall noch viel zu jung, um mich in den Park zu setzen, Tauben zu vergiften und auf den Tod zu warten. (und lacht…)