Zumutungen. Wissenschaftskommunikation und ihre Widersprüche

Posted on 11. November 2018

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Die Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Prof. Julika Griem, ist unzufrieden mit der Entwicklung der Wissenschaftskommunikation. Sie will statt Emotionen, Stories und Events lieber eine „zärtliche Überforderung“ des Publikums. Bei der Eröffnung des „Forums Wissenschaftskommkunikation“ in Bonn las sie den versammelten Profis die Leviten. Dazu auch der Kommentar: „Im Schatten des Elfenbeinturms„.

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Prof. Dr. Julika Griem, Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.. (Foto: Uni Frankfurt/R. Menn)

Ich möchte die Gelegenheit dieser Veranstaltung nutzen, um etwas anders über Wissenschaftskommunikation nachzudenken und hoffentlich damit auch einige Impulse für Ihre und unsere Praxis zu formulieren. Mein Ausgangspunkt ist die These, dass die gegenwärtige Wissenschaftskommunikation in einigen ihrer dominanten Tendenzen zu einseitig ausgerichtet ist und dass damit problematische Vereinfachungen riskiert und Chancen vergeben werden. Ich werde diese Einseitigkeit zunächst illustrieren und dann versuchen, eine andere Richtung zu skizzieren.

Der Stellenwert massenmedialer Verarbeitung von Wissenschaft ist enorm; wir leben in einer Wissenschaftsgesellschaft. Im Fernsehen ist das gut zu besichtigen: Hier gerieren sich einerseits Zahnpastawerbung, der Wetterbericht und auch schon mal Fußballtrainer als forschungsnah, während andererseits immer neue Formate der Unterhaltung durch Wissenschaft kreiert werden. Bereits seit Bernhard Grzimeks Zeiten gibt es den Fernsehprofessor – dessen symbolisches Kapital sich allerdings vermutlich verkleinert hat. Das Betuliche dieser frühen Fernsehformate ist Inszenierungsstrategien gewichen, die auf größere Dosen von Dramatisierbarkeit setzen: In den berühmten und vielfach nachgeahmten Naturdokumentationen der BBC folgen wir mutigen Forscherinnen und Forschern auf ihren von einem raunenden Erzählduktus und schwellenden Orchesterklängen unterlegten Reisen an die „last frontiers“ der Biodiversität und ihre tragischen Konfliktlagen. In der burlesken Variante massenmedialer Wissenschaftsvermittlung wird gern auf komische Brot- und Spiele-Formen zurückgegriffen, denn man könnte ja zum Beispiel überlegen, ob eine Sendung wie „Frag den Lesch“ sich nicht in eine aufschlussreiche Nähe zu „Schlag den Raab“ begibt. Neben diesen televisuellen Formaten, die sich durchaus auf klassisches Gattungswissen über Tragödien und Komödien beziehen lassen, sind die Landarzt- und Krankenhausserien zumindest in Deutschland immer noch erfolgreich – gerade ist zum Beispiel der in Leipzig angesiedelten Serie „In aller Freundschaft“ bescheinigt worden, dass sie medizinisches Fachwissen unterhaltsam vermittelt.

Auch jenseits von Fernsehformaten haben sich Formen der Wissenschaftsvermittlung etabliert, die zunehmend auch die Wissenschaftskommunikation prägen. Herausgreifen möchte ich hier zwei Trends, die mir besonders dominant erscheinen: Allseits gefragt erscheinen die Narrativisierung und die Eventisierung insbesondere von Forschung. Vom Imperativ der Erzählbarkeit ist nicht allein die Wissenschaftskommunikation erfasst – in der Wirtschaft schickt man ganze Abteilungen zum „Corporate Storytelling“, und die CDU sucht immer noch nach ihrem Großstadt-Narrativ. Gerade in unserem Zusammenhang frage ich mich allerdings, warum eigentlich alle gegenwärtig auf erzählerische Vermittlung setzen. Ist ein Modus, mit dem Ereignisse nicht nur chronologisch, sondern auch kausal so angeordnet werden, dass eine Ordnung aus Anfang, Mitte und Ende und ein Fluchtpunkt der Auflösbarkeit und Schließung entsteht, wirklich der einzig geeignete zur Vermittlung wissenschaftlicher Komplexität? Braucht es zudem Protagonisten, mit denen sich das Publikum identifiziert, mit denen gefiebert und gelitten werden kann, um etwas über Wissenschaft zu sagen? Sollte man nicht eher auf Formen des Beschreibens, Erklärens und Argumentierens setzen? Ich bin jedenfalls überzeugt davon – und das sage ich als Erzählforscherin –, dass wir mit dem gegenwärtig zu beobachtenden Boom des Storytelling unsere Möglichkeiten signifikant einschränken.

Für ebenfalls zu einseitig halte ich den zweiten zu beobachtenden Trend der Eventisierung, den man auch als Festivalisierung oder, mit F.W. Graf „Verbühnung“ bezeichnen kann. Natürlich hat Wissenschaft immer auch eine performative Seite, und die gilt es unbedingt besser zu verstehen und zu nutzen. Das muss aber nicht zu einer Kultur des Spektakels führen, in der die Wissenschaftskommunikation vor allem auf Kinder-Unis, Chemie-Olympiaden und Mathe-Wettkämpfe setzt. Bei vielen dieser Aktivitäten geht es um die Produktion von Ereignissen, die kurzweilig und unmittelbar bannend, viele Sinne direkt ansprechend, emotionalisierend und auf keinen Fall argumentativ sperrig oder gar überfordernd sein sollen. Es scheint eine Formel zu gelten, die auch in anderen Vermittlungszusammenhängen häufig zu hören ist: Das Publikum soll „abgeholt werden“ – geradeso, als ginge es in der Wissenschaftskommunikation vor allem darum, den Flixbus zum nächsten Science Slam zu besteigen.

Bilder von Dynamik und Progression bestimmen schon sehr lange die Vermittlung von Wissenschaft. Dies zeigt sich besonders deutlich in einem ganzen Cluster von rhetorischen Figuren, die alle an die Zeit der ersten großen Welterkundungen anknüpfen. Gut erkennen lässt sich das, wenn Sie einfach mal die Formel „Wissenschaft als Abenteuer“ googeln. Dieser Formel bedienen sich zum Beispiel der Technologiepark Adlershof, ein neues deutsch-polnisches Vermittlungsprogramm, das 7. Nano-Camp des Senders 3sat, die Organisatoren einer Klassenreise ins Wattenmeer und sehr viele andere. Wissenschaft als Abenteuer zu modellieren, hat sich historisch bewährt: Metaphern wie „die große Fahrt“ und die „Entdeckungsreise“ gehören spätestens seit der Renaissance zum Repertoire der Konkretion und Legitimation von Wissenschaft. In Francis Bacons Schlüsseltext „Novum Organon“ heißt es: „Nachdem ich so an den alten Küsten vorgefahren bin, werde ich den menschlichen Geist zur Fahrt ins offene Meer vorbereiten.“ In dieser historisch gewachsenen Semantik der Versinnbildlichung von Wissenschaft geht es also um eine ganz bestimmte Form der zielgerichteten Bewegung: Die von Neugier getriebene „queste“ dringt in unbekanntes Terrain vor, überschreitet Grenzen und Hindernisse und wird idealerweise mit Entdeckungen in Form von Durchbruchserlebnissen belohnt.

Das Bildfeld des Abenteuers ist auch noch bei Max Weber zu finden. Bei ihm ist mit Blick auf die Wissenschaft allerdings von „wildem Hazard“ und sogar von Rausch die Rede: von einer Mischung aus verschiedenen Kontingenzvorstellungen; aus glücklichem Zufall und gefährlichem Risiko. Webers berühmte Rede erklärt die Faszination der Wissenschaft als intensives Erlebnis eines offenen Unterfangens, das Erkenntnisse gerade nicht immer planbar und Fortschritte oft unvorhersehbar macht. Erkenntnisgewinn und Scheitern scheinen sich somit gegenseitig zu bedingen; wer nichts wagt, gewinnt auch nicht. Resonanzen dieser spezifischen Abenteuersemantik sind auch in aktuellen wissenschaftspolitischen Programmtexten zu finden. Hier wird mehr Risikofreude in Form von Gründergeist gefordert; und aus der durch amerikanische Managementhandbücher popularisierten Disruption wird in Deutschland die sozialverträglichere „Sprung-Innovation“, die weniger nach Störung und mehr nach wissenschaftlichem Betriebssport klingt.

Dass Max Webers Überlegungen zu Wissenschaft als Beruf sich 1917 auf dem semantischen Feld bewegten, auf dem Wissenschaft als Abenteuer kultiviert wurde, ist auch zum 100-jährigen Jubiläum dieses Schlüsseltextes wieder in den Blick geraten. So war ein vor einigen Monaten erschienener Beitrag von Christoph Möllers für die ZEIT wie folgt überschrieben: „Vor 100 Jahren hielt Max Weber seine berühmte Rede. Für ihn waren Wissenschaftler Helden. Heute wollen sie vor allem Chef werden. Versponnene Gelehrte und zerstreute Käuze gibt es immer weniger. Muss der Heroismus wiederauferstehen?“ Möllers beantwortet diese Frage positiv; und nicht nur bei ihm ist ein grassierendes Bedürfnis nach der Wiederherstellung wissenschaftlichen Charismas durch Heroisierung festzustellen. Dieses Phänomen steht möglicherweise in einem direkten Zusammenhang mit der gegenwärtig zu beobachtenden Verachtung und Anfeindung von Wissenschaft: Wo deren Prinzipien intrinsischer Motivation und meritokratischer Legitimation auf der einen Seite heftig kritisiert werden (nicht immer grundlos), steigt auf der anderen Seite die Bereitschaft, von Abenteuern erzählen zu dürfen und in diesen Erzählungen als Held aufzutreten.

Der Topos von Wissenschaft als Abenteuer blendet aber zentrale Aspekte aus beziehungsweise rekonfiguriert sie im Namen einer heroisierenden Sinnstiftung. Helden können nur wenige sein; als Abenteuer ist Wissenschaft – obwohl dies in der gegenwärtigen Wissenschaftskommunikation gern anders dargestellt wird – ein Privileg weniger und damit schwer demokratisierbar. Um es weiter zuzuspitzen: Das Glück der Jagd war schon immer das Glück derjenigen, die daran teilhaben durften. Geistesabenteuer haben sich traditionellerweise gegen größere soziale Zusammenhänge formiert; sie mobilisieren nicht selten und auch gegenwärtig wieder Fantasmen von Verwässerung und Vermassung. Oder noch einmal in anderen Worten: Abenteuer sind nicht inklusiv.

Verdrängt wird mit der Rede von Wissenschaft als Abenteuer auch häufig die alltägliche Dimension des Forschens; ihre schwer inszenierbare Wirklichkeit als Normalwissenschaft und Zusammenhang unverzichtbarer Routinen. Im Abenteuer singularisiert sich das herausragende Individuum oder seine Gruppe und definiert sich über Ereignisse, die vom Alltäglichen und Gewohnten abweichen – genau deswegen hören wir ja so gern Abenteuergeschichten. Forschung funktioniert aber in vielen Fällen gerade nicht als individuell zuschreibbare und die Mühen des alltäglichen Weitermachens überstrahlende Einzelleistung. Sie ist vielmehr in sehr komplizierte Prozesse der Planung, Vorbereitung und Koordinierung eingebunden und hängt maßgeblich von diesen ab. In diesen Prozessen spielen nicht nur Menschen und ihre minutiöse Abstimmung, sondern auch administrative Prozesse und technische Infrastrukturen ihre Rolle; und Akten, Daten und Apparate sind deutlich schwerer zu heroisieren als Individuen. Es geht also auch – und gerade in großen Verbundprojekten – um logistische und operative Finesse und um die Berücksichtigung von Details in immer kleinteiligeren und arbeitsteiligeren organisatorischen Komplexen. Und es geht vor allem um die Sorgfalt, die gerade auch für unspektakuläre Phänomene aufgebracht werden muss, um wissenschaftliches Wissen methodisch nachvollziehbar legitimieren zu können.

Die spielentscheidende Mikrodimension von Wissenschaft hat ihre eigene Zeit – eine Zeit, die im Abenteuermodus oft ausgeblendet wird, weil wenig zu geschehen scheint. Tatsächlich geht es hier darum, warten zu können und Wartezeit ökonomisch zu nutzen. Wir müssen also noch genauer differenzieren: Erzählt man Wissenschaft als abenteuerliche Jagd nach dem nächsten großen Ding, wird Wartezeit in Spannung übersetzt. Beschreibt man Wissenschaft als in vieler Hinsicht unspektakuläre Suche, geht es eher um Beharrungskraft, Geduld und die Fähigkeit, Langeweile produktiv machen zu können. Zudem bringen die Modelle der Jagd und der Suche unterschiedliche Muster der Verknüpfung von Ereignissen und Einzelhandlungen mit sich: Die Suche ist ergebnisoffen und auf Scheitern vorbereitet, die Jagd treibt blinder Eifer und starre Fixierung auf ein Ziel, das als Erfolg definiert wird.

Wichtig ist mir schließlich noch, dass die bisher beschriebenen historischen Repertoires und Semantiken der Vermittlung von Wissenschaft geschlechterspezifisch konnotiert sind. Das Abenteuer und die Jagd sind bis heute männlich codiert – auch wenn sich Kolleginnen wie zum Beispiel die Tiefseeforscherin Antje Boetius ganz wunderbar als Abenteuerin, Entdeckerin und Erforscherin unbekannter Welten präsentieren lassen und immer mehr Frauen ihren Jagdschein machen. Die Suche und die Sorgfalt haben dagegen – und wir sprechen hier natürlich über historisch gewachsene Stereotypen – eine weibliche Aura. Trotz vieler und auch erfolgreicher Anstrengungen für Chancengleichheit in der Wissenschaft ist unser Arbeitsalltag immer noch von solchen stereotypen Beständen geprägt – denken Sie nur an Begriffe wie „hard sciences“ und „soft skills“.

Was lässt sich nun aus diesen Beobachtungen einer an Wissenschaftskommunikation interessierten Literaturwissenschaftlerin schließen? Grundsätzlich möchte ich dafür plädieren, unser Publikum nicht einfach irgendwo „abzuholen“, sondern sorgfältig, umsichtig, furchtlos und man könnte auch sagen zärtlich zu überfordern. Als Oberbegriff umfasst Wissenschaftskommunikation auch Marketing. Aber es kann nicht nur darum gehen, Personen, Drittmittelrekorde oder ganze Hochschulen zu verkaufen wie Schokoriegel oder Kleinwagen. Da Wissenschaft immer wettbewerbsförmiger wird, zieht sie sich professionalisierende Expertinnen und Experten für akademischen Kapitalismus heran – und diese sehen ihre Aufgabe häufig in der Produktion von Alleinstellungsmerkmalen, Standortwerbung und Hochglanzbroschüren. Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – und auch der Wissenschaftsjournalismus – sollten uns gut überlegen, wo wir uns verbessern müssen, um diesem Trend kompetent gegenübertreten zu können. Zwei Aspekte erscheinen mir dabei bedenkenswert.

Ohne Differenzierungs- und Reflexionsarbeit geht es nicht. Diese ist besonders wichtig, wenn die Wissenschaftskommunikation auf Fachkulturen und ihre Traditionen, Gegenstände, Habitus und Praxen abgestimmt werden soll. Disziplinen wie die Medizin oder die Ingenieurwissenschaften haben andere Erkenntnisformen, Publikationsweisen und auch Innovationsbegriffe entwickelt als Geistes- und Sozialwissenschaften – und auch hier haben sich längst unterschiedliche Forschungs- und Deutungspraxen in einzelnen Fächern etabliert. Die gesellschaftliche Aufgabe der Geistes- und einiger Sozialwissenschaften besteht eben nicht darin, unmittelbar das Leben zu erleichtern. Es geht nicht immer um den Abbau von Komplexität, sondern auch um den Aufbau alternativer Möglichkeiten.

Als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin möchte ich noch hinzufügen, dass „meine“ Fächer nicht allein unsere soziale Imagination und unseren Sinn für Alterität, für das immer auch Andere schärfen. Sie stellen auch ein Handwerkszeug bereit, mit dem Wissenschaftskommunikation nicht nur instrumentell, sondern reflexiv betrieben werden kann: Hier sitzt eine Expertise für das Eigenleben von Zeichen, Metaphern und Diskursen; für die Geschichte rhetorischer und medialer Techniken und Praxen, die dazu beitragen kann, Wissenschaftskommunikation nicht nur zu verbessern, sondern auch auf ihre ungewollten Effekte und Kollateralschäden hin zu überprüfen.

Auch mein zweiter abschließender Punkt stellt in vieler Hinsicht eine Zumutung dar, die ich allerdings für zumutbar halte. Sie betrifft weniger die Inhalte und Formen der Wissenschaftskommunikation, sondern ihren systemischen Ort in Gefügen, in denen es nicht nur um idealistische Werte und intrinsische Motivation geht. Wissenschaft wird nicht auf Inseln nobler Gesinnung betrieben, sondern sie ist auch insofern Teil der Gesellschaft, als dass ihre Ausübung von sozialen Hierarchien und Asymmetrien betroffen ist. Abenteuererzählungen ignorieren oder glorifizieren Machtkämpfe, aber sie helfen uns nicht dabei, Wissenschaft in hochdifferenzierten Gesellschaften auch als organisatorisches und institutionelles Geschehen zu verstehen. Klassische Helden bringen sich gern gegen diese Dimension des Sozialen und Gesellschaftlichen in Stellung – ihr Ruhm zehrt von dem Ruf, ganz allein aufgebrochen zu sein. Dieser Mythos lebt fort in Selbstbeschreibungen von Wissenschaftlern, die – interessanterweise genau wie ihre wissenschaftsfeindlichen Kritiker – antiinstitutionelle Affekte mobilisieren. In diesen Darstellungen sind es häufig die Technokraten und Bürokraten in der Hochschulleitung, in Bonn oder in Berlin, die das intrinsisch motivierte Individuum davon abhalten, bahnbrechende Arbeit zu leisten.

Diese gerade auch in den Geisteswissenschaften populäre Form der Selbsterzählung blendet aus, dass öffentlich finanzierte Wissenschaft notwendigerweise organisiert und institutionalisiert sein muss. Wissenschaftskommunikation könnte meines Erachtens auch die wichtige Aufgabe erfüllen, diese Dimension sichtbarer zu machen: So wie es nicht nur um Durchbrüche, sondern auch um Durchhalten geht, geht es eben nicht nur um das Recht, in Ruhe zu forschen, sondern auch um die Pflicht, dieses Tun mit anderen Anforderungen wie zum Beispiel der Lehre abzustimmen. Entscheidend ist es, ähnlich wie in der Hochschul-Governance, an diesem Punkt keine Ideallandschaften zu malen, in denen es allein um Wahrheit und Wertfreiheit geht. Diese Normen müssen vielmehr verteidigt und gegen konkurrierende Normen abgewogen werden; und dazu braucht es Wissen nicht allein über die unspektakulären Sozialformen, über die guten und schlechten Routinen der Wissenschaft, sondern auch darüber, wie Regelverstöße, Machtkonflikte und Verteilungskämpfe gerade nicht zum Verschwinden gebracht, sondern überzeugend bearbeitet werden können. Auch davon könnte Wissenschaftskommunikation doch handeln.

Wenn dies nicht nur als Beschwörung von Abenteuern geschehen soll, braucht es dazu auch einen Stil, eine Haltung. Diese muss auf ihren Gegenstand abgestimmt sein und einen schwierigen Balanceakt meistern: Natürlich kann es nicht darum gehen, den normativen Glutkern wissenschaftlichen Arbeitens zu zertrümmern; natürlich braucht unsere Sache Leidenschaft und ihre Verkörperung. Diese lässt sich aber, davon bin ich überzeugt, durchaus mit Nüchternheit, Realismus und Bedachtsamkeit – und vielleicht sogar mit Humor kombinieren. Wissenschaftskommunikation braucht also ein Sensorium für Stillagen und Registerwechsel, aber sie sollte auch in der Lage sein, aktuelle Zusammenhänge von „venture“ und „adventure“ verständlich zu machen. In einer Gegenwart, in der epistemologische Bestimmungen von Wissenschaft als irrelevant und nutzlos unter Beschuss geraten, ergänzen sich nämlich Tendenzen der Ästhetisierung und der Ökonomisierung: Forschungsstipendien sorgen für Intensität, Kinderuniversitäten für Akzeptanz und Wettbewerbe für Strategiefähigkeit – so zumindest der Plan. Wissenschaft wird damit als Abenteuer unter ganz verschiedenen politischen Vorzeichen inszeniert: als kompetitive Beschwörung von Disruption und „Sprung-Innovation“ einerseits, als spektakuläre Demonstration von Partizipation und Präsenz andererseits. Was wir aus meiner Sicht aber brauchen, ist kein barrierefreier Abenteuerspielplatz. Sondern ein bisschen mehr hartnäckiger und frustrationstoleranter Ernst für die Sache. Und das Vertrauen, dass sich gerade aus Konflikten, Spannungen, Widersprüchen und Perspektivenvielfalt kommunikative Funken schlagen lassen.

Der Text ist eine leicht gekürzte Fassung des Eröffnungsvortrags von Frau Prof. Griem beim 11. Forum Wissenschaftskommunikation am 7. November in Bonn, zur Verfügung gestellt von „Wissenschaft im Dialog“ und der DFG. Dazu auch der Kommentar: „Im Schatten des Elfenbeinturms„.