Mehr Verantwortung für die Wissenschaftskommunikation! – Treffpunkt #WisskomMUC

Posted on 5. Dezember 2018

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Blogautor Wissenschaft kommuniziert

Zwei „Forschungssprecher des Jahres 2018“: Dr. Peter Strunk (links) und Dr. Andreas Archut (2.v.rechts) bei der Auszeichnung. Mit dabei: „Forschungssprecher 2017“ Markus Weißkopf (rechts) und Reiner Korbmann (2.v.l.).

Vor vier Wochen, beim großen Branchentreff „Forum Wissenschaftskommunikation“ in Bonn, war es noch ein heißes Debattenthema: Hat der Ausbau der Wissenschaftskommunikation den Wissenschaftsjournalismus verdrängt? Jetzt hat Markus Weißkopf, Geschäftsführer von WiD – Wissenschaft im Dialog (der das „Forum Wissenschaftskommunikation“ veranstaltet), vielleicht unbeabsichtigt die Antwort gegeben: Es sind die Abnehmer, also die Leser/User/Zuschauer, die den Wissenschaftsjournalisten und ihren Medien davonlaufen – aber nicht eine Verdrängung durch zunehmend professonieller werdende Wissenschaftskommunikation. Das machte er beim „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“ #WisskomMUC in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften deutlich.

Das World Wide Web, das ist inzwischen ein Allgemeinplatz, hat in den letzten 20 Jahren weltweit einen tiefgreifenden kulturellen Wandel ausgelöst. Eine der Folgen: Die Informationsgewohnheiten der Menschen haben sich geändert und sind noch dabei, sich zu wandeln. Statt der überkommenen Medien-Triade Print (Zeitungen/Magazine), Hörfunk und Fernsehen gibt es heute unzählige Kanäle, über die man sich informieren kann, sogar interessengerichtet, vorselektiert, jederzeit, mundgerecht und vor allem: Im Gegensatz zu den herkömmlichen Medien kostenlos. Und die Menschen nutzen diese Möglichkeiten, vor allem jüngere, die aber in zwanzig Jahren die Älteren sein werden, auch wenn sie heute noch dabei sind, ihr Weltbild zu zimmern, ihre Grundüberzeugungen zu festigen.

Refrenzquelle für das Verhältnis Wissenschaft und Gesellschaft: Das Wissenschaftsbarometer 2018.

Markus Weißkopf belegte diesen Trend weg von den klassischen Medien beim „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“ mit Zahlen aus dem neuesten „Wissenschaftsbarometer“, einer repräsentativen Umfrage, die WiD seit fünf Jahren jährlich durchführen lässt (mein persönlicher Bias: Ich war zum Anfang an der Finanzierung des Wissenschaftsbarometers durch die Philip Morris Stiftung beteiligt, heute wird es durch die Robert Bosch Stiftung getragen). Die Zahlen zeigen: Gerade die Jüngeren informieren sich über Wissenschaft vor allem im Internet. Und dann zum größten Teil nicht über journalistischen Informationskanäle, sondern über Angebote, die interessengeleitet sind, von engagierten Informanten, missionarischen Meinungskämpfern und profitorientierten oder an Selbstdarstellung interessierten Institutionen betrieben werden.

Die „Forschungssprecher des Jahres 2018“ wurden ausgezeichnet

Fehlte leider bei der Verleihung: Christoph Uhlhaas, „Forschungssprecher des Jahres 2018 in der Kategorie Forschungsorganisationen und Stiftungen.

Der „Treffpunkt“ war auch ein guter Anlass, die diesjährigen „Forschungssprecher des Jahres 2018“ auszuzeichnen, nicht nur weil Markus Weißkopf selbst Forschungssprecher des Jahres 2017 war und weitere früher ausgezeichnete als Zuhörer im Saal saßen. Rund 700 Wissenschaftsjournalisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz waren wieder persönlich aufgerufen, die besten Forschungssprecher zu wählen. Ich hatte die Ehre, die Urkunden an die Sieger dieser Auszeichnung zu überreichen, an den „Forschungssprecher des Jahres 2018“ in der Kategorie Forschungsinstitute und Hochschulen, Dr. Andreas Archut von der Universität Bonn und an den „Forschungssprecher des Jahres 2018“ in der Kategorie Industrie und andere Unternehmen, Dr. Peter Strunk von Wista Management in Berlin. Ausgerechnet der einzige Münchner Sieger der Wahl, der „Forschungssprecher des Jahres 2018“ in der Kategorie Forschungsorganisationen und Stiftungen, Christoph Uhlhaas von der Akademie der Technikwissenschaften „acatech“ konnte wegen eines wichtigen Termins in Berlin nicht teilnehmen.

Das Informations-Universum der jungen Menschen: Youtube, Whatsapp, Instagramm&Co

Doch zurück zu den Informationsgewohnheiten in Zeiten des Internets: Das Internet steht mit 35 Prozent als Informationsquelle über Wissenschaft bereits an zweiter Stelle, dicht hinter dem herkömmlichen Fernsehen, wo sich 37 Prozent der Bevölkerung sehr häufig oder häufig über Wissenschaft informieren. Einen Abstand gibt es dagegen schon zu den Printmedien Zeitungen und Magazine, die für 28 Prozent der Bevölkerung beliebte Quelle über Wissenschaftsthemen sind. Noch drastischer sieht die neue Informations-Rangordnung bei den jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren aus. Hier führt das Internet ganz klar mit 50 Prozent, vor dem Fernsehen mit 34 Prozent und den Printmedien mit 18 Prozent. Der Wissenschaftsjournalismus verliert seine Abnehmer.

 

Welche Informationsquellen zu Wissenschaft werden im Internet genutzt? Bei den jungen steht Youtube im Vordergrund, Wikipedia ist beliebt bei allen Altersklassen. Quelle: Wissenschaftsbarometer.

Immerhin, an der Spitze der im Internet genutzten Informationskanäle über Wissenschaft stehen noch die Webseiten oder die Mediatheken der traditionellen Nachrichtenmedien – noch! Danach kommt gleich, in allen Altersgruppen ähnlich beliebt, Wikipedia. Bei den Jüngeren aber rangiert vorher noch Youtube. Der Videokanal ist für die 14 bis 29-jährigen das zweitwichtigste Informationsmedium zur Wissenschaft, und auf gutem Weg, die Websites der journalistischen Medien zu überholen. Erst danach folgen, bei den jüngeren mit deutlichem Abstand, die Web-Auftritte von wissenschaftlichen Institutionen, Blogs und die ganzen anderen Social Media mit Facebook, Instagramm & Co.

Die vernachlässigte Chance: Wikipedia

Das online-Lexikon Wikipedia, zu dem jeder nach strengen Regeln selbst etwas beitragen kann, ist nach Ansicht von Markus Weißkopf ein besonders interessanter Fall: Es wird aus seiner Sicht völlig unterbewertet. „Jeder benutzt es, jeder schimpft darüber, zu unrecht“, meinte der WiD-Geschäftsführer und Initiator des „Wissenschaftsbarometers“. Und Wissenschaftskommunikatoren haben noch gar nicht die Möglichkeiten entdeckt, die sich hier für die Wissenschaftskommunikation ergeben. „In jeder Google-Suche taucht Wikipedia spätestens an dritter oder vierter Stelle auf.“ Eine gute Position um gute Zugriffszahlen für seriöse Wissenschaftsinformationen zu bekommen. Und die oft angezweifelte Seriosität der gebotenen Information in Wikipedia sei gar nicht so schlecht wie oft behauptet. Das belegt übrigens auch eine schon 2015 veröffentlichte Studie des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen, die Weißkopf nicht erwähnte, über die wir aber in diesem Blog seinerzeit berichtet haben: Danach ist Wikipedia, was Faktentreue angeht durchaus ebenbürdig der ehrwürdigen „Encyclopedia Britannica“ mit dem Vorteil, dass Fehler schneller korrigiert werden.

Die Beobachtungen des Wissenschaftsbarometers, dass junge Menschen immer weniger die journalistischen Medien nutzen, wird übrigens auch bestätigt durch eine andere repräsentative Umfrage, die „JIM-Studie 2018 – Jugend, Information,Medien“, des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, die am Tag nach dem „Treffpunkt“ veröffentlicht wurde. Hier steht bei den 12 bis 19-jährigen Youtube ebenfalls deutlich an Nummer eins (63 Prozent). Zusammen mit Whatsapp, Instagramm und Snapchat bildet Youtube das Informations-Universum dieser Altersgruppe, Facebook nutzen lediglich noch 15 Prozent der jungen regelmäßig. Herkömmliches, lineares Fernsehen zeigt deutlich rückläufige Tendenz.

Wenn  Journalisten fehlen, müssen Wissenschaftskommunikatoren in die Verantwortung

Doch zurück zu Markus Weißkopf. Er zeigte auch die Konsequenzen dieser Entwicklung auf: Wenn Redaktionen immer häufiger Pressemitteilungen (angesichts Personalmangels) ohne Nachprüfen und Gegenrecherche „durchwinken“, wenn immer häufiger Menschen aller Altersklassen direkt auf die nichtjournalistischen Informationsangebote zur Wissenschaft im Internet zugreifen, dann tragen die Wissenschaftskommunikatoren auch eine immer größere Verantwortung für die veröffentlichten Inhalte. Es liegt dann an ihnen, die Informationen zu bewerten, einzuordnen und in den passenden Zusammenhang zu stellen. Denn von den Redaktionen kann dies oft nicht mehr geleistet werden.

Weißkopf nannte als Beispiel, wo dies schlecht gelaufen ist, eine Studie der privaten Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft, in der Flüchtlingen ein ähnliches Wertebild zugeschrieben wurde wie AFD-Anhängern. Hintergrund für diese von der Pressestelle der HMKW verbreitete und von Redaktionen ungeprüft übernommenen Schlagzeile war ein einziger, sehr allgemeiner Satz in der Studie, wonach Flüchtlinge die Demokratie – wie wohl nicht nur AFD-Anhänger, aber eben auch die – für die beste aller Staatsformen halten. Wir haben hier im Blog vor kurzem über ein weiteres drastisches Negativbeispiel berichtet, von einer Pilotstudie an acht Probanden, die von der Medizinischen Universität Wien und dem österreichischen Umweltbundesamt reißerisch verkauft wurde und zu Schlagzeilen über Plastikmüll im Menschen führte (obwohl es in der Pilotstudie gar nicht um Plastikmüll, sondern um Lebensmittelverpackung ging): Fake-News aus der Wissenschaft.

Verantwortung für die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft

Überverkaufte, reißerisch präsentierte Ergebnisse aus der Wissenschaft mögen gut sein für Aufmerksamkeit und Schlagzeilen, sie sind der Tod der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit. Und die sollte für jede Wissenschaftskommunikation das höchste Gut sein. Früher haben Wissenschaftsjournalisten diese Abwägungen und Gegenchecks übernommen. Das war die Verantwortung der Journalisten. Seitdem Wissenschaftsjournalisten aus vielen Redaktionen verschwunden – und wenn nicht, dann überlastet – sind müssen Wissenschaftskommunikatoren diese Verantwortung übernehmen, auch wenn sie damit manch ehrgeizigem oder euphorischem Forscher auf die Zehenspitzen treten.

Markus Weißkopf schloss seinen Vortrag mit einigen kritischen Anmerkungen zur Situation der Wissenschaftskommunikation in Deutschland: Unbesehen vom Ausbau der Planstellen und der Kommunikationsabteilungen, trotz PUSH-Initiative und eigenem (aber mit 12 Millionen Euro bescheidenen) Budget beim Bundesforschungsministerium BMBF (von dem allein die Jahre der Wissenschaft jeweils fünf Millionen verschlingen), so der WiD-Geschäftsführer, hält sich das Engagement der Wissenschaftler für die Wissenschaftskommunikation in Grenzen, aber auch die Wertschätzung für die Kommunikatoren. „Manchmal hat man den Eindruck, dass der Wettbewerb der Wissenschaftler untereinander über allem steht und der nächste Finanz-Euro wichtiger ist, als dass man in zehn oder zwanzig Jahren noch da ist.“ Auch auf den Leitungsebenen der Institute sei diese Bedeutung der Wissenschaftskommunikation für den langfristigen Erhalt der günstigen Rahmenbedingungen der Forschung durch die Gesellschaft längst nicht überall bewusst. Es mangle zudem an einer praxisorientierten Wissenschaftskommunikations-Forschung in Deutschland. Da gebe es noch deutlichen Nachholbedarf, etwa zu den Vereinigten Staaten. (Siehe dazu auch in diesem Blog: „Effektive Wissenschaftskommunikation – Die US-Forschung stellt sich neu auf“.)

Eine persönliche Anmerkung. Ein schwerwiegendes Defizit der Wissenschaftskommunikation in Deutschland hat Weißkopf vergessen, aus meiner Sicht nicht nur bei den Wissenschaftlern, sondern ganz besonders bei den Kommunikatoren: Es fehlt an Kommunikation nach Innen, in die Wissenschaft hinein. Markus Weißkopf hat das Problem mit der begrenzten Wertschätzung für Kommunikatoren angedeutet, aber keine Handlungsempfehlung daraus abgeleitet, obwohl hier „Wissenschaft im Dialog“ eine Vorreiterrolle übernehmen könnte: Wenn die Wissenschaftskommunikation die Grenzfläche der Wissenschaft zur Gesellschaft darstellt, dann müssen die Kommunikatoren sich auch als Sensoren der Wissenschaft für gesellschaftliche Entwicklungen verstehen und ihre Erkenntnisse in die Wissenschaft hineintragen. Das aber geschieht kaum. Aber wer sollte es sonst tun?

Wissenschafts-Gesellschaft und Institution: Die Bayerische Akademie der Wissenschaften in der Münchner Residenz.

Der „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“ #WisskomMUC fand dieses Mal in der ehrwürdigen Bayerischen Akademie der Wissenschaften in der Münchner Residenz statt, die sich nicht nur als Gelehrtengesellschaft sondern auch als Forschungsinstitut für Langzeitprojekte versteht, wie die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Dr. Ellen Latzin, bei ihrer Begrüßung betonte.

Der „Treffpunkt“ ist eine Initiative dieses Blogs „Wissenschaft kommuniziert“. Er soll Aktive in der Wissenschaftskommunikation zusammenführen zum Erfahrungsaustausch, zum Vernetzen, zum Diskutieren über das eigene Tun, aber auch Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten mit einbeziehen. Der „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ wandert jedes Mal zu einer anderen der Münchner Wissenschaftsinstitutionen – Gelegenheit, andere Umgebungen kennenzulernen, andererseits das eigene Haus den Kollegen zu präsentieren. Die Bayerische Akademie war ein großzügiger Gastgeber auch beim anschließenden Get Together der Kollegen mit einem kleinen Imbiss.