Markus Pössel: „Kein agendalegendes Wollmilchbündnis“ – #Wisskom-Journalismus

Posted on 24. Januar 2019

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Markus Pössel meint, dass Journalisten, die über Wissenschaft berichten, zum System Wissenschaftskommunikation gehören. Damit hat er entschiedenen Widerspruch geerntet, nicht nur von mir, sondern auch von der langjährigen Ressortleiterin Wissenschaft der „Neuen Züricher Zeitung, Heidi Blattmann (ihr Kommentar zu #Wisskom-Journalismus siehe hier). Einer Meinung ist er aber mit ihr (und mir), dass es kein Bündnis braucht zwischen Wissenschaft und Journalisten. Dabei ist gerade seine ausgedehnte Definition von Wissenschaftskommunikation die Voraussetzung dafür, um überhaupt von solch einem Bündnis zu träumen.

Dr. Markus Pössel, Physiker und Wissenschaftskommunikator.

Brauchen wir ein breites Bündnis für die Wissenschaftskommunikation, das sowohl die Öffentlichkeitsarbeit der Wissenschaftsinstitutionen als auch die kommunizierenden Forscherinnen und die Wissenschaftsjournalistinnen umfasst? Dafür plädiert der Siggener Kreis im letzten Teil seiner „Siggener Impulse 2018“.

In einem gemeinsamen Netzwerk sollen alle „Stakeholder ihre Kräfte bündeln“, um dann „schneller und strategisch abgestimmt auf politische Fragen und auf manipulative Kampagnen zu reagieren“, letzteres im Kampf gegen (wissenschaftsfeindlichen) Populismus und Fake News. Von Abstimmung untereinander, Wissenstransfer, Qualitätskontrolle ist die Rede, und von einem Bündnis, welches „das politische Agenda Setting in Bezug auf die Wissenschaftskommunikation eher mitbestimmen und mitgestalten [kann] als einzelne Akteursgruppen“.

Unrealistische Szenarien

Sobald ich versuche, mir vorzustellen, was da konkret gemeint sein könnte, lande ich bei unrealistischen Szenarien. Das fängt schon damit an, dass ich nicht sehe, bei welchen konkreten politischen Fragen die Meinungen unter den Akteuren einheitlich genug wären, dass ein Bündnis sie repräsentativ vertreten könnte. Ich sehe außerdem nicht, wer da in welcher Form schnell und strategisch abgestimmt auf manipulative Kampagnen reagieren könnte. Klimawandel, genetisch modifizierte Organismen, Tierversuche – bei all diesen großen, gesellschaftsrelevanten Themen haben „wir“ keine einheitliche Haltung, insbesondere dann nicht, wenn es um konkrete Empfehlungen gehen soll.

Meine Skepsis ist sicher auch von schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit geprägt. Dass die Leopoldina in ihrer Rolle als Vertreterin „der deutschen Wissenschaft“ in ihrer Stellungnahme im Jahre 2014 Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien ausgerechnet dem Engagement der Wissenschaftler*innen selbst für die Vermittlung von Wissenschaft die kalte Schulter gezeigt hat, habe ich ihr bis heute nicht verziehen. Solche Repräsentations-Fails sind überall dort eine Gefahr, wo sich eine Organisation vornimmt, „für alle“ (mit einer gegebenen Definition für „alle“) zu sprechen. Ich sehe nicht, wie ein Bündnis Wissenschaftskommunikation sie vermeiden könnte.

Statt den einen umfassenden großen Wurf zu planen, sollten wir uns Gedanken machen, in welchen praktischen Situationen eine verstärkte Abstimmung und/oder Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren der Wissenschaftskommunikation wünschenswert und sinnvoll wäre. Das Science Media Center ist ein gutes Beispiel dafür, wie solche gestärkten Verbindungen, hier zwischen Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen, aussehen können – konkret, praktisch, mit beträchtlichem Gewinn für alle Beteiligten, und ohne einen Verlust von Unabhängigkeit.

Besser ist: Engere Zusammenarbeit

Der Medien-Doktor ist ein weiteres gutes Beispiel. Weitere konkrete Projekte sind denkbar: Was, wenn Wissenschaftsjournalistinnen die direkte Kommunikation aus der Wissenschaft nicht mehr vornehmlich als Konkurrenz sähen, sondern begännen, sie zu kuratieren? Oder: Welche weiteren konkreten Möglichkeiten könnte es dafür geben, dass sich Journalistinnen und Wissenschaftler*innen, Stichwort Qualitätssicherung, gegenseitig auf die Finger schauen (sicher kein einfaches Thema, wie immer, wenn es darum geht potenziell eben auch selbst Kritik annehmen zu müssen)? Das sind aus meiner Sicht die interessanten und potenziell fruchtbaren Überlegungen. Nicht das agendalegende Wollmilchbündnis.

P.S.: Ein Teil der Debatte drehte sich um die in den Siggener Impulsen 2018 ausdrücklich gewählte allgemeine Definition der Wissenschaftskommunikation, die alle Akteure und Vermittlungsarten einschließt, von den Wissenschaftlerinnen und PR-Fachleuten bis hin zu den Wissenschaftsjournalistinnen. Ich finde diese Debatte wichtig, weil ich die häufigste Alternative, nämlich Wissenschaftskommunikation mit Wissenschafts-PR gleichzusetzen, für ausgrenzend und schädlich halte, siehe meine Beiträge hier und hier. Das ist für mich aber eine von der Bündnis-Diskussion unabhängige Frage. Oberbegriffe fassen Kategorien zusammen, die Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede aufweisen. Aus der bloßen Existenz des Oberbegriffs Wissenschaftskommunikation zu schließen, alle damit gemeinten Akteure müssten sich zu einem großen Bündnis zusammenfinden, ist für mich genau so absurd wie die Gegenposition, wer Bedenken gegen ein solches Bündnis hege müsse deswegen auch den Oberbegriff ABLEHNEN.

 

Dr.Markus Pössel ist promovierter Physiker. Er leitet das Haus der Astronomie sowie die Öffentlichkeitsarbeit des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg. Im letzten Herbst hat er die Definition des Begriffs „Wissenschaftskommunikation“ auf Wikipedia umgeschrieben, die sich der Siggener Kreis zu eigen gemacht hat