Teufelswerk „Fake News“ – Mit Exkurs zur Wissenschaftskommunikation

Posted on 9. April 2019

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Blogautor Wissenschaft kommuniziert

US-Präsident Donald Trump: Nicht der Erfinder von „Fake News“, auch wenn er das gern behauptet. Doch er brachte sie international auf die Tagesordnung. (Foto: Wikimedia Commons)

Es ist erst wenige Wochen her, dass ich von Kommunikationswissenschaftlern ziemlich enttäuscht war, weil sie herzlich wenig zu einer ewigen Kernfrage der Kommunikation beitragen konnten, nämlich zur Rolle der Emotionen. Sie haben damit auch wenig zur Praxis der Wissenschaftskommunikation beigetragen, obwohl das ihr erklärtes Ziel war (siehe: Emotionen machen Wissenschaft besser! – Kommunikationsforscher entdecken die Gefühle). Umso spannender fand ich kurz darauf einen Workshop in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, wo sich ihre Kollegen mit einem viel schwierigeren Thema beschäftigten, das erst kurze Zeit auf der Tagesordnung steht und zuletzt alle politischen Debatten füllt: Fake News.

Wissenschaft zwischen Lüge und Wahrheit

Seit dem Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten Donald Trump vor zwei Jahren geistert der Begriff „Fake News“ durch alle Medien. Dabei ist er schon sehr viel älter: Nach Recherchen des Merriam-Webster-Lexikons stammt er sogar aus dem 15. Jahrhundert. Aber kaum jemand hat ihn benutzt. Bis Donald Trump kam und ihn wiederbelebte. Er nutzte ihn vor allem als Kampfbegriff für etablierte, seriöse und kritische Medien, die ihn ärgern „You are Fake News“. Doch bald hatte sich der Begriff verselbständigt und wandte sich sogar gegen seinen Protagonisten, dem Tausende von Lügen im Amt nachgewiesen wurden. Unter „Fake News“ versteht man heute falsche Informationen, die vor allem im politischen Diskurs verwendet werden, um die eigenen Ansichten oder Argumente zu stützen, ganz gleich, ob das nun Lügen sind oder – fast schlimmer noch – Falschinformationen, die sich gar nicht darum scheren, was richtig ist.

Schnelle Reaktion: Kommunikationswissenschaftler legen Ergebnisse zu „Fake News“ in der ehrwürdigen BAdW vor.

Die Bayerische Akademie der Wissenschaften hat – schnell für eine ehrwürdige Wissenschaftsinstitution – die Tragweite von „Fake News“ erkannt. Eine ad-hoc-Arbeitsgruppe wurde gegründet, die jetzt in München ihre ersten Ergebnisse vorlegte. Der Titel: „Wahrheit und Wissen in der digitalen Öffentlichkeit“. Weshalb das so wichtig ist, auch für die Wissenschaftskommunikation? Die Koordinatorin der ad-hoc-Gruppe, Dr. Julia Serong, fasste die Situation von Wahrheit, Wissen und Unwahrheiten im Zeitalter von Internet und Social Media perfekt zusammen: „Lügen hatten noch nie so kurze Beine wie heute, aber sie haben viele Follower.“

Das genau ist das Problem: Fakten lassen sich heute so leicht checken, wie noch nie, alle Informationsquellen weltweit stehen jedermann per Internet offen. Aber ebenso hat das Internet mit den Sozialen Medien die Tore für jedermann geöffnet, seine Sicht der Welt zu verbreiten und viele Gleichgesinnte um sich zu sammeln. Prof. Christoph Neuberger, einer der beiden Sprecher der Arbeitsgruppe, beschrieb dies bei der Tagung als „neue Freiheit der Information“: Gatekeeper (wie etwa die kritischen Medien) ließen sich leicht umgehen, es entstehen Filterblasen und Echokammern, wo nur noch wahrgenommen wird, was ins eigene Weltbild passt, Übertreibungen, Falschinformationen und Desinformationskampagnen mit weitreichenden Auswirkungen werden möglich.

Welche Rolle spielen „Fake News“ in der Gesellschaft?

Um diese Auswirkungen ging es: Welche Rolle spielen „Fake News“ in der deutschen Gesellschaft bisher? Es gab gezielte Desinformationskampagnen zur Bundestagswahl 2017, stellte der Politikwissenschaftler Prof. Simon Hegelich fest. Seine Methode ist interessant, ohne Social Media könnte er gar nicht wissenschaftlich arbeiten: Er hat eine Datenbank mit über einer Milliarde Tweets zur deutschen Politik aufgebaut und analysiert daraus die Entwicklung von Meinungen, den Weg von Informationen und Desinformationen in die Öffentlichkeit. Sein Ergebnis: Es wurde gezielt versucht, die Meinung der Wähler durch Falschinformation zu beeinflussen. Die Effekte waren zwar gering, aber solch eine Kampagne kann etwas bewegen, insbesondere bei Rechtspopulisten.

Drei Beispiele für gezielte Desinformation analysierte der Publizist und Kommunikationswissenschaftler Alexander Sängerlaub von der Stiftung Neue Verantwortung. Diese Stiftung hat sich zur Aufgabe gesetzt, als unabhängiger Think Tank konkrete Ideen zu entwickeln, wie die deutsche Politik den technologischen Wandel gestalten kann. Sängerlaubs Projekt: Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit. Das Fazit aus seinen Analysen: Häufig werden reale Ereignisse verdreht, Teilaspekte zum Hauptgegenstand oder schlichtweg Statistiken falsch ausgewertet. Schlampiger Journalismus oder Sensationsgier überspitzen diese Ereignisse noch, die oft genug von politisch interessierter Seite, meist Rechtspopulisten, in ihrem Sinne ausgeschlachtet werden. Am schlimmsten aber: Richtigstellungen und korrigierende Informationen werden oft nicht von den gleichen Medien oder nicht gleichwertig übernommen, so dass für die Leser die Fake News im Raum stehen bleiben.

Sängerlaub untersuchte allein Online-Angebote, sowohl von klassischen Medien als auch von Parteien und auch zwielichtige, oft in Russland registrierte Nachrichtenportale wie „anonymousnews.ru“. Neben dem absichtlichen Verdrehen der Nachrichten wurde dabei vor allem auch ein Problem deutlich: Schlampiger Journalismus, auch und gerade in den Online-Angeboten der klassischen Medien. Da werden Nachrichten nicht nachrecherchiert, Schlagzeilen ungeprüft übernommen, Quellen nicht hinterfragt, Richtigstellungen nicht in der gleichen Bedeutung präsentiert wie die falsche Hauptnachricht oder zu spät.

„Fake News“ auch in Deutschland

Sängerlaub lieferte der Tagung auch gleich eine präzise Definition von Fake News, denn darunter fallen natürlich nicht die Angriffe Donald Trumps gegen die Medien, auch die klassischen Zeitungsenten“, also versehentliche Falschmeldungen, kommen nicht zu neuen Ehren. Sondern „Fake News“ sind gezielte falsche Informationen, um jemanden zu schaden, etwa durch bewusst falsche Interpretation, durch Manipulation wahrer Informationen oder aber durch völlig frei erfundene Inhalte. Da werden dann aus 1000 versammelten Jugendlichen, darunter Migranten,  Schlagzeilen wie „1000 Migranten randalieren in Schorndorf“, oder aus einer alten Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung wird eine Bildungsmisere von Migranten konstruiert „59 Prozent aller Migranten haben keinen Schulabschluss“. Und die Schlagzeile „Vergewaltigungsfälle durch Zuwanderer um 90 Prozent gestiegen“ wird als Falschmeldung des Bayerischen Innenministeriums entlarvt, das sich aufgrund der klärenden Recherchen sogar zu einer zweiten, korrigierenden Pressekonferenz genötigt sieht.

Zur Ehrenrettung der Journalisten sei aber auch gesagt, dass es immer wieder auch die Online-Redaktionen großer Medien sind, die Fake News als falsch entlarven. Fake News sind keine Naturerscheinung, sie sind aufspürbar. Die Frage bleibt, ob die klassischen Medien dieser Aufgabe gerecht werden, vor allem da diese ohnehin von einer großen wirtschaftlichen Krise geschüttelt werden, Personal abbauen und gerade auch in den Redaktionen.

Immerhin sind die Auswirkungen von Fake News in Deutschland noch gering. Das Vertrauen in die Medien etwa haben sie noch nicht erschüttert. Das belegte Prof. Oliver Quiring aus Mainz, der in einer Langzeitstudie das Vertrauen der Bevölkerung in die Berichterstattung der Medien verfolgt. Sein Fazit: Zwar gehen die Menschen angesichts von politischer Kritik an den klassishen Medien („Lügenpresse“) und alternativen Möglichkeiten zur Information im Internet immer mehr auf Distanz zu Zeitung, Rundfunk und Fernsehen. Aber es gibt „keine grundsätzliche Erschütterung des Vertrauens“. Immerhin aber sieht er eine zunehmende Polarisierung der Meinungen in verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen.

Also alles Bestens? Noch scheint der Einfluss von Fake News in Deutschland überschaubar. Noch! Denn wenn man die Medienberichte über Manipulationskampagnen liest, die in Russland zur Europawahl vorbereitet werden, kann einem Angst und Bange werden. Wenn die Manipulateure schon die Mittel haben sollten, einen wohlbestallten Bundestagsabgeordneten der AfD von sich abhängig zu machen, wie viel leichter haben sie es dann, eine oder viele der eher prekär existierenden Nachrichtenportale im Internet zu kaufen und mit Falschmeldungen zu versorgen.

Das Teuflische an „Fake News“: Die Verunsicherung

Das Teuflische an Fake News ist ja nicht so sehr, dass sie falsch sind. Das Schlimmste ist, dass man keiner Nachricht ansieht, ob sie Fake oder real ist, dass wir als Leser nicht die notwendigen Fähigkeiten und Mittel haben, um dies schnell zu erkennen. Und das selbst zuverlässigste Informationsquellen inzwischen auf Fake News hereinfallen. Die Verunsicherung ist das Teuflische an Fake News: Welchen Nachrichten können wir noch glauben?

Ein Exkurs in die Wissenschaftskommunikation: Wir stehen – nicht allein, aber auch durch Fake News – am Beginn einer gesellschaftlichen Glaubwürdigkeitskrise. Durch sie wird Wissenschaft (und die Wissenschaftskommunikation) ganz besonders betroffen, dennWissenschaft hat keine Macht und keine Finanzen um Ergebnisse und Positionen in der Gesellschaft wirksam zu machen. Sie besitzt nur ihre Glaubwürdigkeit, um zu überzeugen. Und die Krise wird für sie schon heute spürbar (Beispiele sind die Diskussionen um Klimawandel oder um Impfen). Diese Glaubwürdigkeitskrise erzeugt Unsicherheit und diese Unsicherheit  wird Menschen immer mehr in ihre eigenen Echokammern und Filterblasen treiben, so dass sie noch schwerer für Fakten und rationale Debatten erreichbar werden, die ihr Weltbild öffnen.

Das betrifft sicher nicht nur die Wissenschaftskommunikation, aber ganz besonders für sie wird es zu einer großen Zukunftsaufgabe, diese Kommunikationsbarrieren zu überwinden. Lösungsansätze dafür sind bisher nicht sichtbar. Es wird Zeit, darüber nachzudenken.