Wissenschaft: Wie hast Du’s mit der Gesellschaft? – Wenn Politik auf Wissenschaftskommunikation trifft

Posted on 16. April 2019

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Blogautor Wissenschaft kommuniziert

Ein Sinnbild für Wissenschaftskommunikation? Viele Details, die gemeinsam ein faszinierendes Gesamtbild ergeben: Flüssigsammlung des Naturkundemuseums Berlin.

Was ist denn los in Berlin? Plötzlich reden die Politiker von Wissenschaftskommunikation. Nun ja, vor vier Jahren hatte der Forschungsausschuss des Bundestages schon einmal ein paar Experten dazu angehört. Dann aber war Stille in der politischen Landschaft. Außer vielleicht dass im 177-seitigen Koalitionsvertrag der harmlose Satz auftaucht, man wolle „Wissenschaftskommunikation stärken“ und Forschungsministerin Karliczek ab und zu den Begriff in den Mund nimmt, ohne allerdings Impulse zu setzen.

Doch jetzt plötzlich, innerhalb von zwei Tagen, veranstalten die Parlamentarier der beiden Regierungsfraktionen (angeblich unabhängig voneinander) zwei Expertengespräche zur Wissenschaftskommunikation, die SPD-Arbeitsgruppe Bildung und Forschung legte ein umfangreiches Positionspapier vor „Initiativen und Konzepte für die Wissenschaftskommunikation von morgen“ und der SPD-Bundestagsabgeordnete Rossmann, seines Zeichens Vorsitzender des Forschungsausschusses, erregt im Tagesspiegel mit der Forderung nach einer „Akademie für Wissenschaftskommunikation“ Aufsehen.

Wird Wissenschaftskommunikation zu einem zentralen politischen Thema in Berlin? Will die Regierungskoalition die Wissenschaftskommunikation in den Mittelpunkt ihres forschungspolitischen Handelns stellen? Ich hatte die Ehre, obwohl parteipolitisch ungebunden, von dem CDU-Abgeordneten Stefan Kaufmann, der das Expertengespräch der CDU/CSU-Arbeitsgruppe Bildung und Forschung organisierte, als Experte eingeladen zu werden. Und mir wurde gestattet, darüber hier im Blog zu berichten.

Das größte Problem der Wissenschaftskommunikation: Das Bewusstsein der Wissenschaftler

Um es vorweg zu nehmen: Auf die oben gestellten Fragen kann ich selbst jetzt keine Antwort geben. Die Bundespolitik tut sich ziemlich schwer mit der Wissenschaftskommunikation, ist Forschungspolitik doch vor allem Ländersache. Außerdem ist die Wissenschaft nach dem Grundgesetz frei in ihrem Handeln. Und so sind – das zeigte sich bei dem Gespräch – die wichtigen Probleme der Wissenschaftskommunikation nicht von der Politik zu lösen, sondern nur von der Wissenschaft selbst. Die Bundespolitik kann bestenfalls mit einzelnen Aktionen und Maßnahmen unterstützen, außerdem mit Appellen und Forderungen (und sollte dies tun!) – lösen kann die größten Probleme der Wissenschaftskommunikation allein die Wissenschaft.

Expertengespräch Wissenschaftskommunikation der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Berliner Naturkundemuseum. (Foto: O. Höhno)

Doch der Reihe nach: Eingeladen waren als Experten die Wissenschaftsjournalistin Heidi Blattmann, lange Jahre Ressortleiterin der „Neuen Zürcher Zeitung“, der Journalist Dirk Maxeiner, der bei Zeitschriften (u.a. Chancen, Natur) gearbeitet hat und heute vor allem im Internet tätig ist, der Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin, Prof. Johannes Vogel,  – in dessen Museum das Gespräch auch stattfand – Markus Weißkopf, der Geschäftsführer von „Wissenschaft im Dialog (WiD)“, der Berliner Journalist Dr. Jan-Martin Wiarda, spezialisiert auf Themen aus Bildung und Forschung, und ich als Blogger, langjähriger Wissenschaftsjournalist und ehemaliger Chef des Büros für Wissenschaftskommunikation „Science&Media“.

Die Einladung stand unter dem Motto „Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus“, ausgehend von „Zeichen einer möglichen Krise“ beider Bereiche. Meine Thesen dazu veröffentliche ich in einem getrennten Beitrag auf diesem Blog (Krise – welche Krise? 19 Thesen zu Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus).

Gretchenfrage an die Wissenschaft: „Wie hast Du’s mit der Gesellschaft?

Das Ergebnis des Gesprächs war für mich überraschend. Die Experten stellten nicht etwa überbordende Forderungen an die Politiker, nach dem Motto: mehr Geld hier, ein paar neue oder andere Gesetze da und sowieso ganz andere gesetzliche Rahmenbedingungen. Im Gegenteil, die Ansprüche hielten sich sehr in Grenzen. WiD-Geschäftsführer Markus Weißkopf drängte eher auf eine stärkere Forschung zur Effektivität und Evaluierung von Wissenschaftskommunikation.

Am Ende der Expertenäußerungen stand vielmehr die Gretchenfrage an die Wissenschaftler im Mittelpunkt: „Wissenschaft, wie hast du’s mit der Gesellschaft?“ – also das bei vielen Wissenschaftlern und ihren Institutionen sehr schwach ausgeprägte gesellschaftliche (und damit gesellschaftspolitische) Bewusstsein.

Prof. Vogel beispielsweise, der fast 30 Jahre in Großbritannien und USA gelebt hat, schilderte die persönliche Betroffenheit vieler Wissenschaftler jenseits des Atlantiks nach der Wahl von US-Präsident Donald Trump. Ihre Reaktion: Sie brachten sich in die Politik ein, kandidierten für die Kongresswahlen und versuchen so, sich in den gesellschaftspolitischen Dialog einzubringen. In Deutschland – das erwähnte er nicht, weil es ohnehin alle Anwesenden wussten: ein „March for Science“ (mal sehen, wie der nächste wird, am 4.Mai) mit eher halbherziger Unterstützung durch die organisierte Wissenschaft, und sonst wenig.

„Wissenschaft muss gesellschaftlich handeln“

Vogel spürt für sich durch seine Erlebnisse vor der Brexit-Abstimmung in Großbritannien und vor der Trump-Wahl in den USA einen persönlichen Auftrag: Deutschland habe viel bessere Voraussetzungen als diese beiden Länder, „eine breit strukturierte, flächendeckende Wissenschaftslandschaft, die wir noch nicht mobilisiert haben, die demokratische Wissensgesellschaft zu stärken und mitzuentwickeln.“ Und seine Forderung ging eindeutig in Richtung der eigenen Kollegen: „Die Wissenschaft muss die Gesellschaftsform Demokratie, die wir uns ja alle wünschen, noch stärker in den Blickpunkt ihres eigenen Handelns aufnehmen und sich ändern, um dieser Bringschuld gerecht zu werden.“

Markus Weißkopf – seine WiD-Gesellschafter sind die großen Wissenschaftsorganisationen – formulierte seine Forderungen an die Wissenschaft zurückhaltender. Für ihn geht es darum, Wissenschaftskommunikation als gesellschaftliche Aufgabe zu begreifen. Die vielen Ressourcen der Wissenschaftskommunikation sollten nicht nur in Marketingaktivitäten der Institutionen oder der Forscher fließen. „Es geht nicht nur um das Geld, das morgen fließt, sondern um das Geld von übermorgen.“ Es sei entscheidend, um Verständnis und Vertrauen für Wissenschaft als Ganzes zu werben – und nicht nur für einzelne Institutionen. Er drückte damit seine Befürchtungen aus, dass die Gesellschaft übermorgen vielleicht nicht mehr so wohlwollend der Wissenschaft und den Fakten gegenübersteht wie heute.

Ins gleiche Horn stieß der Wissenschaftsjournalist Jan-Martin Wiarda. Er sieht das Problem der Wissenschaftskommunikation darin, dass sie Ergebnisse publiziert, aber nicht an der gesellschaftlichen Debatte teilnimmt. „Die Wissenschaftskommunikation muss ihre Position anders begreifen.“

„Wir brauchen Wissenschaftskommunikation nach Innen“

Unterstützung bekamen die Forderungen der Wissenschaftskommunikatoren an das gesellschaftliche Bewusstsein der Forschung von einem Gast dieses Expertengesprächs, der selbst weder Parlamentarier noch Politiker ist, sondern Wissenschaftler durch und durch: von Prof. Reinhard Hüttl, Wissenschaftlicher Leiter des Geoforschungszentrums Potsdam, Vizepräsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und einer der Väter der eher konservativen Studie der deutschen Wissenschaftsakademien zur Wissenschaftskommunikation „Wissenschaft, Öffentlichkeit, Medien“ (siehe „Die Wissenschaftsakademien und Social Media – überfordert!„).

Hüttl betonte nicht nur die gesellschaftspolitische Rolle der Wissenschaftskommunikation, sondern stellte zugleich eine Forderung an die Wissenschaftskommunikatoren: „Wir brauchen Wissenschaftskommunikation nach Innen.“ Das ist tatsächlich in der Wissenschaftskommunikation ein neues Feld. Jeder Unternehmenssprecher weiß, dass die interne Kommunikation für die Stellung eines Unternehmens in der Gesellschaft ebenso wichtig ist, wie die externe. Doch interne Kommunikation wird in der Forschung bislang fast ausschließlich als Austausch und Diskussion von Ergebnissen unter Fachkollegen verstanden. Eine intensivere interne Kommunikation, auch und gerade zur gesellschaftlichen Bedeutung der Forschung, könnte tatsächlich ein Weg sein, das fehlende Bewußtsein unter den Wissenschaftlern zu stärken, einen „Kulturwandel in der Wissenschaft“ herbeizuführen, wie es Wilhelm Krull von der Volkswagenstiftung in meinem Thesenpapier fordert. So könnte ein Ergebnis des Gesprächs mit den Politikern sein, dass die Wissenschaftskommunikatoren sich neuen Aufgaben stellen müssen.

Die Krise des Wissenschaftsjournalismus – ein Thema am Rande

Natürlich wurde auch über die Krise des Wissenschaftsjournalismus gesprochen. Doch die Meinungen der Experten gingen weit auseinander. Sie lagen zwischen „Kein Geld vom Staat für Journalisten“, was vor allem Heidi Blattmann unterstrich, bis zur Förderung von Geschäftsmodellen für Wissenschaftsjournalismus im neuen Medienzeitalter (was ich selbst und Jan-Martin Wiarda befürworteten). Klar war, dass eine Förderung des Wissenschaftsjournalismus in der heutigen Form keines der Probleme lösen würde. Und auf meine provozierende These, dass die Rolle des Wissenschaftsjournalismus für die Wissenschaftskommunikation meist überschätzt wird, wurde kaum eingegangen. Dazu passt aber, dass die Krise des Wissenschaftsjournalismus als Thema eher am Rande stattfand.

Noch eine Diskussion am Rande: Natürlich wollten die CDU/CSU-Politiker auch wissen, was die geladenen Experten von dem Vorschlag ihres Koalitionspartners zu einer „Akademie für Wissenschaftskommunikation“ halten. Die Antworten waren offen, aber eher vage. Zu wenig ist bisher auch bekannt, was sich der Vorsitzende des Forschungsausschusses unter einer Akademie vorstellt, denn der Begriff ist vieldeutig. Die Reaktionen reichten von „vielleicht gibt es andere Möglichkeiten der Förderung“ bis zum Gegenvorschlag einer „Stiftung für Wissenschaftskommunikation“, die auch gleich noch die Wissenschaftsjournalisten fördern könnte.

Insgesamt weiß ich nicht, ob die Parlamentarier aus dem zweistündigen Gespräch viel für ihre Arbeit ziehen konnten. Hoffentlich bekamen sie ein klareres Bild, wie vielschichtig und komplex die Aspekte der Wissenschaftskommunikation sind und welche Bedeutung die Kommunikation der Wissenschaft für eine demokratische Gesellschaft hat. Ich denke, vor allem aber die Experten der Wissenschaftskommunikation konnten bei diesem Gespräch mitnehmen, wie viel die Wissenschaft und vor allem auch sie selbst für diese Gesellschaft tun können und müssen. Denn – wie sagte Prof. Vogel – eine demokratische Gesellschaft, das ist nichts Fernes, oder gar „andere Baustelle“, sondern „die Gesellschaftsform, die wir alle wünschen“.