Wozu eine Akademie für Wissenschaftskommunikation? – „Die Brücke zur Gesellschaft stärken“

Posted on 14. Mai 2019

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Interview mit dem SPD-Forschungspolitiker Dr. Ernst Dieter Rossmann

Mit dem Vorschlag, eine Akademie für Wissenschaftskommunikation zu gründen, hat der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Ernst Dieter Rossmann, Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, vor Kurzem Aufsehen in der Szene erregt. Doch es blieb weitgehend bei diesem Namen: Was steckt dahinter? Welche Formen, Aufgaben und Ziele soll diese Akademie haben, die die Wissenschaftskommunikation sicher stark aufwerten würde. Dr Rossmann erläutert seine Vorstellungen im Interview des Blogs „Wissenschaft kommuniziert“:

Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD), Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages.

Wissenschaft kommuniziert: Herr Dr. Rossmann Sie haben vorgeschlagen, eine Akademie für Wissenschaftskommunikation in Deutschland zu gründen. Wozu soll die dienen?

Rossmann: Ein solcher Vorschlag ist erst einmal ein Stein, der ins Wasser geworfen wird, um ordentlich Wellen zu schlagen. Wir brauchen diesen Wellenschlag, um zu klären, was an Wissenschaftskommunikation in welcher Struktur und welcher Qualität in Deutschland notwendig ist. Und auch, damit sich dann an einem konkreten Projekt die notwendige Fantasie entfalten kann.

Davon ausgehend würde ich die Aufgaben so umschreiben: Eine Akademie ist für mich grundsätzlich dadurch gekennzeichnet, dass sie in größter Freiheit herausragende und  erfahrene Geister und Gestalter zu gemeinsamen wichtigen Themen zusammenführt, hier zum Thema Wissenschaftskommunikation.

Mir ist dabei sehr wohl bewusst, dass es auch jetzt schon Akademien gibt, und das mit einer breiten inhaltlichen Auffächerung.  Und dass es auch Zusammenschlüsse von Akademien gibt. Aber wird das Thema Wissenschaftskommunikation dabei schon ausreichend und zukunftsorientiert  reflektiert? Ich meine, dass es mehr in den Mittelpunkt gestellt werden muss, als es gegenwärtig gegeben ist.

Weshalb? Wir leben in Zeiten, wenn ich das aus der Perspektive der Politik betrachte, wo früher viel stärker auf der Basis von Interessen und Werten politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche  Verhältnisse gestaltet worden sind. Jetzt kommt immer stärker eine Dimension hinzu, die an Wahrheit orientiert – und damit wissenschaftsorientiert ist. Wenn wir uns etwa die Verwissenschaftlichung von vielen Zukunftsfragen ansehen, nehmen wir  etwa den Klimawandel, die Biodiversität, die Ernährungsfragen oder die Digitalisierung, die Arbeits- und Kommunikationswelten oder die Globalisierung, die Migration  und das Auftreten von kulturellen und religiösen Interferenzen. Da geht es natürlich auch immer um Interessen. Aber es geht auch um ein besseres Verständnis der hochkomplexen, interdependenten Zusammenhänge, die wissenschaftlich begreifbar gemacht werden müssen, gewiss vorrangig naturwissenschaftlich, aber die Sozial- und Geisteswissenschaften spielen hier genauso herein.

Und daher wird es so wichtig, dass Menschen Zugang zu wissenschaftlichem Denken und zur Einschätzung von wissenschaftlichen Ergebnissen bekommen. Dazu ist eine Aufbereitung von Wissenschaft erforderlich, sei es von der Wissenschaft selber oder von einem qualifizierten Wissenschaftsjournalismus, auf dass  die Menschen für sich damit eigenständig und selbstbewusst meinungsbildend umgehen können. Hierfür Maßstäbe, Konzepte, Vermittlungsformen zu entwickeln, ist eine vorrangige Aufgabe  für solch eine Akademie. Die Akademie kann hierfür Menschen und Institutionen zusammenführen, etwa hochkompetente – in Wissenschaft wie Wissenschaftsvermittlung ausgewiesene – Wissenschaftler, hoch potente an Wissenschaft interessierte und motivierte Journalisten genauso wie einschlägige  Institutionen, z.B. Rundfunkanstalten, Verlage et cetera. Nicht vergessen werden dürfen auch kompetente Vertretungen aus dem Netzwerk der Bürgerforschung, die ja vielfach besondere Kompetenzen in der Wissenschaftskommunikation haben und vom Anspruch her Mittler sind. Das ist die erste Dimension.

Die Akademie kann auch selber wissenschaftliche Reflexion und Forschung zum Gegenstand Wissenschaftskommunikation anstoßen. Und auch die Evaluation initiieren und begleiten. Dafür braucht es einen Ort in einer Institution und der könnte diese Akademie sein. Das wäre eine zweite Dimension dieser Akademie.

Zum Dritten braucht es schließlich auch immer einen Ort, wo reflektiert wird, wie Wissenschaft miteinander kommuniziert.

Aus diesen Überlegungen ist unter dem Leitgedanken „Wissenschaftskommunikation wichtigmachen und ihr einen Ort geben“ die Idee einer Akademie für Wissenschaftskommunikation entstanden. Ob es dann eine eigene, eine neue und unabhängige Institution ist oder ob es nicht viel näher liegt, dies an vorhandene Institutionen anzubinden und diese aufzuwerten mit dem zusätzlichen Bereich Wissenschaftskommunikation – das ist etwas, was bei mir persönlich, wie in der SPD-Arbeitsgruppe, die sich mit diesem Thema befasst, noch nicht entschieden ist und wozu wir noch weitere Gespräche führen werden. Im Mai etwa fahren wir nach Halle zur Leopoldina die ja für die Wissenschaftskommunikation besonders profiliert ist, ebenso wie die acatech oder die Union der Akademien. Da kann diese Entscheidung reifen.

Der zentrale Punkt wird immer sein müssen, eine  Akademie in der besonderen Freiheit des Diskurses zu Analyse, Reflektion, Empfehlung zu verstehen, eben in akademischer Freiheit. Nicht umsonst werden im Grundgesetz Artikel 5 Wissenschaftsfreiheit und journalistische Freiheit gleichermaßen besonders geschützt. Davon ausgehend brauchen wir hier auch ein Forum, wo sich freier Journalismus und freie Wissenschaft zusammen auf einen guten Ansatz für Wissenschaftskommunikation verständigen können.

Sie denken also tatsächlich an eine Akademie wie es vorgeprägt ist in den Wissenschaftsakademien? Akademie ist ja ein sehr weiter Begriff. Auch Fortbildungs- oder Erinnerungs-Anstalten werden Akademien genannt. Das ist aber nicht in ihrem Sinne?

Ja, ich habe versucht zu erklären, warum wir tatsächlich eine Akademie wie eine Wissenschaftsakademie brauchen. Aber es ist auch nicht ehrenrührig, wenn sich aus der Wissenschaftsakademie eine Qualität heraus entwickelt, die auch andere Formen von Akademien erreicht, etwa Fortbildungsakademien.

Nur, wenn diese Fortbildungsakademien dann das Großthema „Wie verstehen wir Wissenschaft, wie beteiligen wir uns an Wissenschaft, wie kommen wir an einen Austausch von Wissenschaft mit Bürgergesellschaft, mit Wirtschaft, mit Politik ?“ aufgreifen wollen, dann braucht es dort auch qualifizierte Mittler. Klassische Mittler sind die Wissenschaftsjournalisten, klassische Mittler sind aber genauso auch Wissenschaftler, die jetzt schon unterschiedlich gut – einige sogar brillant – in Wissenschaftskommunikation eigene Qualitäten entwickelt haben.

Daher würde ich das gar nicht ausschließen, dass eine solche Akademie nicht nur  Menschen zusammenführt, die auf einem gehobenen Niveau  wissenschaftsbezogene Fortbildung machen, sondern dass dort  Konzepte sozusagen basisnah in Praxis, Methoden und Modelle erprobt und dazu dann auch Konzepte entwickelt werden. Die können sich dann fortpflanzen  in den Journalismus, die Wissenschaft, die Forschungseinrichtung und in die breitere Öffentlichkeit. Es wird dann eine genaue Konstruktionsfrage der Akademie sein, aber zwischen einer Akademie für Wissenschaftskommunikation und einer Akademie der wissenschaftlichen Bildung würde ich in diesem Sinne doch noch einen Unterschied sehen.

Diese Akademie wäre ja sehr wissenschaftsnah. Ist aber nicht gerade ein besonderes gesellschaftspolitisches Problem unserer Zeit die Bildung von wissenschaftsfernen Öffentlichkeiten, etwa über Social Media. Behindert die Wissenschafts-Nähe nicht gerade das Erreichen dieser wissenschaftsfernen Öffentlichkeiten, denen es mit „Fake News“ und „alternativen Fakten“ gerade gar nicht um wissenschaftliche Ergebnisse geht?

Einerseits erscheint eine solche wissenschaftliche Akademie natürlich vordergründig betrachtet – wenn ich sie sehe, wie die Leopoldina oder die Union der Wissenschaftsakademien – relativ weit weg von der Öffentlichkeit und der Gesellschaft. Aber sind sie das tatsächlich auch? Denn dort wird ja längst nicht mehr im Elfenbeinturm reflektiert, sondern da werden gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Fragen, oder wirtschaftspolitische Fragen, wissenschaftlich mit aufgenommen. Und diese Akademie für Wissenschaftskommunikation hätte ja auch die Chance, Repräsentanten aus dem, was man Citizen Science nennt, und deren  Fragestellungen  mit aufzunehmen. Sie würde daher die Brücke stärker machen zwischen dem, was klassische Wissenschaft im Sinne von Forschungssektoren und ihren jeweiligen  Systemtheorien ist, zu anderen gesellschaftlichen und ökonomischen Bereichen. Die Akademie für Wissenschaftskommunikation soll also von den Fragestellungen, aber auch von den handelnden Personen her, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bilden.

Ein zweiter Aspekt ist natürlich, wie kommen wir in einen Austausch mit Menschen, die sich innerlich von Wissenschaft verabschieden, die sie ablehnen oder finden, dass sowieso alles gefakt oder fremdbestimmt und letztlich sogar verschwörerisch gesteuert ist, oder die andererseits gar kein Interesse an diesen Fragen haben und die Fakten und Zusammenhänge nicht begreifen wollen, selbst wenn sie es bei gutem Willen und entsprechender Unvoreingenommenheit sehr wohl könnten. Die Freudschen Abwehrmechanismen aus der Tiefenpsychologie sind ja leider auch in der Rezeption von Wissenschaft mit wirksam.

Die Frage ist also: Wie kommen wir an diese Menschen heran? Eine wichtige Rolle kommt hierbei sicherlich der Breite und Vielfalt der Zugänge zu entsprechend aufbereiteten neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu. Die Grundhaltung ist hierbei wichtig. Ein ständig erhobener moralischer Zeigefinger wird gegen die Abwehrmechanismen genauso wenig helfen wie habituelle Fortschrittseuphorie oder chronische Angstmacherei und Skeptizismus. Das Kunststück wird es sein, Probleme und Sachverhalte mit einem fragenden Gestus zu unterlegen, damit Neugierde, Offenheit für neue Erkenntnisse und Alternativen dann letztlich auch zu einer fundierten Aneignung und reflektierten Einstellung führen können. Die klassische Methode der Mäeutik kann uns hier immer noch einen Hinweis geben, nicht in der Engführung hin zu einem bestimmten Ergebnis, sondern zu mehr Offenheit über das Instrument des Fragens, Nachfragens, in Frage Stellens.

Für den Brückenbau spielen natürlich die Leitmedien eine große Rolle, in Printform, im Radio, im Fernsehen und auch auf den Kanälen der Social Media.  Viel zu wenig beachtet wird die Breitenwirkung von journalistischen Produkte wie Heimatzeitung oder Regionalzeitungen. Dazu machen sich jetzt ganz soziale Medien auf den Weg, Newsletters, Plattformen, Blogs, Webseiten, Facebook – Gemeinschaften, sozusagen digitale „Einzelzeitungen“.

Und ich würde auch nicht die klassischen Weiterbildungs-Einrichtungen außen vor lassen, von den Volkshochschulen bis zu den Universitätsgesellschaften und den Hochschuleinrichtungen selbst, denn zunehmend werden akademische Bildung und Weiterbildung nachgefragt.

Wir verzeichnen hier eine Spaltung. Die Gesellschaft entwickelt einerseits wachsendes Interesse und wachsendes Verständnis. Es hat noch nie so viele Menschen in den modernen Industriegesellschaften gegeben, die sich wissenschaftsaffin, auch wissenschaftskompetent mit den Fragen der Gesellschaft auseinandersetzen können. Und andererseits beobachten wir eine tiefgehende Spaltung aus Desinteresse, Unwissenheit, Unzugänglichkeit oder auch aus Verweigerung, Abwehr und prinzipieller Ablehnung heraus. Angesichts dieser Spaltung müssen wir doch in einen Dialog kommen, der mindestens eine prinzipielle Offenheit für wissenschaftliche Erkenntnisse und Folgerungen schafft. Ein aktuelles Beispiel ist bis ins Parlament hinein der Streit um den Klimawandel und seine Ursachen.

Ich glaube, in Zukunft wird es viel mehr Streit geben, nicht um klassische Interessens- und Verteilungsfragen – das ist auch immer wichtig in der Politik und wird weiter wichtig bleiben –  sondern auch um Fragen der prognostischen Einschätzung: Wie entwickelt sich die Welt bei 1,5 oder 2 Grad Erderwärmung? Und was bedeutet das? Steht diese Erderwärmung in Relation zu den früheren Erderwärmungen und Eiszeiten? Da werden sich die Menschen alle ein Bild machen wollen. Aber das sollten Sie möglichst auf der Basis von wissenschaftlichen Grundkenntnissen tun, mit einer Einschätzung von Methodik, von Wahrscheinlichkeit, von all dem, womit sich Wissenschaft ja auch selbst relativiert. Dafür brauchen wir die breit angelegte Vermittlungsinstanz von Wissenschaftskommunikation.

Zur zentralen Instanz: Viele von den gesellschaftlichen Entwicklungen derzeit entstehen dezentral, etwa in in Social Media. Strömungen, die früher überhaupt kein Gewicht hatten, gewinnen durch die sozialen Medien enorm an politischer Bedeutung. Diese dezentralen Bewegungen erkennen aber zentrale Autoritäten gar nicht mehr an. Wie passt das zusammen?

Wenn das so ist, wie Sie es richtig schildern, dass wir leben – manche sagen: leben müssen –  mit einer weiteren Differenzierung auch in der Parteienlandschaft und einer enormen Differenzierung in der Medienlandschaft, mit einem hohen Grad an Eigenproduktion von Wissenschaftskommunikation, dann kommt es ja gerade nicht nur darauf an, was produziert wird und die „Produktionskapazitäten von Rohstoffen“ sinnbildlich gesprochen zu erweitern, sondern darauf, was wie rezipiert werden kann , sozusagen die Rezeptionskapazitäten zur „geistigen Veredelung“ . Welche Kompetenzen und Kommunikationswege haben wir, mit dem, was als „Wissenschaftsblockade“ daherkommt, kritisch umzugehen? Wir leben in einer globalen Wissenschaftswelt. Und brauchen dennoch ein Gerüst zur Einordnung von Wahrheiten und Werten aus anderen Teilwelten und der begleitenden Kommunikation von Wissenschaft. Der historische Bedeutungszuwachs von Wissenschaft geht einher mit einem Verlust an Autorität von anderen Instanzen, die den Menschen Weltsicht oktroyierten und garantierten. Was ist die Haltung zu neu aufwachsender wissenschaftlicher „Autorität“ und die selbstbewusst kritische Auseinandersetzung hiermit, um zu echter Aneignung im philosophischen Sinne und tragender Akzeptanz im psychologischen Sinne zu kommen? Ich glaube, dass wir  an dieser Stelle einen ganz anderen Bildungsaufbau brauchen werden. Aber um diesen Bildungsaufbau von der Kindertagesstätte über die Schule bis zur beruflichen Bildung und zum akademischen Studium wachsen zu lassen, braucht es auch Menschen,  die als Pädagogen, als Mediatoren diesen Anreicherungsprozess von Wissenschaft im Inhaltlichen wie auch Methodischen gelernt haben.

Wir kommen damit aber genau zu den Fragen, die eine Akademie für Wissenschaftskommunikation auch auf der kommunikativen Metaebene reflektieren und strukturell mit in die Diskussion bringen sollte. Wo sonst ist der Ort, wo wir gegenwärtig mit höchster Kompetenz diese Zukunftsfragen der Rezeption und der Vermittlung von Wissenschaft reflektieren können?

Ich meine, dass es Zeit wird, dass sich auch der Wissenschaftsrat mit dem Thema Wissenschaftskommunikation auseinandersetzt. Wir sollten dazu den Wissenschaftsrat um ein Gutachten bitten, auf dass er das Thema schnell aus seinem Themensilo nach oben holt, in dem es jetzt nach Aussage der Wissenschaftsrats-Vorsitzenden Brockmeier jüngst im Bildungs- und Wissenschaftsausschuss des Bundestages doch noch recht weit unten liegt. Dazu brauchen wir aber auch die Hochschulrektorenkonferenz, denn aus den Universitäten heraus entsteht nicht nur Wissenschaft als Erkenntnis. Dort werden ja auch die Menschen herangebildet, die Wissenschaft für ihre berufliche Entwicklung aufnehmen, die mit Wissenschaft später im Berufsleben außerhalb von wissenschaftlichen Institutionen agieren und die wissenschaftliche Erkenntnisse pädagogisch in die ganze Bildungsbiographie der Menschen hinein vermitteln. Wir brauchen dazu aber auch die Wissenschaftsorganisationen. Und wir brauchen dazu die ausgewiesenen Institutionen, die journalistische Arbeit im weiteren Sinne vermitteln, auch für Printmedien, auch für Social Media oder andere.

Es ist jetzt an der Zeit, dass sich die Menschen  rechtzeitig für eine Wissenschaftsgesellschaft der Zukunft öffnen und wir dazu Strukturen und Formen entwickeln, in denen sich die Menschen auf einen guten Umgang mit der Wissenschaft vorbereiten und auf sie einlassen können. Sie, wir werden es müssen und es wäre gut, wir würden es auch wollen.

Welche Wirkung haben die Kommunikation mit der Gesellschaft und auch die Veränderungen in der Gesellschaft – etwa das Thema Partizipation – welche Wirkungen hat das auf die Wissenschaft?

Das hat die Wirkung auf die Wissenschaft, dass sie sich selber in die Pflicht nehmen muss, offener zu werden. Ich sage es gerne noch einmal: Elfenbeinturm ist Vergangenheit. Und es wäre auch verkehrt, den Wissenschaftlern jetzt  eine solche Haltung von elitärem Rückzug zu unterstellen, wo sie ja Jahrzehnte dabei sind, sich zu öffnen. Nur wer sich öffnet, muss auch mit dieser Transparenz und Beteiligung von Nicht-Wissenschaft positiv umgehen können. Es geht viel öffentliches Geld, viel Energien in wissenschaftliche Arbeit hinein und eine Bürgeröffentlichkeit  – und nicht nur die verantwortliche Wissenschafts- und Forschungspolitik wird dann wissen wollen – was damit gemacht wird. Das muss dann auch von der Wissenschaft selbst vermittelt werden können. Und damit ist etwas anderes als „Verkaufen können“ und Marketing gemeint.

Es wird  kritische Gegenfragen geben zu dem Standard, unter dem wissenschaftliche Erkenntnisse auch wirklich einen Wahrheitsanspruch für sich beanspruchen können. Und das kann dann auch  Nobelpreis-verdächtige neue Erkenntnisse betreffen, dass sie kritisch betrachtet werden. Das ist auch gut so und notwendig, weil der Wettbewerb um Ruhm und Ressource natürlich auch Fehlverhalten hervorbringen kann, das dann ehrlich aufgedeckt und angesprochen werden muss. Die Zeit der „göttlichen“ Erkenntnisse ist vorbei.

Es wird schließlich Forderungen an die Wissenschaft geben, sich bei der gesellschaftlichen Gestaltung mit Expertise, aber auch mit Engagement einzubringen. Dies ist etwas, was jetzt diskutiert wird, wie es vor 60 Jahren so nicht in der Wissenschaft diskutiert worden ist. Jetzt ist es angekommen in den Hochschulleitungen und in den Forschungsinstituten. Man kann diesen Wandel an unseren bedeutenden und höchst renommierten Wissenschaftsorganisationen beobachten, etwa an der Helmholtz-Gemeinschaft, die sich lange nicht hatte vorstellen können, bei so etwas wie Schülerlaboren mitzumachen. Heute steht sie hier an der Spitze dieser Bewegung und engagiert sich selbst bei den Häusern der kleinen Forscher in den frühkindlichen Bildungseinrichtungen,  nicht nur weil sie so langfristig zur MINT-Förderung und Nachwuchsgewinnung beitragen will, sondern auch weil sie ihre Arbeit vermitteln will.

Und schließlich  wird es einen ganz anderen Austausch geben zwischen Wissenschaft als System und den übrigen gesellschaftlichen und ökonomischen Systemen, als wir das bisher hatten.  Dabei wird  es dann nicht nur um Wertschätzung gegenüber neuesten Erkenntnissen und Methoden gehen, sondern darum, dass die Wissenschaftskommunikation selber einen höheren Stellenwert im Wertegerüst der Wissenschaft bekommt. Das ist auch überfällig.

Sie haben als Vorsitzender des Forschungsausschusses sehr viel mit Wissenschaftlern zu tun. Ist die Wissenschaft heute schon dazu bereit? Oder anders gefragt: Welche Impulse kann da eine Akademie der Wissenschaftskommunikation setzen?

Es wäre vermessen, als Ausschussvorsitzender zu glauben, man würde das Wissenschaftssystem in allen Facetten, in allen Nischen erfassen. Deshalb nur ein paar Gedanken.

Um es ganz einfach zu sagen – auch bei Wissenschaftlern wird es immer wichtiger, dass sie ihre Probanden nicht mehr nur als Objekt, sondern als Subjekte wahrnehmen und auch mehr erklären „Was machen wir eigentlich mit den Menschen, die sich uns, für unsere wissenschaftliche Arbeit zur Verfügung stellen und die uns vertrauen?“  Diese Bereitschaft wächst erkennbar. Es gibt heute vielfach schon eine andere Beziehung von Wissenschaftlern zu den Menschen, mit denen sie umgehen. Eine Akademie kann zu dieser inneren Selbstverpflichtung Regeln für einen modernen „Eid von Wissenschaftskommunikation“ erarbeiten.

Auf der Ebene von Hochschulleitungen nehme ich wahr, dass diese zunehmend ihre Hochschule nicht mehr als abgeschlossenen Raum in einer eigenen Welt sehen, sondern sie beziehen vielfach  auch den Stadtteil, auch das soziale und kulturelle Umfeld, auch die Region  mit ein. Das geht dann auch deutlich über wirtschaftliche Kontakte und technologischen Transfer hinaus.

Die einen tun dies ganz selbstverständlich, etwa als Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, weil sie wissen, dass der Anwendungsbezug ihrer Wissenschaft auch immer eine Vermittlung voraussetzt. Andere Hochschulen bis in die Grundlagenbereiche hinein definieren ihr Selbstverständnis zunehmend auch über die sogenannte Dritte Mission des gesellschaftspolitischen Auftrags und treten in einen intensiven Austausch mit der Bürgergesellschaft ein. Sie fördern aus ihrem Leitbild heraus das wissenschaftliche Verständnis der Bürger und lassen sich von interessierten und engagierten Bürgern auch fordern. Fördern und Fordern bekommt hier eine ganz andere Konnotation. Citizen Science und March for Science sind Geschwister im Geiste.

Ich bin gewiss nicht euphorisch, aber realistisch-optimistisch, dass die intensivere Kommunikation auch in der Wissenschaft selbst mitgetragen wird. Natürlich gibt es auch Wissenschaftler, die für sich sagen, meine kostbare Lebens- und Arbeitszeit – oder die Gerätezeit – steht in keinem Verhältnis zu dem, was man da vor einer Schülergruppe, einer IHK-Versammlung, einem Gewerkschaftsrat oder in einem Bürgerkreis vermitteln könnte. Aber viele Wissenschaftler suchen von sich aus  den Austausch, weil er sie auch selbst befruchtet, aus der Wissenschaft heraustreten zu können, anderen Menschen Wissenschaft zu erklären oder auch über vermeintlich naive Fragen auf wichtige Vermittlungsprobleme oder vielleicht auch auf neue Erkenntnisse hingeführt zu werden. Das finde ich großartig. Und das macht Mut für eine kommunikative Wissensgesellschaft in der Zukunft.

Herr Dr. Rossmann, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.

Dr. Ernst Dieter Rossmann ist Diplom-Psychologe und promovierter Sportwissenschaftler. Er ist seit 1998 SPD-Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Pinneberg und seit Anfang 2018 Vorsitzender des Forschungsausschusses im Bundestag.