So schafft Wissenschaft mündige Bürger – Wie die „Leopoldina“ die Demokratie stärkt

Posted on 10. Juli 2019

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Blogautor Wissenschaft kommuniziert

Muss Impfen per Gesetz und Strafe verordnet werden, um alle zu schützen? Kluge Wissenschaft hat bessere Rezepte – und stellt sie zur Diskussion. (Foto: L. Masoner/Pixabay)

Viele Kollegen behaupten von mir und von diesem Blog, ich sei „kritisch“. Von den meisten ist dies sicher auch lobend gemeint (zuletzt Anette Leßmöllmann beim „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“), bei manchen aber klingt unausgesprochen auch das Wort „zu kritisch“ durch. Also höchste Zeit, einmal großes Lob auszusprechen – unausgesprochen „höchstes Lob“. Zu meiner Sicht auf Kritik am Ende mehr.

Mein deutliches Lob gilt dem jüngst veröffentlichten Diskussionpapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften „Leopoldina“ und der (sonst eher selten in Erscheinung tretenden) Akademie der Wissenschaften in Hamburg: „Gemeinsam Schutz aufbauen – Verhaltenswissenschaftliche Optionen zur stärkeren Inanspruchnahme von Schutzimpfungen“. Es geht um die breit diskutierte Impfmüdigkeit, oder auch Impfskepsis, in der Bevölkerung, und damit auch um die Absicht der Bundesregierung, per Gesetz eine Impfpflicht gegen Masern einzuführen.

Die fünf Autoren des Diskussionpapier werfen in ihrer Stellungnahme ein breites Spektrum wissenschaftlicher Kompetenz in die Waagschale. Unter ihnen ist nicht nur der Präsident der „Leopoldina“, Prof. Jörg Hacker, von Hause aus Infektionsbiologe und vor der Leopoldina lange Jahre Präsident des für Gesundheitsschutz zuständigen Robert-Koch-Instituts, sondern auch der Mikrobiologie Prof. Michael Hecker (Uni Greifswald), die Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation Cornelia Betsch (Uni Erfurt) sowie zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen der Abteilung „Wissenschaft-Politik-Gesellschaft“ der „Leopoldina“. Das Besondere des Papiers aber sind nicht seine sehr kompetenten Autoren – das ist ja bei allen Äußerungen der Wissenschaftsakademien guter Standard – das Besondere und Lobenswerte liegt in der Breite der wissenschaftlichen Sichtweise und in der Gesellschaftsnähe der Argumente dieses Diskussionspapiers. Ihre Haltung zu einer gesetzlichen Impfpflicht ist zumindest äußerst distanziert.

Prof. Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften „Leopoldina“, ist der prominenteste Autor der Vorschläge. (Foto: Leopoldina)

Da geht es nicht um Impfraten, um Herdenresistenz oder um die dicke Argumentationskeule, dass jeder Impfverweigerer die Gesundheit aller gefährde. Im Gegenteil: Hier wird betont, dass die meisten Menschen „hohes Vertrauen in die Sicherheit und Wirksamkeit von Schutzimpfungen“ haben. Und nur ein kleiner Teil der Bevölkerung „aus sehr unterschiedlichen Gründen Schutzimpfungen nicht oder nur unvollständig in Anspruch“ nimmt. Natürlich wird genannt, dass so die Eliminationsziele nicht erreicht und Ausbrüche von Infektionskrankheiten die Gesundheit von Einzelnen und der Gesellschaft gefährden. Doch: „Die Einführung von verpflichtenden Impfungen für bestimmte Personengruppen und gegen bestimmte Erkrankungen ist keineswegs trivial. Der Nutzen und die Auswirkungen von verpflichtenden Impfungen sind aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht nicht eindeutig und abhängig vom spezifischen Kontext.“

Sechs Empfehlungen zu Impfungen – ohne Gesetzespflicht und Strafe

Die Schlussfolgerung der fünf Wissenschaftler: „Die Autorinnen und Autoren dieses Diskussionspapiers machen deshalb darauf aufmerksam, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen (Anmerkung der Redaktion: Sie sagen nicht „andere Maßnahmen“!), die das Vertrauen in Schutzimpfungen und deren Inanspruchnahme erhöhen.“ Und empfehlen: „Konkret werden eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, die auch unabhängig von einer möglichen Einführung einer Impfpflicht zeitnah umgesetzt werden sollten.“ Vorsichtiger, aber auch deutlicher kann man als Wissenschaftler ein geplantes Gesetz nicht kritisieren.

Die Experten wissen aber auch Rat. Sie schlagen sechs Empfehlungen vor, die so lebensnah und fern von jeder wissenschaftlichen Besserwisserei oder einer obrigkeitlichen, strafbewehrten Gesetzespflicht sind, dass man sie als Musterbeispiel für den notwendigen Umgang der Wissenschaft mit der demokratischen Gesellschaft und ihren mündigen Bürgern hinstellen kann. Da wird die Vergesslichkeit von Menschen ebenso ernst genommen, wie die Unnahbarkeit von Institutionen, die meist dann geschlossen haben, wenn die Bürger Zeit haben, sie zu nutzen, oder die in den letzten Jahren rasch veränderten Lebensgewohnheiten und Prioritäten von Menschen unterschiedlichen Alters. Natürlich gehört auch eine offene, unabhängige Kommunikation über Impfen und Impfschäden dazu, etwa auch über Prominente und Kompetenzträger, sowie eine Begleitforschung, die den Nutzen der einzelnen Maßnahmen verfolgt und aufarbeitet. Ich will hier nicht die Einzelheiten kommentieren, empfehle vielmehr, sie im Originalton des Diskussionspapiers auf der Website der „Leopoldina“ nachzulesen. Ihr Kernsatz: „Es muss vor allem möglich sein, Schutzimpfungen leicht und ohne praktische Barrieren in Anspruch zu nehmen.“

Ein Musterbeispiel für Kommunikation der Wissenschaft mit der Gesellschaft

Denn es geht ja hier im Blog nicht um das Impfen, sondern um die Wissenschaftskommunikation: Um das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft. Und da wird immer klarer, Wissenschaft darf sich nicht darauf beschränken, ihre Forschungsergebnisse mitzuteilen. Sondern sie muss vor allem auch für die Gesellschaft kommunizieren, ihre Realität wahrzunehmen, Vorschläge zur Verbesserung zu machen, in einem Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft auf Augenhöhe. Und das heißt: Austausch. Es kann also nicht darum gehen, wissenschaftliche Ergebnisse zu verkünden, sie als Lösung der Probleme darzustellen und womöglich noch per Gesetz sie zur Verpflichtung werden zu lassen. Der Blick in die Gesellschaft und auf die realen Bedingungen, unter denen wissenschaftliche Erkenntnisse in der Praxis umgesetzt werden (hier das Impfen) gelingt durchaus, auch unter wissenschaftlichen Kriterien, wie das Beispiel dieses Diskussionspapiers zeigt.

Eine notwendige Voraussetzung dafür ist aber, dass das disziplinäre Denken der Wissenschaft überwunden wird, dass etwa hier nicht nur biologisch/medizinische Kompetenz in das Statement zum Impfen eingeflossen ist, sondern auch Kompetenz und Erfahrung aus dem politischen Feld mit verarbeitet werden , zu gesellschaftlichen Entwicklungen, zu organisatorischen Realitäten bis hin zu praktischer Kommunikation. Wissenschaft darf, wenn sie die Gesellschaft verstehen will, nicht monodisziplinär verstanden werden, sondern muss sich ganz breit aufstellen, so dass alle Disziplinen, die etwas zu sagen haben, mitwirken – eigentlich gerade eine Domäne der Wissenschaftsakademien. Doch die praktische Erfahrung darf auch nicht unter den Tisch fallen, was bei den Akademien dann schon eher selten ist.

Dann bringt, wie dieses Beispiel zeigt, Wissenschaft es tatsächlich fertig, mit detaillierten Empfehlungen Gesellschaft zu unterstützen, gesellschaftspolitisch zu kommunizieren. Ja sogar, die Demokratie direkt zu stärken. Denn für mich heißt Demokratie, dass mündige Bürger in freier Entscheidung ihr Leben und den Weg der Gesellschaft bestimmen, nicht aber, dass ihnen durch gesetzliche Verpflichtung und Strafandrohungen der für sie und die Gesellschaft vernünftige (weil wissenschaftlich gut begründete) Weg aufgezwungen wird – selbst wenn das nur eine kleine Minderheit betrifft. (Das neue Impfgesetz soll lediglich die Beteiligung an der Masernimpfung laut Gesundheitsminister Spahn von 93 auf 95 Prozent steigern). Und dieser Geist wird auch aus dem Papier der Wissenschaftsakademie „Leopoldina“ deutlich. Es zeigt, weshalb eine freie Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten Grundelemente einer funktionierenden Demokratie sind.

Empfehlungen zur besseren Organisation von Impfungen sind zugleich deutliche Kritik an den Gesetzesplänen der Regierung. Ach ja, bin ich nun „sehr“ oder „zu“ kritisch? Nun, ich persönlich mag Kritik (auch an mir selbst!), denn sie regt zum Nachdenken an. Ich habe lange genug in Schwaben gearbeitet, ohne allerdings die dortige Einstellung („Net g’schimpft is g’lobt genug“) zu teilen, sehe aber zumindest die dahinterstehende Logik ein: Für mich liegt das Lob „gut gemacht“ zu nahe an „gut gemeint“ – und das ist eine vernichtende Kritik. Ich orientiere mich bei der Realisierung von Projekten lieber daran, ob sie erfolgreich sind, analysiere zugleich den Erfolg, um herauszufinden, wie kann man sie noch erfolgreicher machen. Dazu gehört natürlich auch, Schwachstellen zu entdecken und zu sehen, wie man mit ihnen umgehen kann, sie möglichst in Stärken umzuwandeln. In diesem Sinne: Erwarten Sie also weiterhin an dieser Stelle einen kritischen Blog ;-).