2020, das große Jahr der Wissenschaftskommunikation – doch ganz anders als erwartet

Posted on 25. Mai 2020

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Das Virus, das alles über den Haufen geworfen hat: Wissenschaft ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. (Bild: Wikicommons)

Blogautor Wissenschaft kommuniziertEines war schon Ende 2019 klar: 2020 sollte das große Jahr der Wissenschaftskommunikation werden. Die Vorbereitungen auf höchster Ebene liefen: Kurz vor Jahresende hatte Forschungsministerin Anja Karliczek endlich das seit Jahren erwartete Grundsatzpapier zur Wissenschaftskommunikation vorgestellt; die Regierungsfraktionen und die FDP bereiteten je eine Entschließung zur Wissenschaftskommunikation vor, die im Februar verabschiedet werden sollte; der Wissenschaftsrat wollte bei einer Tagung in Tutzing mit Experten das gleiche Thema auf höchster Ebene diskutieren; und, und und…. Noch nie vorher waren Tagungen in dieser Prominenz und in dieser Zahl über Wissenschaftskommunikation geplant.

Doch dann kam alles ganz anders. Und dennoch wird 2020 als das große Jahr der Wissenschaftskommunikation in die Annalen eingehen.

Ende 2019 sah die Welt der Wissenschaftskommunikation noch anders aus: Forschungsministerin Karliczek bei der Präsentation ihres Grundsatzpapiers.

Corona: Ein winziges Virus hat alles auf den Kopf gestellt. Der vom Forschungsministerium geplante Spitzendialog zur Wissenschaftskommunikation „#FactoryWisskomm“: auf Ende September verschoben; die Entschließung des Bundestags zum Thema: Ende Mai jetzt erst einmal ein Hearing im Forschungsausschuss; der Forschungsgipfel 2020 in Berlin: abgesagt; die im Juni geplante Tagung „Wissenschaftskommunikation“ des Wissenschaftsrates in Tutzing: um elf Monate verschoben; die Jahrestagung des Bundesverbandes Hochschulkommunikation im September, eines der großen Branchentreffen: abgesagt; der jährliche Treffpunkt der ganzen Szene, das „Forum Wissenschaftskommunikation“ findet Anfang Oktober möglicherweise nur „hybrid“ statt, also vorwiegend virtuell – Entscheidung im Juni.

Und dennoch: Das Jahr 2020 wird das große Jahr der Wissenschaftskommunikation – dank des Corona-Virus. Denn dieses Jahr markiert einen Wendepunkt in der noch jungen Geschichte der institutionalisierten Wissenschaftskommunikation in Deutschland.

Der Drosten-Effekt: Nichts geht mehr ohne den Rat der Wissenschaft

Nach zwanzig Jahren Kampf um Anerkennung und Professionalisierung stehen Wissenschaft und ihre Kommunikation mit der Gesellschaft plötzlich im Mittelpunkt der öffentlichen Debatten, wie niemals vorher: Mit dem Corona-Virus als gesellschaftspolitisch beherrschendem Thema, aber auch mit kleinen Skandälchen oder Fehlleistungen, etwa bei der Kommunikation der Heinsberg-Studie, die deutlich gemacht hat, dass Wissenschaftskommunikation eben etwas anderes ist als landläufige PR.

Die Welt der Wissenschaftskommunikation hat sich schlagartig verändert: Anstatt als notwendiges Übel oder als Marketinginstrument für Drittmittel sehen Wissenschaftler plötzlich, welchen Einfluss sie durch Kommunikation mit der Gesellschaft gewinnen, als Einzelpersonen, als Institutionen und als Organisationen (ihre Studien sind Top-Themen für Zeitungen, Nachrichten und Talkshows, die Fernsehauftritte von Wissenschaftlern ungezählt); die offiziell bestellten Wissenschaftskommunikatoren kommen durch die Flut der Anfragen und durch Home Office an die Grenzen ihrer Professionalität (so sind auch die Klagen der Wissenschaftspressekonferenz – WPK zu interpretieren, und eigene Erfahrungen); die Stimmung der Gesellschaft gegenüber Wissenschaft hat sich schlagartig zum Positiven gewandelt (laut dem repräsentativen Wissenschaftsbarometer vertrauen jetzt fast 80 Prozent der Bevölkerung den Wissenschaftlern, vor Corona waren es etwa 50 Prozent).

Ein Wissenschaftler war immer dabei: Prof. Drosten in der Talkshow von Maybritt Illner.

Dazu kam ein ausgesprochener Glücksfall, den man nicht planen kann: Die Auftritte des Virologen Prof. Christian Drosten von der Charité in Berlin. Ein Wissenschaftler, den vorher kaum jemand außerhalb seiner Fachkreise kannte, wurde innerhalb weniger Tage nicht nur zum Medienstar, sondern zu einer Leitfigur in der Gesellschaftskrise – durch seine breite Kompetenz, durch sein Talent, auch schwierige Sachverhalte korrekt, anschaulich und argumentativ zu vermitteln, durch seine unaufgeregte, vertrauenerweckende Sachlichkeit, aber ganz besonders auch durch sein mitfühlendes, ja betroffenes Charisma, das weit entfernt war von Arroganz oder Besserwisserei des Katheders.

Die Welt der Wissenschaftskommunikation ist nach vier Monaten eine andere

Doch was hat sich nach drei Monaten Corona-Krise für die Wissenschaftskommunikation wirklich geändert? Zunächst einmal: Wissenschaft ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – stärker durch den Pull der verunsicherten Gesellschaft als durch den Push geschickter Wissenschaftskommunikation. Damit geht es nicht mehr allein darum, Ergebnisse einzelner Studien oder wissenschaftliche Hintergründe den Bürgern und Entscheidern nahezubringen. Damit steht die Wissenschaft auch mitten in den ganz normalen gesellschaftlichen Verteilungskämpfen um Deutungshoheit, um Verhaltensregeln und um oftmals auch berechtigte Interessen: Wissenschaft in der Mitte der Gesellschaft bedeutet natürlich aber ebenso: inmitten der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

Und die werden mit ganz anderen Mitteln und Zielen geführt, als Debatten im Milieu Wissenschaft. Hier geht es nicht darum, was ist richtig oder besser ist, sondern vor allem darum, sich durchzusetzen. Und dazu sind fast alle Mittel recht, bis hin zur Lüge. Dazu gehört auch, dass die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien für die eigenen Interessen instrumentalisiert und missbraucht werden.

Da kann und will Wissenschaft mit ihrer Kommunikation natürlich nicht mitmachen. Doch wäre die Alternative zu der neuen Position Rückzug auf das hergebrachte Kommunizieren von Forschungsergebnissen? Das wäre zwar einfach und würde vielen Wissenschaftlern gerade recht sein, die am liebsten unabhängig und frei von allen äußeren Einflüssen an ihren Projekten arbeiten. Doch Freiheit der Forschung bedeutet nicht Unabhängigkeit, schon gar nicht unabhängig von der Gesellschaft, die ihr diese Freiheit im Grundgesetz gewährt. Im Gegenteil, Wissenschaft hängt in Allem von dieser Gesellschaft ab, ganz besonders aber in ihren Privilegien, die sie für ihre Arbeit braucht. Ein Rückzug auf alte Muster birgt die große Gefahr, dass ihr diese Privilegien künftig Stück für Stück genommen werden. Diese Gefahr ist jetzt größer als früher, denn auch die Erwartungen aus der Gesellschaft an die Wissenschaft sind mit ihrer Rolle in der Corona-Krise gestiegen.

Eine neue Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft?

Was tun? Zunächst einmal Selbstbesinnung: Was ist die Rolle der Wissenschaft in dieser demokratischen Gesellschaft? Sicher nicht die eines Verkehrspolizisten auf dem Weg in die Zukunft. Viel eher die von vielen ganz unterschiedlichen Wegweisern. Sie kann auf Ziele hinweisen, sie kann die Länge und Schwere der Wegstrecken aufzeigen, kann unterschiedliche Wege nennen, lässt aber immer auch Alternativen zu. Man hört sie als Impulsgeber, Faktenlieferant, Mahner, ja auch Warner, aber die Bürger und die Entscheider sind frei, auch andere Wege einzuschlagen.

Doch um diese Rolle einzunehmen, muss Wissenschaft anders kommunizieren als bisher. Eine Nabelschau der eigenen Leistungen genügt da nicht. Etwas anderes ist es aber nicht, wenn Wissenschaftskommunikation vor allem dazu dient, neue Erkenntnisse zu vermitteln, die individuellen Profile von Forschungsinstitutionen und einzelnen Forschern zu untermauern.

Wissenschaft muss vor allem lernen, auf den Bedarf, die Fragen und die Realitäten in der Gesellschaft zu hören. Ein Zuwortkommenlassen der Bürger allein reicht nicht (meist als „Dialog“ ausgeschildert). Wissenschaftskommunikation muss ein wirksames Zweiwege-Instrument für die Wissenschaft werden, eine echte Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Das bedeutet zugleich: Wissenschaftskommunikation muss viel stärker Entwicklungen in der Gesellschaft wahrnehmen, selbst aktiv werden und in die Wissenschaft hinein kommunizieren, dort gesellschaftliches Bewusstsein anregen. Da, scheint mir, gibt es noch erhebliche Defizite.

Die Wissenschaft steht jetzt vor der Entscheidung, wie es nach Corona weitergehen soll mit ihrer Rolle in der Gesellschaft. Setzt sie ihre Kommunikation fort, wie vorher, zieht sich wieder zurück, oder nimmt sie die Chance war, die die Krise bietet. Was ist heute anders als vor Corona? Ich habe versucht, einige wichtige Punkte – bei weitem nicht vollständig, aber als Denkanstöße vielleicht interessant –thesenhaft zu formulieren:

Wenn Wissenschaft in der Mitte der Gesellschaft und ihrer Debatten steht, wird das Interesse an ihrer Wegweisung und ihre Akzeptanz umso größer sein, je unsicherer die gesellschaftliche Situation, je offener die gesellschaftlichen Entscheidungen sind. Je mehr die Sicherheit dann wieder wächst, umso lauter, häufiger und unwissenschaftlicher wird die Kritik an ihr sein. Damit muss Wissenschaftskommunikation in dieser Gesellschaft fertig werden.

Wissenschaft braucht Gallionsfiguren, die neben höchster und auch breiter fachlicher Kompetenz auch menschlich hervorragende Qualitäten besitzen, Charisma haben, die Bürger mitnehmen können. Diese Persönlichkeiten gilt es – als Wissenschaftskommunikatoren – zu entdecken, anzuerkennen und zu pflegen (weshalb der Communicator-Sonderpreis für Prof. Christian Drosten eine kluge Entscheidung war). Aber Wissenschaftskommunikation braucht nicht nur die Bigshots, sondern auch die jungen Forscher, die Kommunikation in die Breite tragen. Dazu wiederum braucht es die entsprechenden Anerkennungssysteme.

Je mehr die Wissenschaft im Mittelpunkt der Gesellschaft steht, umso stärker wird das Bemühen unterschiedlicher Kräfte, Wissenschaft und ihre Aussagen zu missbrauchen und (etwa durch Verschwörungstheorien) zu kompromitieren, sie für eigene Interessen auszuspielen. Wissenschaftskommunikation muss Wege finden, dies zu konterkarieren und schein-wissenschaftlichen Argumentationen zu widersprechen, um die Glaubwürdigkeit der Forschung zu bewahren.

Wissenschaftskommunikation braucht ein neues Zielgruppenverständnis, das nicht mehr vorwiegend die Wissenschaftsinteressierten, sondern vor allem die „passiven Unterstützer“ (nach dem Zielgruppenmodell von M. Schäfer) anspricht und erreicht. Diese passiven Unterstützer sind zwar grundsätzlich positiv gegenüber Forschung eingestellt, ohne dass Wissenschaft aber einen großen Raum in ihren Interessen einnimmt. Sie sind in unserer Gesellschaft die Mehrheit. Priorität müssen bei den Themen Relevanz und Qualität der Forschung haben, die Profilierung der eigenen Institution folgt daraus dann fast automatisch.

Wissenschaftskommunikatoren selbst müssen aktiv werden, um die immer noch deutliche Distanz zwischen ihnen und den Wissenschaftlern zu überwinden. Wenn die Wissenschaftskommunikation zur Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft werden soll, ist sie nicht nur „Chefsache“, wie dies der Siggener Kreis gefordert hat, sondern braucht vor allem auch eine enge Verbindung zur Forschung. Eigentlich ist Kommunikation intrinsischer Teil jeder wissenschaftlicher Arbeit: Wissen schaffen. Und das nicht nur für sich allein.

Das Nachdenken hat gerade erst begonnen

Soweit erste Gedanken zur neuen Situation der Wissenschaftskommunikation nach den Erfahrungen der Corona-Krise. Jeder Denkanstoß, jede Meinung dazu hilft, die Chance dieser Krise zu nutzen, um die Stellung von Wissenschaft in unserer Gesellschaft zu festigen. Denn eines ist sicher: So wie vor Corona wird es nicht wieder. Die große Frage: Aber wie wird es? – Es wird weiter nachgedacht.