Boetius: „Struktur- und Kulturwandel“ – Wissenschaftskommunikation nach Corona

Posted on 2. Juni 2020

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Die Meeresbiologin Prof. Antje Boetius gehört zu den führenden Persönlichkeiten der Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Sie fordert sie einen „Struktur- und Kulturwandel für die Wissenschaftskommunikation“. In einem Statement vor dem Forschungsausschuss des Bundestages skizzierte die Vorsitzende des Lenkungsausschusses von „Wissenschaft im Dialog“, Helmholtz-Vizepräsidentin und Chefin des Alfred-Wegener-Instituts die Herausforderungen für die Wissenschaftskommunikation. Wir publizieren ihre Vorschläge und eine Ergänzung aus der Diskussion mit den Abgeordneten – ein Gastbeitrag.

Prof. Dr. Antje Boetius fordert mehr Strategie und Förderung für die Wissenschaftskommunikation und ihren Beitrag zum Struktur- und Kulturwandel in der Gesellschaft. In ihrem Gastbeitrag beschreibt sie die Defizite und Herausforderungen.

 

Als Vorsitzende des Lenkungsausschusses von Wissenschaft im Dialog und Vizepräsidentin der Helmholtz-Gemeinschaft sowie Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, begrüße ich die Thematisierung der Frage, wie Wissenschaftskommunikation in Deutschland übergreifend gestärkt werden kann. Das reicht von Fragen in den Bereichen Ausbildung und Praxiserfahrung über eine Diskussion der (Geschäfts-)Modelle verschiedener Kommunikationskanäle bis hin zu Angeboten für die Vielfalt der Bürger*innen, Wissenschaft und Kunst zu begegnen.

In meinen unterschiedlichen Rollen teile ich die im Antrag der Koalition geschilderte Analyse, dass “die Wissensgesellschaft der Zukunft (…) eine umfassende und hochwertige Wissenschaftskommunikation” braucht. Gerade vor dem Hintergrund des aktuellen öffentlichen Diskurses rund um die Corona-Pandemie wird deutlich, welche Relevanz der Bereitstellung vertrauenswürdiger Informationen aus der Wissenschaft, der unabhängigen journalistischen Recherche und der Ermöglichung öffentlichen Dialogs zu gesellschaftlich relevanten Wissenschaftsthemen zukommt.

Von zentraler Bedeutung ist es dabei, gute Wissenschaftskommunikation zu betreiben und zu fördern. Dies bedeutet, dass wir faktenbasierte Information bereitstellen, ehrlichen Umgang mit Unsicherheiten und Komplexitäten pflegen und vor allem auch die verschiedenen Methoden und Rollen von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft bei Risikoabschätzung und Handlungsoptionen verdeutlichen.

Verständnis für die Akteure ist Voraussetzung guter Kommunikation

Voraussetzung für die Förderung entsprechend guter Wissenschaftskommunikation ist es, ein Verständnis für die verschiedenen Akteure und bereits bestehenden Organisationen und Netzwerke in der Wissenschaftskommunikation und ihre jeweiligen Rollen zu schaffen. Viele der genannten Aufgaben und Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation gehören etwa schon heute zum Betätigungsfeld von Wissenschaft im Dialog – der übergreifenden Organisation der deutschen Wissenschaft für Wissenschaftskommunikation – hinter der alle großen deutschen Wissenschaftsorganisationen stehen, die viele Stiftungen zu Partnern hat, und die beispielsweise in den Wissenschaftsjahren oder im Bereich der Qualitätsentwicklung gemeinsam oder mit Unterstützung des Bundesministerium für Bildung und Forschung handelt.

Wir freuen uns, dass die Koalitionsparteien und die FDP in ihren Anträgen Wissenschaft im Dialog selbst, aber auch viele andere Aktivitäten aus ihrer Förderung von Wissenschaftskommunikation hervorgehoben haben. Von der Citizen Science-Plattform Bürger schaffen Wissen über die Wissenschaftsjahre bis hin zu Institutionen für den Zukunftsdialog wie das Futurium, oder für Begegnung mit dem Wissenschaftsjournalismus wie bei NaWik und der WPK. Das Grundsatzpapier des BMBF zur Wissenschaftskommunikation hat dazu weitere Impulse gegeben – wie die schlichte und richtige Schlussfolgerung, dass Wissenschaftskommunikation Teil der Leistung von Wissenschaft ist. Neben vielen positiven Entwicklungen bestehen dabei aber auch noch erhebliche Lücken in der strategischen Entwicklung und Förderung von Wissenschaftskommunikation, auf die ich im Folgenden eingehen möchte.

Als Vorsitzende des Lenkungsausschusses von Wissenschaft im Dialog, Helmholtz-Vizepräsidentin und Forscherin mit engen Bezügen zu allen Wissenschaftsorganisationen und zu einer Vielzahl von Beratungsgremien wie dem Wissenschaftsrat, dem Hightech-Forum oder dem Europäischen Forschungsrat kann ich bestätigen, dass sich die Wissenschaft grundsätzlich ihrer wichtigen Funktion in der Bereitstellung von Wissen bewusst ist. Das gilt sowohl für Wissen, das, wie für die Grundlagenforschung typisch, immer wieder die Grenzen von menschlicher Erkenntnis verschiebt – als auch für Anwendungswissen. Wissen, das beispielsweise für die Bewältigung einer Krise benötigt wird, das Risikoabschätzung und -monitoring erlaubt, das Lösungen für Probleme schafft und das Simulationen erstellt, also Zukunftsbilder nach denen die Politik und die Bürger*innen entscheiden können.

Kommunikation muss fundamentale Leistung der Wissenschaft sein

Viele der jüngeren Wissenschaftler*innen sind wesentlich experimentierfreudiger geworden und nutzen gerne die zunehmende Vielzahl von Kanälen und Ausdrucksformen, um ihr Wissen zu teilen. Sie dabei von Anfang an zu unterstützen, mit Lehr- und Lernangeboten, oder auch einfach nur in der Erprobung, Erkenntnis und Entdeckung zu teilen, was Bestätigung und Freunde mit sich bringt – da kann noch einiges getan werden. Oft auch mit einfachen Mitteln wie Preisen, Stipendien, Unterstützung durch Pauschalen bei Forschungsanträgen, Unterstützung in der Gewinnung von Sichtbarkeit und Experimentierraum. Wir älteren und erfahrenen Forschenden müssen dabei eine Vorbildrolle einnehmen, dazu gehört auch, mutig zu sein, eine Haltung einzunehmen und uns auf Basis unseres Wissensschatzes auch gerade in die Bereiche vorwagen, die politisiert sind und werden.

Damit Forschende der Kommunikation ihrer Wissenschaft entsprechende Relevanz einräumen können, muss Wissenschaftskommunikation und der Dialog zwischen Forschung und Öffentlichkeit entsprechend auch als eine fundamentale Leistung der Wissenschaft gefördert werden. Die Kommunikation ist in allen Säulen der Wissenschaft – Forschung, Lehre und Transfer – Voraussetzung für Wirkung und dynamische Entwicklung.

Das ist eigentlich auch unstrittig in den vorgelegten Papieren. Jedoch fehlt es Wissenschaft, Wissenschaftspolitik und -management nach wie vor an reflexiven Methoden der Steuerung, der Anerkennung sowie der Indikatorik zur Leistungsbeurteilung im Bereich von Kommunikation und Wissenstransfer. Hier geben das Papier des Wissenschaftsrates von 2016, die Papiere der Helmholtz-Gemeinschaft aus 2016 und 2019, die Siggener Impulse sowie das aktuelle Strategiepapier von Wissenschaft im Dialog wichtige Hinweise. Solange die Leistungen der Wissenschaft und der Wissenschaftler*innen in quantitativen Indikatoren wie Veröffentlichungen, Drittmittel und Patente gezählt werden, kann die Relevanz, Strategie und Qualität ihrer Wissenschaftskommunikation nicht ausreichend berücksichtigt werden. Das zu ändern, muss auch Ziel eines politischen Handelns zur Förderung von Wissenschaftskommunikation sein.

Nun zu weiteren Punkten aus den Anträgen der CDU/CSU und SPD sowie der FDP, die zu Recht die Stärkung von Prozessen übergreifender Strategiebildung sowie nachhaltiger – auch institutioneller – Förderformate in den Blick nehmen: Es braucht unbedingt Angebote entlang des gesamten Ausbildungs- und Karriereweges derjenigen, die öffentlich über Wissenschaft und Forschung kommunizieren – seien es solche, die Forscher bleiben, oder jene die sich innerhalb oder außerhalb des Wissenschaftssystems in der Wissenschaftskommunikation professionalisieren. Es gibt großen Bedarf an sinnstiftender Kommunikation und an der Einordnung entlang ethischer und politischer Werte und Ziele. Sich entsprechend zu orientieren, hinzuhören und weiterzudenken braucht aber auch Zeit, Möglichkeiten und Arbeitsteilung sowie ein hohes Qualitäts- und Strategiebewusstsein.

Langfristige Förderung für Wissenschaftskommunikation ist notwendig

Hier sollten die entsprechenden Angebote regelmäßig und systematisch überprüft und weiterentwickelt werden. Dabei gilt es zunächst, die wenigen Institutionen, die sich erfolgreich etabliert haben, auch auskömmlich zu unterstützen. Akteure wie das Haus der kleinen Forscher, das NaWik, das Science Media Center, die WPK, Wissenschaft im Dialog mit seinen Foren, und Begegnungsräume für die Kommunikatoren sollten nachhaltig gefördert werden, so dass sie sich strategisch weiterentwickeln können. Es sind wenige, die unter sich schon sehr gute Abstimmungsprozesse pflegen, sodass hier ein grundsätzliches Vertrauen in Mehrwert und Arbeitsteilung angemessen ist. Da kann ich den Antrag der Fraktionen von CDU/CSU und SPD nur unterstützen, hier hinzuschauen und für verlässliche Bedingungen in der Förderung zu sorgen.

Ich möchte darauf hinweisen, dass viele Aktivitäten der Wissenschaftskommunikation in Deutschland noch immer weitgehend auf private Stiftungen und Drittmittel basieren und diese oftmals nur projektartig gefördert werden – angefangen bei Wissenschaft im Dialog, und dem Science Media Center bis hin zu vielen Formaten auch im Nachwuchsbereich, die nicht auskömmlich finanziert sind. Für eine grundsätzliche Absicherung der Leistungs – und Strategiefähigkeit von Akteuren im Bereich der Wissenschaftskommunikation sind Konzepte für die langfristige Förderung unerlässlich. Nur so können aus meiner Sicht Qualitätssicherung und systemübergreifende Zusammenarbeit erfolgen.

Um zukünftig mehr und vor allem mehr hochwertige Wissenschaftskommunikation in Deutschland ermöglichen zu können, bedarf es daher auch Veränderungen im Wissenschaftssystem und an seinen Schnittstellen zu Medien und dem Wissenschaftsjournalismus, zur Politik und Politikberatung wie auch zur Gesellschaft und Öffentlichkeit. Bedeutsam wird es sein – wie im Antrag betont wird –, die Wissenschaftskommunikation stärker in der Forschungsförderung und in den grundlegenden strategischen Prozessen des Wissenschaftssystems und der Allianz-Organisationen zu verankern.

Diesen Kultur- und Systemwandel braucht es vor allem deshalb, damit Wissenschaftlerinnen einerseits als zentrale Akteurinnen der Wissenschaftskommunikation agieren und andererseits von Arbeitsteilung profitieren können. Auch wenn viele Forscher*innen bereits aufgrund intrinsischer Motive an Wissenschaftskommunikation mitwirken, wie wir es ja gerade auch in der Corona-Kommunikation beispielhaft sehen, kann deren Förderung in der Breite nicht ohne Anreize oder Verankerung in den Unterstützungs- und Anerkennungssystemen der Wissenschaft funktionieren. Dazu braucht es übergreifende, institutionalisierte und professionalisierte Angebote und ein Bewusstsein der Ressourcen. Sonst läuft jeder nur dem nächsten Drittmittelprojekt, der nächsten „Karotte“ hinterher.

Wissenschaft muss ihre Rolle in der Gesellschaft reflektieren

Gerade die Rolle kommunizierender Forscherinnen während der Corona-Pandemie macht deutlich, dass es nicht nur um eine Befähigung von Wissenschaftlerinnen zu zielgruppengerechter und allgemeinverständlicher Kommunikation über wissenschaftliche Erkenntnisse geht, sondern diese auch Möglichkeiten brauchen, ihre gesellschaftliche Rolle und die Verantwortung der Wissenschaft sowie das Verhältnis von Forschung zu den Medien und einer möglichen Medialisierung von Wissenschaft zu reflektieren. Nur dann können sie angemessen kommunizieren. Wir lernen auch: manchmal brauchen diese Wissenschaftler Ihren und unseren Schutz gegen Hetze und Hetzkampagnen. Auch daran muss gedacht werden bei den Unterstützungsmodellen für Wissenschaftskommunikation.

Die jüngsten Ereignisse und Herausforderungen an die Wissenschaftskommunikation im Bereich Umwelt-, Natur- und Klimaschutz wie zuletzt auch bei der Bewältigung der Corona-Krise zeigen den Bedarf, auch Förderformate der Wissenschaftskommunikation mit breiter Reichweite in die Gesellschaft in den Blick zu nehmen. Das gilt für den Bereich des Wissenschaftsjournalismus, aber auch und gerade für die Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Medien und dem Kunst- und Kreativbereich.

Ebenso zeigt sich derzeit, wie essentiell ein gut funktionierender Wissenschaftsjournalismus in Krisensituationen ist. Wie sonst gelänge schnell und in gebührend unabhängiger, kritischer Haltung Recherche, Synthese, Schlussfolgerung, Empfehlung und Einordnung des komplexen wissenschaftlichen Wissens. An dieser Stelle möchte ich daher auch nachdrücklich für die Förderung des Wissenschaftsjournalismus als essentielles Element der Wissenschaftskommunikation jenseits von Akademia werben. Beide Systeme stehen im Austausch miteinander. Auch hier gilt es, die Themen Ausbildung und Nachwuchs sowie Karrierewege und Qualitätsmanagement zusammen in den Blick zu nehmen.

Wissenschaftsjournalismus als „Korrektiv“ fördern

Wissenschaftsjournalismus hat nicht nur wegen der Übersetzungsleistung von Forschungsergebnissen zu gesellschaftlich relevanten Erkenntnissen, sondern gerade auch wegen seiner Funktion als “Korrektiv” und aufgrund von Reichweiten auch in wissenschaftsferne gesellschaftliche Bereiche eine essentielle Aufgabe, die extrem hohes Wissen und Vernetzung sowie Fähigkeit zu systemischem Denken voraussetzt. Gefördert werden sollten unabhängige Stipendien für alle Karrierestufen, um Recherche-Sabbaticals zu fördern, Austausch mit anderen Akteuren einschließlich Forschung, Preise für Wissenschaftsjournalismus in der Vielzahl der Kanäle und Themen wie auch für Lebensleistung in bestimmten Wissenschaftsbereichen, aber auch Gastprofessuren für Wissenschaftsjournalismus.

Die im Antrag der Koalition benannte “Agentur für Wissenschaftskommunikation” könnte sich diesen Aufgaben widmen, es wären auch andere Modelle denkbar. Eine derartige Struktur sollte vor allem auch bei der Förderung innovativer Ansätze der Wissenschaftskommunikation in und an den Schnittstellen der gesellschaftlichen Teilsysteme Wissenschaft, Medien, Wirtschaft, Kunst und Politik tätig sein. Wir brauchen in diesem Bereich neben den bewährten Formaten und Methoden auch Experimentierräume wie Programme zur Unterstützung langfristiger Projekte beispielsweise zur Gewinnung von Zielgruppen, die keine Nähe zur Wissenschaft aufweisen oder nicht aktiv nach Informationen zu wissenschaftlichen Themen suchen. Hier schlage ich vor, besonders auch unter Berücksichtigung der verheerenden Wirkung der Pandemie-Maßnahmen auf Kultur, Kunst- und Kreativwirtschaft, neue Experimentierräume zu fördern und ein Konjunkturprogramm für den Geist, die Begegnung und den Dialog rund um Wissen aufzulegen. Bei Experimenten muss gewährleistet sein, dass Projekte scheitern können und aus dem Scheitern gelernt wird.

Nachdrücklich unterstützen will ich auch die Forderung nach mehr strategischer Zusammenarbeit zum Thema in der Allianz der Wissenschaftsorganisationen. Wie ein derartiger Wandel der Wertschätzung der Wissenschaftskommunikation und des Wissenstransfers für alle beteiligten Akteure gewinnbringend gelingen kann und welchen Zielen dieser dienen soll, dazu hoffen wir unter anderem auch in der #factorywisskomm zusammenzuarbeiten.

Die „Science of Science Communication“ und Wertedebatten stärken

Um tatsächlich durch gute Wissenschaftskommunikation auf die Wissenschaftsmündigkeit von Bürgerinnen, auf evidenzbasierte persönliche und gesellschaftliche Entscheidungen sowie auf ein Vertrauen in das Wissenschaftssystem hinwirken zu können, müssen wir noch mehr darüber wissen, wie unsere Aktivitäten und Formate auf welche Zielgruppen wirken und wie diese zukünftig noch verbessert werden können. Eine Stärkung der Evaluations-und Wirkungsorientierung in der Wissenschaftskommunikation und der Forschung zu Wissenschaftskommunikation ist daher ein weiteres wesentliches Element der strategischen Weiterentwicklung. Wissenschaft im Dialog baut in diesem Bereich derzeit bereits eine Plattform für Evaluation und Wirkung in der Wissenschaftskommunikation auf. Zentral ist es aus unserer Sicht hierbei, Ergebnisse und Erkenntnisse der Forschung so aufzubereiten, dass sie in die Praxis der Wissenschaftskommunikation Eingang finden und dort zu Verbesserungen führen können. Gleichzeitig gilt es, praktische Kontexte von Wissenschaftskommunikatorinnen in der science of science communication anzuerkennen und einzubeziehen.

So wird es auch wichtig sein, Akteure aus der Kommunikation und aus der Forschung einzubeziehen, um gemeinsam Kriterien für gute Wissenschaftskommunikation und deren Förderung wie auch entsprechende Qualitätssicherungsprozesse und reflexives Monitoring zu entwickeln. Diese gilt es bei einer zukünftig verstärkten Förderung von Aktivitäten in diesem Bereich zu beachten. Die öffentliche Kommunikation über Wissenschaft und Forschungserkenntnisse in der Corona-Pandemie macht dabei deutlich, dass Reflexion über und Kriterienentwicklung für gute Wissenschaftskommunikation gerade auch im Bereich der Politikberatung sowie in Krisensituationen insgesamt von hohem gesellschaftlichem Wert sind. Im Nachgang ist es wichtig, auch hier Forschung und Diskussion anzuschließen und für die Zukunft zu lernen.

Vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen und Anforderungen an die Wissenschaftskommunikation müssen für alle die genannten Aufgaben mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, die gute Wissenschaftskommunikation und die entsprechenden Unterstützungsstrukturen fördern. Eine langfristige und systemische Perspektive in der Förderung von Wissenschaftskommunikation ist unerlässlich. Zukünftige Förderung der Wissenschaftskommunikation soll dabei nicht nur zu einem quantitativen Aufwuchs an Maßnahmen beitragen, sondern eine Wissenschaftskommunikation ermöglichen, die die jeweilige Zielgruppe im Sinn hat und einen produktiven, lernenden und von Vertrauen geprägten Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ermöglicht. Für diese sollten wir uns gemeinsam stark machen.

 

Ergänzend noch die Antwort von Frau Prof. Boetius auf die Frage des CDU-Abgeordneten Stefan Kaufmann, wie denn nach ihrer Meinung ein gutes Konjunkturprogramm für die Wissenschaftskommunikation aussehen würde:

Ein „Konjunkturprogramm für Wissenschaftskommunikation“

Stefan Kaufmann hat gefragt, wie sähe denn ein gutes Konjunkturprogramm für Wissenschaftskommunikation aus? Von einzelnen von Ihnen kamen schon Hinweise und es steht eine Liste in den Papieren. Aber wenn ich Sie jetzt fragen würde, „was gibt’s denn noch außer Haus der kleinen Forscher?“, „Wo gibt’s denn noch so Angebote wie bei Science Media Center?“, dann wird es sehr dünn. Die aufgezählten Aktivitäten sind zumeist noch nicht nachhaltig, verlässlich und langfristig gefördert.

Wenn man überlegt, was ein Konjunkturpaket erreichen soll, dann braucht es erst einmal eine systemische Analyse. Wie fördert man effizient? Wie schafft man den Anreiz zu mehr Selbstständigkeit, und um bestimmte Zeiträume zu überbrücken, in denen es mit der Konjunktur nicht klappt? Solche analytischen Papiere liegen schon länger vor. Das ist zum Beispiel im Papier des Wissenschaftsrats gefordert, dass die Wissenschaftskommunikation, sowohl der Wissenschaft, als auch im Journalismus, vor allem bei der Digitalisierung, für Umgang mit der Vielzahl von Kanälen gefördert werden soll. Das geht eben nicht so nebenher.

Der zweite Vorschlag ist Förderung des Wissenschaftsjournalismus, und da will ich nur kurz darauf eingehen, weil noch drei Fragen dazu kommen: Die veränderten Arbeitsbedingungen der medialen Akteure und die veränderten Arbeitsbedingungen der Wissenschaft müssen in den Blick genommen werden. Es braucht mehr Unterstützung für Durchlässigkeit zwischen Wissenschaft und Wissenschaftsjournalismus, und für gegenseitiges Lernen in den Karrierewegen. Es braucht unabhängig geförderte Praxiserfahrung und dafür unabhängige Stipendien, Reisemittel und Projektförderung.

Drittens: Gute Wissenschaftskommunikation ist nichts, was bei Hochschulen und Forschungsinstituten nebenher läuft. Denn sie braucht Strategien, sie braucht Wirksamkeitanalysen, sie will evaluiert werden, sie soll Feedback kriegen. Sie muss dazulernen, die Dinge aus der systemische Erforschung der Wirkung von Wissenschaftskommunikation und die Entwicklung von Qualitätskriterien. Die Leistung von Institutionen in diesem Bereich ist oft nicht nachhaltig aufgestellt, nichts systematisch gefördert. Wissenschaft sollte hier erheblich unterstützt werden durch Ermöglichungsstrukturen wie WK-Büros.

Der Alltag ist stattdessen oft geprägt von einer wirklich sehr kleinteiligen, kurzfristigen Förderung der Wissenschaftskommunikation, die dem eben nicht gerecht wird, was sie leisten soll. Wenn sie sich selbst mal einen Moment fragen Wie viel Geld geben wir denn wohl eigentlich in die Wissenschaftskommunikation, als Teilleistung der Forschung oder der Medien? Sie werden finden, sie können die Frage gar nicht beantworten, so wenig konkrete Förderprogramme gibt es.

Aus meiner Sicht sieht also ein Konjunkturprogramm so aus, dass es zunächst die Wissenschaftskommunikation umfassend als Leistung teils in der Wissenschaft, teils draußen in den Medien, teils in der Gesellschaft, bei Bürgerbewegungen erfasst und Förderung besonders dort ansetzt wo sie sich ergänzen, stärken, langfristige Wirkung bilden, den veränderten Kanälen entlang Angebote schaffen. Zentral für die Förderstrategie soll die Frage sein: Wie können von klein auf für lebenslanges Lernen Angebote geschaffen werden? Wie können Institutionen unterstützt werden, die hinschauen und die nachsteuern können, die Veränderung leisten?

Da haben wir einige schon etabliert – wie auch WiD, aber die sind eben projektförmig gefördert nach wie vor. In völlig neue Experimentierräume kann sich derzeit keine Organisation einfach so trauen, um an Ihrer großen Frage zu arbeiten, die zurecht gestellt wird: Wen erreicht die Wissenschaft mit ihrer Kommunikation? Erreicht die Politikberatung die Politik? Erreicht die Wissenschaftskommunikation den sogenannten bildungsfernen Bürger – wobei zu Teilen tatsächlich der bildungsnahe Bürger ein wissenschaftsferner ist.

Letzter Punkt zum Konjunkturpaket Wissenschaftskommunikation: Kulturwandel ist gefordert. Die Voraussetzung der systemischen Analyse, die Strategie muss zur Chefsache werden. Da freuen wir uns, dass das BMBF dies auch einfordert.

Aber wir sehen auch mit Schrecken: Diese Debatte führen wir seit 20 Jahren, und wir sind noch immer nicht da, dass ein so reiches Land wie Deutschland, seine Kinder, seine Menschen, seine Journalisten so fördert, dass es der Rolle von wissenschaftlichem Wissen in Information, Kommunikation und Beratung gerecht wird. Da sind wir im untermaßigen Bereich. Geschätzt sind es in der Wissenschaft nicht einmal ein Prozent der Förderung, die in diesen Bereich geht. Also ein Konjunkturpaket – mit der Bitte dass es auf Basis systemischer Analysen erstellt würde, mit dem Blick für kurzfristiges Wirken bei hoher Qualität, aber vor allen Dingen auch für einen langfristigen Rahmen. Hilfe ist dringend benötigt. Und die Wissenschaft fordert genauso ein, dass die äußere Kraft des Wissenschaftsjournalismus, die ja mithilft, uns Wissenschaftler auch kritisch zu sehen und uns zu fordern, dass diese Kraft auch wesentlich gestärkt wird.

Antworten zu Fragen von Abgeordneten nach Möglichkeiten einer Bewertung von Kommunikationsleistungen (Albert Rupprecht, CSU) und nach dem Schutz der Wissenschaftler vor Hetze in der Öffentlichkeit (Stephan Albani, CDU):

Zur Frage von Herrn Rupprecht nach dem Monitoring und der Bewertung von Aktivitäten der Wissenschaftskommunikation: Die Vereinbarungen im Pakt für Forschung und Innovation enthalten den Wunsch nach mehr Impulsen für den Transfer einschließlich der Wissenschaftskommunikation. Aber welche Indikatoren können genutzt werden um diese Leistung zu monitoren, um genauso stolz auf Forschung zu sein, wenn sie exzellent kommuniziert so wie sie Drittmittel reinholt oder viele Publikationen hat? Auch für diese Leistungen der Wissenschaft werden quantitative Indikatoren zunehmend abgelehnt, denn es muss um Qualität gehen.

Und darum geht es eben gerade auch bei der Kommunikation. Quantitative Ansätze gibt es da auch: Man kann Agenturen bitten, Reichweiten zu ermitteln. Die kann man auch vergleichen. Aber was sagt das dann genau? Ein bisschen geprobt haben wir die qualitative Bewertung von Wissenstransfer schon im Rahmen der Exzellenz-Initiative – und zwar in dem man die Strategie des Wissenstransfers und der Kommunikationsleistung bewertet. Die Strategie von Institutionen, von kleinen Einheiten bis zu großen, außeruniversitären Organisationen für den Wissenstransfer und die Kommunikation von Lehre und Ausbildung über Unterstützungsleistung bis hin zu konkreten Aktivitäten – die kann bewertet werden, und die muss eben Chefsache werden.

Strategien kann man vergleichen, diskutieren, und ihre Wirkung messen. Und gerade jetzt in der Corona-Krise wird klar: Es ist wichtig, einmal zu betrachten, was Wissenschaftler, aber auch Journalisten, da leisten in der Kommunikation, was können wir lernen, wie stehen andere Länder da? Wieviel Zeit geht da hinein, wieviele Ressourcen?

Eigene Methoden zum Schutz gegen Hetze entwickeln

Dann noch zur Frage von Herrn Albani:. Wie kann bei mehr, auch mehr politischer Kommunikation die Wissenschaft schützen? Da sind mehrere Dinge zu beachten. Das eine: Wissenschaft braucht Zeit. Forschen muss in einem Ruheraum stattfinden können, in dem man auch mal einfach nur denkt, ausprobiert, nicht alles beschallt, beredet und verwertet wird. Das muss möglich sein.

Schutz muss es trotz aller großen Herausforderungen, aller gesellschaftlichen Drücke, auch für den fundamentalsten Beitrag der Wissenschaftskommunikation zur Entwicklung der Gesellschaft geben. Damit meine ich erklären: Wie funktioniert Wissenschaft? Woher kommt unser Wissen? Wie sicher ist es? Wo trägt es uns hin? Was denken wir überhaupt Neues als Menschen? Bitte vergessen Sie nicht, dass ein wesentliches Element der Wissenschaftskommunikation ist, diese Entdeckung, die dauernde Verschiebung der Grenzen des Wissens, enthusiastisch darzulegen als einen Teil unseres Menschseins. Das ist ein ganz fundamentales Element der Wissenschaftskommunikation.

Drittens – wie kann man schützen bei zunehmend politischen Debatten um Wissenschaftskommunikation zum Beispiel Corona, oder Klimawandel? Die Wissenschaftler müssen Methodik der Kommunikation lernen, dafür brauchen sie Unterstützung, schon im Studium. Es gilt ein Repertoire zu erarbeiten, wie stelle ich mich kritischen Themen, wie kommt meine Haltung rüber, wie vermittle ich das Wissen für das ich Fachmann bin, wie die Unsicherheiten? Und wie halte ich es aus, wenn ich beschimpft und bedroht werde? Dass Hetze überall zu spüren ist, auch gegenüber Breitenwissen, das ist bekannt. Das hat auch uns in Deutschland wieder erwischt. Der Schutz ist dann: Für einander eintreten, etwa in der eigenen Institution Anlaufpunkte zu haben für die Auswertung von Debatten und auch negativen Feedbacks, die Sicherheit, in der Wissenschaft, aber auch von Außen zum Beispiel der Wissenschaftspolitik verteidigt zu werden. Auch das ist eine wichtige Rolle des Journalismus, dessen Vertretern es ähnlich geht, –  Journalisten können Geschichten von Menschen, von Wissenschaftlern aufgreifen und Anfeindungen, Hetze offenlegen und dadurch auch schützen.

Dieser Gastbeitrag basiert auf der schriftlichen Stellungnahme von Prof. Boetius zur Expertenanhörung des Forschungsausschusses, mit Unterstützung von der Geschäftsstelle von Wissenschaft im Dialog, sowie ein Auszug ihrer mündlichen Antworten auf die Fragen der Abgeordneten. Hervorhebungen durch die Autorin.