Karliczek: „Die Pandemie als lehrreiche Erfahrung“ – Wissenschaftskommunikation nach Corona

Posted on 29. Juni 2020

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Die Corona-Pandemie hat nach Ansicht von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek zu einer deutlich höheren Wertschätzung von Wissenschaft geführt, woraus sich viel für die Kommunikation mit der Gesellschaft lernen lasse.
Im Gespräch mit „Wissenschaft kommuniziert“ fordert die Ministerin, dass die Wissenschaftskommunikation ein selbstverständlicher Teil des Forschungsalltags werden und kommunizierende Wissenschaftler entsprechende Qualifikation, Anerkennung und Unterstützung erhalten sollten. Es geht um das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft.

Die Corona-Krise als „dramatische, aber auch lehrreiche Erfahrung“: Forschungsministerin Anja Karliczek meint, dass die Erfahrungen der Pandemie das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft nachhaltig verändert haben. (Foto: L. Chaperon)

Wissenschaft kommuniziert: Frau Ministerin Karliczek, die erste Frage bezieht sich in diesen Tagen natürlich auf Corona. Wie schätzen Sie die Situation der Wissenschaftskommunikation heute ein, nach den Erfahrungen mit Corona?

Karliczek: Die Corona-Pandemie hat unser gesamtes Leben völlig auf den Kopf gestellt und wir werden uns noch lange mit den Folgen auseinandersetzen müssen. In der Pandemie ist aber – und das ist eine der wenigen positiven Seite der Krise – aber auch eine hohe Wertschätzung von wissenschaftlicher Forschung und Expertise in unserer Gesellschaft deutlich geworden. Denn die Bürgerinnen und Bürger nehmen viel direkter wahr, wie komplex der wissenschaftliche Erkenntnisprozess und auch politische Entscheidungen sind und welche wichtige Grundlage wissenschaftliche Expertise für politische Entscheidungen darstellt. Wir alle haben der Wissenschaft in dieser Krise schon jetzt viel zu verdanken. Das nehmen die Bürgerinnen und Bürger wahr.

 

Hat die Corona-Krise nicht aber auch neue Probleme einer Wissenschaftskommunikation aufgezeigt, die mitten in der Gesellschaft steht, etwa die Kommunikationsprobleme der Heinsberg-Studie oder die Kampagne der Bild-Zeitung gegen Prof. Drosten? Kann Wissenschaft, muss Wissenschaft das wegstecken?

Für Laien ist es nicht immer einfach zu verstehen, dass wissenschaftliche Erkenntnis fast immer vorläufig ist. Dies macht Forschung aus. Die Erkenntnisse von heute sind deswegen nicht falsch. Sie können aber immer wieder in Frage gestellt werden. Mir zeigt das: Wir müssen die Prozesse und Methoden der Wissenschaft noch besser erklären. Etwa, dass es Vorveröffentlichungen gibt, um diese dann mit anderen Experten offen zu diskutieren, auch über Disziplinen hinweg. Dies zu vermitteln, ist für mich ein ganz wesentlicher Bestandteil von Wissenschaftskommunikation. Diskurs gehört zum Wesen der Wissenschaft. Ihn auszuhalten, ist manchmal eine Herausforderung. Er ist wichtig und wertvoll.

Wir befinden uns zu SARS-CoV-2 in einem dynamischen Erkenntnisprozess. Jeden Tag lernt die Wissenschaft mehr über das Virus. Und wir müssen weiter forschen. Das bedeutet für die Politik ebenfalls, dass wir unsere Entscheidungen unter Umständen immer wieder neu ausrichten müssen. Nehmen Sie die Diskussion um die Schulschließungen oder Schulöffnungen. Einen solchen Prozess müssen wir selbstverständlich erklären. Und das tun wir ja auch.

Wissenschaft wurde jetzt in der Corona-Zeit natürlich sehr stark auch in den gesellschaftlichen Verteilungs- und Meinungskampf mit einbezogen. Kann man das Wissenschaftlern, die ja ganz anders denken und diskutieren, kann man ihnen das wirklich zumuten?

Ich glaube, es ist auch im Interesse der Wissenschaft, wenn sie in einem guten Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern steht. Wissenschaft ist Teil dieser Gesellschaft. Die Wissenschaftslandschaft ist groß und ihre Erkenntnisse hängen eng mit dem Leben jedes einzelnen zusammen. Der Austausch zwischen Forschung und Gesellschaft sollte daher auch zum wissenschaftlichen Alltag gehören.

Dabei darf es natürlich nicht sein – um das auch noch mal ganz klar zu sagen –, dass einzelne Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler in der Folge dieses Austauschs für politische Entscheidungen verantwortlich gemacht und persönlich angegriffen werden. Diese Angriffe bis hin zu Morddrohungen waren ein neuer negativer Höhepunkt in einer schockierenden Entwicklung. Die Polarisierung des Diskurses, die wir erleben, macht mich fassungslos. Deshalb sage ich: Wir müssen alle Betroffenen, in diesem Fall die Wissenschaft, vor Hass schützen.

Und wir müssen differenzieren: Wissenschaft berät Politik fortlaufend zum aktuellen Stand ihrer Erkenntnisse und spricht Handlungsempfehlungen aus. Die politischen Entscheidungen aber treffen wir als gewählte Politiker. Und wir Politiker tragen die Verantwortung für schwierige Entscheidungen. Ich bestärke alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darin, sich nicht aus dem öffentlichen Diskurs zurückzuziehen, sondern weiterhin ihre Erkenntnisse aktiv zu kommunizieren.

 

Sie sagen also: Wir müssen alles dafür tun, dass sich Wissenschaftler nicht wieder abwenden von der öffentlichen Diskussion. Was könnte das sein, was könnte die Wissenschaftler ermuntern, trotz solcher Kontroversen und Dispute, weiterhin „aktiv zu kommunizieren“, wie Sie sagen?

Die grundlegende Motivation sollte die Erkenntnis sein, dass Wissenschaft als Teil der Gesellschaft großen Anteil an ihrer Entwicklung hat. Wenn sich Wissenschaftler für die öffentliche Auseinandersetzung gerade zu kontroversen Themen nicht befähigt fühlen, müssen wir überlegen, welche Unterstützung sie brauchen. Nicht jeder Forscher ist der geborene Kommunikator. Aber Kommunikation kann man lernen. Es sollte nicht an den „Basics“ scheitern. Wissenschaftskommunikation sollte daher eine größere Rolle in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses spielen. Hier müssen sich die Curricula der Hochschulen und Weiterbildungsangebote zeitgemäß weiterentwickeln.

Wichtig ist außerdem, dass das Bemühen um Kommunikation, egal in welcher Form, was die Sozialen Medien einschließt, Anerkennung innerhalb der Wissenschaft selbst findet. In den vergangenen Jahren ist hier schon viel passiert. Auch bei den Forschungsorganisationen professionalisiert sich die Wissenschaftskommunikation immer stärker. Aber es ist eben noch nicht so, dass Wissenschaftler den Austausch mit der Öffentlichkeit selbstverständlich in ihren Arbeitsalltag integrieren können. Hier wünsche ich mir ein Umdenken.

 

Aber brauchen angesichts der Komplexität der Kommunikation nicht Wissenschaftler – die ja nicht nur kommunizieren, sondern vor allem gute Forschung machen – brauchen sie nicht Unterstützer – Berater, Sparringspartner, Leute, die Strategien entwickeln – an ihrer Seite, sprich gut ausgebildete Wissenschaftskommunikatoren, die auch profunde professionelle Erfahrung mitbringen?

Jede Wissenschaftsinstitution verfügt heute über gut ausgestattete Presse- und Kommunikationsabteilungen. Diese wurden in den letzten 20 Jahren aufgebaut. Das ist ein Verdienst des PUSH-Memorandums. Die Forschenden haben also Expertise im eigenen Haus, auf die sie sich stützen können sollten. Geforscht wird heute zudem meist in Teams, oft auch interdisziplinär. Besonders kommunikationsaffine Forschende könnten sich in solchen Teams verstärkt den Kommunikationsaufgaben widmen und sollten dafür die entsprechenden Qualifikationen, Ressourcen und die Anerkennung erhalten.

Hier erarbeitet mein Haus gerade Vorschläge für eine grundständige Verankerung von Wissenschaftskommunikation in der Forschungsförderung, um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mehr Spielräume zu eröffnen. Und nicht zu vergessen: Es gibt ja bereits gute Institutionen, die sich mit der Wissenschaftskommunikation befassen, wie Wissenschaft im Dialog, das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation oder auch das Science Media Center, das zwischen Wissenschaft und Journalismus vermittelt.

 

Wie wollen Sie es denn schaffen, dass die Wissenschaftskommunikation die entsprechende Unterstützung aus der Wissenschaft erhält?

Künftig sollte möglichst bei jedem Forschungsprojekt auch an die Außenkommunikation mit der Öffentlichkeit gedacht werden. Wie kann ich meine Arbeit so kommunizieren, dass es auch in der Gesellschaft ankommt? Kommunikation lebt ja im Wesentlichen davon, dass ich mir überlege, wo ich eigentlich meine Adressaten abhole. Wie kann ich ihnen mein Handeln erklären?

Fachexpertise ist in den Forschungsteams vorhanden, Kommunikationsexpertise soll in den nächsten Jahren noch ausgebaut werden. Hierzu können zukünftig verstärkt Projektmittel mitbeantragt werden, damit die Kommunikationsleistung der Forschenden auch entlohnt wird.

 

Die Zielgruppe dort abholen, wo sie sich befindet. Dazu muss die Wissenschaft sehr viel über die Gesellschaft wissen und über die Entwicklungen, die Veränderungen, die in ihr vorgehen. Meinen Sie, dass dieses Wissen in der Wissenschaft schon weit genug verbreitet ist?

Wissenschaft ist eine tragende Säule unserer Gesellschaft und sollte dem Gemeinwohl verpflichtet sein. Ich bin überzeugt: Wer den Austausch mit der Gesellschaft sucht, wer zuhört, welche Fragen die Menschen haben, der profitiert davon ungemein. Aber wir brauchen dafür noch mehr Schnittstellen, an denen ein solcher Austausch auf Augenhöhe stattfinden kann. Reallabore sind ein Beispiel oder Online-Konsultationen, wie wir sie gerade im Rahmen der Dekade gegen Krebs durchgeführt haben.

Der Gedanke funktioniert natürlich auch umgekehrt: Bei Citizen Science-Projekten beispielsweise können wirklich jede Bürgerin und jeder Bürger einen kleinen Beitrag zur Forschung leisten, bekommen dadurch eine Verbindung in die Wissenschaft. Dabei wird zum einen Interesse an der Forschung geweckt, zum anderen entsteht auf beiden Seiten ein Verständnis dafür, wie Wissenschaft durch Impulse aus der Gesellschaft bereichert werden kann.

Frau Professorin Boetius hat bei der Vorstellung unseres Grundsatzpapiers zur Wissenschaftskommunikation berichtet, wie es vor 30 Jahren war: War ein Wissenschaftler zu häufig im Fernsehen aufgetreten, konnte er nicht mehr auf eine Position berufen werden, weil dies ein diskreditierender Faktor war. Es gilt, diese Mechanismen aufzubrechen. Die Welt hat sich in den letzten 30 Jahren verändert – vor allem die Medienwelt.

Es müssen sich jetzt alle auf den Weg machen, über den Tellerrand hinausschauen, über die Fachgrenzen hinweg denken – zum Wohl der Gesellschaft.

 

Ich möchte das Thema nochmal einen Schritt weiterdrehen. Auch die Wissenschaft hat sich in den letzten 30 Jahren verändert, nicht nur die Gesellschaft. Viele ihrer Ergebnisse wirken heute unmittelbar in die Gesellschaft hinein, etwa Klimaforschung, bald auch die Künstliche Intelligenz. Wie muss Wissenschaft kommunizieren, damit Politik an diesen Entwicklungen mitwirken kann, dass die gesellschaftlichen Auswirkungen erkannt und in die Forschung mit einbezogen werden?

Hat nicht Wissenschaft seit jeher unmittelbar in die Gesellschaft hineingewirkt? Durch das Streben von Wissenschaft nach Neuem entwickelt sich die Menschheit weiter. Und wir sehen immer wieder, dass die Qualität des öffentlichen Diskurses zu kontroversen Themen entscheidend dafür ist, wie aufgeschlossen oder ablehnend sich die Gesellschaft gegenüber Innovationen verhält.

Nehmen Sie beispielsweise die Diskussion zur Genschere. Es ist Aufgabe von Wissenschaft und Politik, solche weitreichenden technologischen Entwicklungen mit Bürgerinnen und Bürgern faktenbasiert zu diskutieren. Gerade bei Fragen, die ethische Werte berühren, ist ein gesellschaftlicher Dialog über Chancen und Risiken besonders wichtig. Die Gesellschaft nimmt gute Argumente gerne auf. Wir müssen sie nur verständlich und nachvollziehbar kommunizieren. Ich bin der festen Überzeugung: Gute Kommunikation nützt der Gesellschaft, aber auch der Wissenschaft selbst!

 

Frau Ministerin, herzlichen Dank für das Gespräch.