Die Praktiker (1): Lehren aus der Pandemie – Wissenschaftskommunikation nach Corona

Posted on 13. Juli 2020

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Heute mit:
Dr. Patrick Honecker (Uni Köln), Dr. Anne Rother (FZ Jülich),
Johannes Angerer (MedUni Wien), Dr. Andreas Archut (Uni Bonn).

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat im Interview mit „Wissenschaft kommuniziert“ die Corona-Pandemie als „dramatische, aber lehrreiche Erfahrung“ für die Wissenschaftskommunikation bezeichnet. Ist das wirklich so?

Wie haben die Praktiker draußen, in den Pressestellen und Kommunikationsabteilungen, mit oder ohne Bezug zur akuten Pandemie, die Corona-Krise erlebt, bewältigt und was haben sie aus diesen Erfahrungen „gelernt“?

„Wissenschaft kommuniziert“ hat sie befragt. Hier die Antworten der ersten vier Kollegen:

 

 

 


Dr. Patrick Honecker, Kommunikationsdezernent der Universität Köln.

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Die Corona-Krise ist für mich der stärkste Einschnitt meines bisherigen Lebens. Auch wenn die Familie und Freunde glücklicherweise gesund geblieben sind, meine Kinder, von Kleinkind bis Teenager, sind zu bedauern. In der Sturm- und Drang-Phase ihres Lebens zum Corona-Biedermeier gezwungen zu sein, entspricht nicht ihrer Lebensenergie.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Ich zähle zu den privilegierten Beschäftigten, die sich keine Sorge um Ihren Arbeitsplatz machen müssen, daher fände ich es nicht angemessen über ausufernde Video-Konferenzen und Sehnsucht nach realen Meetings zu klagen.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Es geht ohne Konsum, ohne Feste und ohne Körperkontakt. Aber schön ist es nicht.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Ein gutes Team arbeitet auch auf Distanz zusammen und – klar – Digital ist keine Raketenwissenschaft.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Ich bin davon überzeugt, dass wir WissenschaftkommunikatorInnen noch viel stärker in die Rolle des Coaches schlüpfen müssen, der WissenschaftlerInnen bei Ihrem Weg in die Öffentlichkeit unterstützend begleitet. Deswegen lasse ich mich auch gerade zum systemischen Coach ausbilden.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  •  Ich bin fest davon überzeugt, dass hochindividualisierte Gesellschaften fundierte Erklärungen als Grundlage für ein gemeinsames Handeln brauchen. Wissenschaft erklärt, aber sie zwingt nicht. Deswegen betrachten autoritäre Regierungen auch WissenschaftlerInnen mit Misstrauen.
    In einem Leserkommentar habe ich einmal einen wunderbarer Satz gelesen: „Ich glaube eher einem/einer WissenschaftlerIn, die sich mal irrt, als den Irren, sie glauben, sie wären WissenschaftlerInnen“. 

Dr. Anne Rother, Leiterin Unternehmenskommunikation und Pressesprecherin des Forschungszentrums Jülich, „Forschungssprecherin des Jahres“ 2019.

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Ja. Mir fallen auf Anhieb eine Menge Leute ein, für die es unvergleichlich schwieriger gewesen ist: mein Hausarzt, die Kassiererinnen in meinem Supermarkt, meine Yoga-Schule, der Bekannte, der wochenlang darauf warten musste, dass er wenigstens im kleinsten Kreis seine Mutter beerdigen durfte. Von den Menschen in Italien oder Spanien gar  nicht zu reden, die einen langen harten Lock-Down ertragen mussten.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Schon. Mein ganzes Team hat seit März fast ausschließlich im Home Office gearbeitet. Zugleich hat sich unsere Arbeit auf allen Feldern sehr schnell verändern müssen: Wir konnten von heute auf morgen keine Besuchergruppen mehr empfangen und entwickeln stattdessen jetzt andere Formate, damit man hinter unseren Zaun und in die Labore schauen kann. Veranstaltungen des Forschungszentrums bis tief in den Herbst mussten abgesagt oder auf Online umgeplant werden. Wir haben sehr viel mehr interne Kommunikation gemacht, um alle 6000 Kolleginnen und Kollegen jederzeit gut zu informieren und den Zusammenhalt zu stärken. Und in der externen Kommunikation mussten wir damit umgehen, dass es phasenweise kaum Interesse für Themen jenseits des Virus und der Pandemie gab. Davon wird bleiben, dass online mehr geht, als wir vorher dachten, in der Zusammenarbeit im Team und in den Formaten, mit denen wir intern und extern kommunizieren.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Dass es besondere Aufmerksamkeit erfordert, um unter den Bedingungen des  Social Distancing Zusammenarbeit, Zusammenhalt und Begegnung hinzukriegen.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Dass Videokonferenzen manchmal stringenter und effizienter sind als Präsenzbesprechungen. Insbesondere für die alltägliche Abstimmung und Planung. Aber dass Videokonferenzen schlecht funktionieren, um Konflikte zu lösen und gemeinsam kreativ zu sein.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Nein. Aber wir haben gesehen, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass Komplexität den Menschen zuzumuten ist. Sehr viele Leute haben gezeigt, dass sie mit der Vorläufigkeit von Ergebnissen der Forschung, mit dem Faktor Unsicherheit, mit Fragen der Aussagekraft von Methoden nicht nur umgehen können, sondern sich auch dafür interessieren. Das finde ich sehr ermutigend für unsere Arbeit.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • In der Pandemie ist unübersehbar geworden, dass hochwertiger und unabhängiger Wissenschaftsjournalismus systemrelevant für eine von Wissenschaft geprägte Gesellschaft ist. Er braucht jetzt Unterstützung vom System, damit es ihn in der nächsten Krise noch gibt.

Mag. Johannes Angerer, Leiter Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit Medizinische Universität Wien. (Foto: MedUni Wien/Matern)

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Ich bin bisher sehr gut durch die Krise gekommen, obwohl – oder vielleicht auch – weil ich keine persönlichen Erfahrungen mit Homeoffice gemacht habe. Durch die besonderen Herausforderungen während der Krise (Management von Medienkontakten unserer ExpertInnen, Etablierung einer internen Krisenkommunikationsstruktur insbesondere für ärztliche MitarbeiterInnen in den Kliniken etc.) war meine physische Anwesenheit im Büro durchgängig erforderlich.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Die Krise war und ist eine große Herausforderung für die Kommunikation an der Universität und der Klinik. Positiv ist, dass der Stellenwert von Kommunikation intern und extern stark gestiegen ist.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Ich kann jetzt wesentlich besser kochen als zuvor, habe meine Begrüßungsgewohnheiten adaptiert, achte verstärkt auf meine Fitness und bleibe trotzdem auch lieber mal zuhause.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Die Krise hat sehr deutlich gezeigt auf welche KollegInnen ich mich besonders gut verlassen kann. Teamwork ist seither noch wichtiger denn je. Webmeetings halte ich mittlerweile für ein gutes und vor allem zeit-effizientes Format.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Wir haben in der Wissenschaftsvermittlung auch bisher schon stark auf Storytelling im Forschungsbereich gesetzt, wobei es uns immer besonders wichtig war, komplexe Inhalte verständlich zu machen. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Das allgemeine Interesse an (medizinischer) Wissenschaft und Forschung ist jetzt größer als je zuvor, was unsere Arbeit erleichtern sollte.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Mit kontinuierlicher, professioneller Kommunikation von spannenden Themen sollte es gelingen, die Aufmerksamkeit von Medien und deren KonsumentInnen für die Wissenschaft weiterhin auf hohem Niveau halten zu können.

Dr. Andreas Archut, Dezernent Hochschulkommunikation und Pressesprecher der Universität Bonn, „Forschungssprecher des Jahres 2018“. (Foto: V. Lannert)

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Ja, danke der Nachfrage. Familie, Freundeskreis und ich sind bislang von Covid-19 verschont geblieben. Die Einschränkungen im Alltag haben wir alle gut verkraftet.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Eher Veränderungen als Belastungen, auch wenn der Prozess am Anfang schon viel Kraft und Energie gekostet hat. Wir hatten durch „Corona“ vor allem drei „Baustellen“: Da war erstens ein immenser coronabedingter Informationsbedarf, zweitens das Arbeiten unter für uns alle ungewohnten Bedingungen wie Arbeiten auf Distanz und Dialog ausschließlich über technologische Kanäle. Drittens fordert uns die Kommunikation rund um die Corona-Forschung an unserer Universität in hohem Maße. Als Mittler zwischen Forschenden und Medien haben wir in diesen Tagen allerhand zusätzliche Aufgaben.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Man schafft sich auch in einem länger andauernden „Ausnahmezustand“ irgendwann eine Art Normalität. „Leben in der Lage“ nennen wir das im Katastrophenschutz, in dem ich bei den Maltesern seit gut drei Jahrzehnten mitwirken darf. Wichtig ist es, in bewegten Zeiten auch auf sich selbst zu achten, sich ausreichend Ruhezeiten zu nehmen und für einen Ausgleich zu sorgen.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Wissenschaft darf und sollte nicht nur zu Pandemie-Zeiten selbstbewusst auftreten. Auch wir Wissenschaftskommunikatoren fühlen uns mehr denn je gebraucht. Wissenschaft und Medien haben ja sehr unterschiedliche Arbeitsweisen, Zeitläufe und Rahmenbedingungen, zwischen denen wir vermitteln. Diese Unterschiede treten in der Pandemie noch deutlicher hervor als sonst. Forschung braucht Zeit, um vorläufige, oft komplexe Antworten zu generieren; Politik, Gesellschaft und Medien bevorzugen einfache und zugespitzte Aussagen. Immer wieder verliert die Wissenschaft dadurch die „Deutungshoheit“ über Sachverhalte, die eigentlich ihre Domäne sind, an Leugner, Lügner und Spinner. Wir müssen der Wissenschaft Aufmerksamkeit verschaffen und Einfluss bewahren, wenn wir auch in Zukunft „faktenbasiert“ regiert werden wollen.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Wir haben uns nicht erst seit Corona vorgenommen, unsere Wissenschaft noch stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Forschung als Prozess mit allen Höhen und Tiefen zu beschreiben, ist das Gebot der Stunde. Auch müssen wir den Nutzen der Wissenschaft für die Gesellschaft herausarbeiten, ohne in leere Heilsversprechungen abzugleiten. Das könnte in der nächsten Krise dazu beitragen, die Erwartungen an die Wissenschaft in Balance mit ihren Möglichkeiten zu halten.

Eine konkrete Frage zum Schluss: Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Na ja, es war nicht immer nur „Genuss“. Auch der Druck, die Geschwindigkeit und mitunter auch die Härte der Kommunikation der vergangenen Monate waren beispiellos. Damit mussten wir umgehen lernen. Der Dialog, der jetzt in Gang gekommen ist, darf jedenfalls nicht abbrechen. Ich würde mir wünschen, dass Wissenschaft auch nach der Pandemie noch auf Titelseiten, in Primetime-News und Talkshows vorkommt. Gesprächsstoff gäbe es dafür reichlich – denken Sie nur an Klimawandel, technologischen Fortschritt oder das friedliche Zusammenleben kommender Generationen.

 

Die Praktiker (2): Lehren aus der Pandemie – Wissenschaftskommunikation nach Corona
mit Dr. Elisabeth Hoffmann (TU Braunschweig), Andreas Schütz (DLR),  Gerhard Samulat (DPG) und Jörg Nitschke (Carl Zeiss AG)
folgt nächste Woche.