Die Praktiker (2): Lehren aus der Pandemie – Wissenschaftskommunikation nach Corona

Posted on 20. Juli 2020

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Heute mit:
Mit Dr. Elisabeth Hoffmann (TU Braunschweig), Andreas Schütz (DLR), Gerhard Samulat (DPG) und Jörg Nitschke (Zeiss AG)

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat im Interview mit „Wissenschaft kommuniziert“ die Corona-Pandemie als „dramatische, aber lehrreiche Erfahrung“ für die Wissenschaftskommunikation bezeichnet. Ist das wirklich so?

Ganz andere Erfahrungen haben zum Teil die Praktiker draußen, in den Pressestellen und Kommunikationsabteilungen, mit oder ohne Bezug zur akuten Pandemie. Sie haben die Corona-Krise hautnah erlebt, bewältigt und ihre eigenen Wege aus den außergewöhnlichen Umständen gefunden. Doch was haben sie aus diesen Erfahrungen „gelernt“?

„Wissenschaft kommuniziert“ hat sie befragt. Hier die Antworten von vier Kollegen aus erster Hand:



Dr. Elisabeth Hoffmann,
Leiterin der Stabsstelle Presse und Kommunikation der TU Braunschweig, „Forschungssprecherin des Jahres“ 2015 (Foto: J. Vogel/TU Braunschweig)

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Ich gehöre von Anfang an zur „Stallwache“ meiner Universität und habe die meiste Zeit im Büro gearbeitet. Von zu Hause aus geht es auch, aber meistens arbeite ich lieber an der Uni. Zum Glück sind meine Kinder schon „aus dem Gröbsten raus“, unser Sohn ist 17 und organisiert das Homeschooling selbstständig, unsere Tochter berichtet als Studentin, wie es an der Uni Heidelberg für sie so läuft.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Wir hatten uns kurz vor dem Beginn der akuten Phase einem neuen Schwerpunktthema gewidmet, der internen Kommunikation. Zum Glück. Denn dadurch hatten wir genau im richtigen Moment die notwendigen Verteiler und Formate, um unsere Beschäftigten, insbesondere die Führungskräfte, und unsere Studierenden zu erreichen.
    Den Corona-bedingten Handlungsbedarf an Hochschulen kann sich, glaube ich, außerhalb des Systems kaum jemand vorstellen. Rahmenhygienepläne, konkrete Infektionsschutzmaßnahmen, Bedingungen für Prüfungen und Präsenzveranstaltungen, digitale Alternativen, Arbeitsbedingungen, wie konkret sehen Lockerungen bei uns aus … alles musste ausgehandelt und möglichst transparent und begründet kommuniziert werden. Bis Ostern haben wir täglich über Themen aus dem Krisenstab informiert, danach mindestens wöchentlich und bei Bedarf öfter.
    Zusätzlich haben wir gleich zu Beginn der Pandemie eine gemeinsame Plattform für die Hilfsprojekte auf die Beine gestellt, die von der Universität zentral und dezentral organisiert wurden: Kooperationsprojekte mit den Klinika der Region, Angebote für Schüler*innen und Senior*innen, Nothilfestipendien für unsere Studies zum Beispiel.
    Im Grunde haben wir temporär unsere Kommunikationsstrategie auf den Kopf gestellt: Von extern auf intern, von überregionaler bzw. „globaler“ Relevanz auf ganz konkrete Projekte für die Bürgerinnen und Bürger in unserer Nähe. Ich hab noch mal mehr gearbeitet als ohnehin schon.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Ich bin vor allem dankbar, dass meine Familie sich zurzeit keine akuten Sorgen um die Zukunft machen muss. Wir sind beruflich und sozial ganz gut abgesichert und arbeiten nicht in einer der Branchen, die es jetzt besonders hart trifft. Außerdem war für mich die Krise auch ein Crashkurs in Wirtschaft und Politik.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Natürlich ist diese Zeit auch extrem interessant für die Wissenschaftskommunikation. Ich bin sicher, dass ich ausgesprochen viel gelernt habe. Zwischenzeitlich war ich allerdings auch extrem verunsichert – es fühlte sich an, als ob mein innerer Kompass durcheinander geraten sei. Im Nachhinein ist es schwer, sich zu erinnern, wie sehr wir auf Sicht gefahren sind und wie wenig wir noch vor vier Monaten wussten. Im Grunde wissen wir ja immer noch nicht sehr viel. Kurzum – ich kann noch gar nicht sagen, was ich konkret beruflich gelernt habe. Fragen Sie mich gern in einem Jahr noch einmal.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Auch die Frage kann ich noch nicht wirklich gut beantworten. Die interne Kommunikation bleibt ein wichtiges Thema, aber das war schon vorher klar.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Abgerechnet wird am Schluss. Ich bin da eher skeptisch und denke, dass ein sprunghaft wachsendes Vertrauen ebenso schnell wieder verloren gehen kann. Vertrauen ist ja auch nicht grenzenlos erstrebenswert. Die Gesellschaft soll sich im Grunde ja weiterhin, auch kritisch, mit Wissenschaft befassen.
    Sehr viele Faktoren müssen zusammenkommen, um das hohe Level zu halten. Gute Wissenschaft, und gute Wissenschaftskommunikation natürlich auch. Vor allem aber muss sich in der Gesamtbilanz erweisen, dass die Wissenschaft entscheidend dazu beigetragen hat, die Krise gut zu meistern. In dieser Hinsicht bin ich sehr optimistisch.

Andreas Schütz, Leiter Media Relations und Pressesprecher der DLR, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt. „Forschungssprecher des Jahres“ 2011.

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Am 16. März habe ich meine Kolleginnen und Kollegen ins Homeoffice geschickt. Noch in der gleichen Woche ist das DLR in den Minimalbetrieb übergegangen. Von Hundert auf null – daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Auch im privaten war dann alles recht schnell umgestellt und organisiert. Zum Glück war weder mein privates, wie auch das dienstliche Umfeld von Covid-19 betroffen.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Veränderungen ja! Belastungen? Nicht mehr als vor Corona, nur anders. Die Zeit, die früher auf Reisen verging, vergeht heute während Telefonkonferenzen und Webinaren. Wie effizient dass alles ist, wird sich noch zeigen müssen. Aktuell bin ich sehr skeptisch. Denn gerade in der Kommunikation ist es wichtig, den persönlichen Kontakt zu haben und zu pflegen, das persönliche Gespräch zu führen. Recht schnell war zu spüren, dass sich das Interesse der Kolleginnen und Kollegen, egal welchen Mediums, auf Themen verlegte, die einen direkten oder indirekten Bezug zu Corona hatten. Das haben wir aufgegriffen und haben spezielle Angebote geschaffen, Hintergründe recherchiert und Meldungen entsprechend ausgerichtet.
    Zu all dem kam die Arbeit im Krisenstab des DLR, der im Moment seiner „Amtsübernahme“ die Führung des Unternehmens übernommen hat.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Bei richtiger Organisation und dem Erkennen, welche Chancen sich hier plötzlich bieten, war das Wichtigste für mich eine sprichwörtliche „Entschleunigung“. Allein das Verweilen an einem Ort, was gewöhnungsbedürftig war, hat Druck vom Kessel genommen.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Ich denke, ich hoffe, dass hier eine Chance für das gesamte System besteht, sich wieder ruhig und nachhaltig den Themen zu widmen, als denn schon heute erfahren zu wollen, was übermorgen passiert, um es morgen zu melden.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Nein, das werde ich nicht. Es ist und bleibt oberste Prämisse, Wissenschaft als das zu verstehen und darzustellen was sie ist: die Suche nach Wissen. Wissenschaft liefert Erkenntnisse die uns helfen, Dinge besser zu verstehen. Dazu gehört für uns, nichts überhastet zu vermelden, bei Anfragen konsequent nein zu sagen, auch wenn die Meldung im Kopf des Fragenden eigentlich schon fertig ist.
    Wissenschaft und deren Nutzen für die Gesellschaft werden die bestimmenden Themen bleiben.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Wahrhaftig bleiben in der Darstellung dessen, was Wissenschaft leisten kann. Der Konkurrenzkampf um die Nachricht auf den ersten Seiten darf nicht die Triebfeder für die Wissenschaftskommunikation sein. Und keine Erwartungshaltungen zu bedienen, bei denen wir nicht wissen, ob wir sie erfüllen können.

 

Gerhard Samulat, Vorstandsreferent Presse der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). (Foto: DPG/J.Heupel)

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Da ich lange Zeit als freier Journalist von meinem heimischen Büro aus gearbeitet habe und das Büro noch immer technisch relativ gut ausgestattet ist, fiel mir der „Rückzug“ ins Homeoffice nicht schwer. Und auch mein Arbeitgeber, die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), hat in weiser Voraussicht schon vor Ausbruch der Corona-Krise eine gute technische Infrastruktur geschaffen.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Von Belastung würde ich nicht reden. Im Gegenteil. Große Veränderungen allerdings schon. Denn ich bin ein sogenannter Wochenendpendler und fuhr vor Corona jeden Sonntagabend von Wiesbaden nach Bad Honnef, um montags pünktlich im Büro zu sein. Und Freitagmittag das Ganze wieder zurück zu meiner Frau nach Wiesbaden. Diese Pendelei entfällt jetzt. Das erspart viel Zeit und ist auch gut fürs Klima – sowohl fürs meteorologische wie auch fürs private. Für die Zeit nach Corona habe ich daher jetzt mit meinem Arbeitgeber vereinbart, dass ich nur noch an vier Tagen die Woche im Büro sein muss.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Es ist schön, wieder mehr Zeit mit meiner Frau verbringen zu können. Und da die Pendelei wegfiel und noch ein gutes Stück Resturlaub aufzubrauchen war, blieb noch etwas Zeit, um die Garage aufzuräumen oder das Wohnzimmer zu streichen. Es ist aber auch interessant zu beobachten, wie schnell man seine Gewohnheiten ändern kann: Was früher als normal galt: Auszugehen, Freunde zu besuchen, Urlaubsreisen zu machen, in der Stadt herumzuschlendern, mutet heute schon als „ungewöhnlich“ an, weil man die Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln schon so stark verinnerlicht hat. Aber auch vor Corona empfand ich große Menschenansammlungen schon nicht als besonders vergnüglich. Ich bevorzuge kleinere, intimere Veranstaltungen oder Gruppen, bei denen man sich intensiver austauschen kann. Zum Glück kann man sich so langsam wieder mit Freunden treffen.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Homeoffice funktioniert! Zumal viele meiner Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner – beispielsweise aus dem Vorstand der Deutschen Physikalischen Gesellschaft – ja sowieso nicht in der Geschäftsstelle in Bad Honnef sitzen, sondern über das ganze Bundesgebiet verstreut sind. Das Gleiche gilt für die Medienvertreterinnen und -vertreter, mit denen ich mich austausche. Telefon und E-Mail sind daher schon immer meine wichtigsten Kommunikationsinstrumente gewesen. Wo ich sitze, ist mehr oder weniger zweitrangig. Allerdings fehlt einem ab und zu der persönliche Kontakt zu seinen Arbeitskolleginnen oder -kollegen. Der beschränkt sich jetzt auf gemeinsame Videokonferenzen. Generell scheint der Kommunikationsaufwand etwas höher geworden zu sein. Man muss stets versuchen, eine gute Balance zu finden zwischen Besprechungen und produktiver Arbeit. Aber das war auch vor Corona schon der Fall.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Die Deutsche Physikalische Gesellschaft ist ein gemeinnütziger Verein, der vom (wissenschaftlichen) Austausch, von Veranstaltungen, Meetings, Treffen, Tagungen oder gar Wettbewerben für Jugendliche oder Kinder lebt. Viele davon waren als Präsenzveranstaltungen ausgelegt. Die entfallen jetzt. Daher können wir derzeit weniger über die Ergebnisse dieser Treffen berichten. Zudem luden wir die Medien oft ein, sich direkt vor Ort ein Bild von den Veranstaltungen zu machen und mit den Protagonisten, Organisatoren, Gästen oder Prominenten zu sprechen. Das ist jetzt alles nicht mehr möglich.
    Verschärfend kommt hinzu, dass viele unserer Veranstaltungen international angelegt sind, es  aber immer noch starke Reisebeschränkungen gibt. Ganz hart trifft uns die Pandemie, weil wir in diesem Jahr unser 175-jähriges Bestehen groß feiern wollten. Das meiste verschieben wir jetzt auf das kommende Jahr und feiern dann eben 175+1 Jahre DPG.
    Ansonsten sind unsere Kommunikationsziele die gleichen wie vor Corona: Bei denen, die noch nicht von der Physik fasziniert sind, den Funken der Begeisterung für diese Wissenschaft zu wecken – und auf die gesellschaftliche Relevanz der Naturwissenschaften – insbesondere der Physik – hinzuweisen. Von einer Zeitenwende in der Wissenschaftskommunikation würde ich daher nicht reden wollen. Wir werden aber künftig voraussichtlich – wie viele andere auch – verstärkt auch auf digitale Formate setzen und bauen unsere Social-Media-Aktivitäten aus.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Eines kann man der Corona-Krise wirklich zugutehalten: Sie schaffte Bewusstsein für die gesellschaftliche Relevanz der Naturwissenschaften und der Forschung. Ob sich diese Wertschätzung für die Wissenschaft aufrecht erhalten lässt, wenn wir wieder in den „Normalzustand“ übergehen, lässt sich schwer vorhersehen. Ich bin da nicht sehr optimistisch. Allerdings haben wir jetzt eine Art „Referenz“. Um die Wichtigkeit von Wissenschaft deutlich zu machen, können wir immer auf diese Krise hinweisen und sagen: Ohne die Erkenntnisse der Wissenschaft und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen wären wahrscheinlich deutlich mehr Menschen an dieser Krankheit gestorben. Vorher war so eine Behauptung eher abstrakt, jetzt können wir auf aktuelle Zahlen und Fakten verweisen. Das Handhaben einer solchen Krise zeigt zudem sehr deutlich: Wenn man wissenschaftliche Fakten nicht leugnet, sondern sie ernst nimmt, rettet das Menschenleben. Hier kann man sehr deutliche Unterschiede bei den Staatslenkern feststellen. Das ist eine wichtige Lehre.
    Das sollte sich jeder zu Herzen nehmen. Und man kann der Bevölkerung nur raten, ihre Regierungen in solchen Krisen vehement daran zu erinnern, dass sie Verantwortung für ihr Volk haben und deshalb die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht einfach ignorieren dürfen. Und den Verfechtern kruder Wirtschaftstheorien möchte ich noch zurufen: Tote tragen langfristig nichts zum Wirtschaftswachstum bei!

Jörg Nitschke, Leiter Corporate Brand&Communications und Konzernpressesprecher der Carl Zeiss AG, „Forschungssprecher des Jahres“ 2019.

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Toitoitoi – ja, wir sind bisher gut durchgekommen. Auch der Schüler und die Studentin in unserer Familie bekommen das Lernen im neuen Handlungsmodus gut hin.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Natürlich haben sich in der Kommunikationsarbeit die Prioritäten kurzfristig und vehement verschoben. Zudem geht es während einer solchen Pandemie um essentielle Dinge, wie zum Beispiel den Gesundheitsschutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in aller Welt – und die bestmögliche Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs. Der Bereich Kommunikation ist Teil der zentralen Corona Task Force im Unternehmen. Da waren wir kurz nach Jahresbeginn bereits täglich gefordert: Zu Beginn der Pandemie ganz intensiv, dann organisierten sich bald Experten-Task-Forces zu konkreten Aufgabenbereichen. Mit der Zeit gehört das Arbeitsthema Pandemie dann zur etablierten Priorität, die strukturiert durchorganisiert ist.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Dass die vernetztere Welt auch eine durchaus verletzbarere ist. Dass alle auf einmal auf die Wissenschaft schauen, die dann alles wissen soll.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Dass Unvorhergesehenes unglaublich schnell Realität werden kann. Dass sich die Bedingungen aus dem Stand von Grund auf verändern können. In der Krise wurden die Themen sehr schnell sehr sachbezogen. Jeder spürte: Auch wenn die Zeit drängt, müssen wir besonders präzise, klar und zuverlässig in unseren Aussagen sein. Wir haben dann gesehen, dass man als Organisation mit einer guten Struktur und vorbereiteten Krisenmechanismen gute Voraussetzungen hat, schnell und angemessen zu reagieren. Es hat sich auch hier bestätigt, dass gerade in Sondersituationen der Kommunikation eine besondere Rolle zukommt.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Wir merken bei ZEISS, dass ein gestiegenes Medieninteresse an unseren Systemlösungen für die Forschung geweckt wurde, etwa im Bereich der Mikroskopie. Da geht es beispielsweise um besondere Themenschwerpunkte innerhalb der Life Sciences. An der Art, wie wir Kommunikation rund um Innovationsthemen machen, hat die aktuelle Situation allerdings nichts Wesentliches verändert.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Die Aufmerksamkeit ist gestiegen – und bei ganz vielen Menschen sicherlich auch Bewusstsein für die Bedeutung von Wissenschaft und das Vertrauen. Aber die aktuelle Pandemie ist eine Sondersituation, in der bei manchen durch die zahlreichen Diskussionen womöglich sogar ein punktueller Sättigungsgrad für Expertenmeinungen erreicht ist. Der Blick auf die grundsätzliche Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und die Möglichkeiten, die die Wissenschaft eröffnen kann, sollte in den Mittelpunkt rücken. Gut ist, wenn die Aufgabe auf mehrere Schultern verteilt wird. Ich bin optimistisch, dass sich der Kreis der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vergrößern wird, die bereit sind, sich aktiv in der Kommunikation zu engagieren.

Die Praktiker (3): Lehren aus der Pandemie – Wissenschaftskommunikation nach Corona
mit  Markus Weißkopf (WiD), Julia Wandt BVHKom, Uni Konstanz), Dr. Dr. Jens Simon (PTB), Reinhard Karger (DFKI)
folgt nächste Woche.