Die Praktiker (5): Lehren aus der Pandemie – Wissenschaftskommunikation nach Corona

Posted on 10. August 2020

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Heute mit
Monika Landgraf (KIT Karsruhe), Jens Rehländer (VolkswagenStiftung Hannvover), Ralf Röchert (AWI Bremerhaven) und Monika Lessl (Bayer AG).

 

 

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat im Interview mit „Wissenschaft kommuniziert“ die Corona-Pandemie als „dramatische, aber lehrreiche Erfahrung“ für die Wissenschaftskommunikation bezeichnet. Ist das wirklich so?

Ganz andere Erfahrungen haben zum Teil die Praktiker draußen, in den Pressestellen und Kommunikationsabteilungen, mit oder ohne Bezug zur akuten Pandemie. Sie haben die Corona-Krise hautnah erlebt, bewältigt und ihre eigenen Wege durch die außergewöhnlichen Umständen gefunden. Doch was haben sie aus diesen Erfahrungen „gelernt“?

„Wissenschaft kommuniziert“ hat sie befragt. Hier die Antworten von vier Kollegen aus erster Hand:


Monika Landgraf, Leiterin Gesamtkommunikation und Pressesprecherin des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). „Forschungssprecherin des Jahres“ 2014.

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Ja, Familie und Freunde sind alle gesund geblieben. Unsere jüngste Tochter hat unter Corona-Bedingungen Abitur gemacht, was aber gut geklappt hat. Die Kontaktbeschränkungen ohne Treffen mit Freunden waren privat eine echte Umstellung, aber uns war klar, dass es Familien auf engstem Raum viel härter traf als uns. Wir haben Wiese und Natur vor der Haustür, das wäre Jammern auf hohem Niveau.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Ja, Veränderungen dahingehend, dass, wie bei vielen anderen Kolleginnen und Kollegen in der Kommunikation, ein dickes Paket an Corona-Kommunikation oben drauf kam; das war für uns alle „on Top“. An dieser Stelle einen großen Dank an mein Team, das sehr eingespielt und sehr kollegial wie ein Räderwerk ineinander gegriffen hat, ob vor Ort oder im Home-Office. Bei uns hat sich „wie von selbst“ eine Aufteilung im Team ergeben, ein Teil des Teams hat die Corona-Kommunikation übernommen, die anderen das Tagesgeschäft. Wir haben ein FAQ für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Studierenden aufgebaut: dies ständig aktuell zu halten, ist angesichts sich laufend ändernder Rahmenbedingungen und Verordnungen eine echte Herausforderung. Die Corona-Krise zeigte auch, wie wichtig die Kommunikation nach innen in die Einrichtung hinein ist. Auch die Bedeutung von Social Media, um Fragen der Studierenden rasch beantworten zu können, hat sich noch einmal mehr gezeigt.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Wie schön es ist, Freunde und Kolleginnen und Kollegen zu treffen und mit Ihnen Face to Face sprechen zu können. Das merkt man vor allem, wenn es fehlt. Aber auch, wie rasch wir uns an neue Umstände „gewöhnen“ und sie verinnerlichen. Wie rasch wir Dinge als „normal“ betrachten, hat mich echt erstaunt.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Dass wir uns die eine oder andere Dienstreise sparen können und vieles gut auch digital funktioniert. Aber nicht alles. Wie so oft im Leben ist die gesunde Mischung der beste Weg.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Nein. Ich glaube aber, dass gerade die Corona-Zeit gezeigt hat, wie wichtig es ist, in der Kommunikation zu erklären, was Wissenschaft charakterisiert, und dass wissenschaftliche Erkenntnisse sich ändern. Denn es ist gerade Wesenskern der Wissenschaft, die eigenen Erkenntnisse ständig zu hinterfragen und zu prüfen, zu zweifeln, um wieder zu neuen Erkenntnissen zu kommen, die uns weiterbringen. Das macht den Wert der Wissenschaft aus.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Ja, indem wir alle uns dafür einsetzen, zu erklären, wie Wissenschaft funktioniert.

Jens Rehländer, Leiter der Kommunikation der VolkswagenStiftung, „Forschungssprecher des Jahres“ 2019.

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen? (Gesundheit? Homeoffice? Homeschooling?…..)

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Ich halte mich an das geflügelte Wort „Never Waste a Good Crisis“! In einer Ausnahmesituation, wie wir sie gegenwärtig erleben, hinterfragt man vieles, was bis dato selbstverständlich war – und entdeckt: Der zugeschriebene Nutzen wurde eigentlich schon lange nicht mehr erfüllt. Ich stelle fest, in unserer Organisation ist der Mut enorm gewachsen, alte Zöpfe abzuschneiden und neue Wege zu gehen. Ein Stück weit erlebe ich die Krise daher weniger als Belastung, sondern, zumindest in Teilen, auch als Befreiung.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Es heißt ja, in der Not rückt man zusammen. Wir sind zwar in keinster Weise in Not, sind aber als Kommunikationsteam noch enger zusammengerückt. Täglich sind alle mit allen im Austausch, und einmal pro Woche treffen wir uns zur Zoom-Konferenz. Dieser Teamgeist tröstet über manchen Mangel hinweg. Natürlich ersetzen Video-Meetings nicht den kreativen Streit am runden Tisch. Aber wir haben gelernt, auch komplexe Strategiethemen auf virtuellen Wegen abzuhandeln. Und: Wir haben das Lachen nicht verlernt!

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Mit einem Team, das gut aufeinander eingespielt ist, selbstverantwortlich handelt und stets darum bemüht ist, Dinge noch ein Stückchen besser zu machen – mit einem solchen Team lässt sich jede, wirklich jede Krise meistern. Davon bin ich überzeugt, denn ich habe das Glück, ein solches Team führen zu dürfen.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Wissenschaft, Politik und Medien tragen eine enorme Verantwortung dafür, die Bevölkerung evidenzbasiert über Chancen und Risiken von wissenschaftlichem Fortschritt zu informieren. Das ist in den letzten Monaten überdeutlich geworden. Und es ist deutlich geworden, dass es Reibungen und Irritationen zwischen den jeweiligen Systemlogiken gibt. Mit unserer Ausschreibung zur Etablierung von Zentren für Wissenschaftskommunikationsforschung (www.volkswagenstiftung.de/wissenschaftskommunikationsforschung) hat die VolkswagenStiftung einen Aufschlag gemacht. Wir werden weitere Aktivitäten initiieren, die hoffentlich dazu beitragen, die informatorische Verantwortung der drei erwähnten Akteursgruppen zu stärken.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Wissenschaft wird sich nach Corona nicht mehr auf den Standpunkt zurückziehen können, sie liefere nur die Fakten, für die gesellschaftlichen Konsequenzen sei die Politik zuständig. Wenn Wissenschaft sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen will, muss sie lernen, unter dem Blick der Öffentlichkeit in vielen Arenen zu agieren. Sie muss die Logiken von Politik, Medien, sozialen Bewegungen und virtuellen Kanälen verstehen lernen. Dass man durch Einmischung in den Alltag die Freiheit der Wissenschaft aufs Spiel setzt, ist ein schwaches Argument. Denn unabhängig ist die Wissenschaft sowieso nie gewesen. Außerdem: Die institutionelle Wissenschafts-PR ist nicht der allein seligmachende Hebel, um das Ansehen der Wissenschaft zu stärken.

Ralf Röchert, Leiter Kommunikation und Medien des Alfred-Wegener-Instituts. „Forschungssprecher des Jahres“ 2017.

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Ich bin gut durch die letzten Monate gekommen. Dennoch: Corona hat sehr vieles im gesellschaftlichen Leben verändert. Ich glaube, die Auswirkungen dieser Veränderungen werden uns noch lange beschäftigen.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Da ich derzeit vorwiegend konzeptionell arbeite, habe ich die Kommunikation seit Ausbruch der Pandemie eher reflektiv und mit professioneller Neugier verfolgt. Verändert hat sie für mich vor allem die Form der Zusammenarbeit mit anderen Kolleginnen und Kollegen. Die Ausweitung virtueller Kommunikation macht den Informationsaustausch vielfach einfacher, ich habe den Mangel an direkten Kontakten und Gesprächen im Arbeitsalltag aber auch als großen Verlust empfunden. Es arbeitet sich isolierter in einer virtuell geprägten Corona-Welt.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Ich habe eine Ahnung davon bekommen, wie schnell existentielle Krisen alles verändern können, was vorher als normal und gegeben galt. Auf individueller Ebene sind existentielle Krisen tägliches Lebensrisiko. Gesamtgesellschaftlich ist es eine Erfahrung, die ich bisher nicht wirklich kannte. Ich bin nachdenklicher geworden und entschlossener im Eintreten für Werte, die mir wichtig sind.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Entgegen häufig geäußerter Meinungen habe ich nicht den Eindruck gewonnen, dass Kommunikation und Berichterstattung über die Pandemie anderen professionellen Logiken gefolgt sind als sonst. Corona wurde zu einem dominierenden Medienthema, weil die Pandemie von großer gesellschaftlicher Tragweite ist. Wenn die Corona-Krise aber etwas noch einmal deutlich unterstrichen hat, dann die Bedeutung kundiger Einordnung von Fakten in einer aufgeheizten medialen Debatte. Sie hat also erneut ein starkes Statement für die Notwendigkeit qualifizierter Berichterstattung gesetzt. Das gilt nicht nur, aber auch für die Kommunikation wissenschaftlicher Themen.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Nein.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Ich glaube, die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Wissenschaft vor einer großen Herausforderung steht, wenn sie unter gesellschaftlichen Handlungsdruck gerät. Sie muss schnell, entscheidungsrelevant und lösungsorientiert agieren, ohne die ihr eigene Rolle und wissenschaftliche Seriosität aufzugeben. Das ist im Fall der Corona-Pandemie meistens gut gelungen, aber generell nicht einfach für ein System, dessen Reputationslogik nach anderen Kriterien funktioniert.
    Gesellschaftliche Aufmerksamkeit ist stark an Relevanz gekoppelt. Die Aufmerksamkeit für die Wissenschaft wird in dem Umfang wachsen, in dem sie es in der Breite schafft, relevantes, gesellschaftlich anschlussfähiges Wissen für die Herausforderungen unserer Zeit beizusteuern. Und auch davon abhängen, wie gut es ihr gelingt, dieses Wissen handlungswirksam in die Gesellschaft hinein zu kommunizieren.

Dr. Monika Lessl, Leiterin der Bayer Science Foundation und der Bayer Cares Foundation.

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Persönlich bin ich glücklicherweise bisher gut durch die Krise gekommen. Seit Mitte März arbeite ich im Homeoffice, ebenso wie mein Mann und meine Tochter, die gerade „online Abitur“ in der 11. Klasse macht.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Für uns alle war es eine neue Erfahrung, alles digital und aus dem Homeoffice zu machen. Es klappt jedoch erstaunlich gut. Wir haben viel dazugelernt, insbesondere im Umgang mit digitalen Tools und Videokommunikationstechniken. Eine Herausforderung war, dass ich in den ersten Wochen fast ununterbrochen vor dem Bildschirm saß, da ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt zusammenarbeite. Um gut auf die Krise reagieren zu können, mussten wir viele Entscheidungen neu treffen und Prozesse anders gestalten.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Für mich hat sich wieder gezeigt, wie wichtig eine gute Basis und Verankerung ist. Insbesondere meine Familie, aber auch FreundInnen und KollegInnen sowie Yoga und viele Spaziergänge haben mir geholfen, bisher gut durch die Krise zu kommen.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Für mich hat sich bestätigt, dass gerade Krisen Transformations- und Veränderungsprozesse beschleunigen und als Innovationstreiber fungieren. So hat die Corona-Krise u.a. die Digitalisierung massiv vorangetrieben.
    Interessanterweise finden auch viele wissenschaftliche Konferenzen nun „online“ statt und sind dadurch einem breiteren Publikum zugänglich. Somit können mehr interessierte Personen, seien es nun WissenschaftlerInnen oder andere interessierte Gruppen, teilnehmen, was eine Art „Demokratisierung“ mit sich bringt. Auch sind WissenschaftlerInnen aus der ganzen Welt einfacher zu erreichen und für Online-Vorträge oder Diskussionsrunden zu gewinnen. Hier sehe ich eine gute und spannende Entwicklung.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Wissenschaftskommunikation war für mich immer schon ein wichtiges Thema. Es hat vor mehr als 20 Jahren mit dem Thema PUSH (Public Understanding of Science) angefangen. Heute wissen wir, dass ein reines Erklären der Ergebnisse nicht ausreicht, um das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken. Vielmehr geht es darum, den Prozess der Wissensgewinnung transparenter zu gestalten und die Öffentlichkeit mit einzubeziehen. Hier gibt es spannende Outreach-Ansätze, bei denen die Öffentlichkeit selbst Teil des Wissenschaftsprozesses wird.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut, werden?

  • Für mich sind drei Aspekte besonders wichtig: a) Transparenz schaffen, wie Wissenschaft und die Gewinnung neuer Erkenntnisse funktioniert, b) offen diskutieren, was Wissenschaft für die Gesellschaft leisten kann und was nicht, c) mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler motivieren, mit der Öffentlichkeit in den Dialog zu treten und diese in ihre Forschung im Rahmen von Outreach-Programmen mit einzubeziehen.

Die Praktiker (6 – und Schluss): Lehren aus der Pandemie – Wissenschaftskommunikation nach Corona
mit Dr. Christina Beck (Max Planck Gesellschaft), Janis Eitner (Fraunhofer Gesellschaft), Christoph Uhlhaas (acatech), Mario Steinebach (TU Chemnitz) und Rainer Borer (ETH Zürich)
folgt nächste Woche.