Ein bisschen Zeitenwende? – Ein Fazit: #Wissenschaftskommunikation nach #Corona

Posted on 24. August 2020

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Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat im Interview mit „Wissenschaft kommuniziert“ die Corona-Pandemie als „dramatische, aber lehrreiche Erfahrung“ für die Wissenschaftskommunikation bezeichnet. Heute: Mein Fazit zu den Antworten der 25 Kollegen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

R.Korbmann, Blogger für Wissenschaftskommunikation

Reiner Korbmann, 30 Jahre Wissenschaftsjournalist, 15 Jahre Wissenschaftskommunikator, Blogger von „Wissenschaft kommuniziert“.

Eines ist sicher: Nach Corona ist die Welt anders als vor Corona. Das gilt für praktisch alle Bereiche unseres Lebens und unserer Gesellschaft: die Wirtschaft, die Kultur, den Sport, die Politik und sicher auch für die Wissenschaft. Ganz besonders aber auch für die Wissenschaftskommunikation.

Wissenschaft erlebte während der Corona-Zeit einen unerwarteten Höhenflug: Alle Welt gierte nach neuen Forschungsergebnissen und der Meinung der Experten. Eine Hochzeit also für die Wissenschaftskommunikation, die sonst eher um Aufmerksamkeit in Medien und Gesellschaft kämpfen muß? Eine Zeitenwende gar, ein Paradigmenwechsel? Wir haben dazu in den letzten Wochen Praktiker befragt.

Es ist schon etwas Besonderes: 25 bekannte Forschungssprecher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz berichten über ihre Erfahrungen in der Corona-Pandemie. Zuerst einmal herzlichen Dank an die Kollegen, die sich Gedanken gemacht und sie mit allen hier geteilt haben. Und die 25 sind sich weitgehend einig: Es war eine Zeit, die viele Veränderungen gebracht hat, eine lehr- und arbeitsreiche Stresszeit, die weniger als Belastung, sondern als Anstoß empfunden wurde, intensiv die Corona-bezogenen Themen der Forscher aus der eigenen Institution zu kommunizieren. Und notwendigerweise unter völlig veränderten Bedingungen, die auch als Chance begriffen wurden – etwa die Möglichkeiten des Homeoffice oder der Videokonferenzen, vor allem aber der Wert eines eingespielten, motivierten Teams.

Ein „Window of Opportunity“ für die Wissenschaftskommunikation

Ist das alles? Nach einer Zeit, in der Wissenschaft im Mittelpunkt aller Debatten stand, wie niemals vorher in unserer demokratischen Gesellschaft? In der Virologen auf für sie völlig ungewohnte Fragen antworten mussten, etwa ob man Kitas schließen soll – oder schwieriger noch – wie wieder öffnen? In der jedem auf der Straße bewusst wurde, dass Wissenschaft vor allem mit Unsicherheiten lebt, wie Stück für Stück sich relevantes Wissen um das neue Virus erst aufbaut. Und wie anscheinende Selbstverständlichkeiten von keinem Forscher mit seriösem Hintergrund beantwortet werden können – etwa, ob Masken (in Labor und Klinik Alltag) gegen eine Coronainfektion schützen oder nicht.

Ja, Rainer Borer (ETH-Zürich) hat recht: Es öffnete sich urplötzlich für die Wissenschaftskommunikation ein „Window of Opportunity“, eine Möglichkeit, mit wissenschaftlichen Informationen in gesellschaftlichen Debatten mitzuwirken. Und die muss genutzt werden – wenn große Worte von freier Wissenschaft als Stütze der demokratischen Gesellschaft und dem gesellschaftlichem Nutzen freier Forschung auch nur im Ansatz ernst gemeint sind. Das ist jetzt die Aufgabe der Wissenschaftskommunikatoren. Und wie wird es erst, wenn Covid-19 nur noch eine normale Infektionskrankheit ist?

Die Überbrückung der Systemlogiken als Hauptaufgabe der Zukunft

Für die Wissenschaftskommunikation genügt kein „weiter wie vorher“. Denn genau betrachtet, erlebte die Wissenschaftskommunikation in Corona-Zeiten nicht nur ein offenes Fenster, sondern einen Paradigmenwechsel: Es geht nicht mehr nur um das populäre Verbreiten wissenschaftlicher Ergebnisse, sondern um ihre Umsetzung in die Praxis von Politik, Wirtschaft, Erziehung, Veranstaltungen oder persönliches Verhalten aller Einzelnen. Es geht um die Umsetzung von Erkenntnissen in das gesellschaftliche Leben. Und in diesem Zusammenhang kommt man an einem Wissenschaftler nicht vorbei, der spontan und beispielhaft in der Corona-Krise vorgemacht hat, wie das geht, an dem Virologen Prof. Christian Drosten: In zahllosen Interviews, Fernsehauftritten und vor allem in seinem täglichen Podcast hat er unermüdlich kommuniziert – verständlich, topaktuell informiert, auf höchstem Niveau, mit allen Unsicherheiten, doch ohne Professorenattitude, ja mit einem bemerkenswerten Charisma.

Aber das war nicht alles: Er hat immer die wissenschaftliche Erkenntnis in die gesellschaftliche Systemlogik eingebaut und versucht, aus beidem heraus Lösungsvorschläge zu finden. Das war neu und ungeheuer wirkungsvoll: Prof. Drosten hat es immer wieder geschafft, die sich reibenden, teils widersprechenden Logiken des Sytems Wissenschaft und anderer Teilsysteme unserer Gesellschaft zu überbrücken.

Ein Beispiel nur (zitiert aus dem Gedächtnis nach einem Hörfunkinterview), ich fand Dutzende: Es ging um die Wiederöffnung von Schulen und die hohe Viruslast bei Kindern bzw. die Infektiosität von Jugendlichen. Folgt man wissenschaftlicher Systemlogik allein, liegt es nahe von der Wiederöffnung der Schulen abzuraten, um Jugendliche nicht zusammenzubringen, denn damit könnten neue Infektionsketten entstehen. In der gesellschaftlichen Systemlogik aber ist das unmöglich: Das ganze Bildungswesen würden durcheinandergeworfen, wenn die Schulen noch ein viertel, halbes oder ganzes Jahr geschlossen blieben, ganz zu schweigen von den Folgen für Eltern, Ausbildungswesen und Wirtschaft. Drosten warnte nicht nur, sondern schlug vor, die Schulen wieder zu öffnen – natürlich mit den entsprechenden Hygienemaßnahmen – und die Lehrer sehr häufig zu testen, um Infektionsherde schnell zu entdecken und dann die Infektionswege zurückzuverfolgen. Voila – schon war die Kluft der Systemlogiken von Wissenschaft und Gesellschaft/Politik überbrückt. Ähnlich vielschichtig waren viele andere Stellungnahmen von ihm, etwa seine Vorschläge für die kommenden, infektionsträchtigen Jahreszeiten Herbst und Winter, die er in einem Zeit-Interview gemacht hat.

Ein ungewohnter Begriff „Systemlogik“, der zum Schlüssel wird

Das Überbrücken von unterschiedlichen Systemlogiken, nicht allein zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, sondern auch zu vielen Teilbereichen der Gesellschaft, die alle ihre eigenen haben, das wird in Zukunft eine Hauptaufgabe der Wissenschaftskommunikation sein. Zu Recht weist darauf Jens Rehländer (VolkswagenStiftung) in seiner Antwort auf unsere Umfrage hin. Sein Generalsekretär Dr. Georg Schütte hat dazu mitten in Corona-Zeiten einige bedenkenswerte Anregungen gegeben, in einem Interview mit diesem Blog („Schütte:“Die Entgrenzung der Wissenschaft“ ).

Bislang tauchte das Wort „Systemlogik“ kaum in den Diskussionen um Wissenschaftskommunikation auf, in Zukunft wird dies ein Schlüssel, wenn es gilt, effektive Wissenschaftskommunikation zu betreiben, auch die 68 Prozent der Bevölkerung zu erreichen (Wissenschaftsbarometer 2019), die bestenfalls nebenbei an Wissenschaft interessiert sind, wenn Wissenschaft die Chance der Corona-Pandemie nutzenn will, beratend an den Entscheidungen der Gesellschaft mitzuwirken und vor allem: mit ihren Erkenntnissen ernst genommen zu werden.

Dazu müssen sich die Kommunikatoren der Wissenschaft sicher noch das notwendige Rüstzeug aneignen. Sie sind dafür prädestiniert, müssen sie doch bisher schon ständig die Klüfte zum Teilbereich Medien überbrücken. Doch das Überbrücken der unterschiedlichen Systemlogiken zu allen relevanten Bereichen der Gesellschaft, das können die Kommunikatoren nicht allein bewältigen. Dazu benötigen sie als Partner unbedingt kommunikationswillige Wissenschaftler, die bereit sind, die Logik anderer gesellschaftlicher Systeme wahrzunehmen, sich in sie einzufühlen oder einzudenken, sie zu verstehen und sie mit ihren wissenschaftlichen Ergebnissen zu verbinden. Das ist der Punkt, den Christoph Uhlhaas (acatech“) als Topthema benennt. Von diesen Wissenschaftlern gibt es heute noch viel zu wenige.

Neue Chancen für die Wissenschaftskommunikation – aber auch neue Risiken

Prof. Drosten war ein Glücksfall, durch sein Talent und sein Engagement überzeugte er Millionen, sogar davon, etwa zu tun, was keiner gern tun wollte: in den Lockdown zu gehen. Und er überstand auch gehörige Risiken, die nun einmal damit verbunden sind, wenn man die Grenzen der eigenen Disziplin überschreitet: Anfeindungen von Medien, von Verschwörungstheoretikern und Ideologen, ja sogar Morddrohungen. Er bewältigte sie so gut, dass sich am Ende sogar viele Journalisten mit ihm solidarisierten.

Es ist Aufgabe der Wissenschaftskommunikatoren, für diese Überbrückung der Systemlogiken durch eine Intensivierung der internen Kommunikation zu werben, in die Wissenschaft hinein, die kommunikationsbereiten Wissenschaftler vorzubereiten und sie zu wappnen, auch gegen die Risiken, die sie dann zwangsläufig erwarten. Drosten hat gezeigt, was damit zu erreichen ist.

Und noch einen wichtigen Partner braucht die Wissenschaftskommunikation, um Systemlogiken zu überbrücken: die Medien. Nicht nur die etablierten Medien, so wichtig sie sind, auch die neuen Sozialen Medien. Sie werden immer einflussreicher. Am Anfang der Corona-Krise, als angesichts fehlender Fakten einfach jeder verunsichert war, dominierte hier noch ernsthafte wissenschaftliche Information. Bald aber tauchten vermeintliche Experten als Querdenker auf, doch schließlich gewannen irrationale Verschwörungstheoretiker, Impfgegner und Ideologen die Oberhand, wurden die Sozialen Medien politisiert. Immerhin, es gab auch populäre seriöse Quellen, etwa der tägliche Podcast von Drosten mit über 15 Millionen Abonnenten, andere Podcasts mit Virologen und diverse Blogs. Sie zeigten, welche Möglichkeiten sich mit den digitalen Medien auftun. Und dies ist etwas, was Wissenschaftskommunikatoren unmittelbar beeinflussen können.

Und die Journalisten? Nun, die Wissenschaftsjournalisten wurden in der Krise als „systemrelevant“ geadelt. Es wäre aber zu kurz gedacht, sich auf die Wissenschaftsjournalisten zu konzentrieren. Wissenschaft muss für die ganzen Redaktionen systemrelevant sein, gerade auch in den politischen Ressorts, denn die haben die Federführung in Krisen wie dieser. Doch leider haben Wissenschaftskommunikatoren wohl in diesem Bereich den geringsten Einfluss, es sei denn, es gelingt ihnen, Meldungen aus der Wissenschaft auch in der Systemlogik der Politik und der Medien relevant darzustellen.

Jetzt notwendig: Gemeinsames Aufarbeiten der Erfahrungen

Mein Fazit: Nur wenige von den Kollegen, so scheint mir nach Lektüre der Antworten unserer Umfrage (nicht repräsentativ, aber gewiss ein gutes Meinungsbild), haben bislang erkannt, dass die Corona-Pandemie für die Wissenschaftskommunikation tatsächlich eine Zeitenwende darstellt. Natürlich geht auch ein „weiter so“, doch dann darf man sich nicht beklagen, wenn Wissenschaft im Spiel der unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräfte immer mehr ins Hintertreffen gerät. Homeoffice und Videokonferenz sind nützliche Werkzeuge, die es in Zukunft verstärkt zu nutzen gilt. Aber bei dieser Erkenntnis allein darf es nicht bleiben, sonst ist die Kommunikation nach Corona lediglich alter Wein in neuen Schläuchen. Ein bisschen Zeitenwende gibt es nicht, genauso wenig wie ein bisschen schwanger.

Was jetzt notwendig ist, ist ein gemeinsames Aufarbeiten der neuen Erfahrungen durch die Profis der Wissenschaftskommunikation: Warum war Wissenschaftskommunikation in diesen Monaten so erfolgreich? Warum hat Wissenschaft so an Einfluss gewonnen? Will man sich in die gewohnten, abgeschotteten Gefilde zurückziehen (ich vermeide immer den Begriff Elfenbeinturm)? Oder will man die Erfahrungen nutzen, um durch effektive Kommunikation die Gesellschaft zu stärken? Letzteres aber bedeutet: Die Reibungen der Systemlogiken bewusst aufzugreifen und damit umgehen lernen – ein Paradigmenwechsel nicht nur für die Wissenschaftskommunikation, vielleicht sogar für die Wissenschaft selbst.

In weniger provokanten Worten hat dies Kollege Ralf Röchert (Alfred Wegener Institut) formuliert: „Die Aufmerksamkeit für die Wissenschaft wird in dem Umfang wachsen, in dem sie es in der Breite schafft, relevantes, gesellschaftlich anschlussfähiges Wissen für die Herausforderungen unserer Zeit beizusteuern. Und auch davon abhängen, wie gut es ihr gelingt, dieses Wissen handlungswirksam in die Gesellschaft hinein zu kommunizieren.“