Forum Wissenschaftskommunikation: Zu kurz gesprungen – Wie funktioniert Politik wirklich? #fwk20

Posted on 12. Oktober 2020

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Forum Wissenschaftskommunikation 2020 Digital: Corona stand im Mittelpunkt, selbst wenn die Maske kaum jemand brauchte.

Was für ein Thema! Gerade jetzt in Corona-Zeiten! Trotz monatelanger Vorbereitung top-tagesaktuell: „Wissenschaftskommunikation und Politik“. Das „Forum Wissenschaftskommunikation 2020“ hätte mit diesem Thema zum Startpunkt für eine neue Epoche der Wissenschaftskommunikation werden können: Wissenschaftskommunikation nach der Corona-Pandemie, Wissenschaftskommunikation als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaftspolitik, Wissenschaftskommunikation als Brücke der Systemlogiken von Wissenschaft und gesellschaftlichen Entscheidungen. Vorbilder gab es genug in den letzten Monaten, da wissenschaftlicher Rat von allen Seiten so gefragt war, wie noch nie, wo Wissenschaftler Millionen überzeugten, etwas mitzumachen, was sie gar nicht wollten, nämlich den Lockdown, wo Wissenschaft in der ganzen Gesellschaft so wichtig genommen wurde, wie es ihr gebührt.

Doch die Chance wurde nicht genutzt, oder besser gesagt: Allenfalls in Ansätzen. Schon die provokative Eingangsfrage „Einmischen erwünscht?“ konnte übertriebene Hoffnungen auf eine Zeitenwende bremsen. „Sich einmischen“ tut man von Außen, „sich … mit etwas befassen, … womit man eigentlich nichts zu tun hat“ definiert der Duden das Wort ganz klar.

Wissenschaft ist Teil der Politik

Alles digital: Über 500 Teilnehmer trafen sich nur per Internet. WiD-Geschäftsführer Markus Weißkopf führte ein.

Doch Wissenschaftskommunikation ist Politik, so wie Wissenschaft nicht getrennt von der Gesellschaft existiert, sondern Teil von ihr ist. Und Politik, das sind keineswegs nur „die Politiker“, das sind alle Entwicklungen und Ereignisse, die gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen. Also auch Klimaforschung, Umweltforschung, aber auch andere wissenschaftliche Disziplinen, selbst Grundlagenforschung, etwa zur Künstlichen Intelligenz oder zur gerade mit dem Nobelpreis geehrten Genschere CRISPR/Cas.

Doch der Blick über den eigenen Tellerrand der fehlte fast völlig: Was ist eigentlich Politik, wie wird sie beeinflusst, wie fallen Entscheidungen, was können Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation zu einer sachbasierten, demokratischen Politik beitragen (und wie tun sie es bereits)? Stattdessen: Rühren im eigenen Saft, immerhin der Wissenschaft, nicht nur der Wissenschaftskommunikation. Denn Wissenschaftler waren in diesem Jahr beim Forum Wissenschaftskommunikation deutlich mehr vertreten als in früheren Jahren (mag sein, weil das digitale Format für sie den Aufwand minimierte, zu referieren und zu debattieren; mag sein, dass ihnen in der Krise bewusst wurde, wie wichtig Wissenschaftskommunikation für sie ist).

Politik- und Gesellschaftsberatung als Aufgabe

Doch was die meisten von ihnen geboten haben, zeigt, wie dringend Kommunikatoren die Interne Kommunikation ausbauen und daran gehen müssen, ihren Wissenschaftlern zu erklären, wie es tatsächlich in der Gesellschaft zugeht, und dass Wissenschaft im politischen Leben nur dann ein gewichtiges Wort mitzureden hat, wenn sie sich auf die Logik gesellschaftlicher Entwicklungen einlässt. „Wissenschaft muss sich einstellen auf die Eigenrationalitäten, die in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gelten“ forderte der Generalsekretär der Volkswagenstiftung, Dr. Georg Schütte gleich in der Eröffnungsdiskussion. (Ähnliches hatte er schon vorher im Interview mit diesem Blog angemahnt.)

Gesellschaftsberatung als Hauptaufgabe: Prof. Gerald Haug, Präsident der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina.

Große Hoffnungen konnte man also in den prominentesten Wissenschaftler setzen, der am Forum teilnahm, den Präsidenten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Prof. Gerald Haug. Politik- und (wie er selbst stets betont) Gesellschaftsberatung sieht er als eine der Hauptaufgaben der „Leopoldina“ und hat ein großes persönliches Engagement dafür erkennen lassen. Entsprechend hat die nationale Akademie bereits sechs Ad-hoc-Stellungnahmen zur Corona-Pandemie veröffentlicht.

Doch sein Referat über „Wissenschaftsbasierte Politikberatung in der Corona-Krise“ hörte sich eher an wie ein Lehrbuchaufsatz für Wissenschaftler zur Politikberatung. Ausführlich schilderte er, warum, wie, wer und was Wissenschaft kann, was sie darf und was nicht. Ein Lob zwar für den Virologen Prof. Christian Drosten, der in der Pandemie zum Medienstar wurde (siehe Sonderpreis zu den „Forschungssprechern des Jahres“), doch kein Hinweis, wie Wissenschaftler etwa mit den Risiken dieser öffentlichen Präsenz umgehen können, die bei Drosten von Medienkampagnen gegen seine Arbeit bis zu persönlichen Morddrohungen reichten. Aber er freute sich darüber, dass die „Leopoldina“ dank Erwähnung durch die Bundeskanzlerin ihren Bekanntheitsgrad von drei auf 40 Prozent steigern konnte. Ist das ein Erfolg für eine Nationale Akademie der Wissenschaften? Ein Zeichen ständiger Präsenz in den gesellschaftlichen Debatten?

„Sich einbringen“ ist besser als „sich einmischen“

Prof. Haug erkannte immerhin die Tücken des Wortes „einmischen“ und wollte es lieber ersetzen durch ein „sich einbringen“. Richtig: Der Duden definiert es als „sich beteiligen“. Und genau dies muss Wissenschaft in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft tun, wenn sie von ihr andererseits als wichtig und unverzichtbar wahrgenommen werden will.

Auch die Reaktionen der Zuhörer verfolgen: Teilnehmer sind im Bildschirm eingeblendet.

Doch wer sich einbringen will, muss wissen, wo er sich einbringt, wie die Gemeinschaft, in die er sich einbringt, funktioniert, wie er sie am besten mit seinen Fähigkeiten unterstützen kann. Vom Leopoldina-Präsidenten aber kein Wort zur anderen Seite der Politik- und Gesellschaftsberatung, zu Politik und Gesellschaft. Kein Wort zu den vielen Wegen, die zu politischen Entscheidungen führen. Wie geht Gesellschaftsberatung durch die Wissenschaft mit den ganz normalen Konflikten in dieser offenen Gesellschaft um, wie mit Einflüssen auf politische Entscheidungen, wie mit heftiger Lobbytätigkeit aller möglichen Interessenten, wie mit den Interessen von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Bürgerinitiativen, wie mit den Fragen der Medien oder der zahllosen regionalen und kommunalen Behörden im Lande, von Bildungseinrichtungen und betroffenen Bürgern? Sie alle gehören zur Politik. Die Rolle dieser gesellschaftlichen Elemente in der Sichtweise der Leopoldina blieb ebenso offen wie das Engagement der Akademie, die unterschiedlichen Systemlogiken von Wissenschaft und Politik zu überbrücken.

Wieviel versteht Wissenschaft von der Gesellschaft?

Ein Musterbeispiel für Gesellschaftsferne lieferte der Agrarwissenschaftler Prof. Matthias Weiter von der Humboldt-Universität zu Berlin in der Sitzung „Wissenschaftler*innen kommunizieren selbst“. Er erläuterte ellenlange Checklisten zur Kontaktaufnahme mit Bundestagsabgeordneten, die von der Kontaktaufnahme per Brief oder Telefon bis zum Finden einer passenden Gesprächseinleitung reichten. Und er bilanzierte schließlich als Erfolg, dass es ihm gelungen war, mit fünf Abgeordneten zu sprechen. Seine Erkenntnis: Für Bildung und Gesundheit sind Bundestagsabgeordnete gar nicht zuständig, sondern weitgehend die Länder. Ein Blick ins Grundgesetz hätte genügt, um sich die ganzen Mühen zu sparen.

„Auch Konfliktkompetenz trainieren“ – wenn Wissenschaft auf Gesellschaft trifft: Konfliktforscher Prof. Andreas Zick.

Gab es denn gar nichts Positives vom Forum zu berichten? Doch, natürlich. Vor allem wurde Bilanz nach den Monaten der Corona-Pandemie gezogen, obwohl sie ja noch gar nicht zu Ende ist. Da wurden Wunden geleckt, die die Konflikte im politischen Raum unerwartet geschlagen hatten. (Auch das ist notwendig, Solidarität zu finden, sich seiner selbst und der Gleichgesinnten zu vergewissern.) Da ging es vor allem um die Demonstrationen der Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker. Konfliktforscher Prof. Andreas Zick von der Universität Bielefeld, der vor allem über Rechtsextremismus forscht, mahnte, auch Wissenschaftsfeindlichkeit ernst zu nehmen und nicht nur als Randphänomen zu betrachten. Und vor allem forderte er für die Wissenschaftskommunikation der Zukunft, auch Konfliktkompetenz zu trainieren und nicht nur Dialogbereitschaft.

„Glamour-PR für die Wissenschaft ist falsch“

Viele Sessions beschäftigten sich zwar intensiv mit den Phänomenen aus der Pandemie-Zeit, man hatte aber nicht das Gefühl, dass diese Extremsituation an gesellschaftlicher Aufmerksamkeit bereits wirklich verstanden worden wäre, auch nicht von den Kommunikatoren. Man sprach meist, als wäre das neue Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft mit dem herkömmlichen Vorgehen zu bewältigen. Ganz anders dagegen zwei Sessions: Die eine von Beatrice Lugger moderiert zu „Politikberatung von Seiten der Wissenschaft – Anspruch und Grenzen“, in der es vor allem darum ging, welche Belohnungssysteme für kommunizierende Wissenschaftler in ihrem Karriereweg oder bei Berufungen möglich sind.

Die andere moderiert von Josef Zens zu „Bewährungsprobe COVID-19 – Wenn Wissenschafts-PR unter politischen Druck gerät“, in der es darum ging, dass Wissenschaftskommunikation, wenn sie für die Gesellschaft relevant sein will, davon Abschied nehmen muss, Institutionen-Glorifizierung zu betreiben und stattdessen tatsächlich über Wissenschaft, ihre Probleme, ihre Prozesse und auch ihre Unsicherheiten zu reden. Sie gipfelte in der Forderung von Julia Wandt, Vorsitzende des Bundesverbandes Hochschulkommunikation: „Die Universitäten müssen umdenken. Wenn es das noch gibt, dass man allein an einer reiner Erfolgskommunikation interessiert ist – und ich bin mir sicher, dass es das noch gibt – dann ist das falsch.“ Es dürfe keine inhaltslose PR für die Wissenschaft geben.

Digital: Eine Option für die Zukunft

Gummibärchen und Maske statt Kaffee mit den Kollegen: Kleine Gastgeschenke der Veranstalter für zu Hause.

Noch ein wichtiger Punkt zur Zeitenwende: Nämlich die Form, in der dieses Mal das Forum Wissenschaftskommunikation stattfand: digital, online, virtuell. Alle Vorträge und Diskussionen wurden über die Plattform Howspace per Zoom gestreamt. Und das klappte hervorragend: Kaum technische Pannen, die Referenten hautnah (man würde sich wünschen, dass manche bei diesen Auftritten mehr auf Bildqualität, Beleuchtung, Hintergrund achten). Referenten und Zuhörern hatten es – ohne Anreise, Unterkunft und Abwesenheit – viel leichter teilzunehmen, wurden zugleich aber auch durch den Alltag in ihrem persönlichen Hintergrund abgelenkt. Den anderen Zuhörern, meist mit Video zugeschaltet, konnte man direkt ins Gesicht sehen, ihre Reaktionen auf Inhalte verfolgen, sogar noch mit Namen eingeblendet. Fragen, Diskussionsbemerkungen und Koreferate kamen in großer Zahl, teils untereinander schon vordiskutiert, schriftlich per Chat (das Programm sollte den Rückmeldungen mehr Zeit widmen), auch Links konnten direkt getauscht werden. Und die Mozilla Hubs waren – virtuelle, aber doch ganz brauchbare – Begegnungsräume, wobei sicher noch Einiges zur Moderation des digitalen Networkings gelernt werden muss. Alle Vorträge und Diskussionen standen als Video den Teilnehmern eine Woche lang zur Nacharbeit oder zum Besuch paralleler Veranstaltungen zur Verfügung. Alles insgesamt: Deutlich mehr als ein Notbehelf, ausbaubar und zukunftsfähig.

Natürlich ist ein virtuelles Forum nicht das Gleiche wie eine Vorort-Tagung. Die Begegnung in den Pausen bei einer gemeinsamen Tasse Kaffee ist durch nichts zu ersetzen: Die Spontaneität (eventuell sogar geplant), das Zufällige, die Vertrautheit und die mögliche Vertraulichkeit fehlen, ganz abgesehen von der Körperlichkeit. Und auch das macht die Qualität eines Branchen-Forums aus, nicht nur die Inhalte. Meines Erachtens ist dieses Dilemma nur zu lösen durch die Veranstaltung einer/mehrerer inhaltsbetonter virtueller Tagungen und einer – dann auch kürzeren – Tagung vor Ort mit Inhalten und ansprechenden Möglichkeiten zum Networking mit den Kollegen aus der Branche.

Mein Fazit:

Erstens, das Forum Wissenschaftskommunikation hat gezeigt, dass digitale Tagungen möglich und spannend sein können. Sie haben Nachteile gegenüber herkömmlichen Vorort-Kongressen, aber auch Vorteile. Sie sind wertvoll als ein zusätzliches Element des Austausches.

Sind Politiker eine Rarität, wenn es um Wissenschaft geht? MdB Ernst Dieter Rossmann (SPD) war einer der wenigen im Tagungsprogramm.

Zweitens: Das Forum Wissenschaftskommunikation hat leider in diesem Jahr sein Thema nur einseitig mit Inhalten gefüllt. Immerhin war der Teller, über dessen Rand nicht geblickt wurde, schon größer als in den vergangenen Jahren: Auch Wissenschaftler spielten eine gehörige Rolle (und das sollte unbedingt so bleiben), nicht mehr nur die Insider der Wissenschaftskommunikation. Wenn ich ein Thema wähle, das die eigenen Grenzen überschreitet (was gut ist), dann ist doch gerade die Sichtweise der anderen Seite interessant zu erfahren, um dann diese Logik ins eigene Handeln und Denken einbauen zu können. So aber war der Vorsitzende des Bundestags-Forschungsausschusses, Ernst Dieter Rossmann (der sehr nachdenklich und anregend auftrat), der einzige Politiker, den ich wahrgenommen habe.

Es fehlten völlig Bürger und Bürgerinitiativen, Nichtregierungsorganisationen und Administrationen, ja auch Covid-Leugner und Verschwörungstheoretiker hätte ich mir gewünscht – denn sie alle muss Wissenschaftskommunikation ins Visier nehmen, wenn sie die starke Rolle der Wissenschaft nutzen will, die sie derzeit in der Gesellschaft innehat. Es ist nicht mehr so, wie vor Corona, dass Wissenschaft froh sein durfte, überhaupt wahrgenommen zu werden (drei Prozent Bekanntheit für die Nationale Wissenschaftsakademie!). Gegenwärtig ist sie ein Major Player in der Gesellschaft, etwa ebenso sichtbar wie Wirtschaft oder Sport, sichtbarer sogar als der ganze Kulturbereich. Und da gilt es, anders zu kommunizieren. Dies zu thematisieren wäre eine Aufgabe des Forums mit dem top-aktuellen Thema gewesen. Leider: Zu kurz gesprungen. Es blieb beim Rühren im eigenen Saft, auch wenn der Teller ein wenig größer war.