Kollegen, ihr diskutiert das falsche Thema – ein Kommentar zur Blogteufelchen-Diskussion

Posted on 25. Januar 2021

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Reiner Korbmann

Ein paar Jahre war Ruhe, doch jetzt flammt sie wieder auf: die Blogteufelchen-Diskussion. Es geht um die Frage, ob Wissenschaftskritik, Wissenschaftsleugner und Wissenschaftsignoranten bei der Wissenschaftskommunikation genug Beachtung finden, ob man bei einer Wahl zur Popularität entsprechender Blogs wissenschaftstreue und wissenschaftsabstinente Blogs als Alternativen einander gegenüber stellen darf. Für die einen ein  Sakrileg, für mich eine geeignete Provokation, um endlich die Diskussion über ein gravierendes Defizit der Wissenschaftskommunikation in Deutschland in Gang zu bringen.

Doch zunächst vielleicht eine Selbstverortung und eine kurze Geschichte des Blogteufelchens: Ich bin kein Wissenschaftler, sondern Journalist, Wissenschaftsjournalist, der seit rund 50 Jahren fast täglich mit Wissenschaftlern umgeht. Ich habe daher vielleicht auch eine andere Perspektive auf die Gesellschaft als viele, die in der Wissenschaft tätig sind. Doch ich halte Wissenschaft für ein grundlegendes Element unserer demokratischen Gesellschaft, sorge mich aber um ihr Verhältnis zur Gesellschaft. Alle Grundlagen für gutes Arbeiten erhält die Wissenschaft von der Gesellschaft – u.a. etwa Finanzen, Ausbildung, Privilegien, auch die notwendige Freiheit. Ich sehe aber, wie in dieser Gesellschaft Strömungen von Wissenschaftsskepsis, Wissenschaftskritik, ja Wissenschaftsferne immer mächtiger werden (auch nach Donald Trump), die mittel- und langfristig diese Basis von Wissenschaft und Demokratie erschüttern.

Das Verhältnis der Wissenschaft zur Gesellschaft ist eine Hauptaufgabe der Wissenschaftskommunikation. Deshalb ist es für mich unverständlich, weshalb sie sich so wenig um die Leute kümmert, die diskursives, wissenschaftliches Denken in Zweifel ziehen, leugnen, negieren, sich sogar „alternativ-wissenschaftlich“ geben. Diese Leute unterminieren damit nicht nur die Vertrauensbasis in die Wissenschaft, sondern sprechen natürlich der tatsächlichen Wissenschaft all die gesellschaftlichen Privilegien ab, die diese für erfolgreiches Arbeiten braucht. Hier versagt die Wissenschaftskommunikation in Deutschland bislang.

Wie darauf aufmerksam machen, den Finger in die Wunde legen? Ich betreibe einen Blog, habe keine schwergewichtige Institution hinter mir, bin Einzelkämpfer, als Blogger naturgegeben einsamer Rufer. Also kam ich vor Jahren auf die Idee, in die Wahl der „Wissenschafts-Blogs des Jahres“ auch Blogs aus Kreisen dieser Wissenschaftskritiker mit aufzunehmen: Mit erschreckendem Erfolg: Die Stimmenzahlen für die Zweifler, Skeptiker, Wissenschaftsabstinenten waren so hoch, dass sie die Wahlergebnisse zu dominieren drohten. Also organisierte ich eine zweite Wahl, die Wahl des „Blogteufelchens der Wissenschaftskritik“, wo ich diejenigen als Alternativen zur Wahl stellte, die entweder zu den Kritikern gehören oder sich mit ihnen kritisch auseinandersetzen

Zugegeben, diese Alternative sollte provozieren. Das ist ein legitimes journalistisches Mittel, um auf ein drängendes Problem aufmerksam zu machen. Die erste Provokation lag im Titel des Gewählten: Blogteufelchen ist ein Attribut, das sich nicht jeder anziehen möchte, schon gar nicht die Blogger aus der Wissenschaftskritik. Es gab von ihnen unzählige Aufforderungen, dass ihre Blogs, die natürlich alle die Fahne „Wissenschaft“ vor sich hertragen (und dadurch noch größeren Schaden für die Wissenschaft anrichten), doch eigentlich auf die  Kandidatenliste der gleichzeitig stattfindenden Wahl der „Wissenschafts-Blogs des Jahres“ gehören.

Und die zweite Provokation bestand darin, Blogs mit tatsächlichem wissenschaftlichen Hintergrund, die sich vor allem mit den Wissenschaftskritikern beschäftigen, als Wahlalternative gegen diese Skeptiker und Ignoranten zu stellen – am Anfang zwei Blogs, seitdem das „Sciencesofa“ verstummt ist, bleibt der Blog der „gwup|die skeptiker“, das einzige Online-Sprachrohr in der deutschsprachigen Szene, das sich intensiv mit den Wissenschaftskritikern beschäftigt.

Und die Provokation funktionierte. Allerdings nicht ganz in dem Sinne, wie ich es mir gewünscht hätte: Nachdem ich in einem zusätzlichen Blogpost klargestellt hatte, dass ich voll und ganz auf dem Boden der Wissenschaft stehe und mir ob des Erfolgs der Skeptiker und Ignoranten Sorge mache, erntete ich zunächst einen Shitstorm von den Anhängern dieser Gemeinde und diese Community verschwand aus der Wählerschaft.

Der zweite Shitstorm war weniger heftig, dafür aber inhaltsreicher: Viele Kollegen aus den Reihen der Wissenschaftsblogs warfen mir vor, ich würde Dinge zur Wahl stellen, die nichts miteinander zu tun haben: Einerseits der wissenschaftstreue GWUP-Blog, andererseits Blogs, die ohne Unterschied Hirnverbranntes als Wissenschaft verbrämt oder abstruse Behauptungen und Meinungen als Fakten darbieten: Ein Sakrileg für jeden, der die Welt aus wissenschaftlicher Sicht zu verstehen versucht.

Liebe Kollegen: Ich kann eure Empörung verstehen. Doch wenn man die gesellschaftlichen Strömungen, die die Wissenschaft langfristig in Frage stellen, verstehen und mit ihnen kommunizieren will, muss man einen Perspektivenwechsel vornehmen: Nicht jeder unserer Mitmenschen sieht die Welt aus wissenschaftlicher Sicht, das ist eher die Minderheit. Da gibt es welche, denen viele andere Dinge wichtiger sind als wissenschaftlichen Fakten (und leider werden sie immer mächtiger). Da geht es um den eigenen Profit, das eigene Machtstreben, um Deutungshoheit, mangelnde Bildung, Unwissen, Desinteresse, Verführbarkeit oder schlicht um Wurstigkeit oder hemmungslose Selbstverwirklichung, weshalb in unserer Gesellschaft Wissenschaft vielen nicht in den Kram passt oder nicht wahrgenommen wird. Und wenn schon Wissenschaft, warum nicht derjenige, der sich ebenfalls Wissenschaftler nennt und dessen Aussagen mir passen? Ob er auch kompetent ist für die jeweilige Fragestellung, das ist ja gar nicht so einfach zu erkennen.

Worum es bei den Blogteufelchen wirklich geht, ist doch nicht die Frage, ob hier der GWUP-Blog als Wahlalternative zu Wissenschaftsleugnern auf der Liste steht. Eine Wahl ist ja keine Auszeichnung, sondern ein Zählergebnis zur Popularität. Es geht doch darum, wie geht Wissenschaftskommunikation mit diesen Leugnern, Skeptikern, Ignoranten um, mit Verschörungstheoretikern, Coronaleugnern, mit Pegida-Anhängern, Populisten u.a.?

Dazu aber herrscht in den Diskussionen zur Wissenschaftskommunikation, auf den Foren, Podiumsdiskussionen und in den Denkschriften gähnende Leere. Zu Beginn, vor etwa zehn Jahren, fühlte ich mit dem Bewußtsein für dieses Problem noch ganz allein. Inzwischen sehe ich zumindest den Hoffnungsschimmer für ein Problembewusstsein. Etwa wenn der Züricher Kommunikationswissenschaftler Prof. Mike S. Schäfer kritisiert, dass sich Wissenschaftskommunikation fast ausschließlich an die Wissenschaftsinteressierten richtet, die Gleichgültigen und Nichtinteressierten – er nennt sie „Passive Unterstützer“ und „Ausgeklinkte“; in der Schweiz, wo er es untersucht hat, deutlich die Mehrheit – aber außen vor lässt. Oder wenn der neue Generalsekretär der VolkswagenStiftung, Dr. Georg Schütte, darauf aufmerksam macht, dass nicht überall in unserer Gesellschaft mit wissenschaftlicher Logik gedacht wird, sondern dass die unterschiedlichen Bereiche ihre eigenen Systemlogiken verfolgen, und dass Wissenschaftskommunikation diese Unterschiede überbrücken muss.

Lasst uns nicht über die falschen Themen diskutieren. Ob der GWUP-Blog nun zur Wahl des „Wissenschafts-Blogs des Jahres“ gehört oder bei der Wahl der „Blogteufelchen“ derzeit richtig aufgehoben ist – geschenkt. Lasst uns darüber diskutieren, wie die Wissenschaftskommunikation mit den Wissenschaftskritikern umgehen kann, soll und in sich Zukunft darum kümmert.