Ein Traumjob mit Baustellen – Wissenschaftskommunikation auf Augenhöhe

Posted on 1. Februar 2021

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Neue Leiterin des Geschäftsbereichs „Kommunikation und Strategie“ im Rektorat der Universität Freiburg: Julia Wandt. (Foto: Universität Konstanz)

Die erste Information klang nüchtern: „Am 15. Januar 2021 hatte ich meinen letzten Arbeitstag an der Universität Konstanz, zum 1. Februar 2021 werde ich eine neue Stelle antreten.“ So die Mail der Vorsitzenden des Bundesverbandes Hochschulkommunikation und langjährigen Pressesprecherin der Universität Konstanz, Julia Wandt. Spannend – was treibt sie denn nach zehn Jahren auf einem sicheren Posten dazu, nach Neuem zu greifen?

Doch dann kamen per Twitter die ersten Glückwünsche zur neuen Position, im ZEIT-Newsletter „Wissen3 ein Kommentar, und Ende der Woche die offizielle Bestätigung per Mitteilung, in der Rubrik Personalia: Julia Wandt übernimmt ab 1. Februar 2021 im Rektorat der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg den Geschäftsbereich „Kommunikation und Strategie“ – auf gleicher Ebene wie der Universitätskanzler und die vier Prorektoren für Forschung, für Studium und Lehre, für Gleichstellung und für Digitale Transformation.

Ein Traumjob, so schildert es Julia Wandt im Interview mit Jan-Martin Wiarda, wie es ihn in der deutschen Universitätslandschaft bisher nicht gegeben hat: „Wissenschaftskommunikation mit einer Kommunikatorin auf Rektoratsebene zu verankern und die Synergien zwischen Kommunikation und strategischer Ausrichtung der Universität zu intensivieren.“ Sie versteht die neue Aufgabe als Signal für die ganze deutsche Hochschullandschaft: Wissenschaftskommunikation als gleichberechtigten Rektoratsbereich zu etablieren, neben den Kernfunktionen Verwaltung, Forschung und Lehre: „ In der wissenschaftspolitischen Diskussion wird seit Jahren gefordert, Wissenschaftskommunikation, aufgrund ihrer Bedeutung für Wissenschaft und Gesellschaft, auf Universitätsleitungsebene zu stärken.“

Zwischen Tradition und Moderne, zwischen Skandalen und Exzellenz: Die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. (Foto: Sandra Meyndt)

Wissenschaftskommunikation endlich auf Augenhöhe angesiedelt? Das ist es, was viele seit Jahren vergeblich angemahnt haben, die über die Rolle der Wissenschaftskommunikation nachdenken. Für mich selbst war es immer wieder ein Wunschtraum, den Kommunikator auf Leitungsebene zu installieren, genauso selbstverständlich, wie dort für administrative Aufgaben der Kanzler oder Verwaltungsdirektor sitzt. Ein Kommunikator, der oder die die komplexe Aufgabe Kommunikation und Außendarstellung konzipiert, organisiert und die Wissenschaftler bei dieser Aufgabe auf Augenhöhe berät, managt und unterstützt. Praktiker eben, Verwalter und Kommunikator, die die oft praxisfernen Wissenschaftler bei diesen unentbehrlichen Funktionen des Alltags zur Seite stehen. Wird dieser Wunsch nun wahr?

Doch Traumjob, gibt es den? Julia Wandt und ihre Rektorin an der Universität Freiburg, die Neurobiologin Prof. Kerstin Krieglstein, wissen, worauf sie sich einlassen. War doch Krieglstein bis vor vier Monaten Rektorin der Universität Konstanz, wo Julia Wandt gut zehn Jahre lang für die Kommunikation verantwortlich war. In zwei Jahren gemeinsamer Arbeit ist mit Sicherheit ein gutes Vertrauensverhältnis gewachsen. Aber für beide bietet die Universität Freiburg eine ganze Reihe von Baustellen, bei denen es um weit mehr geht, als nur darum, gut zu kommunizieren, die Forschung der Universität in die Medien zu tragen oder das Image der Hochschule zu polieren.

Denn das Ansehen der Universität Freiburg wurde in den letzten Jahren kräftig ramponiert, durch Skandale um Doping und Plagiate, durch das Herausfallen aus der millionenschweren Förderung der Exzellenzinitiative, durch die damit zusammenhängenden Querelen um das „Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS), vor allem aber durch das uneinsichtige Verhalten des Vorgängers von Rektorin Krieglstein, der sich damit sämtliche Sympathien bei Wissenschaftlern, in der Politik und in der Öffentlichkeit verdarb. Er trat 2020 zur Wiederwahl nicht mehr an. Prof. Krieglstein, die von 2014 bis 2018 bereits Dekanin der Medizinischen Fakultät in Freiburg war, wurde im Mai gewählt und holte jetzt die erfahrene, renommierte und beliebte Kommunikatorin Julia Wandt (Publikumspreis bei den „Forschungssprechern des Jahres 2020„) an ihre Seite.

„Ihr Erfolg wäre ein Meilenstein für die Wissenschaftskommunikation.“

Trotz der besten Voraussetzungen wird das für Julia Wandt sicher kein Zuckerschlecken. Denn was von ihr erwartet wird, war der Pressemitteilung der Universität deutlich zu entnehmen: Nicht umsonst heißt ihr neuer Geschäftsbereich „Kommunikation und Strategie“. Und dazu zählt „auch die Positionierung der Universität in Wettbewerben, zum Beispiel der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder“. Sprich: Ein erfolgreiches Konzept für die nächste Runde der Exzellenzstrategie wird erwartet. Ein riesiges Paket, das weit über Erfahrungen in (Überzeugungs-)Kommunikation hinausgeht. Eine hohe Hürde, aber zugleich auch eine große Chance für die Kommunikatorin im Universitätsrektorat.

Denn vordringliche Hauptaufgabe von Kommunikatorin Julia Wandt im neuen Job auf Leitungsebene wird es sein, sich Akzeptanz und Anerkennung bei Wissenschaftlern und bei unzähligen Gremien und Stakeholdern der Hochschule zu verschaffen. Die müssen erkennen, akzeptieren, ja sogar schätzen lernen, dass jemand, der nicht habilitiert ist, bei Kommunikation und in der Entwicklung von Überzeugungsstrategien Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen besitzt, die weit außerhalb ihrer eigenen wissenschaftlichen Reichweite liegen. Und das geht am überzeugendsten mit einem Erfolg in der Exzellenzstrategie.

Dies wird Julia Wandts Gesellenstück in Freiburg. Wenn sie das schafft, kann das Freiburger Modell, Kommunikation für die Wissenschaft auf Leitungsebene zu verankern, Ausstrahlung auf andere Hochschulen gewinnen, auf Institute, auf Forschungsorganisationen, auf das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft in Deutschland insgesamt. Zuzutrauen ist es Julia Wandt. Sie hat das Zeug dazu, die Voraussetzungen sind gut. Daher kann man ihr eigentlich nur Unterstützung anbieten und ihr aus ganzem Herzen Glück und gutes Gelingen wünschen. Ihr Erfolg wäre ein historischer Meilenstein für die Wissenschaftskommunikation.