„Extrem unwahrscheinlich“ und die Folgen: Eine Frühwarnung – #Wissenschaftskommunikation nach #Corona

Posted on 8. Juni 2021

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Das Wuhan-Institut für Virologie: Ort von Hochrisiko-Experimenten, verdächtigt als Quelle der weltweiten Corona-Pandemie. (Foto: Wikipedia)

Heute wende ich mich – ausnahmsweise – einmal nicht zuerst an die Wissenschaftskommunikatoren, sondern an die Wissenschaftler selbst. Und ende dann doch wieder bei den Kommunikatoren.

Es geht um das SARS-CoV-2-Virus im Kleinen, oder – besser gesagt – um die biowissenschaftliche Forschung im Großen, um ihre Freiheit, wahrscheinlich sogar in Teilbereichen um ihre Existenz. Vor allem aber geht es um die Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft.

Doch der Reihe nach: Noch immer ist ungeklärt, woher das Virus stammt, das die weltweite Corona-Pandemie ausgelöst hat. Tatsächlich eine Nebenfrage, so lange es weltweit darauf ankommt, die Folgen der Pandemie einzugrenzen, Menschen zu schützen, sich mit dem teuflischen Erreger zu infizieren, Menschen zu retten, die daran erkrankt sind. Doch je mehr es gelingt, die Seuche – durch enormes Engagement der Wissenschaft und unter großen Opfern der Gesellschaft – in den Griff zu bekommen, umso stärker rückt wieder die Frage in den Mittelpunkt: Wie konnte das passieren? War es ein Virus in einem Tier, das mutierte und effizient den Menschen als neuen Wirt eroberte? Oder war es ein Leck in den Sicherheitsschranken eines abgeschotteten Hochsicherheitslabors?

Das Corona-Virus : Wo kam es her? Ist es natürlichen Ursprungs oder aus einem Laborunfall. Diese Frage könnte für die Molekularbiologie zur Schicksalsfrage werden.)

Die ersten Covid-19-Erkrankungen sind in der chinesischen Metropole Wuhan aufgetreten. Und da gibt es – Zufall oder nicht, das ist die entscheidende Frage – nur wenige hundert Meter vom Ort der ersten Infektionen – ein Hochsicherheits-Labor, in dem an Corona-Viren geforscht wird, ja in dem – bisher unbestritten – riskante Experimente gemacht werden, sogenannte Gain-of-Function-Versuche (GoF), bei denen einzelne Eigenschaften der Krankheitserreger gezielt verstärkt oder abgeschwächt werden. Der Anfangsverdacht liegt nahe, dass das neue SARS-CoV-2-Virus nicht auf natürliche Weise aus einem nahen Verwandten entstanden ist, sondern bei einem Laborunfall in die Welt kam. Zumal die chinesischen Behörden zunächst eine undurchsichtige Informationspolitik betrieben haben, ja sogar noch heute den Ursprung des Virus irgendwo anders in der Welt sehen möchten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eigens eine Expertenkomission nach Wuhan entsandt, um die Herkunft des Covid-Virus zu klären. Ergebnis: Man weiß es nicht, doch es sei „extrem unwahrscheinlich“, dass das Virus aus dem Hochsicherheits-Labor in Wuhan entschlüpfen und die ganze Welt infizieren konnte.

„Extrem unwahrscheinlich“, das weckt Erinnerungen an die Entwicklung der Kernenergie vor kaum fünfzig Jahren. Da wurde das gleiche Wort wieder und wieder benutzt. Denn natürlich war die Sicherheit der Kernenergie damals ein großes Thema. Da gab es Diskussionen um den GAU, den „Größten Anzunehmenden Unfall“, der aber – laut Genehmigungsverfahren – mit Kühlsystemen und aufwendiger Sicherheitstechnik beherrscht werden konnte. Schwerwiegendere Störungen als ein GAU, so argumentierten damals die KKW-Befürworter, gestützt von tausenden Wissenschaftlern, seien „extrem unwahrscheinlich“, wenn nicht sogar völlig ausgeschlossen. Doch dann kamen die „extrem unwahrscheinlichen“ Super-GAUs in Tschernobyl (1986 ) und in Fukushima (2011), mit ihren unabsehbaren Folgen. Heute liegt die Kernenergie im Sterben, die Fissionsforschung ist praktisch tot – in Deutschland (andere Länder werden folgen, wage ich die Prognose).

Die Trümmer von Fukushima sind ein Fanal: Wird Corona zum Fukushima der Molekularbiologie? (Foto: Gregg Webb/IAEA)

Was bedeutet diese historische Erfahrung für die Biowissenschaften? Innerhalb weniger Monate wurden hunderttausende von Forschungsprojekten zu SARS-CoV-2-Viren gestartet und veröffentlicht. Nur wenige davon beschäftigen sich aber mit dem Ursprung des Erregers. Wir werden möglicherweise nie sicher erfahren, woher er gekommen ist. Schlagzeilen machte bei uns immerhin die unverwertbare Arbeit des Hamburger Physikers Prof. Roland Wiesendanger: wissenschaftlich nicht haltbar, aber er hat wenigstens auf das Problem aufmerksam gemacht (auch wenn dies durch die katastrophale Kommunikation seines Papiers untergegangen ist). Von Virologen, Biowissenschaftlern und anderen Forschern wurde Wiesendanger heftig kritisiert, auf den Kern seines Anliegens ging niemand ein. Doch liebe Biowissenschaftler: Die Erfahrungen der Physiker sollten Euch lehren, dass es nicht genügt, sich hinter „extrem unwahrscheinlich“ zu verstecken!

Was tun? Zunächst ist Einsicht gefragt. Schlagdrauf mit Killer-Argumenten (wie: „wissenschaftlich nicht bewiesen“) auf alles, was den Laborunfall in Wuhan für möglich hält, wird die Gesellschaft auf Dauer nicht überzeugen, zumal die Informationslage in China nicht gerade transparent ist. Appelle, wie jüngst der von der (selbst von politischen Interessen getriebenen) WHO, man möge doch nicht Wissenschaft mit Politik vermischen, sind kontraproduktiv (um nicht zu sagen: lächerlich). Und natürlich ist auch der US-Geheimdienst nicht geeignet, um – wie es US-Präsident Biden gern möchte – die Entstehung des Pandemie-Viruses sicher zu belegen.

Die Biowissenschaftler müssen umdenken. Hier können nur zwei Dinge helfen:

Erstens eine freiwillige Umkehr der Beweislast – die Biowissenschaften dürfen sich nicht damit begnügen, dass ein Laborunfall nicht nachzuweisen ist, sie müssen – notfalls mit hohem Aufwand –die Entstehungsgeschichte des SARS-CoV-2-Virus mit Fakten zweifelsfrei und konkret belegen, etwa durch den Nachweis eines natürlichen Zwischenwirts. Das sollte auch im Interesse ihrer chinesischen Kollegen und der chinesischen Regierung sein.

Zweitens offensiv eine Diskussion zu starten, bevor die Molekularbiologie durch die Öffentlichkeit dazu gezwungen wird und sich verteidigen muss. Diskussionen in Fachkreisen, vor allem aber auch mit der Gesellschaft, selbst wenn das unangenehm ist – über die Sicherheit von Hochsicherheits-Labors und die Risiken von GoF-Experimenten, notfalls mit Moratorien, die den guten Willen untermauern. Auch eine transparente Abwägung von Nutzen und Risiko von Hochrisikoexperimenten durchsetzen gehört dazu. Sonst könnte die Corona-Pandemie zum Fukushima der Molekularbiologie werden.

„Welches wertvolle Experiment

ist mehr als 3,5 Millionen

Tote wert?“

Ich kann mir jedenfalls kein Experiment vorstellen, dessen Ergebnis so wichtig und wertvoll ist, eine Pandemie mit bislang über 3,5 Millionen Toten und katastrophalen gesellschaftlichen Folgen weltweit aufzuwiegen. (Und dabei profitiere ich ganz persönlich mit meiner Familie bereits von den neuesten Fortschritten der Molekularbiologie.)

Welches Risiko tragbar ist, welches nicht, das können nicht Fachwissenschaftler entscheiden, sondern nur die Gesellschaft. Und da kommt nun doch die Wissenschaftskommunikation ins Spiel. Ihre Aufgabe ist es, hier zunächst einmal nach Innen zu wirken, in die Wissenschaft hinein. Es geht darum:

  • den Forschern klarzumachen, dass ihnen offene Fragen um die Entstehung des Corona-Virus auf die Füße fallen werden,
  • sie zu motivieren, sich der Diskussion um die Sicherheit von Hochsicherheits-Labors und Hochrisiko-Experimenten zu stellen,
  • sich Gedanken über die Ausschaltung der größten Risiken zu machen,
  • ihnen das Schicksal der Nuklearforschung vor Augen zu führen,
  • für sie Räume und Möglichkeiten für den Beginn der öffentlichen Diskussion zu schaffen, am besten bevor sie durch die Gesellschaft dazu gezwungen werden.

Hier ist Wissenschaftskommunikation auf Augenhöhe gefragt. Wo das nicht der Fall ist (leider noch viel zu häufig) heißt die Herausforderung, sich aufzuschwingen auf dieses Niveau. Kollegen: Lasst die Biowissenschaftler nicht sehenden Auges (selbst wenn sie es nicht sehen wollen) in eine große Krise ihres Fachgebiets hineinmarschieren. Auf riskante Kernenergie konnten/können wir ja vielleicht noch verzichten, auf die molekularen Biowissenschaften sicher nicht, selbst wenn sie teils riskante Experimente erfordern.

Ich weiß nicht, ob das Corona-Virus aus einem Laborunfall stammt, ich will darüber auch gar nicht spekulieren (niemand, der es erzählt, weiß es wirklich). Allein diese Tatsache, dass niemand (mit guten Argumenten) den Laborunfall sicher ausschließen kann, ist für mich aufregend genug. Darüber muss die Wissenschaft mit der Gesellschaft diskutieren.