Vorsicht Weltverschwörung! -Wissenschaftskommunikation in Zeiten der Pandemie

Posted on 14. September 2021

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Dr. Esther Greussing, Kommunikationswissenschaftlerin am Institut für Kommunikationswissenschaften der TU Braunschweig. (Foto: privat)

Corona-Leugner bestimmen einen wesentlichen Teil der öffentlichen Debatte über die Pandemie, viel mehr als es ihrem zahlenmäßigen Gewicht entspricht. Daran kann Wissenschaftskommunikation nicht vorbeigehen. Doch das Problem steckt tiefer: Sie misstrauen allen Eliten. Um mit ihnen überhaupt ins Gespräch zu kommen, braucht es andere Kommunikations-Schwerpunkte als Fakten und Ergebnisse, meint die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Esther Greussing von der TU Braunschweig.

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland bringt der Wissenschaft Vertrauen entgegen, schreibt wissenschaftlichen Erkenntnissen Gültigkeit zu und möchte, dass diese in Zeiten großer Unsicherheit als Grundlage für politische Entscheidungen dienen. Daneben gibt es aber auch Menschen, deren Wirklichkeit sich ganz anders zusammensetzt: für sie ist die Klimakrise eine Erfindung oder COVID-19 nicht gefährlicher als eine Grippe. Einer Panelbefragung der Universität Erfurt zufolge waren 17% der deutschen Bevölkerung im Januar 2021 noch der Ansicht, dass Corona ein Schwindel sei. Laut einer Studie aus Österreich sind es bis zu 40% der Bevölkerung, die einzelne Falschinformationen und Verschwörungserzählungen zu Ursprung, Gefährlichkeit und Eindämmung des Coronavirus nicht gänzlich zurückweisen. Zweifellos eine Minderheit, aber eine, die über Demonstrationen und gezielte Kampagnen im öffentlichen Diskurs zunehmend sichtbar ist und durch geringere Test- und Impfbereitschaft den weiteren Verlauf der Pandemie zumindest teilweise beeinflussen könnte.

Eine heterogene Gruppe mit spezifischen Einstellungen

Die Szene der Corona-Leugner*innen ist heterogen und umfasst alle Bevölkerungsschichten, unabhängig vom Bildungsgrad. Es ist also weniger fehlendes Wissen als ein fundamentales Misstrauen in bestehendes, gesellschaftlich konsentiertes Wissen, das den Einstellungen von Leugner*innen zugrunde liegt. Wissenschaftlich fundierte Fakten gelten für sie nicht mehr als „Tatsachenwahrheiten“, sondern Fakten sind für sie bestreitbar („alternativ“) bzw. werden zur Streitsache gemacht. Die Berufung auf wissenschaftliche Praktiken als verlässliche Grundlage gesicherten Wissens wird in Zweifel gezogen, was wiederum in einem Verlust der Deutungshoheit etablierter wissenschaftlicher Institutionen über gesellschaftliche Wissens- und Wahrheitsansprüche resultiert. Neue Akteure (z.B. Gerichte, Politikberater*innen oder Citizen Scientists) nehmen an der Aushandlung von Evidenz teil und nicht erst seit Beginn der Pandemie lässt sich beobachten, dass wichtige Trennlinien zwischen Experten, Pseudo-Experten und Laien sowie zwischen fachlicher Kontroverse und ihrer medialen Interpretation verschwimmen.

Gleichzeitig vereinfachen digitale Medien den Zugang zu konkurrierenden Wissensbeständen, aber auch deren Produktion und Diffusion. Dies führt zwar rasch zu einem Mehr an Informationen und einer gefühlten Demokratisierung des Informationsprozesses (alle können sich beteiligen), aber nicht zwangsläufig zu einem besseren Verständnis der komplexen wissenschaftlichen Thematik. Es verbleibt oft beim „Google-knowing“, wie es Michael Patrick Lynch nennt, – vor allem wenn keine Einordnung der Informationen in größere Zusammenhänge erfolgt. Die Wissens- und Meinungsbildung von Corona-Leugner*innen findet vor allem online, abseits traditioneller journalistischer Angebote statt.

Analysen des Austrian Corona Panel Project zeigen, dass die Identifikation von Falschnachrichten zu COVID-19 für Befragte, die sich über WhatsApp oder YouTube informieren, deutlich schwieriger ist als für Befragte, die sich über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk informieren. Auch der Messenger-Dienst Telegram scheint ein wichtiger Faktor bei der Verbreitung von Falschinformationen und Verschwörungserzählungen zu sein. Die Neue Zürcher Zeitung berichtet in ihrer Recherche zu den reichweitenstärksten Telegram-Kanälen Schweizer Corona-Leugner*innen von 217.000 Mitteilungen, die innerhalb eines Jahres an insgesamt rund 450.000 Abonnent*innen (inklusive Doppelzählungen) versendet wurden. Die meisten dieser Mitteilungen enthalten Links zu externen Inhalten, auch hier sticht YouTube als wichtigste Quelle hervor.

Populistische Einstellungen als weiterer Einflussfaktor

Wissenschaft ist im öffentlichen Diskurs präsent wie selten zuvor. Für viele bleibt sie aber ein fremdes, distanziertes System. Verschwörungserzählungen charakterisieren Forschende und ihre Organisationen gerne als korrupte Elite, die im vielzitierten Elfenbeinturm sitzt und nur zu ihrem eigenen Vorteil handelt. Anti-Elitismus ist ein Kernmerkmal populistischer Ideologie. Theoretisch gesprochen trennt Populismus die Gesellschaft in zwei antagonistische Gruppen: das Volk und die Elite. Während die Elite als korrupt, eigennützig und verschwörerisch gilt und das Volk seiner Rechte, Werte und Identität beraubt, wird das Volk als homogene soziale Einheit verstanden, der bestimmte Tugenden zugeschrieben werden. Eine davon ist die natürliche Intuition für richtig und falsch (gesunder Menschenverstand und andere Alltagsheuristiken). In Zeiten großer Unsicherheit greifen Menschen gerne auf zwei Verhaltensweisen zurück: sie suchen einen Sündenbock, dessen klare Identifikation eine Illusion von Wissen und Kontrolle in einer unübersichtlichen Welt bietet (Stichwort Verschwörungserzählungen), und sie berufen sich auf sich selbst als alternative Quelle für Wissen und Erkenntnis – das „Ich“ wird auf eine privilegierte Position erhoben, von der aus individuelle Einsichten generiert werden. In der populistischen Rhetorik werden solche als authentisch gekennzeichneten subjektiven Erfahrungen und Eindrücke der wissenschaftlichen Epistemologie entgegengesetzt.

Hier treffen populistische Einstellungen und der Glaube an Verschwörungserzählungen, die auf dem Vorwurf des Machtmissbrauchs durch Eliten beruhen, zusammen. Erzählungen zu COVID-19 sind dabei keine Ausnahme. Angesichts der Unsicherheit und des immensen Handlungsdrucks werden die politischen Antworten auf die Verbreitung des Virus als elitengesteuerte, in den Parlamenten kaum noch diskutierte Top-Down-Entscheidungen interpretiert. Die erhöhte Medienpräsenz von Epidemiolog*innen, Virolog*innen und anderen Forschenden macht es Leugner*innen relativ leicht zu behaupten, dass Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie das Ergebnis von Hinterzimmer-Deals zwischen mächtigen Eliten aus Politik, Wissenschaft und der Pharmaindustrie sind.

Rolle von Vertrauen in wissenschaftliche und politische Institutionen

In einer Studie, die ich gemeinsam mit Jakob-Moritz Eberl (Universität Wien) und Robert A. Huber (Universität Salzburg) mit Daten des Austrian Corona Panel Projects durchgeführt habe, finden wir einen indirekten positiven Zusammenhang zwischen populistischen Einstellungen und dem Glauben an Verschwörungserzählungen zu COVID-19, vermittelt über ein vermindertes Vertrauen in politische und wissenschaftliche Institutionen.

Das bedeutet, dass Personen, die beispielsweise der Ansicht sind, dass sich die Politik vor allem um die Interessen der Reichen und Mächtigen kümmert, einerseits Institutionen wie der Regierung oder dem Parlament und andererseits Wissenschaft und Forschung weniger vertrauen. Dieses verminderte Vertrauen führt wiederum dazu, dass sie Corona eher mit 5G-Strahlen, einer Biowaffe oder Bill Gates in Verbindung bringen. Die politische Ideologie, d.h. die Einordnung auf dem politischen Spektrum (rechts-links), spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, wenngleich rechte Einstellungen Verschwörungsglauben offenbar verstärken.

Schlussfolgerungen für die Wissenschaftskommunikation

Es mag wenig überraschend klingen, dass Menschen, die Wissenschaft und Forschung nicht vertrauen, auch skeptisch gegenüber einer Krankheit sind, die von ihr erforscht und bekämpft wird. Dennoch können daraus Schlüsse für die kommunikative Praxis gezogen werden. Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass Wissenschaftskommunikation nicht nur versuchen sollte, Falschinformationen rasch zu korrigieren, sondern auch jene Mechanismen zu durchbrechen, die zu Desinformation führen. Vertrauen in die Wissenschaft als Institution kann hier ein Schlüssel sein. Der negative Zusammenhang von populistischen Einstellungen und Institutionenvertrauen verweist darauf, dass möglichst Kommunikationsformen zu wählen sind, die Forschende und ihre Organisationen nicht als abgehobene Elite erscheinen lassen. Doch wie können diese aussehen?

Eine schwierige Frage, denn es gibt kein Wundermittel geben Corona-Leugner*innen und Verschwörungsgläubige. Klassische Wissenschaftskommunikation im Sinne des Public Understanding- oder Public Engagement-Ansatzes wird aus populistischer Sicht schnell als unkritisch und bevormundend, kompliziert, nicht legitimiert oder opportunistisch kritisiert. Verschwörungserzählungen vermitteln hingegen den Eindruck besonders kritisch, gleichzeitig aber leicht verständlich zu sein. Sie ordnen die Welt und geben Menschen dadurch Halt und das Gefühl etwas verstanden zu haben, selbst einer Erkenntnis auf der Spur zu sein und wacher zu sein als alle anderen.

Kommunikation, die der Anerkennung von Bedürfnissen und Bedenken Raum gibt, kann folglich dabei helfen, komplexe Informationen zugänglich zu machen und Lücken zu schließen, die leicht mit Falschinformationen gefüllt werden könnten. Das bedeutet, dass Kommunikation, die nicht nur auf Transparenz, Offenheit und Nachvollziehbarkeit von Fakten setzt, sondern auch zu den Ängsten, Hoffnung und vor allem Werten der Menschen spricht, um zu verstehen, was ihre Skepsis antreibt und welche Gefühle und Überzeugungen dahinterstehen, möglicherweise erfolgreich sein kann – erfolgreich in dem Sinne, dass eine gemeinsame Ebene gefunden wird, auf der Verständigung überhaupt stattfinden kann. Denn, wie es die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Eva Horn für den Deutschlandfunk ausdrückt, „[s]o divers und kontrovers eine Gesellschaft sein mag, muss sie doch, um überhaupt streiten zu können, eines teilen: Einen Konsens darüber, was als wirklich anerkannt wird und was nicht.“ Diese geteilte Wirklichkeit nicht zu verlieren scheint mir eine Aufgabe von Wissenschaftskommunikation zu sein, die noch mehr Aufmerksamkeit verdient.

Weiterführende Literatur:

Eberl, J. M., Huber, R. A., & Greussing, E. (2021). From populism to the “plandemic”: why populists believe in COVID-19 conspiracies. Journal of Elections, Public Opinion and Parties31(sup1), 272-284. https://doi.org/10.1080/17457289.2021.1924730

Dr. Esther Greussing ist Kommunikationswissenschaftlerin am Institut für Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Braunschweig und Nachwuchssprecherin der Fachgruppe Digitale Kommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK). Sie hat in Wien studiert und promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Online-Wissenschaftskommunikation, Quantitative Methoden, Rezeptions- und Wirkungsforschung sowie Mensch-Computer Interaktion. Ihr Gastbeitrag wurde angeregt durch ihren Vortrag „From Populism to the ‘Pandemic’: Why populists believe in COVID-19 conspiracies and what trust in science has to do with itbei der Jahrestagung der Fachgruppe Wissenschaftskommunikation der DGPuK im März 2021.