Zeit der Quantensprünge – #10JahreWissenschaftkommuniziert

Posted on 19. Oktober 2021

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Am 4. November 2011, vor genau zehn Jahren, ist der erste Beitrag in diesem Blog zur Wissenschaftskommunikation erschienen (noch immer nachzulesen: „Mein Gott – Es ist Freitag„. Zehn Jahre „Wissenschaft kommuniziert“, das ist aber auch zehn Jahre rasante Entwicklung der Wissenschaftskommunikation in Deutschland: vom Nischendasein zu einer tragenden Säule im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft. Wir wollen den runden Jahrestag zum Anlass nehmen, auf die Entwicklung zurück zu blicken, aber auch, einen Blick nach vorn zu wagen: kundig, spekulativ, hoffnungsvoll und problemorientiert.

Josef Zens leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ, Helmholtz-Zentrum Potsdam. Er ist außerdem im Vorstands des idw (Informationsdienst Wissenschaft) und Koordinator Wissenschaftskommunikation im Journalistenverband DJV Berlin.

Genau das war die Bitte an den erfahrenen Wissenschaftskommunikator Josef Zens, seines Zeichens Sprecher des Geoforschungszentrums Potsdam. Er beantwortete sie mit einem ganz persönlichen Rückblick, geprägt von ständiger Offenheit für Neues und für den Wandel. Sein Fazit: Wissenschaftskommunikation ist in diesen zehn Jahren politischer, polarisierender, polemischer und rasend schnell geworden. Ein Gastbeitrag von Josef Zens:

Unlängst habe ich als Antwort auf einen Zwergplaneten-Tweet getwittert, „Was bei @faznet -Leser*innen die Frage nach Gendersternchen ist, ist für Planetenforschung die Frage nach Pluto…“ An dieser Stelle müsste ich wohl ergänzen: … und für die #wisskomm -Blase die Frage danach, was denn nun eigentlich genau Wissenschaftskommunikation sei. Nein, um Himmels Willen, diese Frage soll hier nicht erörtert werden. Ich will sie nur zum Anlass nehmen, auf die Entwicklung der letzten zehn, zwanzig Jahre zurückzublicken.

wisskomm – handgeschnitzt

Blitzlicht-Erinnerungen „Berliner Zeitung“, 1997 bis ca. 2000: Unter der Leitung von Lilo Berg produzierten wir wöchentlich eine zunächst acht-, dann sechsseitige Beilage mit den wichtigsten Nachrichten aus der Wissenschaft. Per Fax kamen die Ankündigungen von „Science“, „Nature“, „Lancet“ und ein paar weiteren Fachjournalen. Dazu gelegentliche Pressemitteilungen von Fachgesellschaften und Unis sowie „Pitches“ freier Autor*innen. Zwei Meldungen sind mir im Gedächtnis geblieben als kleine Nachrichten, deren Tragweite wir seinerzeit nicht abschätzen konnten: die Erfindung einer Kompressions-Software für Musik, MP3, und die Entdeckung einer seltsamen Nebenwirkung des Wirkstoffes „Sildenafil“, der später unter dem Namen Viagra vermarktet wurde. In einem Vortrag Mitte der „Nullerjahre“ berichtete Rainer Flöhl (1938–2016) als ehemaliger Ressortleiter „Natur und Wissenschaft“ der FAZ, wie er und sein Team in den 1970-er und 1980-er Jahren über Forschung berichteten: Man habe die Fachjournale nach den aus Wissenschaftssicht wichtigsten Nachrichten durchsucht und sei auf Kongresse gegangen. Manchmal habe es Wochen gedauert, bis ein Bericht über eine Neuigkeit erschien – „und wenn nicht, dann hat das halt nicht stattgefunden“ (ich zitiere Flöhl aus dem Gedächtnis). Manufaktum-Wisskomm sozusagen, Slow Food.

Journalistifizierung

Das hört sich an wie Berichte aus den Zeiten der Dampfmaschine, aber wir reden von Asilomar (1975), Tschernobyl (1986) und Dolly (1996), von Meilensteinen in der Wissenschaft und der Wissenschaftskommunikation. Die drei Ereignisse sind einigermaßen willkürlich gegriffen und stehen doch für prototypische Facetten der Wissenschaftskommunikation. Bei der Konferenz im kalifornischen Asilomar trafen sich Biomediziner*innen sowie Forschende aus anderen Disziplinen, um über die Tragweite von Eingriffen ins Erbgut und über aus ihrer Sicht notwendige Beschränkungen der Forschung zu sprechen. Innerwissenschaftlicher Austausch mit enormer gesellschaftlicher Relevanz. Zehn Jahre später waren es Forschende, die dank Luftmessungen das ganze Ausmaß der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und die Ausbreitung des radioaktiven Fallouts in die Öffentlichkeit brachten. Die damalige Sowjetunion und ihre Verbündeten hatten versucht, die Kernschmelze zu verheimlichen. Und nochmals ein Jahrzehnt darauf, im Fall des Klonschafs Dolly, mussten sich viele Wissenschaftsjournalist*innen an den journalistischen Teil ihres Jobs erinnern: Plötzlich waren politisch-ethische Einordnungen gefragt und nicht nur Meldungen, was die Wissenschaft gerade wieder Tolles entdeckt habe. Ich verkürze hier etwas, aber in der Zeit, die ich als aktiver Wissenschaftsjournalist und -kommunikator überblicke (knapp dreißig Jahre), überwog die unkritische Berichterstattung über die Wissenschaft und deren Ergebnisse am Anfang sehr. Man könnte das zusammenfassen unter zaghafter Journalistifizierung der Wisskomm.

Eine andere Facette der Wissenschaftskommunikation ist die Popularisierung der Wissenschaft, ihrer Methoden und Ergebnisse, weswegen insbesondere Forscher*innen heute noch denken, Wissenschaftsjournalist*innen und Pressestellen seien so gut wie ausschließlich übersetzend tätig. Obwohl, mir scheint, als sei dieses Denken selbst in Redaktionen noch vielfach vorherrschend: Im stillen Kämmerlein sitzen die Wissenschaftsredakteur*innen, und zur Nobelpreisvergabe oder bei der Vorstellung des neuesten IPCC-Reports dürfen sie auf die vorderen Plätze, auf die Seite 1 oder in die Hauptnachrichten. Und wenn Geld gespart werden muss, wird in Medienhäusern und auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zuerst an Sendeplätzen und Redaktionsstellen in der Wissenschaft gekürzt.

Politisierung, Polemisierung, Polarisierung

Blitzlicht-Erinnerung Leibniz-Gemeinschaft (2008–2011). Kurz bevor ich Anfang 2008 in die Pressestelle der Leibniz-Gemeinschaft wechselte, war ich an einer Replik der Gemeinschaft auf einen Artikel in der FAZ beteiligt. In der FAZ wurde der Klimaforscher Stefan Rahmstorf als Dschihadist bezeichnet. Vokabeln aus dem Nazi-Deutschland wie „totaler Sieg“, „Endsieg“ und „gleichgeschaltet“ durchziehen den Text, den es sich lohnt, heute wiederzulesen – inklusive des darin enthaltenen Verweises auf den Blog „Achse des Guten“. Ein Gruselkabinett der Relativierer blickt einen an.

Wie war es dazu gekommen?

Am 31. August 2007 hatte Rahmstorf selbst in der FAZ eine zugespitzte Version eines längeren Textes veröffentlicht, der sich mit „Klimaskeptikern“ befasste. Die Langfassung ist hier. Einige der gescholtenen Autoren holten zum Gegenschlag aus, der am 5. September abgedruckt wurde. Den weiteren Hergang schilderten wir in unserer Pressemitteilung vom 24. Oktober (also zwei Monate später!) so: „SPIEGEL-online stilisierte am 12. September die Kontroverse zu einem Kampf um die Person hoch (Titel „Die rabiaten Methoden des Klimaforschers Rahmstorf“). Schließlich veröffentlichte die WELT am 9. Oktober einen Essay von Jan-Philipp Hein, der Rahmstorf als „Deutschlands lautesten Klimaforscher“ bezeichnet.“ Zwei Monate Kontroverse: Das erinnert mich an meine Jugend auf dem Bauernhof meiner Eltern, als ich den Mist Gabel für Gabel auf eine Schubkarre lud und diese dann mühsam über ein wackliges Brett ans Ende des Misthaufens schob und nach vorne abkippte. Shitstorm in Super Slow Motion…

Heute wäre die rechtslastige Twitteria innerhalb weniger Stunden über Rahmstorf hergefallen und hätten die Verteidiger*innen des Forschers ebenso rasch ihre Timelines mit Fakten, Argumenten und Gegenpolemiken geflutet. Wissenschaftskommunikation ist politischer geworden, polarisierender und vor allem rasend schnell.

Keine Leuchten

Zwei von den drei Dingen sind an sich gutzuheißen. Erstens die Politisierung: Wissenschaft und ihre Ergebnisse finden nicht im luftleeren Raum statt, es ist also nur gut, wenn die (gesellschafts-)politischen Aspekte beleuchtet werden. Dumm nur, wenn jene, die die Leuchten halten, selber keine sind. Das konnte man bei der Kontroverse um eine als Pre-Print veröffentlichte Studie zu SARS-CoV-2 von Christian Drosten wunderbar beobachten. Ein Redakteur einer Boulevard-Zeitung schrieb eine innerwissenschaftliche Methodendebatte zum Streit um die Ergebnisse hoch und forderte Drosten auf, binnen einer Stunde Stellung zu nehmen. Der jedoch hatte bekanntlich Besseres zu tun.

Nicht alle Forschenden können so souverän reagieren, wenn sie in den Fokus von Krawall-Medien geraten. Man könnte auch sagen: Die Angst kommuniziert in der Wissenschaft immer mit. Egal, ob es um Corona, um Klima oder um Tierversuche geht, um Fracking, CCS oder Gentechnik.

Zweitens das Tempo: Dank einer gut kuratierten Timeline kann ich mittlerweile interessante Studien sehr schnell im Original lesen und bekomme binnen Stunden fundierte Einschätzungen dazu frei Haus. Auch hier gibt’s eine Kehrseite: Fake News und Desinformation verbreiten sich ebenfalls rasend schnell. Oft muss man genau schauen, was nun seriöse Wissenschaft ist und was allenfalls im Gewand von Wissenschaft daherkommt.

Hier ein Einschub an meinen geschätzten Gastgeber: Ihre Auszeichnung „Blogteufelchen“ erweist der Wissenschaftskommunikation einen Bärendienst. Denn was sich unter dieser Rubrik tummelt, ist oftmals Agenda-getrieben und benutzt wissenschaftliche Ergebnisse und Methoden selektiv oder bewusst verzerrend. Ich erspare uns allen Beispiele. Wer die Position des Gastgebers nachlesen will, klicke hier.

Krawall macht Quote

Mit ein bisschen zusätzlichem Klicken kann man die Debatte um diesen „Anti-Preis“ nachvollziehen und feststellen, dass der dritte Punkt von oben auch hier gilt: Wissenschaftskommunikation ist polarisierter geworden. Ich sehe einen Zusammenhang zwischen der Politisierung und der Polarisierung. Ein großes Problem ist die Politisierung der Wissenschaftskommunikation von der Seite der Politikredaktionen – und eben nicht oder kaum seitens der Wissenschaftsjournalist*innen und noch weniger seitens der institutionellen Wissenschaftskommunikation. So wird ein „he-said-she-said“ befördert und immer noch eine „false balance“ in den Medien gepflegt. Krawall schafft höhere Einschaltquoten als sachliche Debatten. Polarisierung geht einher mit Krawallisierung; statt Positionen zu überdenken, gräbt man sich tiefer ein und schielt auf die Zustimmung der eigenen „Bubble“. Das geht auch an der Wissenschaftskommunikation nicht spurlos vorbei, die nun auch von Seiten der Wissenschaft polarisierender geworden ist. Überhaupt sind Medien polarisierender geworden, das zeigen Studien wie die in dieser Übersicht am Anfang erwähnte.

Das bringt mich zum letzten Punkt. Wissenschaftskommunikation ist nicht nur politischer, polemischer und polarisierender geworden, sondern – damit verwoben – persönlicher.

Denewsing the News oder: Entnachrichtifizierung

Dritte Blitzlicht-Erinnerung (Berliner Zeitung und andere Printmedien, Nuller-Jahre): Wo früher eine, maximal zwei Glossen pro Ausgabe veröffentlicht wurden, hatte plötzlich gefühlt jedes Ressort eine Glosse. Und wo früher ein Kürzel stand, prangten nunmehr nicht nur der volle Name, sondern auch noch ein Foto der Autor*in. Ich habe das für mich die Verblogisierung von Zeitungen und Zeitschriften genannt. Plötzlich bekam alles einen persönlichen Anstrich. Journalist*innen wurden als Menschen sichtbar, auch E-Mail-Adressen erschienen. Statt Information nun Diskurs, statt Nachricht Meinung. In meiner Vorliebe für Englisch (das ist aus meiner Sicht oft prägnanter) nenne ich das „Denewsing the News“, vielleicht – um ein Wortungetüm mit schauriger Assoziation zu kreieren – könnte man auf Deutsch von Entnachrichtifizierung sprechen. Diese geht einher mit einer „Nachrichtifizierung“ von Postings in sozialen Medien. Wo früher Privates ausgetauscht und öffentlich gemacht wurde, tummelten sich bald Medien, Influencer*innen und schließlich auch Forschungseinrichtungen und Behörden. Was aber ist jetzt Privatnachricht, was auf „Likes“ hin optimierte Bildchen, und was kann man als Nachricht im klassischen Sinne bezeichnen?

Hier ein Einschub an mich selbst (wenn ich schon dem Gastgeber vors Schienbein trete, dann auch mir selbst): Der Informationsdienst Wissenschaft idw, dessen stellvertretender Vereinsvorsitzender ich bin, hat sich keinen Gefallen getan, seine „Magazinansicht“ mit „Nachrichten“ zu überschreiben. Wir haben das dann zwar mit einer Unterzeile abgemildert, aber für mich sind Nachrichten eben was anderes als Pressemitteilungen oder Meinungen.

Also: Entnachrichtifizierte Nachrichten in Medienhäusern und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und nachrichtifizierte Propaganda online. Und dazwischen bewegt sich jetzt die Wissenschaftskommunikation mit ihren Facetten Wissenschaftsjournalismus und Wissenschafts-PR und direkter Kommunikation von Forschenden.

Und jetzt? Ich weiß es doch auch nicht

Für meinen Gastbeitrag war eine Prognose angefragt. Die Kurzversion: Ich habe keine Ahnung, wohin das führen wird.

Einige Vermutungen will ich dennoch anstellen. So wie man Zahnpasta nicht mehr in die Tube zurückbekommt, so wird sich die Vielfalt der Kanäle und Formate nicht wieder auflösen, sondern weiter erhöhen. Fernsehen hat das Radio nicht abgelöst, Kino lebt trotz DVD und Streaming immer noch. Wir werden also Twitter, TikTok, Instagram und YouTube behalten, Podcasts, Blogs und Webseiten, Life-Formate mit Vorträgen klassischer Art und knallbunten Shows. Eintagsfliegen wie Periscope kommen und gehen. Beim Auftreten neuer Formate und Kanäle ist es jedoch nahezu unmöglich, Eintagsfliegen oder dauerhafte Mauerblümchen als solche zu identifizieren. Heißt: Institutionelle Wissenschaftskommunikation und Medien werden immer wieder auf falsche Pferde setzen und Ressourcen dafür verbrauchen. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der mir stolz von einer Präsenz im Second Life berichtete und was das für ein Aufwand gewesen sei.

Ministerien und Institutsleitungen werden mehr „Farbe“ wollen, aber zu bunt soll es dann auch nicht sein. Engagierte Forscher*innen werden aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen (#IchBinHannah) ausscheiden und vielleicht eine zweite, erfüllendere Karriere in der Kommunikation starten – und damit die Vielfalt noch erhöhen. Die klassischen Medien, vor allem Print, werden weiter an Auflage verlieren und entgegen aller Beteuerungen an den Wissenschaftsredaktionen sparen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird noch mehr Unterhaltung bieten und entgegen aller Beteuerungen die vorhandene wissenschaftliche Substanz in noch mehr Nischen verstecken. Solange jedoch auf die eingesparte redaktionelle Kompetenz in klassischen Medien neue Formate wie maiLab (1,34 Mio. Abonnent*innen auf YouTube) folgen, ist es mir nicht bange. Meine Hoffnung: Irgendwo irgendwann wird sich ein Kompass herausbilden, der uns hoffentlich hilft, die seriösen Nachrichten von den unseriösen zu unterscheiden.

In den nächsten Tagen und Wochen folgen zu #10JahreWissenschaftkommuniziert eine Umfrage unter Praktikern, wie sie die Entwicklung der letzten Jahre sehen und die Perspektiven für die Zukunft, ein Beitrag des Bloggers von „Wissenschaft kommuniziert“, Reiner Korbmann, mit den Lehren, die er aus zehn Jahren Beobachtung der Wissenschaftskommunikation in Deutschland zieht – und am 9. November (18.00 Uhr, online) der „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ zu „Vier neue Zentren für die Wissenschaftskommunikation“ (Anmeldung per Mail erforderlich), natürlich mit anschließendem Bericht in diesem Blog.