Zehn Jahre – zehn Perspektiven: #10JahreWissenschaftkommuniziert

Posted on 26. Oktober 2021

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Wie sind die Entwicklungen der Wissenschaftskommunikation in der Praxis angekommen? Wir haben Teilnehmer des „Treffpunkts Wissenschaftskommunikation“ #WisskomMUC befragt, eine Veranstaltungsreihe, die auf Initiative dieses Blogs entstanden ist. Die zehn Antworten zeigen zehn ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Herausforderungen, vor denen Wissenschaftskommunikation heute steht:

Angekommen

Beatrice Lugger, Geschäftsführerin und Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation NaWik:

Wissenschaftskommunikation ist aufgrund ihrer hohen gesellschaftspolitischen Relevanz als gemeinsame Aufgabe aller in den wissenschaftlichen Institutionen angekommen. Dies spiegelt sich auch in der sehr hohen Nachfrage unserer Seminarangebote für Forschende am NaWik wider.


Verankert…

Dr. Bernhard Goodwin, Executive Director des Munich Science Communication Lab:

Wir erleben, dass Wissenschaftskommunikation inzwischen fest im Zentrum der öffentlichen Debatte verankert ist: mit neuen Akteuren und Herausforderungen, aber auch neuen Möglichkeiten und einer höheren Wirksamkeit. Deswegen sind Vernetzung, Reflexion und Forschung in unserem Bereich von so hoher Bedeutung.


Anerkennung…

Viola Falkenberg, Dozentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Autorin von „Wissenschaftskommunikation – Vom Hörsaal ins Rampenlicht“ (utb, 2021):

Nicht nur Marietta Slomka vom heute-journal war während der Corona-Pandemie erstaunt: „Das war eine große kommunikative Herausforderung für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die das, finde ich, vielfach glänzend gemacht haben. Ich war erstaunt, wie viele gute Kommunikatoren da plötzlich aus ihren Laboren und Büros herauskamen“ und komplexe Themen erklärten. Damit das so bleibt, muss die Aus- und Fortbildung ebenso ausgebaut werden wie die interne Anerkennung weiter zunehmen, sollen die – durch soziale Medien, geänderte Förderrichtlinien und zunehmenden Großkrisen – weiter wachsenden Anforderungen erfüllbar sein und bleiben.


Herausforderungen…

Franz Miller, langjähriger Leiter der Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Fraunhofer-Gesellschaft:

Vor zehn Jahren haben wir gedacht, man müsse Wissenschaft einfach noch besser kommunizieren. Heute sehen wir, dass sich Lüge und Unsinn viel besser und schneller verbreiten: Eine neue, schwierige Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation.


Kritisch…

Wolfgang Chr. Goede, freier Wissenschaftsjournalist, Autor, Facilitator. München/Medellín:

Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaftskommunikation ergänzen einander. Das beweist Reiner Korbmann. Ehemals Chefredakteur des traditionsreichsten deutschen Wissenschaftsmagazins und Pate einer zukünftigen Generation von Wissenschaftsjournalisten (Boschstiftung) – heute Wissenschafts-Blogger und Moderator aktueller Wissenschaftsthemen mit hoher öffentlicher Präsenz. Kritisch sein und damit Forschung und Technologie Anstöße geben: Das bleibt die Crux, in beiden Berufsfeldern.


Stolz…

Dr. Jutta Gröschl, Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn:

Ich lese jeden Tag im Informationsdienst Wissenschaft, welch‘ hervorragende Forschungsleistung die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erbringen. Dies gilt es, noch besser in die tagesaktuellen Medien zu bringen, denn wir können auf den Forschungsstandort Deutschland wirklich stolz sein.


Wandel…

Kosta Schinarakis, Pressesprecher der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie, Aachen:

Wissenschaftskommunikation bleibt ein spannender Prozess. So wie sich Gesellschaft und Wissenschaft wandeln, wandelt sich auch ihr Dialog und die Arbeit derer, die ihn gestalten.


Risiko…

Dr. Richard Schubert, Physiker, Berater im Bereich Mobility und Sensorik. Organisator eines Mixed Alumni Roundtables:

Nach meiner Wahrnehmung bergen die Neuen Medien das Risiko, dass oberflächliche Aspekte im Bereich der Wissenschaften in der Kommunikation zu sehr in den Vordergrund treten. Die starke Ausrichtung des Wissenschaftsbetriebes auf diese Kommunikationsformen kann eventuell auch zu starker Ressourcenbindung/ nicht optimaler Allokation führen.


Spaß und Leben…

Sascha Vogel, Geschäftsführer, science birds GmbH:

Gute Wissenschaftskommunikation macht Spaß und rettet Leben. Was will man mehr?


Tropfen…

Jean Pütz, Urgestein des Wissenschaftsjournalismus in Deutschland:

Das Internet hat nur scheinbar die Wissenschaftskommunikation revolutioniert. Früher beruhte sie vor allen Dingen darauf, in einschlägigen der Wissenschaft gewidmeten Zeitschriften die Ergebnisse  innovativer Forschungen und Ideen – auch in Sachen Ersterwähnung – zu veröffentlichen. Das wurde dann der Science-Community zur Bewertung und Prüfung überlassen. Die Einsprüche wurden ebenfalls zur Kenntnis genommen und vergrößerten die Glaubwürdigkeit.

Heute kann jeder Wissenschaftler, der glaubt, mitreden zu können, teilweise auf der eigenen Homepage dies veröffentlichen. So entstand ein Konglomerat von Meldungen, die oft nach dem Prinzip agierten: Vor lauter Bäumen sieht man den Wald nicht mehr. Da das Grundverständnis für Naturphänomene in der Öffentlichkeit gering ist, fanden solche Meldungen in der Presse oft eine Verbreitung, die mit der Science-Community nichts mehr gemein hat, wurden aber teils als Fake News und sogar als Verschwörungstheorien relevant. Leider sind allzu wenig Wissenschaftsjournalisten in diesen Prozess einbezogen, so dass sich in der Öffentlichkeit eine Wissenschafts-Skepsis breit gemacht hat, die kontraproduktiv die ganze Gesellschaft betrifft. Bemühungen wie z. B. dieses Portal ‚Wissenschaft kommuniziert‘ oder Einsprüche von Fachleuten sind dann nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein.