Zehn Jahre – zehn Fragen: Die Rolle der Wissenschaftskommunikation #10JahreWissenschaftkommuniziert

Posted on 4. November 2021

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Die Champagnerkorken knallen, die Gläser hoch: Zehn Jahre in der schnelllebigen Welt des Internets sind ein Grund zum Feiern! – Doch wirklich? Die entscheidende Frage stellt sich nach wie vor: Welche Rolle hat Wissenschaftskommunikation – ist sie Sprachrohr oder Bindeglied?

Zehn Jahre „Wissenschaft kommuniziert“, der Blog zur Wissenschaftskommunikation. Das sind vor allem zehn Jahre Beobachtung und Kommentierung dieser Domäne. In diesen Jahren hat die Wissenschaftskommunikation eine ungeheure Entwicklung erlebt, besonders deutlich in den letzten Monaten der Pandemie: Von einem Nischendasein am Rande der Wissenschaft zu einer tragenden Säule im wichtigen Verhältnis Wissenschaft und Gesellschaft. Und vielleicht – so meine Hoffnung – haben Berichte und Kommentare in diesem Blog hin und wieder kleine Denkanstöße für diese Entwicklung geliefert.

Doch runde Daten sind nicht nur ein Grund zu feiern und zum Rückblick auf das Erreichte. Für mich sind sie vor allem wertvoller Anlass innezuhalten, Bilanz zu ziehen und Fragen zu stellen, die in die Zukunft weisen. Und wenn ich die Wissenschaftskommunikation in Deutschland betrachte, dann stellen sich mir – passend zu zehn Jahren – auch zehn Fragen:  an die Forscher zur Wissenschaftskommunikation, an die Praktiker, an das System Wissenschaft und an die Wissenschaftler.

Beginnen wir mit Fragen, die vor allem praktische Probleme betreffen:

1. Was ist Wissenschaftskommunikation? Werbung, Information oder Austausch?

Worum geht es in der Praxis der Wissenschaftskommunikation wirklich? Geht es darum, einen Beitrag zu leisten zum Verständnis der Welt – für bestimmte Zielgruppen oder für alle, damit wissenschaftliche Ergebnisse Grundlage bleiben zur Bewältigung von Problemen, für gute Entscheidungen, für sorgsamen Umgang mit dieser Welt, aber auch zur besseren Nutzung der Möglichkeiten, die sie uns bietet? Oder dient sie vor allem der zweckbestimmten Information, sei es zur Werbung oder Akzeptanzbeschaffung, zum Imagegewinn für einzelne Persönlichkeiten oder Institutionen; zur Werbung um Nachwuchs, um Ressourcen, um Vertrauen, um Studierende; zur Rechtfertigung des hohen Aufwandes, der eigenen Privilegien; zum Nachweis der fachlichen Überlegenheit?

„Kommunikation = Sprechen und Zuhören“

Die Wiener Sozialwissenschaftlerin Prof. Sarah Davies hat vor Kurzem bei einem Symposium zu „Planetary Health“ die unterschiedlichen Rollen der Wissenschaftskommunikation beschrieben. Doch ein Punkt fehlte – und der fehlt häufig, wenn es um Sinn und Ziel von Wissenschaftskommunikation geht: der Austausch mit der Gesellschaft. Kommunikation ist keine einseitige Aktivität, sondern schließt sowohl das Sprechen als auch das Zuhören ein. Und dieser Gedanke erscheint mir in vielen Kreisen, die jetzt die Bedeutung der Wissenschaftskommunikation erkannt haben, noch ziemlich unterbelichtet zu sein, einschließlich den Aktiven der Wissenschaftskommunikation und der Kommunikationswissenschaften.

2. Wie umgehen mit Falschinformationen und Wissenschaftsskeptikern?

Ich denke, Wissenschaftskommunikation hat größere Probleme als Falschinformationen. Es gab sie schon immer. Doch je wichtiger Minderheiten wie Wissenschaftsskeptiker in der Gesellschaft genommen werden – eklatantes Beispiel sind Coronaleugner und „Querdenker“ – umso mehr beeinträchtigen diese Stimmen das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellshaft – und werden damit wichtig für die Wissenschaftskommunikation.

„Gegen Falschinformationen hilft kein Patentrezept“

Eines ist klar: Misstrauen gegen wissenschaftliche Fakten und Ablehnung von Wissenschaft in ihrer legitimen Form bekommt man nicht durch Richtigstellungen und Rechthaberei in den Griff. Andererseits ist Wissenschaft keine alleinseeligmachende Religion. Es wird immer Menschen geben, die ihren Schlussfolgerungen nicht folgen, weil sie nicht vertrauen oder weil sie ganz persönliche Alternativen bevorzugen. Wenn diese Mitbürger aber für sich beanspruchen, dass ihre Haltung alleinseeligmachend sei, oder wenn sie gar die Flagge „Wissenschaft“ für sich kapern, sich hinter angeblichen Experten und ominösen Studien verstecken, dann muss Wissenschaftskommunikation reagieren , denn dies untergräbt die Glaubwürdigkeit der tatsächlichen Wissenschaft.

Wie? Dazu kennt niemand bisher eine Patentlösung. Ganz sicher aber hilft mehr Empathie. Vielleicht ist der emotionale Zugang ein Weg, wie ihn Dr. Esther Greussing vorschlägt. Etwa das Gespräch des Arztes eines ungeimpften Covid-19-Patienten mit seinen ebenfalls ungeimpften Angehörigen. Oder das Gespräch mit einem Multiplikator, wie dem Fußballer Joshua Kimmich, den irrationale Bedenken um Langzeitfolgen der Impfungen plagen. Auf jeden Fall besser als das öffentliche auf ihn Einprügeln.

3. Was tut Wissenschaftskommunikation für die „passiven Unterstützer“ der Wissenschaft?

Mir scheint auch, Joshua Kimmich zählt gar nicht zu den Zweiflern, sondern zu den „passiven Unterstützern“, die größte Zielgruppe der Wissenschaftskommunikation (42 Prozent – in der Schweiz), wie der Züricher Kommunikationswissenschaftler Prof. Mike Schäfer herausgefunden hat. „Passive Unterstützer“ nennt er Menschen, die eigentlich nichts gegen Wissenschaft haben, die sich aber auch nicht speziell dafür interessieren – es sei denn, ihnen fällt irgendetwas zufällig ins Auge oder sie werden damit konfrontiert.

„Die größte Zielgruppe – vernachlässigt“

Wissenschaftskommunikation, so Schäfer, richtet sich bislang vor allem an die „Fans“ und die aktiven „kritisch Interessierten“ der Wissenschaft. Vor allem aber, so stellte Schäfers langjährige Mitarbeiterin Prof. Julia Metag fest, jetzt Professorin für Wissenschaftskommunikation in Münster, sind diese Zielgruppen keineswegs festgeschrieben: Die Menschen ändern im Laufe der Zeit ihre Meinung. Und viele der „passiven Unterstützer“ werden zu gänzlich abstinenten oder misstrauischen „Disengaged“. Wissenschaftskommunikation muss sich engagieren, um die wissenschaftsfernen, „passiven Unterstützer“ zu „kritisch Interessierten“ zu machen. Doch bisher ist dies leider kein Thema.

4. Was bewirkt Wissenschaftskommunikation wirklich – zu welchen Kosten?

Liebe Kollegen, denkt Ihr wirklich oft genug darüber nach, ob sich das auch lohnt, was ihr den ganzen Tag tut? Das ist die Frage nach Effektivität und Effizienz. Voraussetzung dafür ist, das man sich genaue Kommunikationsziele setzt: Wen will ich mit welcher Botschaft erreichen? Wie hoch ist der Aufwand, wie groß der Ertrag? Wenn man einmal in die „Best Pratice“-Sitzungen beim „Forum Wissenschaftskommunikation“ hineinhört, hört man diese Fragen kaum. Stattdessen wird dort oder auf der Website „wissenschaftskommunikation.de“ in mehr oder weniger ideenreichen Formaten geschwelgt. Als ob dies das Problem wäre. Bestenfalls gibt es noch einen Fragebogen für die Teilnehmer: „War dies für Sie nützlich?“ – und nennt sich Evaluierung. Außer für die Eitelkeit des Veranstalters ist das Ergebnis vernachlässigbar.

Einen Versuch, hier etwas zu ändern, unternimmt derzeit immerhin „Wissenschaft im Dialog“. Im  Auftrag des Forschungsministeriums entwickelt die Agentur der großen Wissenschaftsorganisationen mit der Impact Unit den Versuch, aussagekräftige Tools für eine wirkungsorientierte Wissenschaftskommunikation zu entwickeln. Wir werden beobachten, ob das gelingt und vor allem, ob dies in der Breite der Wissenschaftskommunikation auch Früchte trägt.

5. Wie steht es um die Professionalität der Praktiker?

Zugegeben, da ist schon Vieles ein ganz großes Stück in den letzten zehn Jahren besser geworden – vor allem in der Leitungsebene. Und dennoch: Genügt das? Genügt es, wenn sich die Handwerker der Wissenschaftskommunikation aus irgendwelchen Fachdisziplinen oder Studiengängen durch Praktikum oder Volontariat in diesen schönen, aber hochkomplexen Beruf hineintasten? Auch sie sollen eines Tages reif sein für die Leitungsebene. Und effiziente wie auch effektive Wissenschaftskommunikation können nur Profis planen und ausführen, die mit allen Wassern gewaschen sind. Immerhin, die Ausbildungssituation hat sich ein wenig gebessert, es gibt einzelne Studiengänge, die zur Wissenschaftskommunikation führen. Eine Besserung in der Praxis hat das bislang kaum gebracht.

„Bessere Ausbildung für Akzeptanz auf Augenhöhe“

Mir geht es bei dieser Frage vor allem um zwei Dinge: Einmal um professionelle Kollegen, auch auf der Arbeitsebene, die das Rüstzeug dafür haben und in der Lage sind, durchdachte, effektive Wissenschaftskommunikation zu betreiben. Und andererseits um die Anerkennung und Akzeptanz der Kommunikatoren durch die Wissenschaftler auf Augenhöhe. Doch die wird es – so sind Wissenschaftler nun einmal – nur geben, wenn die Professionalität durch entsprechende Studienabschlüsse und akademische Titel ausgewiesen ist. Und das fehlt bisher. Ich erinnere mich an manche frisch gewählte „Forschungssprecher des Jahres“ in den zurückliegenden Jahren, die mir berichteten, die tollste Wirkung des Titels sei gewesen, wie sehr das Ansehen im eigenen Hause, bei den eigenen Chefs, plötzlich durch diesen Titel gestiegen sei. Ein akademischer Abschluss, sei es als Master oder durch Promotion, hätte da bestimmt viel größere und nachhaltigere Wirkung.

6. Wie ist das Verhältnis der Wissenschaftskommunikation zu den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften?

Es stimmt schon, bei den fachlichen Inhalten der Wissenschaftskommunikation geht es vor allem um Naturwissenschaften, Technik und Biowissenschaften. Diskurse und Ergebnisse aus Geistes- und Gesellschaftswissenschaften kommen eher selten vor. Dabei sind sie für den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft oft viel wichtiger als viele sehr spezielle Resultate aus Biochemie, Quantenphysik oder ähnlichen. Diese können irgendwann einmal wichtig werden, die Analysen der Sozialwissenschaften sind es sehr oft schon heute.

„Sind Geistes- und Sozialwissenschaften Stiefkinder?“

Das mag am traditionellen Echo der Medien liegen: Wissenschaftsjournalisten sind weitgehend an Naturwissenschaften, Technik und Medizin interessiert und berichten darüber. Bei den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften fehlt ihnen oft der notwendige Hintergrund oder das Interesse. Aber viele Wissenschaftler aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften haben auch ein ganz anderes Verhältnis zu den Medien: Kein wirtschaftliches Ereignis, ohne dass nicht auch ein Wirtschaftswissenschaftler vor die Fernsehkameras gerufen wird, kein Feuilleton, das nicht stolz darauf ist, den Aufsatz eines Geisteswissenschaftlers zu veröffentlichen.

Und dennoch: In den ersten Monaten der Pandemie, als die ganze Gesellschaft vor ungewohnte Verhältnisse gestellt wurde, habe ich Stellungnahmen und Ratschläge von Gesellschaftswissenschaftlern, Psychologen und Pädagogen vermisst. Es ist auch Aufgabe der Wissenschaftskommunikation, da einzugreifen, anzubieten, über die eigenen Kanäle die Lücken in der Berichterstattung der Medien und der Argumentation der Politiker zu füllen. Doch ich habe eher den Eindruck, diese Wissenschaftsbereiche stehen noch nicht im Fokus. Kann sich das ändern?

Nach all diesen eher praktischen Fragen, die ich mir stelle, nun die wichtigen grundlegenden. Es geht, kurzum, um das Verhältnis Wissenschaft, Kommunikation und Gesellschaft:

7. Wie ist das Verhältnis der Kommunikatoren zu den Wissenschaftlern – Kommunikation nach Innen?

Eines fällt mir immer wieder auf. Bei den Tagungen zur Wissenschaftskommunikation, bei Podiumsdiskussionen und in Gesprächen sind eher selten auch Fachwissenschaftler vertreten. Ich meine diejenigen aus der großen Zahl der Forscher, die nicht das Talent haben, ohne professionelle Hilfe erfolgreiche Kommunikation zu betreiben. Ein wenig scheint es manchmal so, als köchele die Wissenschaftskommunikation – jedenfalls in Beziehung zur Wissenschaft – recht oft im eigenen Saft. Umgekehrt ist es nicht anders, etwa wenn Studien zur Wissenschaftskommunikation veröffentlicht werden, wenn es in internen Diskussionen darum geht, oder wenn die Köpfe der großen Organisationen sich zu diesem Thema äußern: die Kommunikatoren treten kaum in Erscheinung, erscheinen nicht selten lediglich als Randfiguren, werden oft genug gar nicht gefragt. Beispiele habe ich in diesem Blog wiederholt beschrieben.

„Nach Innen kommunizieren – in die Wissenschaft hinein“

Dabei ist Wissenschaftskommunikation doch nicht nur integraler Bestandteil, sondern auch eine Dienstleistung für die Fachwissenschaften. Aufgabe der Kommunikationsprofis ist es, angesichts der ungeheuren Komplexität von Kommunikation (schon in der eigenen Familie ist dies oft schwierig), den Wissenschaftlern bei den zahllosen Problemen des Austauschs mit der Gesellschaft, den Rücken frei zu halten, ihnen Techniken nahezubringen, Konzepte zu erstellen, ihre Kommunikation zu managen.

Das distanzierte Nebeneinanderher liegt einerseits an den Wissenschaftlern. Für sie ist Kommunikation oft ein Randaspekt, denn sie sehen vor allem ihre wichtigen fachwissenschaftlichen Verpflichtungen. Es liegt aber auch an den Kommunikatoren, und die könnten etwas dagegen tun. Unterstützt wird mein persönlicher Eindruck auch durch die jüngste Analyse des Wissenschaftsrats, der feststellt, Wissenschaftler fänden für die Wissenschaftskommunikation „in ihrem Umfeld nicht die notwendige Unterstützung“. Das ist eine schallende Ohrfeige für alle, die in wissenschaftlichen Institutionen für Kommunikation verantwortlich sind.

Warum spielt die interne Kommunikation in der Wissenschaftskommunikation bislang eine so kleine Rolle, wenn überhaupt? Es geht dabei nicht erstens darum, Wissenschaftler zielgerichtet darüber zu informieren, was sich an der Front des Austausches mit der Gesellschaft tut, wie sich Gesellschaft, Wertvorstellungen, politische Landschaften verändern. Vor allem aber kommt es darauf an, möglichst alle Wissenschaftler der eigenen Institution darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig Kommunikation für Wissenschaft im Gesamten , aber auch für die Arbeit ihrer eigenen Institution ist, und damit für ihre eigene Tätigkeit. Und ihnen zu zeigen, dass da erfahrene Kommunikationsprofis bereitstehen, sie zu unterstützen, wann immer Fragen zu Kommunikation und Gesellschaft auftauchen.

8. Was verstehen Wissenschaftler eigentlich unter Kommunikation?

Mit dieser Frage meine ich nicht nur die Fachwissenschaftler in ihren speziellen Disziplinen, sondern auch die Kommunikationswissenschaftler. Wenn man Wissenschaftlern zuhört, wie sie über Wissenschaftskommunikation sprechen, dann meint man oft, Werbeprofis vor sich zu haben: Da geht es um Fakten vermitteln, Akzeptanz schaffen, um Rechtfertigung von Finanzierung, um Drittmitteleinwerbung, um Personalgewinnung oder Studentenzahlen. Ganz selten taucht einmal die Einsicht auf, dass man verpflichtet sei, etwas an die Gesellschaft zurück zu geben.

„Kommunikation – eine Überlebensfrage guter Wissenschaft“

Zurück? – Das scheint ein Fremdwort zu sein. Kommunikation wird als einseitiger Prozess verstanden: Von der Wissenschaft zur Gesellschaft. Zur Kommunikation gehören aber mindestens zwei. Und ebenso wichtig wie das Sprechen ist das sich „in den anderen Hineinversetzen“, seine Situation, seine Bedürfnisse begreifen. Dabei geht es längst nicht nur um eine verständliche Sprache, auch wenn es damit beginnt, sondern darum, Entwicklungen in der Gesellschaft zu erkennen und zu verstehen. Das Katheder ist inzwischen durch Social Media abgelöst, jeder Bürger will und kann mitreden, verschafft sich Gehör. Es gibt keine Kommunikationshierarchie mehr, von denen manche Wissenschaftler noch träumen (natürlich mit ihnen selbst an der Spitze).

Sozialwissenschaftler, Politiker und Medien, die dies längst erkannt haben, schaffen es offensichtlich nicht, diese Erkenntnis im System Wissenschaft, aber auch bei jedem einzelnen Wissenschaftler zu verankern. Es bleibt daher als wichtige Aufgabe für die Wissenschaftskommunikation, bei jedem Projekt zu beraten, die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu erklären, klar zu machen, wie Gesellschaft heute funktioniert: Kommunikation, als Austausch aller beteiligten gesellschaftlichen Bereiche, auch der Wissenschaft. Und damit Kommunikation als Bindeglied der Gesellschaft.

9. Sind sich die Wissenschaftler ihrer Rolle in der Gesellschaft bewusst?

„Wissenschaft ist Dienstleistung an der Gesellschaft“

Es muss immer wieder klar gesagt werden: Wissenschaft ist eine gesellschaftliche Veranstaltung. Die Gesellschaft leistet sich Wissenschaft, weil sie von ihr profitiert. Das gilt nicht nur materiell, also wegen wirtschaftlich nutzbarer Forschungsergebnisse oder der faktenbasierten Beratung der Politik bei Bedrohungen, wie der Pandemie oder dem Klimawandel. Wissenschaft bietet auch kulturell enorme Vorteile: etwa gut ausgebildete Vordenker der Gesellschaft, sie ist Vorbild und Grundlage für eine diskursive, faktenbasierte Debattenkultur und hilft bei Entscheidungen in Unsicherheit. Oder liefert einfach nur neues Wissen, die Befriedigung der menschlichen Neugier. Um dies zu bekommen, gewährt die Gesellschaft der Wissenschaft viele Privilegien und materielle Ressourcen, von den Freiheitsrechten bis zur Bildung des Nachwuchses, von den Budgets bis zu  anderen Privilegien. (Nicht jede Gesellschaft nimmt das so wichtig wie unsere.)

Wissenschaft ist also nicht mehr, aber auch nicht weniger, als eine Dienstleistung für die Gesellschaft. Ganz ähnlich übrigens wie andere Bereiche, etwa das Rechtswesen oder die Kultur. Wissenschaft ist nicht gottgegeben, sondern von Menschen geschaffen. Alles, was Wissenschaft ist, ist sie für und durch die Gesellschaft.

10. Welche Rolle spielt Wissenschaftskommunikation wirklich für die Wissenschaft?

Wissenschaft kann ihre Rolle in der Gesellschaft aber nur ausfüllen, wenn sie mit dieser Gesellschaft im Austausch kommuniziert. Kommunikation ist der Kitt der Gesellschaft, sorgt für ihren Zusammenhalt. Eine Wissenschaft, die tatsächlich in einem Elfenbeinturm leben würde, wäre für die Gesellschaft bald uninteressant und sie sähe keine Notwendigkeit mehr für all die Privilegien. Deshalb ist Wissenschaftskommunikation so wichtig für die Wissenschaft selbst. Sie ist keine Randerscheinung von Wissenschaft, die man eher unwillig wahrnimmt, um den Steuerzahler zu befrieden, sondern ein Kernelement, auf Dauer überlebenswichtig für gutes wissenschaftliches Arbeiten. Denn dafür braucht Wissenschaft all die Privilegien und Ressourcen, die ihr diese Gesellschaft bietet.

„Kommunikation mit der Gesellschaft ist ein Kernelement der Wissenschaft“

Das muss sich jeder Wissenschaftler bewusst machen, und die Wissenschaftskommunikation hat auch die Aufgabe, dies immer wieder im System Wissenschaft mit allem Selbstbewußtsein zu vertreten. Auch deswegen ist die Kommunikation nach innen so wichtig. Vor allem aber muss die Wissenschaftskommunikation sich selbst so sehen, und nicht nur als Sprachrohr für das, was Wissenschaftler gern nach Außen strahlen möchten.

Mein Fazit: Zehn Jahre Beobachtung und Kommentierung der Wissenschafrtskommunikation: Viel Fortschritt und zugleich Schwachstellen und Defizite. Aus meiner persönlichen Sicht ist es zu kurz gesprungen, Wissenschaftskommunikation als Sprachrohr der Wissenschaft zu betrachten. Sie ist das Bindeglied der Wissenschaft zur Gesellschaft. Und diese Funktion muss ausgebaut werden.