Kleiner Schritt – gigantischer Sprung: Die Wissenschaftskommunikation ist gelandet

Posted on 2. Dezember 2021

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Neue Richtlinien für Wissenschaftskommunikation in der Diskussion

Astronaut Neil Armstrong beim ersten Schritt guf den Mond.

Wer es im Juli 1969 miterlebt hat, dem stecken die Szenen noch immer im Kopf: Der Astronaut Neil Armstrong macht den ersten Schritt auf den Mond und spricht den unvergesslichen Satz: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein gigantischer Sprung für die Menschheit.“ Ob das Ereignis der Mondlandung tatsächlich ein so großer Sprung für die Menschheit war, daran darf man nach über 50 Jahren zweifeln. In Einem aber hatte der Astronaut recht: Viele kleine Schritte ergeben zusammen erst die ganze Historie und immer wieder ist es nur einer dieser kleinen Schritte, der den gewaltigen Unterschied zum Vorher deutlich macht.

Für alle, die die ersten Bilder vom Mond nicht miterlebt haben oder wiedersehen möchten, hier die Übertragung von Armstrongs Schritt im Original, Störungen inbegriffen.

Daran fühlte ich mich erinnert, als Prof. Alexander Güttler bei der Auszeichnung der Forschungsprecherinnen des Jahres den ersten Entwurf einer Richtlinie des „Deutschen Rates für Public Relations“ zur Wissenschaftskommunikation vorlegte und mit Praktikern diskutierte. Ein erster Entwurf ist ein kleiner Schritt, doch eine Richtlinie des PR-Rates zur Wissenschaftskommunikation ist wie eine Mondlandung für die Wissenschaftskommunikation – die Wissenschaftskommunikation ist damit in der Mitte der Gesellschaft angekommen. (Oder sollte man besser von „Erdlandung“ sprechen, gestartet von dem Trabanten Wissenschaft, der die Gesellschaft begleitet?) Ich hoffe jedoch, dies wird für Wissenschaftskommunikation und für die Gesellschaft nachhaltigere Auswirkungen haben, als die Mondlandung von 1969 für die Menschheit.

Dazu muss man wissen, welche Rolle der Deutsche Rat für Pubilic Relations (DRPR) in einer Gesellschaft wie der unseren spielt: Das Zusammenspiel der verschiedenen Teilsysteme unserer Gesellschaft funktioniert vor allem durch Kommunikation. Und ein Großteil dieser Kommunikation ist durch Public Relations getragen. Der PR-Rat wiederum, getragen durch die drei Spitzenverbände der Kommunikation GPRA, BdKom und DPRG, ist als freiwilliges Selbstkontroll-Organ, wie der Presserat für die Medien und der Werberat für die Werbung, die höchste Ethik-Instanz der interessengeleiteten Kommunikation, und damit auch der Wissenschaftskommunikation.

Prof. Alexander Güttler, Mitglied des Deutschen Rates für Public Relations und Hochschullehrer.

Er gibt nicht nur gute Ratschläge, sondern kann auch bestrafen, also in Einzelfällen öffentliche Rügen aussprechen, die der Glaubwürdigkeit des Gerügten erheblich schaden. Richtschnur dabei ist für den PR-Rat der Deutsche Kommunikations-Kodex. Doch wo die allgemeinen Regeln dieses Kodex nicht ausreichen, hat der PR-Rat zusätzliche Richtlinien erlassen, wie bereits für die Online-Kommunikation. Und während die „Leitlinien für gute Wissenschafts-PR“ eher Hinweise geben, wie man es richtig macht, beschreibt eine Richtlinie des PR-Rates eher, was man tun darf und was nicht – ein Unterschied, um einen Vergleich zu benutzen, wie zwischen einem Fahrschul-Lehrbuch und der Starßenverkehsverordnung.

Dass sich jetzt der Deutsche PR-Rat der Wissenschaftskommunikation mit einer eigenen Richtlinie annimmt, zeigt zweierlei: Einmal dass er sieht, dass die Kommunikation, wo immer sie angesiedelt sei – in Politik, Unternehmen, Agenturen oder sonstwo – mit Wissenschaft sorgfältiger umzugehen hat als mit den üblichen Themen der PR. Zum zweiten aber macht dies deutlich, Wissenschaftskommunikation ist nicht allein Sache von Wissenschaftlern und  wissenschaftlichen Einrichtungen, sondern von allen, die in dieser Gesellschaft kommunizieren. Das ist ganz anders als noch vor zwei, drei Jahren, als Wissenschaftskommunikation innerhalb der Kommunikationsbranche oder der Organisationen eher ein Nischendasein führte. Wissenschaftskommunikation ist jetzt also dort angekommen, wo sie hingehört: In der Mitte der Gesellschaft.

„Verantwortung für Wahrhaftigkeit“

Bei der Diskussion des Richtlinien-Entwurfs (v.l. oben): Prof. Güttler, Julia Wandt, Vorsitzende Bundesverband Hochschulkommunikation, Jens Rehländer, Sprecher Kompetenzgruppe Wissenschaftskommunikation des BdKom, Reinhard Artus, Sprecher des AK Wissenschaftskommunikation der DPRG.

Doch was soll in dieser Richtlinie stehen, die jetzt in einem ersten Entwurf vorliegt und zur Diskussion gestellt wird? Zunächst einmal baut die Richtlinie auf den Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR und auf Stellungnahmen des „Siggener Kreises“ auf. Doch sie macht auch klar, dass sie nicht, wie diese Papiere oder auch die meisten Wissenschaftskommunikatoren und Wissenschaftler, die Wissenschaftskommunikation aus der Sicht der Forschung betrachtet, sondern aus der Perspektive der Gesellschaft: „Die Richtlinie selbst erhebt nicht den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, sondern soll pragmatisch den deutschen Kommunikationskodex im Themenfeld Wissenschaftskommunikation konkretisieren, im Berufsfeld bei der praktischen Arbeit Orientierung geben und dem Rat bei seiner Spruchpraxis eine Richtschnur sein.“

Dann stellt sie Forderungen auf, die für professionelle Wissenschaftskommunikatoren eigentlich selbstverständlich sind. Aber die Richtlinie richtet sich ja gerade auch an die, die nicht in der Wissenschaftskommunikation zu Hause sind. Etwa: Nur Relevantes an die Öffentlichkeit geben; Themen richtig einordnen; auf nicht hinreichend gesicherte Nachrichten verzichten; nur inszenieren, wenn es der inhaltlichen Klarheit und Didaktik dient; überzogene Erwartungen vermeiden; die Folgen abschätzen. Eine Kernforderung des Richtlinien-Entwurfs ist Faktentreue: „Wer Wissen verbreitet, ist verantwortlich für dessen Wahrhaftigkeit.“

Im Einzelnen geht die Richtlinie auf weitere Anforderungen ein, die eigentlich für jeden selbstverständlich sein sollten, der mit Wissenschaft umgeht:

  • Storytelling – legitim, aberdarf Kerninhalte nicht überlagern;
  • Verständlichkeit – Vereinfachung darf keine Fakten verfälschen;
  • Relevanz für die Gesellschaft – nicht allein im Interesse der eigenen Institution publizieren;
  • Transparenz – gilt für Quellen, Interessen finanzielle Abhängigkeiten genauso wie für die Forschungsmethoden und aktuellen Forschungsstand, nach wissenschaftlicher Redlichkeit;
  • PrePrints – normalerweise nur nach Perr Review veröffentlichen, PrePrint nur in Ausnahmen zitieren mit ausdrücklichem Hinweis auf Vorläufigkeit und letztendlicher Aktualisierung, notfalls auch Zurücknahme;
  • Unsicherheiten – Grenzen der Aussagen und Methoden sichtbar machen, auch wenn die Öffentlichkeit Eindeutigkeit fordert;
  • Respektvoller Umgang – nicht mit irrelevanten Inhalten auf Trends aufzuspringen.

Soweit so gut, mit diesen Forderungen rennt der PR-Rat sicher bei der Wissenschaftskommunikation offene Türen ein. Sie entsprechen weitgehnd dem, was sich auch Wissenschaftler von ihrer Kommunikation wünschen. Einzelne Sündenfälle gibt es immer wieder, wurden zum Teil auch schon vom Deutschen PR-Rat öffentlich gerügt, etwa die Arbeit der PR-Agentur zur ersten Heinsberg-Studie oder die unselige Veröffentlichung der Universität Hamburg zum Ursprung des Corona-Virus.

Die Forschungssprecherinnen des Jahres zusammen mit Publikumspreisträger, Organisatoren und den Diskutanten bei der virtuellen Verleihung der Urkunden für die „Forschungssprecherinnen des Jahres 2021“.

Doch wenn Wissenschaftskommunikation in der Mitte der Gesellschaft agiert und nicht mehr nur am Rande der Wissenschaftswelt, darf sie sich nicht wundern, wenn ganz neue Anforderungen an sie gestellt werden, wie sie aber schon lange in anderen Bereichen der Kommunikation gelten. So fordert die Richtlinie des PR-Rates ausdrücklich „Augenhöhe“: „Kommunikator:innen sollen so in der Hierarchie ihrer Einrichtungen angesiedelt sein, dass sie Kommunikationsleitlinien, wie diese Richtlinie, verantwortungsvoll durchsetzen können. Dies geht nur auf Augenhöhe mit den Wissenschaftler:innen und mit der Möglichkeit, auch Aufträge begründet ablehnen zu können.“ Eine weitere Forderung ist die Verabschiedung von Regeln für Social-Media und Krisenkommunikation in der Leitungsebene. Weiter stellt der PR-Rat die Forderung: „Kommunikator:innen müssen eine beratende wie teilweise auch steuernde Rolle einnehmen – zum einen in Bezug auf ihre Leitungsebenen und zum anderen gegenüber den Wissenschaftler:innen ihrer jeweiligen Einrichtungen“ und erwartet von den Kommunikationsabteilungen Coaching und Aufbau von Kommunikationskompetenz bei den Wissenschaftlern. Zu deutsch heißt dies, die Kommunikationsabteilung als Serviceeinrichtung verstehen und intensive Kommunikation nach Innen, in die Wissenschaft hinein. Und schließlich verpflichtet die Richtlinie die Kommunikatoren, vor Medienauftritten Format und Umfeld zu prüfen, „ob eine wahrheitsgemäße Vermittlung der wissenschaftlichen Inhalte gewährleistet ist“.

Mit wenigen Ausnahmen ist all dies weit von der Realität in der Wissenschaftskommunikation heute entfernt. Doch das entwertet nicht die Richtlinie des PR-Rates – im Gegenteil. Diese Anforderungen, die aus der Gesellschaft an die Wissenschaftskommunikation gestellt werden, können als Ansporn und Argumente dienen, die Position der Wissenschaftskommunikation innerhalb des Systems Wissenschaft weiter zu stärken. Denn nicht nur unter den PR-Profis, auch in der Wissenschaft führten die Kommunikationsabteilungen bislang ja eher ein Dasein am Rande. Doch auch hier scheint etwas in Bewegung zu kommen. Auch die Wissenschaft scheint sich mehr und mehr der wichtigen Rolle professioneller Kommunikation bewusst zu werden. Diesen Schluss legen zumindest die Positionspapiere der Allianz der Wissenschaftsorganisationen und des Wissenschaftsrates nahe. Und manche versteigen sich inzwischen sogar zu der Feststellung, ohne Kommunikation mit der Gesellschaft sei Wissenschaft keine Wissenschaft.

Immer wieder geht es aber in diesen Stellungnahmen vor allem darum, dass Wissenschaftler selbst kommunizieren. Die Kommunikatoren spielen eine eher untergeordnete Rolle. Ob Wissenschaftler aber dazu in der Lage sind, neben guter Forschung nicht nur die Anforderungen der Kommunikation, sondern auch noch die Anforderungen der Gesellschaft, wie sie etwa in der Richtlinie des PR-Rates festgehalten sind, professionell zu meistern, daran darf man zweifeln. Nicht zu vergessen, Fehler im Sinne der Richtlinie sind nicht einfach Missgeschicke, über die man hinweggehen oder sie beim nächsten Mal ausbügeln kann, nein, sie werden bestraft: Ich bin sicher, kein Institutschef oder Forschungsgruppenleiter möchte eine öffentliche Rüge für krasse Kommunikationsfehler kassieren. Wissenschaftler sind mehr denn je auf die Unterstützung professioneller Kommunikatoren angewiesen.