Die Wissenschafts-Blogs des Jahres 2021 sind gewählt: Ernst und Lebensfreude mit Wissenschaft

Posted on 18. Januar 2022

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Drei ganz unterschiedliche Blogs belegen die ersten Plätze.

Auszeichnung für den „Wissenschafts-Blog des Jahres 2021“: Der Wissenschafts-Block

Es ist entschieden: Die Wähler haben zum elften Mal gesprochen. Die beliebtesten „Wissenschafts-Blogs des Jahres 2021“ sind gewählt: 10 Jahre „Wissenschafts-Blogs des Jahres“. Das Ergebnis: Ernsthaftigkeit und Freude an der und mit der Wissenschaft, Neugier und evidenzbasierte Fakten sind die Sieger. Darum geht es den meisten Lesern, wenn sie einen Blog zur nWissenschaft in der schier unüberschaubaren Flut im World Wide Web suchen.

Die Sieger bei der Wahl der „Wissenschafts-Blogs des Jahres 20021“ sind alles gute Bekannte. Immerhin die Redaktion hat mit dem Sonderpreis einen Blog auf den Schild gehoben, der bisher noch nicht in diesen Kreisen aufgetaucht ist. Das provoziert die Frage: Gibt es so wenig überzeugendes Neues in der Welt der Wissenschafts-Blogs? Oder aber ist unsere Übersicht begrenzt? Haben wir – Redaktion und Leser – zu sehr die Scheuklappen auf? Geben uns mit Altbekanntem zufrieden? Investieren zu wenig Zeit und Mühe in die Suche nach Neuem? Umso dringlicher die Aufforderung an alle, die dies lesen: Schicken Sie uns Links zu Ihren Blog-Perlen im Internet, die Sie finden. Schreiben Sie uns, welches Ihre Lieblingsblogs zur Wissenschaft sind, oder Ihre Neuentdeckungen. Am besten gleich in einem Kommentar hier am Ende dieses Blogposts.

Doch nun zu den Ergebnissen der Wahl:

Die Sieger

Sieger bei der Wahl und ausgezeichnet mit dem „Wissenschafts-Block 2021“ in Gold ist ein alter Bekannter, der Blog „GWUP – Die Skeptiker“, der sich seit Jahren kritisch mit allem auseinandersetzt, was Unwissenschaftliches durch die Medien geistert. Bereits in den vergangenen Jahren, bei der getrennten Wahl des „Blogteufelchens der Wissenschaftskritik“ dominierte dieser Blog oft die Ergebnisse. Jetzt, da die Auseinandersetzung mit Wissenschaftsskeptikern, Impfgegnern und Coronaleugnern endlich zum Mainstream der Wissenschaftskommunikation gehört, hat „GWUP–Die Skeptiker“ auch die Anerkennung unter allen Wissenschafts-Blogs gefunden.

Auch der Zweite bei dieser Wahl und Träger des „Wissenschafts-Blocks 2021“ in Silber stand oft schon auf dem Siegertreppchen: Der „Zukunftsblog“ der ETH Zürich. Dieser Blog, ganz oben in der Beliebtheitsskala, ist Wissenschaft pur: interessante Forschungsergebnisse und Ansichten zur Zukunftsentwicklung im Originalton von Wissenschaftlern der wahrscheinlich angesehensten Hochschule Europas zu wichtigen Forschungsbereichen, die in der Zukunft eine ausschlaggebende Rolle spielen.

Auf dem dritten Platz der „Wissenschafts-Blogs des Jahres 2021“ landete in diesem Jahr der Vorjahressieger „Miss Jones“, ein wunderschönes, echtes Kontrastprogramm zu den beiden Erstplatzierten: Ein sehr persönlicher Blog der Archäologin Geesche Wilts, der nicht nur archäologische Wissenschaft betrachtet, sondern alles was sie interessiert und was schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Sie stürzt sich mit vollem Herzen in das Abenteuer Vergangenheit und leitet ihren Blog-Namen von dem Abenteurer Indiana Jones ab. Ein Blog, der Spaß macht und informiert. Eine Besonderheit noch: Die Autorin ist bekennende Legasthenikerin und allein ihr Mut, ihre Texte online zu stellen, verdient Anerkennung.

Auch in diesem Jahr hat sich die Redaktion das Privileg gesichert, einen Sonderpreis zu verleihen. Sie will damit auf einen wichtigen und spannenden Blog aufmerksam machen, der bislang nicht so sehr im Blickpunkt des Leserpublikums steht, und der zugleich qualitativ Maßstäbe setzt. In diesem Jahr geht dieser Sonderpreis an Medwatch. Der spendenfinanzierte Blog der Wissenschaftsjournalistin Nicola Kuhrt macht auf Missstände in Medizin und Gesundheitswesen aufmerksam. Ähnlich wie GWUP-Die Skeptiker setzt er sich mit Falschinformationen auseinander. Im Gegensatz zu den Skeptikern aber belässt es Nicola Kuhrt nicht beim Verweis auf Fachleute oder andere Medien, sondern bietet tiefgehende und zum Teil beeindruckende journalistische Recherche, zeigt dabei Widersprüche im Behördenhandeln oder in der Politik auf und regt neue Diskussionen an, damit Patienten und Verbraucher nicht hinters Licht geführt werden.

Aus Sicht dieser Redaktion ein Vorbild, wie im Internet gegen Fake-News und Irrationalität rund um Wissenschaft vorgegangen werden kann: Klare, evidenzbasierte Tatsacheninformation und nicht Rechthaberei. Daher der Sonderpreis der Redaktion für „Medwatch“.

Die anderen der Top-Ten

Die weiteren Platzierungen seien hier nur in alphabetischer Reihenfolge erwähnt. Ihre Ergebnisse lagen einerseits so eng zusammen, dass es nicht fair wäre, sie nach Stimmenzahl zu reihen. Und zum zweiten ging es in der Wahl ja um die besten Wissenschafts-Blogs, nicht um ein Ranking der insgesamt 30 Kandidaten, die zur Wahl standen – und schon gar nicht im hundertstel Prozentbereich.

Zu den beliebtesten zehn Wissenschafts-Blogs gehören auch:

Archaeologik:  Ein wissenschaftlich orientierter Blog zu kritischer Archäologie und Denkmalschutz von Rainer Schreg von der Universität Bamberg. Er kommentiert aktuelle Fragen der Archaeologie.

Astrodicticum Simplex: „Das Universum ist cool” findet Florian Freistetter, ein Sternweiser, der seine Faszination für Vieles mit Vielen teilt.

Democracy Blog: Blog der Abteilung „Demokratie und Demokratisierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin beleuchtet reale Politik aus Sicht der Politikwissenschaft.

Jülichblogs: Die Blog-Plattform des Forschungszentrums Jülich, einem der größten Forschungszentren Europas“ gibt sich bunt und informativ.

Klimalounge: Nah dran amKlimawandel sieht sich dieser Blog zur Klimaforschung von dem Potsdamer Klimaforscher Prof. Stephan Rahmstorf – kompetent und mitunter streitbar.

Medwatch: Die Wissenschaftsjournalistin Nicola Kuhrt bringt ernsthafte Recherchen aus der Grauzone des Netzes, in der vermeintliche Heiler ihre Wunder anbieten.

Pfahlbauten-Blog: Der Blog des Kuratoriums Pfahlbauten bietet Aktuelles und Hintergründe zu den prähistorischen Pfahlbauten rund um die Alpen.

Bemerkenswert erscheint noch, dass die Blogs der großen Institutionen der Wissenschaftskommunikation und der Wissenschaft in Deutschland eher unter „ferner liefen“ landeten – löbliche Ausnahme: das Forschungszentrum Jülich. Man darf dies auch als Hinweis werten, dass die Bedeutung von Blogs für die inhaltliche Wissenschaftskommunikation wohl noch immer nicht ausreichend erkannt wurde und daher dieses Medium von den Verantwortlichen nicht genug gepuscht wird.

Doch nun zu den Siegern im Einzelnen. In diesem Jahr lassen wir sie sich selbst vorstellen. Wir zitieren aus den Selbstdarstellungen der Blogs.

Der Wissenschafts-Blog des Jahres 2021: GWUP|Die Skeptiker

„Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP) ist ein als gemeinnützig anerkannter Verein, dessen mehr als 1.600 Mitglieder sich für Wissenschaft und kritisches Denken engagieren. Gegründet wurde die GWUP 1987. Damit ist sie die älteste und größte Skeptiker-Organisation im deutschsprachigen Raum. Ihr Sitz ist in Roßdorf bei Darmstadt.

Viermal im Jahr gibt die GWUP den SKEPTIKER heraus, die Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken. Was prominente Wissenschaftler und Journalisten über den SKEPTIKER und sein US-amerikanisches Vorbild SKEPTICAL INQUIRER sagen, lesen Sie auf dieser Seite; dort finden Sie auch Links zu aktuellen Artikeln.

Mehrere GWUP-Regionalgruppen sind in vielen Regionen Deutschlands aktiv und organisieren Vorträge, Führungen sowie Aktionen zu verschiedenen Themen aus der skeptischen Welt. In der GWUP treffen sich Mediziner, Physiker, Biologen, Ingenieure, Professoren, Studenten, Lehrer und viele andere Menschen, die sich für Wissenschaft, Forschung und kritisches Denken begeistern.“

Der „Wissenschafts-Block des Jahres 2021“ in Silber: Zukunftsblog

Die Selbstdarstellung des ETH-Zukunftsblogs ist ziemlich dünn. Sie besteht aus genau diesen zwei Sätzen:

„Auf der Meinungsplattform äussern sich ETH-Fachleute zu gesellschaftlich relevanten Themen und skizzieren Ideen für die Zukunft. Die Beiträge geben die persönlichen Meinungen der Schreibenden wieder.“

Wir ergänzen daher aus unserer eigenen Tastatur:

Naturgemäß enthält der Blog vor allem Informationen aus der ETH-Forschung. Hier berichten die Beteiligten selbst – vom Doktoranden bis zum Professor, auch anderer Hochschulen – umso höher ist das Niveau der Darstellung einzuschätzen: spannend, verständlich, inhaltsreich und direkt aus dem Forscherleben gegriffen. Der Zukunftsblog der ETH ist ein Musterbeispiel, wie eine Hochschule, ein Forschungsschwerpunkt oder ein Institut mit etwas Engagement der Beteiligten Blogs für die Kommunikation nutzen kann. Voraussetzung dafür ist sicherlich ein Redaktionsteam, das sich um Themen, um Beiträge und um die attraktive Aufarbeitung der Posts kümmert.

Der „Wissenschafts-Blog des Jahres 2021“ in Bronze: Miss Jones

Die Selbstdarstellung der Autorin, trotz Kürzungen durch die Redaktion immer noch ausführlich und unterhaltsam zu lesen, wie der ganze Blog:

„Wer steckt eigentlich hinter Miss Jones?
Mein Name ist Geesche Wilts, ich bin 33 Jahre alt und ich komme aus Hamburg. Ich habe sowohl an der Universität Hamburg, Vor- und frühgeschichtliche Archäologie und in Wien Ur- und Frühgeschichte studiert. Nach dem Bachelor war ich einige Zeit unterwegs. Auf Reisen und auf Ausgrabungen. Im Moment mache ich meinen Masterabschluss an der Universität Hamburg.

Aber im Grunde bin ich auf Reisen wie in der Uni, auf der permanenten Suche nach kleinen und großen Wundern der Menschheitsgeschichte. Dabei bin ich ausgestattet mit einem besonderen Talent für Situationen. Es wundert mich in meinem Leben nicht mehr, wenn ich morgens losgehe, um Brötchen zu holen und nur wenig später in einer Grube voller Schlangen sitze. Und obwohl es wegen dieses Talentes nicht mehr nötig ist mein Schicksal herauszufordern, habe ich den großen Traum die Welt zu bereisen und mir die Spuren vergangener Zeiten mit eigenen Augen anzusehen.

Warum hast du deinen Blog Miss Jones genannt?

Auf einen Campingausflug mit ein paar Freund*innen. Auf diesem Ausflug hing ich, dank meines einzigartigen Talentes, tatsächlich und sehr unvorhergesehen von einer Klippe herab. Eigentlich wollte ich nur ein Pfefferminzblatt pflücken und hatte einfach nicht damit gerechnet, dass es sich um ein tragendes Pfefferminzblatt handelte. Der Berg, in den Abruzzen, auf dem wir an diesem Tag wanderten brach unter mir einfach weg. Ich konnte mich gerade eben noch an einer Baumwurzel festhalten. Als ich es schaffte wieder hochzuklettern und meine Freund*innen erleichtert waren, frage mich einer von ihnen “Are you somehow related to Indiana Jones?”. Erst mussten wir alle sehr lachen. Aber es war dieser Moment, in dem das Projekt seinen Namen fand.

Wir redeten die ganze Nacht von der Idee, eine weibliche Abenteurerin und Archäologin darzustellen, welche eine Identifikationsfigur für abenteuerlustige Mädchen sein könnte. Wir redeten über Partizipation, Mitbestimmung und Gleichberechtigung. Die Idee Archäologie für alle leicht verständlich, zu vermitteln. Die Idee dafür das Bild einer Abenteurerin zu nutzen war geboren.

Und wie finanziert sich Miss Jones?

Miss Jones wird komplett von mir selber Finanziert. Manchmal bekomme ich Fahrtkosten zu einer Veranstaltung bezahlt und kann mir auf diesem Wege dann etwas Interessantes ansehen. In anderen fällen landen mich Museen ein. Manchmal laden mich auch Freunde ein und ich sehe mich in deren Stadt um und kann bei ihnen übernachten. Gelegentlich nimmt mich auch jemand aus meinem Umfeld mit in den Urlaub und bucht mich quasi als archäologische Reisebegleitung zu interessanten Stätten. Alle weiteren Kosten trage ich komplett selber. Deswegen nehme ich auch immer mal wieder Gelegenheitsjobs an, denn bislang musste ich für jeden Artikel in diesem Blog draufzahlen.

Und wenn sich das nicht rentiert, warum machst du das dann?

Ganz einfach, weil es mir unglaublichen Spaß bringt! Miss Jones ist meine Leidenschaft und wer weiß, vielleicht rentiert es sich ja auch irgendwann. Ich kann mir jedenfalls nichts Schöneres vorstellen, als die nächsten 100 Jahre weiterzuschreiben und immer neue Gedanken zu finden, die Vergangenheit aus immer neuen Blickwinkeln zu sehen und immer neue Dinge zu lernen. Kleine und große Abenteuer machen für mich das Leben erst richtig schön. Dass ich dann auch noch über meine größten Leidenschaften schreiben kann, ist für mich das allergrößte Geschenk.

Mir geht es dabei vor allem um eines: Ich möchte die Faszination für die Verschiedenartig von Kulturen wecken. Für interkulturelle Akzeptanz eintreten, indem ich verschiedenste Kulturen betrachte. Mein Blickwinkel ist dabei nicht wie der einer Kolonialherrin, auf Menschengruppen herab, sondern ich versuche diesen Kulturen auf Augenhöhe zu begegnen. Letztendlich ist diese Arbeit für mich ein Weg diese Welt ein Stück weit toleranter und friedlicher zu machen.“

Der Sonderpreis der Redaktion bei den „Wissenschafts-Blogs des Jahres 2021″: Medwatch

„Was ist MedWatch?

„Falsche Berichterstattung und irreführende Werbung über gesundmachende Therapien und Produkte können lebensbedrohliche Folgen haben:

  • Wenn Meldungen über „Wundermittel“ im Netz gestreut werden, die angeblich gegen Diabetes, Infektionen oder Rheuma helfen, aber die bestellten Ampullen in Wirklichkeit nur Kochsalzlösung enthalten.
  • Wenn Krebs-Therapien ohne Beweise für ihre Wirksamkeit in den sozialen Medien gefeiert werden, und das Vertrauen in tatsächlich hilfreiche Therapien untergraben wird.
  • Wenn Kindern ein ätzendes Chlordioxidgemisch verabreicht wird, weil in einer Elterngruppe stand, dies helfe gegen Autismus – dann sind Fakenews eine Gefahr für die Gesundheit.

Das Team von MedWatch scannt das Netz nach gefährlichen und unseriösen Heilungsversprechen. Einen Schwerpunkt bilden Recherchen aus derGrauzone des Netzes, in der vermeintliche Heiler ihre Wunder anbieten. MedWatch berichtet und klärt auf.

In der schieren Masse täglicher Informationen zu Gesundheit, neuen Arzneimitteln und Therapien wird es dabei immer schwerer, verlässliche Inhalte zu erkennen, gesundheitspolitische Entwicklungen zu verstehen oder sich als Patient die richtigen Anregungen und Hilfen zu holen. Das will MedWatch ändern. Mit tagesaktuellen Nachrichten, Interviews und Reportagen.

Um finanzielle Interessenskonflikte zu vermeiden, setzt MedWatch auf die Unterstützung von jedermann: Ein Crowdfunding soll den Betrieb von MedWatch ermöglichen. Anregungen und kritisches Feedback sind jederzeit willkommen.

MedWatch wurde 2017 als gemeinnützige UG durch die WissenschaftsjournalistInnen Hinnerk Feldwisch-Drentrup und Nicola Kuhrt gegründet. Bis März 2021 leiteten beide das Online-Magazin, seitdem leitet Nicola Kuhrt es. Sie beschäftigt sich mit Fragen zu Impfen und Impfmythen, außerdem schreibt sie über die Lücken im Gesundheitssystem.“

Ein nützlicher Hinweis

Wenn Sie die komplette Vorschlagsliste für die Wahl der „Wissenschafts-Blogs des Jahres 2021“ ansehen möchten, dann folgen Sie diesem Link zur Ausschreibung der Wahl. Sie können dort auch die Links direkt zu den vorgeschlagenen Blogs nutzen (ja sogar noch abstimmen, aber die Abstimmung endete am 10. Jahnuar 2022, die Stimmen sind längst gezählt und werden nicht mehr ausgewertet).“

Noch einmal die Aufforderung: Wenn Sie Vorschläge für die Wahl der „Wissenschafts-Blogs des Jahres 2022“ haben, bitte gleich hier in einem Kommentar festhalten. Die nächste Wahl findet im Dezember dieses Jahres statt, bis Ende November werden also Vorschläge angenommen, geprüft und – hoffentlich siegreich – zur Wahl gestellt.