„Wider den Unverstand“ – Ein echter Querdenker zieht Bilanz

Posted on 20. Juni 2022

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So ist er, der große Ernst Peter Fischer: Lange Jahre Professor für Wissenschaftsgeschichte, zunächst in Konstanz, dann an der Universität Heidelberg. Doch wichtiger noch: Er ist vor allem auch Wissenschaftsphilosoph, ein echter Querdenker, wortgewaltig, kampferisch, originell, eigensinnig bis zur Sturheit, kritisch mit anderen, polemisch, engagiert und zugleich ein unermüdlicher Verteidiger der hehren Naturwissenschaftissenschaften, die aus seiner Sicht Heilsbringerin sind für unsere moderne Zivilisation. Jetzt hat er ein „Pamphlet“ für eine bessere naturwissenschaftliche Bildung veröffentlicht, ein kleines Buch auf 120 Seiten: „WIDER DEN UNVERSTAND!“. Alles in Versalien – im Internet der Ausdruck für lautes Schreien – und mit Rufzeichen, damit niemand an der Entschlossenheit des Autors zweifelt.

Fischer und ich, wir kennen und schätzen uns uns seit vielen Jahren. Umso mehr Spaß macht es, miteinander zu streiten, wenn wir nicht einer Meinung sind, was häufig genug der Fall ist. Er zieht in seinem Büchlein geistige Bilanz eines langen aktiven Lebens. Im Grunde setzt es das fort, was er sein Leben lang in zahlreichen Publikationen und Vorträgen gefordert hat: Einen hohen Stellenwert der Naturwissenschaften in der Gesellschaft. Da sind wir uns absolut einig, wobei ich selbst – und da beginnt der Dissens – unbedingt die Aussage um die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ergänzen würde. Die kommen bei dem studierten Mathematiker und Physiker Fischer dagegen kaum vor.

Prof. Ernst Peter Fischer, Wissenschaftshistoriker, -publizist und -philosoph, ist ein echter Querdenker im positiven Sinne.

Ernst Peter Fischer argumentiert in seinem Pamphlet, wir bräuchten ein hohes Niveau an naturwissenschaftlicher Bildung in Deutschland, nicht Verständnis für die Wissenschaften, sondern Verstehen von wissenschaftlichen Inhalten. Dann käme es zu besseren gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen. Und natürlich untermauert er diesen Standpunkt mit Dutzenden von Beispielen wo aus seiner Sicht Dinge schief gegangen sind, wobei oft genug Schwachstellen einer Entwicklung oder widersprüchliche Anforderungen für ihn ausreichen, um ein vernichtendes Urteil zu fällen.

Unwichtig, aber interessant: Er benennt eines seiner Kapitel sogar nach diesem Blog „Wissenschaft kommuniziert“, erwähnt ihn auch und zitiert fleißig aus unterschiedlichen Beiträgen  (zwar ohne wissenschaftlich korrekte Quellenangabe – aber geschenkt), bezeichnet den Namen als „eigentümlich“ und kritisiert, dass hier die Bildung auf der Strecke bleibt.

Das hat seinen Grund, lieber Professor Fischer! Denn Sie liegen mit Ihrer Streitschrift in zwei grundlegenden Punkten falsch. Da ist zum einen die Meinung, dass mehr Wissen aus den Naturwissenschaften zu mehr Akzeptanz wissenschaftlicher Ergebnisse und Schlußfolgerungen führen würde – und damit zu vernünftigeren Entscheidungen. Das ist das altbekannte „Defizit-Modell“, das längst widerlegt wurde. Im Gegenteil: Es wurde sogar festgestellt, dass Menschen, je mehr sie über Wissenschaft wissen, ihr umso kritischer gegenüber stehen. Sie aber hängen nach wie vor an der Vorstellung, je mehr die Menschen wüssten, umso eher akzeptierten sie die Wissenschaft und ihre Ergebnisse.

Der zweite Punkt handelt von der Verantwortung: Sie fordern eine bessere naturwissenschaftliche Bildung und schieben damit die Verantwortung für den besseren Stellenwert von Wissenschaft in der Gesellschaft dem Bildungssystem zu – weg von der Wissenschaft. Es geht aber nicht darum, eine Gesellschaft von Wissenschafts-Experten heranzubilden, die etwa im Kopf haben, mit welcher Geschwindigkeit sie sich durch das Weltall bewegen oder die Relativitätstheorie Einsteins durch und durch verstehen. Genauso wenig wie wir etwa eine Gesellschaft von Rechts-Experten oder Wirtschafts-Experten brauchen. Das Zusammenspiel und der Austausch der unterschiedlichen Bereiche macht die Stärke einer Gesellschaft aus. Und dabei geht es nicht um Detaillwissen und Expertentum, es geht vor allem darum, untereinander zu vertrauen, dass die Anderen rechtschaffen und kenntnisreich ihr Metier ausüben, etwa die Richter oder die Unternehmensführer – oder eben die Wissenschaftler -, auch wenn uns das eine oder andere nicht gefällt.

Und dieses gegenseitige Vertrauen wird nicht durch eine bessere Bildung geschaffen, sondern durch Verhalten und Kommunikation. Vertrauen muss man erwerben. Da muss die Wissenschaft selbst ran, kann nicht dem Bildungswesen die Verantwortung zuweisen. Wissenschaftskommunikation – die bei Ihnen, Professor Fischer, ziemlich schlecht wegkommt – ist in allen ihren Ausdrucksformen ein Schlüsselelement dafür, dass Wissenschaft Vertrauen gewinnen und erhalten kann.

Das hat zuletzt auch wieder die Pandemie gezeigt, die vielleicht für Ihr Buch zu spät kam, um alle bewegenden Konsequenzen für das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft mit Tiefgang zu verarbeiten. Wissenschaft selbst muss sich den ständig neuen Fragen der Gesellschaft stellen, am besten Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zusammen. Dies ist das Ziel. Die ersten Schritte dazu werden in der Wissenschaftskommunikation gemacht, der Weg ist noch lang – auch angesichts der Geistesgeschichte der Wissenschaft gerade in Deutschland – Stichwort Elfenbeinturm.

Sie haben Ihr Buch  „ein Pamphlet“ benannt, lieber Professor Fischer, laut Meyers Konversationslexikon (um nicht die von Ihnen sicher ungeliebte Wikipedia zu zitieren) eine Streitschrift, die die Basis sachlicher Argumentation verlässt. Für mich liest es sich eher wie die Altersbilanz eines frustrierten Querdenkers (im positiven, herkömmlichen Sinn des Wortes Querdenker). Mir kam unwillkürlich der Ausspruch von Sokrates über die Jugend in den Sinn, der in den jungen Menschen gar keine Hoffnung mehr sah.

Um ehrlich zu sein, und wenn ich dies als der (ein paar Monate) Ältere sagen darf: Die Welt bleibt nicht so, wie wir sie einmal kannten, es genügt nicht, die alten Thesen zu wiederholen. Die Rezepte von früher gelten heute nicht mehr – wenn sie denn jemals die richtigen waren. Ich habe vermisst, dass Sie aus ihrer langen Erfahrung auch Anregungen geben, wie Wissenschaft in dieser veränderten Gesellschaft wichtig bleiben, ja sogar noch wichtiger werden kann. Und was die Wissenschaft selbst dazu beitragen sollte.

Ernst Peter Fischer, Wider den Unverstand!: Für eine bessere naturwissenschaftliche Bildung
S. Hirzel Verlag GmbH, Stuttgart, ISBN 978-3-7776-3033-5, Buch – Kartoniert, 2022, 132 Seiten, 20 €