War da was? – Das „Forum“ in Pandemie- und Krisenzeiten #fwk22

Posted on 18. Oktober 2022

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Die Universität Hannover, Schauplatz des ersten „Forum Wissenschaftskommunikation“ nach den Corona-Restriktionen. Doch von „Gesellschaft im Wandel war wenig zu spüren.

Immer wieder passiert es mir, dass ich erst realisiere, wie sehr ich Dinge vermisst habe, wenn ich sie endlich wieder bekomme. So ging es mir beim „Forum Wissenschaftskommunikation“: Endlich wieder die persönlicchen Begegnungen nach vielen Online-Zoom-Konferenzen. Endlich wieder das Forum vor Ort, dieses Jahr nach der Pandemie in Hannover mit über 600 Teilnehmern. Motto: „Transformation gestalten – Wissenschaftskommunikation für eine Gesellschaft im Wandel“. Endlich wieder Treffen mit alten Bekannten, mit bislang Unbekannten oder mit Menschen, die man in Pandemiezeiten nur virtuell per Mail, per Zoom oder sonst irgendwie per Internet erlebt hat. Endlich wieder Gespräche und Informationen „zwischen den Zeilen“, die einfach nicht in E-Mails oder sonstwie in ein eiliges Telefongespräch passen, über Befindlichkeiten, Einschätzungen, Meinungen oder auch nur über Gerüchte. Ich nutze gern Online-Konferenzen, denn sie ermöglichen, viel Interessantes wahrzunehmen, was sonst aus zeitlichen oder Reise-Gründen gar nicht möglich wäre. Aber nach zwei Jahren Pandemie gibt es auch viel nachzuholen, was nicht in die Möglichkeiten des Internets passt.

Das Corona-Virus hat weltweit grundelegende Veränderungen des gesellschaftlichen Miteinanders angestoßen. Mehr Distanz, weniger Reisen, mehr virtuelle Begegnungen, dazu teils drastische wirtschaftliche Folgen mit langem Nachhall. Und um das noch zu steigern, setzten der russische Angriffskrieg in der Ukraine, Energieverknappung, Superinflation und Anschläge auf kritische Infrastruktur weitere Miseren obendrauf, ganz abgesehen von den längst bekannten Krisen wie Klimawandel, Artensterben oder Rohstoffknappheit. So viel Krise wie derzeit hat die Weltgemeinschaft seit dem Zweiten Weltkrieg wohl nicht erlebt. Also Zeit für den Wandel, für Anpassung der Gesellschaft, neue Grundlagen für Zusammenleben und Zusammenarbeit – und die Wissenschaft kann dabei ein wichtiger Faktor sein: wohlgemerkt Wissenschaft mit ihrer Wissenschaftskommunikation.

Mit über 600 Teilnehmern bestens besucht: Vorträge und Begegnungen vor Ort beim „Forum Wissenschaftskommunikation 2022“.

Ein topaktuelles Thema hatte sich das „Forum Wissenschaftskommunikation“ also gegeben. Doch von „Gesellschaft im Wandel“ oder gar „Transformation gestalten“ war in Hannover eher wenig zu spüren. Da schwelgten etwa beim Eröffnungspanel die Vertreter der Unterstützer dieses großen Forums (mit einer Ausnahme: Dr. Georg Schütte von der VolkswagenStiftung) in längst überholten Vorstellungen von Wissenschaftskommunikation, bei der es vor allem um Information über wissenschaftliche Erkenntnisse gehen sollte (das Defizit-Modell feiert immer noch fröhliche Urständ) oder um das Reputations-Marketing der eigenen Institution.

Da diskutierten Twitter-Nutzer darüber, wie gut sich dieser Kurznachrichtendienst für die Wissenschaftskommunikation eignet. Da befragten KI-Experten die Kommunikatoren, warum in den Medien Künstliche Intelligenz immer mit Robotern dargestellt wird (immerhin ein guter Versuch, sich der Kommunikations-Praxis zu nähern: einfach mal fragen). Da fragten sich andere, wieviel Partizipation von Nicht-Wissenschaftlern die Wissenschaft verträgt, oder wie man Smartphones am besten in Ausstellungen einsetzt. Gesellschaft im Wandel?

Persönliche Begegnungen: Neu und wiederentdeckt. Forum online ist gut, aber vor Ort mit den anderen Kollegen ist es viel besser: Get Together der VolkswagenStiftung im Schloss Herrenhausen.

Was ich vermisst habe? Zum Beispiel eine Bestandsaufnahme, was sich durch die Corona-Pandemie in der Gesellschaft, aber auch in der Wissenschaftskommunikation verändert hat. Etwa auch eine kritische Reflexion zum Verhältnis Wissenschaft und Gesellschaft und zur Rolle der Wissenschaftskommunikation nach der Corona-Pandemie. Wie kann das explosionsartig gewachsene Interesse an Wissenschaft erhalten werden? Wie können andererseits Wissenschaftler auf den rauen Wind vorbereitet werden, der in gesellschaftlichen Debatten herrscht, und der durch die Sozialen Medien direkt zu jedem Sender und Empfänger durchschlägt? Geben wir die richtigen Antworten auf die drängenden Fragen aus der Gesellschaft, beantworten wir überhaupt die richtigen Fragen?

Was ich außerdem vermisst habe, angesichts des Tagungsthemas: Etwa Hilfestellungen zu dem Problem, wie kommunikativ umgehen mit der sogenannten „transformativen Forschung“, also wissenschaftliche Disziplinen oder Fragestellungen, die mit ihren Ergebnissen praktisch gesellschaftliche Transformation, oder sogar Verhaltensänderungen von jedem Einzelnen fordern und bewirken? Beispiele dafür sind der Klimawandel, das Disziplinen-Konglomerat unter der Überschrift „Planetary Health“, aber auch die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz oder die breite Nutzung der Gen-Schere Crispr/Cas.

Stattdessen in Hannover eine Keynote der „Transformationsforscherin“ Prof. Maja Göpel zu „Wissen schaffen in turbulenten Zeiten: Wo stehen wir und was steht an?“ Eines war nach diesem Vortrag klar: Prof. Göpel kann motivieren. Ihre Keynote war ein einziges Plädoyer an die Wissenschaftskommunikatoren, an der Transformation der Gesellschaft selbst aktiv mitzuwirken. Und sie erntete auch mit Abstand den meisten Beifall der Zuhörer im vollbesetzten Auditorium Maximum der Leibniz-Universität Hannover. Doch praktisch Verwertbares für die Kommunikation in Transformations-Zeiten gab es wenig, bestenfalls (auf Nachfrage!) welch wichtige Rolle Bürgerinitiativen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bei den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen spielen, und dass die Wissenschaftskommunikation sie als wichtige Zielgruppen entdecken muss.

Immerhin eine sehr spannende Frage stellte sich im Anschluss an die Präsentation von Prof. Göpel, die gerade in Zeiten gesellschaftlichen Wandels hoch relevant ist: Wie weit muss ein Wissenschaftler in der Rolle des stillen Beobachters, des distanzierten Beraters bleiben, wie weit darf oder soll er aktiv in die Veränderungsprozesse eingreifen? Die Antwort von Maja Göpel ist klar: Sie ist Mitbegründerin der „Scientists for Future-Initiative“, die aktiv die „Fridays for Future“-Bewegung von Greta Thunberg zum Klimawandel unterstützt.

Fixpunkt einer Tagung, bei der Begegnungen das Wichtigste waren: Der Lichthof der Universität mit Kaffee, Getränken und Ausstellung – und fast könnte man meinen: Corona-Abstandslinien am Boden.

Aber ist diese Antwort „Ein Wissenschaftler muss auch im Sinne seiner Erkenntnisse politisch/gesellschaftlich aktiv werden“ tatsächlich eindeutig? Viele Fragen bleiben offen. Wie steht es um die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft, wenn sie Partei ergreift? Wie umgehen mit Unsicherheit/Vorläufigkeit von wissenschaftlichen Ergebnissen? In welcher Form, wie und mit welchen Selbstbeschränkungen kann/soll ein Wissenschaftler – als Mitglied der Gesellschaft – aktiv für gesellschaftliche Veränderungen eintreten, ohne die wissenschaftliche Distanz zu den Problemen aufzugeben? Einfache Antworten gibt es da sicher nicht. Das Thema wird uns – und ganz besonders auch die Wissenschaftskommunikation – noch lange beschäftigen.

Noch ein zweites Thema kam in Hannover beim „Forum Wissenschaftskommunikation“ hoch, ohne dass es konkrete Antworten gab: Das Verhältnis von Wissenschaftskommunikations-Forschung (am besten mit dem englischen Begriff „Science of Science Communication“ gekennzeichnet) und der Praxis der Wissenschaftskommunikation. Dazu muss ich gestehen, dass ich vorbelastet bin durch die Enttäuschungen, die ich bei mehreren Besuchen von Tagungen der Fachgruppe Wissenschaftskommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) erlebt habe, angesichts der Praxisferne der vorgetragenen Ergebnisse (siehe dazu auch die Berichte in diesem Blog). Bestätigt wurden diese Enttäuschungen durch die Präsentationen von vier kommunikationswissenschaftlichen Zentren, ins Leben gerufen durch ein Förderprogramm der VolkswagenStiftung zur besseren Verbindung von Wissenschaft und Praxis beim „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ im November letzten Jahres.

Doch jetzt kam dieses Thema wenigstens auf die Tagesordnung des „Forums“. Prof. Dietram Scheufele, deutschstämmiger Wissenschaftskommunikationsforscher an der University of Wisconsin/USA), schilderte sehr eindringlich, weshalb dies in den Vereinigten Staaten besser läuft und wo die Gründe für die Lücke in Deutschland liegen könnten. Es blieb aber bei dem Wunsch nach Plattformen im Internet, wo Erkenntnisse aus der Kommunikationsforschung für die Wissenschaftskommunikation aufbereitet und veröffentlicht werden. Ein aufwändiges Vorhaben, so es denn je zufriedenstellend verwirklicht wird. Immerhin, ein Appell und eine mögliche Aufgabe für „Wissenschaft im Dialog“, die mit der Website wissenschaftskommunikation.de ja immerhin schon schüchterne Gehversuche in diese Richtung unternimmt. Nach wie vor aber steht das von Prof. Scheufele beim ersten „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ vor fünf Jahren postulierte „große Paradox der Wissenschaftskommunikation“: So sehr Wissenschaftler vor allem auf Daten vertrauen, auf Statistiken und Ergebnisse von Studien, in der Wissenschaftskommunikation verlassen sie sich lieber auf ihre Intuition, ihr Bauchgefühl.

Mein Fazit aus den drei Tagen Forum in Hannover: Wie immer vorbildlich organisiert, wenn auch – trotz steigender Tagungsgebühren – die Einsparanstrengungen immer deutlicher werden. Von den Inhalten her aber erneut, wie beispielsweise das Online-Forum im Jahr 2020 (das sich um Wissenschaftskommunikation und Politik bemühte, aber kaum Politiker mit dabei hatte), mit hohem Anspruch, der kaum erfüllt wurde. Mehr dazu im Blogpost: Zu kurz gesprungen – Wie funktioniert Politik wirklich?

Die Transformation der Gesellschaft ist – weit über die Kommunikation des Klimawandels hinaus – tatsächlich ein wichtiges Thema für die Wissenschaftskommunikation. Denn wesentliche Treiber dieser Transformation sind die unterschiedlichen Wissenschaften, von der Anthropologie bis zur Software-Technik. Da genügen für die praktische Arbeit aber nicht wohlformulierte und motivierende Appelle, selbst aktiv zu werden. Da geht es vielmehr um Einsichten in die Mechanismen unserer komplexen Gesellschaft, um die Vernetzung von Meinungen und um die Wahrnehmungsfähigkeit von Menschen.

Es mag an der Vorgehensweise bei der Programmgestaltung des Forums liegen, dass es immer wieder eher um Präsentation eigener Leistungen geht als um Denkanstöße oder um Handwerkszeug für künftige Herausforderungen. Bis heute werden jedes Jahr Vorschläge gesammelt, darüber im großen Kreis abgestimmt, und dann daraus das Programm entwickelt (und möglicherweise erst auf dieser Basis ein attraktives Tagungsmotto gefunden). Besser wäre es, analytisch vorzugehen: Kommende Problemfelder zu identifizieren, Anregungen aus der Praxis zu integrieren und daraus praxisrelevante Tagungsinhalte zu entwickeln, passende Referenten und Workshops zu finden, die dann den mächtigen Stakeholdern zur Beschlussfassung vorgelegt werden. Aber das erfordert Mut und sehr viel redaktionelle Arbeit. Zu wünschen wäre es für das Forum auf jeden Fall, damit es nicht zu einem repräsentativen Meeting ohne großen Mehrwert für die Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation verkommt.

Und noch eine ganz persönliche Anmerkung zu diesem Forum: Es war schon ein seltsames Gefühl, dass Markus Weißkopf, der langjährige Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog, bei diesem Forum fehlte. Er war wenige Tage vorher, wie im Juni angekündigt, aus seinem Amt ausgeschieden. Nicht nur, dass seine motivierende Persönlichkeit fehlte, die sonst immer auf vielen Podien und beim Kaffeetreff präsent war (seine ebenfalls langjährigen Kolleginnen, wie Rebecca Winkels oder Hella Grenzebach bewältigten die Tagung  ausgezeichnet, und dennoch fehlte etwas).

Das Fehlen der bewährten, starken Persönlichkeit gab vor allem Anlass zum Nachdenken, welchen Weg „Wissenschaft im Dialog“ und das Forum wohl nehmen werden: Angesichts des Tauziehens der Gesellschafter (die großen Forschungsorganisationen) um Macht und Einfluß auf die immer zentraler und kompetenter positionierte, unabhängige Gemeinnützige GmbH (gGmbH), angesichts auch der Tatsache, dass über drei Monate nach Veröffentlichung von Weißkopfs Weggang noch immer kein Nachfolger benannt ist. Das Forum wäre eine gute Gelegenheit für die Bekanntgabe gewesen. Wenn das schon so schwer fällt, wie wird dann die Zukunft von Wissenschaft im Dialog wohl aussehen? Und damit von einem wichtigen Faktor für die Entwicklung der Wissenschaftskommunikation in Deutschland?

Übrigens: Eine Bilanz der Veränderungen durch die Corona-Pandemie versuchen wir beim online-„Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ am 29. November um 18.00 Uhr. Thema: Was hat die Wissenschaftskommunikation aus der Pandemie gelernt? Referenten: Der bekannte Wissenschaftskommunikations-Forscher Prof. Dietram Scheufele (University of Wisconsin/USA), die Leiterin der Kommunikation der Universität Jena, Katja Bär und der Epidemiologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit (Bernhard-Nocht-Institut, Hamburg). Bei Interesse bitte melden: reiner.korbmann@scienceundmedia.de.