Kann Wissenschaft Krise? Die Probleme der Wissenschaftskommunikation mit der Pandemie – Treffpunkt Wissenschaftskommunikation #WisskomMUC

Posted on 6. Dezember 2022

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Prof. Dietram Scheufele, Kommunikationswissenschaftler in den USA, zog Bilanz zu den Lehren aus der Corona-Pandemie für die Wissenschaftskommunikation.

Die letzten zwei Jahre haben die Wissenschaftskommunikation bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gefordert – und darüber hinaus. Es ging vor allem darum, die Menschen im Lande zu informieren, ihnen zur Seite zu stehen, bei der Bewältigung der schlimmsten Krise zu unterstützen, die alle Bereiche der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten betroffen hat, überall auf dem Erdball. Es ging darum, in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft zu vermitteln, was die Wissenschaft zu der Pandemie durch das neuartige SARS-CoV-2-Virus zu sagen hatte. Zugleich aber strömten unendlich viele Fragen aus der Gesellschaft auf die Wissenschaft ein, die sie nach ihrem eigenen Selbstverständnis eigentlich nicht beantworten konnte: Sollen wir Schulen  schließen? Hilft Maskentragen gegen Infektionen? Wie sehr schadet ein Lockdown der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen? Bricht unsere Wirtschaft zusammen? Und, und und,…..

Und zwischen den Fragen aus der Gesellschaft und den Informationen aus der Wissenschaft stand die Wissenschaftskommunikation als Interface, getrieben von beiden Seiten, zum Teil auch zerrieben. Doch welche Lehren zieht die Wissenschaftskommunikation aus dieser beispiellosen Zeit der Pandemie? Diese Fragen stand imMittelpunkt des jüngsten „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“, der wieder online stattfand. Antworten erwarteten sich die Teilnehmer von dem  bekannten deutschstämmigen Kommunikationswissenschaftler Prof. Dietram Scheufele von der University of Wisconsin/USA, der zu diesem Thema forscht, und – mit jeweils anderer Perspektive – von der Kommunikations-Praktikerin  Katja Bär, Kommunikationschefin der Universität Jena, und dem Wissenschaftler  Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Arzt und Virologe am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Gastgeber des Abends und Technikprovider war der TUM Think Tank der Hochschule für Politik in München, eine Denkfabrik an der Grenzfläche von Technik und Gesellschaft.

Dieser „Treffpunkt“ markierte das fünfjährige Bestehen dieser Veranstaltungsreihe, die vor allem dem Nachdenken und dem Vernetzen aller in der Wissenschaftskommunikation aktiven gewidmet ist.

Drei Forschungssprecherinnen des Jahres wurden beim „Treffpunkt“ vom BdKom ausgezeichnet: v.l.o. Jens Rehländer, Leiter der BdKom-Kompetenzgruppe Wissenschaftskommunikation, Regine Kreitz, BdKom-Präsidentin, Katja Bär, „Forschungssprecherin des Jahres“ für Forschungsinstitute und Hochschulen, Sara Arnsteiner für Forschungsorganisationen und Stiftungen, Anja Heuer für Unternehmen.

Es passte gut, dass an diesem Abend in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Kommunikatoren (BdKom) auch die „Forschungssprecher des Jahres 2022“ bekanntgegeben und geehrt wurden – drei  Frauen, die sich in den letzten zwölf Monaten besonders ausgezeichnet haben (siehe hier im Blog „Und wieder: Frauenpower! – Die „Forschungssprecherinnen des Jahres 2022“ sind gewählt“). Eine der Geehrten war unsere Referentin Katja Bär (eine Verabredung, die lange vor dem Ergebnis der Wahl getroffen wurde). Dazu noch einmal ein ganz besonders herzlicher Glückwunsch. Die Präsidentin des BdKom, Regine Kreitz, würdigte die Leistungen der drei Gewinnerinnen in einer eingehenden, fachlichen und würdigen Laudatio. Die Urkunden hatten sie schon vorab per Post erhalten.

Herausforderung Pandemie: Die hektische Krise

5 Jahre „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“: Das Online-Event zum Nachdenken und sich mit Kollegen vernetzen.

Dann aber stand die Pandemie mit all ihren Herausforderungen im Mittelpunkt. Vor einer gründlichen Bilanz, das sah Prof. Scheufele ganz richtig, steht erst einmal eine gründliche Analyse der Situation. Was war aus Sicht der Wissenschaftskommunikation das Neue, das Besondere der Corona-Pandemie? Natürlich traf sie –alle! – völlig unvorbereitet. Es kamen dann aber auch viele Faktoren zusammen, die man bislang nie erwartet hatte, von denen jeder Einzelne komplex genug, in Summe aber alle zusammen zwangsläufig überfordernd waren. Die Folge, so Scheufele: „Eine Krisenkommunikation mit sich ständig verändernder Beweislage“.

Reagiert hat die Wissenschaft in ihrer Kommunikation, meinte Scheufele weiter, „wie immer“, wenn es um Kommunikation mit der Gesellschaft geht: Mit sehr viel Emotion und wenig Daten. (Über dieses „Paradox der Wissenschaftskommunikation“ hatte er auch schon beim ersten „Treffpunkt“ vor fünf Jahren referiert). „In Krisen kommen unsere schlimmsten Instinkte raus“, meinte der Kommunikationsforscher, der sich selbst – man beachte die Unterscheidung  – vor allem als Sozialwissenschaftler versteht. Anstatt die neue Situation mit angepasten Werkzeugen anzugehen, verfiel die Wissenschaftskommunikation  vor allem in alte, längst widerlegte und überholte Paradigmen:  Das Defizit-Modell feierte Urständ, der Glaube, dass Menschen, wenn sie erkennen, dass ihre Überzeugungen falsch sind, dann das Richtige tun. So aber funktionieren Menschen nicht, das haben viele Studien in den letzten Jahrzehnten belegt.

Doch diese Situation war neu: Covid zwang die Wissenschaft, sich sehr schnell zu bewegen. Das war nicht nur völlig ungewohnt, es widersprach offensichtlich auch den überkommenen, bewährten wissenschaftlichen Regeln. Normalerweise braucht es nicht nur gute Arbeit, sondern auch viel Zeit, um solide wissenschaftliche Ergebnisse im Labor und in der anschließenden Diskussion mit den Kollegen zu erreichen. Halbgare Erkenntnisse öffentlich zu präsentieren – das geht in der Wissenschaft eigentlich gar nicht. Und entsprechend sind viele Fehler passiert, und schlimmer noch, die Öffentlichkeit, die sonst an wissenschaftsinternen Prozessen kaum interessiert ist, hat dies auch noch  live miterlebt und dabei der Wissenschaft aufmerksam und kritisch auf die Finger geschaut. Dies war, so Scheufele, der wichtigste Faktor, der die Covid-Pandemie von anderen Krisen unterschied, in denen Wissenschaft mit ihren Erkenntnissen zur Bewältigung beiträgt.

Er nannte drei weitere Entwicklungen während der Pandemie, die ebenso neu für die Wissenschaft waren, und sie war zumindest war sie nur teilweise darauf vorbereitet. Etwa dass sich Wissenschaft ernsthaft mit Falschinformationen auseinandersetzen musste, die von Impfgegnern, Verschwörungsfans und selbsternannten „Querdenkern“  kreiert und in per Social Media verbreitet wurden. Scheufele selbst hatte auch dies beim ersten “Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ zwei  Jahre vor der Pandemie thematisiert: „Wenn Wissenschaft polarisiert“. Auch hier im Blog sind wir mehrmals vor Covid auf die Wissenschaftsskeptiker eingegangen, zum Teil mit prominenten Stimmen. Doch ohne großes Echo in der Community.

Ein weiterer Punkt, der die Corona-Krise für die Wissenschaftskommunikation so besonders macht: Empfehlungen der Wissenschaft, wenn sie denn einmal erarbeitet sind, werden normalerweise langsam in gesellschaftlich relevante Richtlinien und Gesetze umgesetzt. Hier aber musste alles ganz schnell gehen, und das auf der Basis oft widersprüchlicher wissenschaftlicher Empfehlungen. Denn schnelles Handeln war gefordert und führte zu grundlegenden Veränderungen für die Gesellschaft, wie Schulschließungen, Ausgangssperren oder Einschränkungen der bürgerlichen Freiheit.

Bleichmittel gegen Corona? Der richtige Umgang mit Falschinformationen ist für die Kommunikationsforschung noch immer eine ungeklärte Frage, meint Prof. Scheufele.

Und schließlich, so Scheufele, haben Wissenschaftler häufig ihre angestammte Rolle als sachliche, unabhängige Berater der Gesellschaft verlassen, sich stattdessen zu Verfechtern ihrer Empfehlungen aufgeschwungen. Als Beispiele nannte Scheufele die Wahlempfehlung des britischen Wissenschaftsmagazins „nature“ für Joe Biden als amerikanischen Präsidenten, oder aber die Reaktion von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf erste Meldungen über unerwünschte Nebenwirkungen des Covid-Impfstoffes von Astra-Zeneka: Sie ließ sich mit genau diesem Mittel impfen. Später wurde dieser Impfstoff in Deutschland nicht mehr verwendet, die USA verschenkten ihren gesamten Vorrat an andere Länder.

Im Gegensatz zur Wissenschaft gibt es in der Gesellschaft kaum Richtig oder Falsch

Wenn Wissenschaftler zu aktiv Handelnden ihrer Empfehlungen werden, so sieht der Sozialwissenschaftler Scheufele das durchaus problematisch: Es geht in der gesellschaftlichen Umsetzung wissenschftlicher Ergebnisse meist nicht um richtig oder falsch. Aus den gleichen wissenschaftlichen Studien könne man politisch ganz andere Schlussfolgerungen ziehen. So habe etwa Schweden bei gleicher Faktenlage einen ganz anderen Weg zur Überwindung der Pandemie eingeschlagen als Deutschland.

Dies war die Analyse der Situation der Wissenschaftskommunikation in Corona-Zeiten des als Sozialwissenschaftler agierende Kommunikationsforschers Scheufele. Und die Reaktion darauf? „Wir haben die Fehler wiederholt, von denen wir seit 40 Jahren wissen, dass es Fehler sind“, meint er und nennt als Beispiel das „negative Framing“, also das Einbetten der wissenschaftlichen Fakten in eine negative Bedeutung. Das zeigte eine Studie in 84 Ländern, die ermittelte, dass überall vor allem darüber berichtet wurde, wie gefährlich Covid ist, wieviele Menschen erkranken, wieviele Menschen sterben. Dabei hat bereits 1981 der spätere Wirtschafts-Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahnemann ein Schlüsselexperiment zur Bedeutung des Framings auch in der Corona-Pandemie veröffentlicht. Er befragte Menschen, welche Therapie gegen eine „asiatische Krankheit“ eingesetzt werden sollte: eine, bei der von 600 Menschen 200 überleben, oder eine, bei der von 600 400 sterben. Das Ergebnis war klar, obwohl es um den gleichen Sachverhalt ging, entschied sich die überwältigende Mehrheit für das Überleben der 200. Das war 1981 und die „asiatische Krankheit“ sicher nur eine zufällige Parallele zu Corona.

Die Wissenschaftskommunikation mit negativem Framing provozierte das Entstehen und vor allem die Verbreitung von Falschinformationen und Irrglauben. Es ist Teil der menschlichen Natur, meint der Kommunikationswissenschaftler, das wir, wenn wir Entscheidungen zu treffen haben, die außerhalb unserer eigen Erfahrung liegen, wir dies so tun, dass sie zu unserem individuellen Weltbild passen. „Die gleichen Fakten werden unterschiedlich interpretiert, so dass sie das bestätigen, was wir ohnehin schon glauben – religiös, politisch oder auf anderer Ebene.“  Der englische Fachbegriff dafür ist „motivated reasoning“, und dies ist ein Forschungsfeld, in dem sich Scheufele besonders viel tummelt. Sein Fazit: Neue Informationen bringen uns nicht zum Umdenken, sonder wir passen sie an unser Wertesystem an.

Wie dies dann in der Realität aussieht, zeigte er anhand einer  Umfrage aus den USA. Es wurde gefragt, ob – nach Meinung des jeweiligen Bürgers – die offiziellen Todeszahlen des US-Centers for Deseas Control (CDC) zu Covid richtig, über- oder untertrieben sind. Und verglichen wurde dies mit ihrer politischen Überzeugung. Es zeigte sich – damals zu Zeiten der Trump-Regierung – zunächst einmal, dass die weit überwiegende Mehrheit der Anhänger von Regierung und Opposition die Zahlen für falsch hielten, eine absolute Mehrheit der demokratischen Wähler waren überzeugt, dass die Zahlen zu niedrig sind, eine Mehrheit der Republikaner hielten sie für zu hoch – nach dem Motto „ich glaube nicht an die offiziellen Zahlen, sonst müsste ich ja meine Einstellung ändern“. Korrektur durch Fakten, so Scheufele, hilft da nicht viel, vor allem in Zeiten wie Corona, wo sich die korrigierende Information dann selbst wieder oft genug als falsch herausgestellt haben. Es bleibt das Problem der Glaubwürdigkeit.

Wie umgehen mit Falschinformationen?

Wie aber umgehen mit Falschinformationen? Soll man reagieren? Trägt man damit nicht sogar dazu bei, dass sie weiter verbreitet werden , länger in den Social Medien im Vordergrund stehen, wichtiger genommen, von den Algoritmen der Netzwerke hervorgehoben präsentiert werden? Für die gilt: Kontroverse ist gut, das steigert die Zugriffszahlen, das erhöht die Sichtbarkeit der Anzeigen unserer Geldgeber. Eine Patentlösung auf diese Fragen gibt es heute noch nicht. Da bleibt nur die individuelle Ermessensentscheidung – und dafür ist Kommunikationserfahrung eine große Hilfe.

Prof. Scheufele gab wenigstens drei Orientierungspunkte, wie man mit der Situation umgehen kann: Erstens nur korrigieren, wenn Wissenschaft die Richtigstellung wirklich sicher beantworten kann. Zweitens lohne sich das Eingreifen nur, wenn die Falschinformation großen Schaden anrichten kann, nicht jeder Fehler muss korrigiert werden und manche Weltanschauungen, etwa die der „Flat Earth-Theorie“, haben nun wirklich keine negativen Konsequenzen. Und drittens schließlich die Überlegung, ob die Falschinformation nicht „im Äther“ verschwindet, wenn man sich nicht damit beschäftigt. Als Beispiel nannte er den Fall, als US-Präsident DonaldTrump angeblich Bleichmittel-Spritzen gegen Covid empfohlen hat. Niemand hätte sich darüber aufgeregt, wenn nicht die wissenschaftliche Welt sofort darauf reagiert und sich aufgeregt hätte. Dies aber war Futter für die Algorithmen der Social Plattformen. Scheufele nennt dies „digitaler Sauerstoff“. Weder in den Sozialwissenschaften noch in der Praxis, so betonte Prof. Scheufele, seien bisher die Mechanismen gut verstanden, wie dieser digitale Sauerstoff funktioniert.

Die Corona-Pandemie warf Fragen auf, auf die die Wissenschaft mit ihrer Kommunikation derzeit noch keine Antworten parat hat. Vor allem die Wissenschaft, wie sie heute existiert, die langsam und zuverlässig  ihre Ergebnisse produziert und sie dann mit der Gesellschaft teilt. Aber ist die Art von Wissenschaft, wie wir sie heute machen, überhaupt für Krisen wie Covid geeignet? Wie kann sie sich rüsten für rasant schnelle Entwicklungen von Unbekanntem, die nach Informationen aus der Wissenschaft schreien, wo es keine besten Antworten gibt, wo sie lediglich momentan und relativ beste Antworten liefern kann? Ist die Wissenschaft auf solche Situationen vorbereitet? Oder kurz zusammengefasst: Kann Wissenschaft Krise?

Und die Falschinformationen, die automatisch in derart emotional aufgeheizten Situationen zum wichtigen Problem werden? Helfen dagegen Aufklärungsprogramme in Schulen, mehr wissenschaftliches Wissen für Jedermann? Scheufele meint, auf jeden Fall nicht allein. Wichtiger sei vor allem, die neue Informationswelt zu verstehen, in der Social Media schon heute eine wichtige Rolle spielen, in Zukunft sogar noch einflussreicher werden. Es geht darum, die Auswahl-Algorithmen der Plattformen zu verbessern und zu steuern, die heute vor allem die menchliche Entscheidungsschwäche ausnutzen um Werbung zu verkaufen. Dafür gelte es Lösungen zu finden.

Und schließlich müsse sich die Wissenschaftskommunikation bemühen, stärker die Sozialwissenschaften mit einzubeziehen. Es geht um die Fragen, wie sich die Kommunikationslandschaft jetzt und in Zukunft verändert und wie sich darauf die Wissenschaft und die Wissenschaftskommunikation einrichten können.

Gesundheitskommunikation: In der Praxis ganz besondere Anforderungen

Die frischgebackene „Forshungssprecherin des Jahres 2022“, Katja Bär, nannte  als Kommunikations-Praktikerin vor allem zwei Besonderheiten der Corona-Pandemie bei der Krisenkommunikation. Einmal ging es vor allem um Gesundheitskommunikation, die besonders hohe Ansprüche stellt, die auch in den Wissenschafts-Pressestellen bisher eher weniger im Mittelpunkt steht, da die Universitätskliniken meistens ihre eigenen, dafür geschulten Pressestellen haben. Andererseits war es die enorme Geschwindigkeit der Entwicklung, der wissenschaftlichen Informationen, die weitergegeben werden mussten, als auch der Fragen, die von Außen auf die Wissenschaftskommunikation einer Universität wie in Jena zukamen. Aus der Gesundheitskommunikation habe sie mitgenommen, wie wichtig die verschiedenen Leitlinien sind, die in den letzten Jahren entwickelt wurden, wie wichtig es ist, sich daran zu halten, wenn es um Gesundheit geht, sowohl was die Faktenbasis betrifft als auch die Kommunikationn von Unsicherheiten und die Transparenz zu Finanzierung, aber auch zu den bestehenden Unsicherheiten.

Katja Bär, Sprecherin der Universität Jena zog Lehren aus der Pandemie für die Praxis beim „TReffpunkt Wissenschaftskommunikation“.

Katja Bär ging es vor allem auch darum, in der Pandemie die Bürger direkt zu erreichen. So richtete sie ein Experten-Telefon ein, das die Menschen direkt in individuellen Fragen beriet. Sie wünscht sich von der Kommunikationswissenschaft, die bereits zahlreiche Studien zur Wissenschaftskommunikation während Corona veröffentlicht hat, eine Metastudie, die alle wichtitgen Ergebnisse, die für einen Einzelnen kaum mehr verarbeitbar sind, zusammenfasst und eine Praxis-Handreichung mit Hinweisen, wie solche Krisensituationen zu bewältigen sind.

Vor allem aber, das unterstrich Katja Bär, müsse Wissenschaftskommunikation strategischer werden. Je mehr Wissenschaftler selbst kommunizieren, umso wichtiger sei es, dass Kommunikatoren sie auf Augenhöhe beraten, Gatekeeper sind, um Widersprüche und Grenzüberschreitungen zu vermeiden. Dazu benötigen die Verantwortlichen aber eine starke Position in den Institutionen, um auch Maßnahmen aus guten Gründen ablehnen oder verweigern zu können.

Vor allem aber müssen sie das Vertrauen der Wissenschaftler in ihre Kommunikationskompetenz und ihre strategische Ausrichtung entwickeln. Dazu helfe auch, Wissenschaftler stärker in ihren Kommunikationsbemühungen zu unterstützen, etwa wenn sie in Social Media aktiv werden wollen, ihnen Beratung bis hin zur Rechtsberatung anzubieten, etwa bei Shitstorms. Und schließlich betonte Katja Bär die Notwendigkeit zu einem intensiveren Dialog mit den Bürgern, der in der Pandemie nur ganz selten einmal realisiert wurde. Aus dem Dialog sei es dann auch möglich, stärker auf Fragen aus der Gesellschaft in der Wissenschaftskommunikation einzugehen.

Wissenschaftler im Spannungsverhältnis mit der Gesellschaft

Für Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, war die Kommunikation in der Pandemie eine Herausforderung auf allen Ebenen.

Der Mediziner und Virologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit betonte vor allem die Wichtigkeit, mit dem Blick des Arztes die unterschiedlichsten Aspekte der Pandemie ausgewogen darzustellen. Er bezog sich dabei auf die Erfahrungen mit dem WHO-Eradikationsprogramm für Polio und für Pocken. Da galt es vor allem, dei Bevölkerung zum Mitmachen zu aktivieren, Zielgruppen zu erreichen und Vertrauen aufzubauen. Wichtig war dabei vor allem auch die kulturelle Perspektive.

Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte das Bernhard-Nocht-Institut beschlossen, alle Medien gleich zu bedienen. Allein vom Arbeitsumfang, aber auch von der unterschiedlichen Ausrichtung sei dies qualitativ, quantitativ, institutionell und persönlich zu einer enormen Herausforderung geworden. Schon allein auch deshalb, weil es galt, selbst mit Shitstorms und journalistischen Verwerfungen fertig zu werden. Ziel war vor allem, das Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft, gesellschaftlichen Interessen und politischem Handeln auszutarieren. Dazu gab es keine Alternative. In allen Diskussionen zeigte sich aus seiner Sicht immer wieder das gesellschaftliche Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Freiheit und Solidaridät.

Die großen Defizite in der Pandemie: Sozialwissenschaften und Dialog

In der Diskussion mit den Kollegen ging es dann vor allem um zwei Fragen: Zum einen, ob in der Pandemie nicht den Sozialwissenschaften nicht ein viel größerer Platz  hätte eingeräumt werden sollen, und wo eigentlich der Anspruch nach Dialog in den stürmischen Zeiten geblieben sei. Den Finger in die Wunde legte dabei Marc-Denis Weitze von acatech, der gegenwärtig an einem Fachbuch über die Kommunikation in der Pandemie arbeitet. In drei Punkten:  Die Pluralität der Wissenschaften sei in Covid-Zeiten überhaupt nicht sichtbar geworden, alles drehte sich um das Virus, zweitens wurde Dialog völlig ausgeblendet, obwohl seit 20 Jahren als Notwendigkeit diskutiert – man hat doziert, und drittens gab es bereits vorher Leitfäden für die Risikokommunikation, auf die aber offensichtlich nicht zurückgegriffen wurde.

Teilnehmer beim 17. „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“. Insgesamt hatten sich über 170 Kollegen angemeldet.

Die drei Referenten gaben ihm weitgehend recht. Prof. Scheufele: „Covid hat uns in die 60er Jahre zurückgeworfen. Das gelte für den Dialog ebenso wie für die Erkenntnisse der Kommunikationsforschung.  Immerhin gebe es heute , nach der Pandemie, mehr und mehr Ansätze zu signifikanten Investitionen in eine effektivere Wissenschaftskommunikation, und das nicht nur in Sonntagsreden. „Doch wenn wir heute hier sitzen und meinen, es ist ja alles gut gelaufen, dann ist das nicht nur falsch. Sondern es hält uns davon ab, die Strukturen zu schaffen oder zu festigen, die wir in Zukunft brauchen.“

Ein weiterer Punkt in der Diskussion war die Frage, ob man die Lehren aus der Pandemie nicht auf andere Krisen und Problemfelder übertragen könne, wie etwa die Kommunikation zum Klimawandelm oder zu Tierversuchen. Dies wurde weitgehend verneint, denn das Besondere in der Covid-Pandemie war der Zwang zum schnellen Handeln,  entsprechend auch dazu, schnell in einem bislang unerforschten Feld handhabbare wissenschaftliche Informationen bereit zu stellen. Und da war die Kommunikation, aber auch die Wissenschaft gefordert, zum Teil eben überfordert.

In der Wissenschaftskommunikation, so ergänzte Scheufele die Diskussion, gehe es eben um viel mehr als um Wissens-Transfer, sondern beispielsweise auch darum, Vertrauen zu bilden. Sie sollte schon jetzt die vorhandenen Forschungsergebnisse nutzen und sich daran orientieren, wenn es darum geht, Verhalten von Bürgern zu ändern oder gesellschaftlichen Konsens und Zusammenhalt durch Kommunikation zu fördern

Mein Fazit: Die Corona-Pandemie hat nicht nur Schwachstellen der Wissenschaftskommunikation offen gelegt, sie hat auch den Blick der gesamten Öffentlichkeit auf die Wissenschaft gerichtet, bis hin zu den Medien und Politikern, selbst der bisher Uninteressierten. Wurde Wissenschaft zuvor in vielen Kreisen als etwas betrachtet, das ganz nett war, vielleicht noch Wohlstand sichert, aber für das eigene Leben eher nicht wichtig, so hat sich das jetzt durch die Erfahrung am eigenen Leib grundlegend geändert. Das bedeutet aber auch, jetzt stellt die Gesellschaft  Fragen an die Wissenschaft, die diese vorher nie gehört hatte, und erwartet Antworten.

Ging es in der Wissenschaftskommunikation vor Corona vor allem darum, Aufmerksamkeit für Wissenschaft und ihre Ergebnisse zu gewinnen, kommt es mit diesem Wandel vor allem darauf an, die Fragen aus der Gesellschaft wahrzunehmen, zuzuhören und sie , so gut es geht, zu beantworten (auch mit der Null-Antwort: Wir wissen es nicht). In der Wirtschaft würde man dies als Wechsel vom Nachfrage- zum Angebotsmarkt  bezeichnen: Das Angebot an relevanten Antworten ist gering, ihr Wert hoch, die Nachfrage aber ist groß: Ein Paradigmenwechsel für die Wissenschaftskommunikatio. Das Zuhören wird wichtiger als das Verbreiten von Ergebnissen, die die Wissenschaft der Gesellschaft anbietet.

Es wird für Kommunikatoren sehr, sehr schwierig werden, dies erstens selbst einzusehen, zweitens ihre Informationsgeber, die Wissenschaftler davon zu überzeugen und drittens das Verhalten der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft so zu verändern, dass sie die gewünschten Antworten geben kann.

Noch ein Problem hat die Wissenschaft: Sie kann, wie sie heute strukturiert ist, nicht schnell reagieren, nicht rasch verlässliche Antworten produzieren. Krisen, wie Corona wird es wieder geben, wo schnelle Reaktion notwendig ist. Kann Wissenschaft Krise? Oder anders gefragt: Was kann Wissenschaft dann der Gesellschaft anbieten, die von ihr Antworten erwartet?


Der „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“:
Austausch, Networking, Community

Der „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ #WisskomMUC ist eine Initiative dieses Blogs „Wissenschaft kommuniziert. Blog und „Treffpunkt“ bringen Forschungssprecher, Pressesprecher, Öffentlichkeitsarbeiter, Onliner und Wissenschaftler zusammen, die sich für Wissenschaftskommunikation interessieren.

Ziel ist es: After work, Neues erfahren, Fortbildung, Austausch, Kennenlernen, Dabeisein, Networking – miteinander/voneinander profitieren.

Näheres zu den bisherigen 16 Abenden des „Treffpunkts“ #WisskomMUC finden Sie in diesen Beiträgen des Blogs „Wissenschaft kommuniziert“: