Fünf „Lessons to Learn“ für die Wissenschaft – Der „March for Science“ lebt fort! (1)

Posted on 10. Mai 2017

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Der „March for Science“ war ein einmaliges Ereignis für die Wissenschaftskommunikation. Nie vorher hat sich die Wissenschaft so intensiv Gedanken gemacht über ihr Verhältnis zur modernen Gesellschaft – und dies durch eine gesellschaftspolitische Demonstration zum Ausdruck gebracht. Wir dokumentieren hier die interessantesten Vorträge, die dabei gehalten wurden. Hier die Perspektive eines Beobachters der Wissenschaftsgeschichte: 

#ScienceMarchMUC

Prof. Helmuth Trischler ist Technikhistoriker an der Universität und Leiter des Bereichs Forschung beim Deutschen Museums in München. Er sprach beim „March for Science“ in München.

München leuchtet, liebe Kolleginnen und Kollegen. München leuchtet heute einmal mehr, und diese Mal nicht im Bereich von Kunst und klassischer Kultur, sondern im Bereich der Wissenschaft. Es ist großartig, dass München heute auf so imposante Weise Flagge zeigt, und im Verbund mit Bürgerinnen und Bürgern von Hunderten anderen Städten rund um den Globus demonstriert, dass auch Wissenschaftler auf die Straße gehen und für ihre Sache kämpfen, wenn es um die Essenz dessen geht, was Wissenschaft ausmacht: Das Ringen um Wahrheit und die Erklärung der Komplexität unserer Welt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Vor einigen Wochen noch war fraglich, ob München beim March for Science ein leuchtendes Beispiel abgeben würde. So manche Kolleginnen und Kollegen haben sich zunächst auf den bequemen Standpunkt zurückziehen wollen, Wissenschaft sei doch unpolitisch und stünde über den Interessen. Genau darin liegt übrigens eine unserer großen Schwächen: Im Glauben daran, dass es eine unpolitische Wissenschaft geben kann. Das System der Wissenschaft ist unabdingbar in politische Zusammenhänge eingebunden, allein schon über die Finanzierung der Forschung.
Eine der Konsequenzen dessen, was wir in den letzten Monaten nicht nur in den USA, sondern ganz handfest auch hier in Europa erlebt haben, die Lessons to Learn, muss daher lauten: Wenn mitten in Europa autoritär-populistische Regime ihnen unbequeme Universitäten zu schließen drohen, müssen Wissenschaftler öffentlich ihre Stimme erheben und letztlich auch ganz dezidiert im politischen Raum agieren.
Jedenfalls sind wir sehr froh, dass die Allianz der Wissenschaftsorganisationen sich dem Aufruf zum March for Science angeschlossen hat. Damit war der Bann gebrochen.
Ich muss und will mich kurz fassen und deshalb abschließend nur vier weitere prägnante Lessons to Learn aus der politischen, vielleicht aber auch öffentlichen Vertrauenskrise ziehen, die wir derzeit erleben:
1. Wir müssen die Deutungskonkurrenz wissenschaftlichen Wissens zu anderen Wissensformen anerkennen.
2. Wissenschaft muss sich radikal zur Gesellschaft hin öffnen.
3. Wir brauchen starke Natur- und Ingenieurwissenschaften, aber wir brauchen auch starke Geistes- und Kulturwissenschaften.
4. Wir müssen den Kosmopolitanismus der Wissenschaft nutzen.

Die weiteren Beiträge der Reihe der interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

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