Die Wissenschaftsakademien und Social Media – überfordert!

Posted on 3. Juli 2017

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Blogautor Wissenschaft kommuniziert

Stolz auf das gemeinsame Werk: (li.) Prof. Holger Wormer, (re.) Prof. Peter Weingart,(mi.) der Spiritus Rector Prof. Reinhard Hüttl.

Um das Positive gleich vorweg zu sagen: Die zweite Studie der deutschen Wissenschaftsakademien zu „Wissenschaft, Öffentlichkeit, Medien“ (WÖM) ist um Längen besser als die erste, mit der sich die „Gelehrtenrepubliken“ vor drei Jahren blamierten, als sie ernsthaft wissenschaftliche Qualitätskriterien für die Medienarbeit forderten. (Näheres im Blogpost: Der Anti-PUSH – Wie die Wissenschaftsakademien sich Kommunikation wünschen).

Die schlechte Nachricht: Viel für die Wissenschaftskommunikation lernt man aus der neuen Studie dennoch nicht nicht. Nach einer brauchbaren Beschreibung, was das Neue an Social Media heute überhaupt ist (was im Frühjahr letzten Jahres beim Zwischenbericht noch nicht zu erwarten war: Im Dschungel der Definitionen – Akademien kämpfen mit „Chancen und Risiken der Wissenschaftskommunikation“), wird sehr allgemein und mit ängstlicher Tendenz über die Wirkungen dieser Medien des 21. Jahrhunderts diskutiert. Und weil man da sehr schnell auf gesellschaftliche Veränderungen kommt und offensichtlich wenig wissenschafts-spezifisches fand, gehen die 12 Empfehlungen der Arbeitsgruppe vor allem an die Politik, an die Bildung und die Forschungspolitik. So viel Mühe dahinter steckt: Ein großer Wurf ist das nicht.

Eingeladen wurde zur Veranstaltung in Berlin mit der Veröffentlichung der Studie unter dem Titel: „Wie Social Media die Wissenschaftskommunikation verändern“. In der Studie ist dann zwar von Wissenschaftskommunikation die Rede, zum (meines Wissens) ersten Mal versuchen die Wissenschaftsakademien sogar, die Ziele der Wissenschaftskommunikation festzuschreiben (allerdings mit „Bildung“, „Legitimation“ und „Aufmerksamkeit“ sehr diskussionswürdig beschrieben, naber das ist ein neuer Blogbeitrag). Der Untertitel der Studie aber erhebt einen viel größeren Anspruch, bei dem sich die Autoren auch gleich auf fremdes Terrain begeben: „Analyse und Empfehlungen zum Umgang mit Chancen und Risiken in der Demokratie“. Die Akademien als Wächter der Demokratie im Zeitalter der Social Media. Die wichtigen Empfehlungen der Arbeitsgruppe richten sich folgerichtig nicht so sehr – wie eigentlich zu erwarten wäre – an die Wissenschaften, sondern vor allem an die Politik.

Die Empfehlungen der Akademien an die Wissenschaft

Doch zunächst einmal: Was hat die Arbeitsgruppe der Wissenschaftsakademien zur Wissenschaft zu sagen, wie kann sich Wissenschaftskommunikation für die Herausforderungen der Social Media am besten rüsten?

Fairerweise auch hier das Positive vorweg: Immerhin zwei der sechs Empfehlungen der Wissenschaftsakademien an die Wissenschaft zielen auf das Kernproblem der Wissenschaftskommunikation: Das ungeheuer magere Interesse der Wissenschaftler an Kommunikation. In den Empfehlungen 8 und 10 geht es zum Einen darum, einen

  • „Verhaltenskodex für Web und Social Media entwickeln“. Hier ist die Empfehlung ziemlich konkret, auch wenn sie über das Ziel hinausschießt: Eine Arbeitsgruppe mit den Akteuren soll Vorschläge für einen qualitätsorientierten Verhaltenskodex für Informationen im Web und in Social Media erarbeiten. So weit so gut, aber es geht doch um Wissenschaftler (bzw. Wissenschaftskommunikatoren) – was haben dann journalistische Kriterien und Pressekodex dabei verloren? Gut auch die Empfehlung, die Verifizierbarkeit der Echtheit von Beiträgen sicherzustellen. Doch dafür braucht man keine „Social Bots“ – eine E-Mail-Adresse, unter der man auch eine Antwort erhält, genügt oft schon. Übrigens: Offen lässt der Arbeitskreis, wer diesen Kodex entwickeln und verabschieden soll. Immerhin: Ein Anfang existiert ja bereits in den „Leitlinien der guten Wissenschafts-PR“ der Wissenschaftskommunikatoren, auch wenn deren Wirkung bislang kaum spürbar ist.
  • Mitten ins Herz der Wissenschaftskommunikation dringt schließlich Empfehlung 10: „Verstärkt öffentlich kommunizieren und Rollen transparent machen“. Ja, ja doch, aber wer schreibt es sich auf die Fahnen, Wissenschaftler dazu zu bringen, die bislang eher durch Desinteresse an der Wissenschaftskommunikation aufgefallen sind. Wollen die Akademien da die Rolle des Impulsgebers übernehmen, der im deutschen Sprachraum bitter gebraucht wird? Die Erläuterung der Empfehlung liest sich eher nicht so: „Wissenschaftler werden ermuntert“ sich stärker in öffentliche Diskurse einzubringen. „Neben den klassischen Medien bieten auch Social Media hierzu Chancen.“ Ein engagierter Aufruf hört sich anders an, zumal gleich mit der Keule der „wissenschaftlichen Redlichkeit“, des Zeitbudgets und der „Glaubwürdigkeit der Wissenschaft“ gewunken wird. Das erinnert eher an den Satz Karl Valentins „Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut“.

Zwischenbilanz: Bei den zwei wichtigsten Empfehlungen an die Wissenschaft eineinhalb vertane Chancen. Und die anderen vier Empfehlungen für die Wissenschaft? Da sieht die Bilanz eher noch schlechter aus, zumal sie eigentlich ganz generell gelten und nichts Spezielles mit den digitalen Medien zu tun haben:

  • „Falsche Anreize in der Institutionellen Wissenschaftskommunikation vermeiden.“ Eine Trivialität. Es ist immer richtig, Falsches zu vermeiden. Gemeint ist hier aber eher, den Erfolg von Kommunikation in Aufmerksamkeit und Reichweite zu messen. Natürlich dürfen sie nicht alleiniges Erfolgskriterium sein.Doch wenn man die darauf folgende Empfehlung ernst nimmt, dann sind Reichweiten und Auflagen ein Maßstab – einer unter mehreren, aber sie sind einer.
  • „Kosten und Nutzen von Formaten der institutionellen Wissenschaftskommunikation abwägen.“ Eine Forderung, die schon lange an die Wissenschaftskommunikation zu stellen ist, wo übertriebene Eitelkeit oft zu absurden Kosten-Nutzen-Verhältnissen führt. Zur sorgfältigen Evaluierung gehört aber auch, dass man sich vorher Ziele setzt und das erreichen dieser Ziele dann – auch anhand von erreichter Aufmerksamkeit oder Reichweite – ehrlich hinterfragt. Das gilt aber keineswegs nur für Social Media, im Gegenteil da hier die Zugriffszahlen zum Teil noch gering sind, kann dies sogar leicht zum Gegenargument werden, nach dem – illusionären – Motto: „Mit einer Meldung in der FAZ erreiche ich baer mehr als eine Million Leser.“
  • „Faktenbasierte Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsmarketing trennen.“ Was das genau heißt, konnte mir bislang noch niemand erklären und auch der Vergleich zu Printmedien (Redaktion getrennt von Anzeigen) passt hier nicht: Jede Kommunikation ist auch Marketing. Interessante Forschungsergebnisse steigern den Wert einer Universität (als Beispiel) für Wissenschaftler, Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter, Politiker und andere – die Reputation. Übertriebene Eigenwerbung ist eher selten in der Wissenschaft und dann auch meist faktenbasiert. Und außerdem: Warum wenden sich die beiden letzten Empfehlungen nur an die institutionelle Wissenschaftskommunikation? Auch einzelne Wissenschaftler sind keine Engel (wie Markus Lehmkuhl in seinem Vortrag „Übertreibung, Verzerrung, Hype?“ beim Symposium „#wowk15“ der Volkswagenstiftung gezeigt hat).
  • Die Empfehlung „Technikfolgenabschätzung der digitalen Medien vorantreiben“ richtet sich schließlich eher an die Forschungspolitik, die die dafür notwendigen Gelder in der Hand hat.

Nun ist es oft so, dass jemand, der die Aufgabe hat, Lösungen für Probleme im eignen System zu suchen, ausweicht darauf, was andere erst einmal tun müssten. Ein wenig so lesen sich die Empfehlungen der Wissenschaftsakademien an die Politik. Und dabei sind die Wissenschaftler der deutschen Akademien, die ja sonst im politischen Raum eher zaghaft auftreten, gar nicht zimperlich: Von den sechs Empfehlungen an die Politik sind zwei systemverändernd, eine politisch kontraproduktiv, eine falsch adressiert (das hat die Wissenschaft selbst in der Hand), eine ein Allgemeinplatz und wenigstens eine beschäftigt sich mit Forschungspolitik. Doch der Reihe nach:

Die Empfehlungen der Wissenschaftsakademien an die Politik

  • „Plattformen und Suchmaschinen medienrechtlich regulieren“ Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn ausgerechnet eine Gruppe, die noch vor wenigen Wochen für die Freiheit der Forschung auf die Straße gegangen ist, jetzt staatliche Regulierung für einen eines anderen essentiellen Teilbereichs der der demokratischen Gesellschaft fordert, der ebenso auf Freiheit angewiesen ist: die Informations- und Meinungsfreiheit. Denn nichts anderes realisiert sich in den Social Media. Immerhin wird in der Begründung einmal das Problem der Empfehlungs-Algorithmen angesprochen (übrigens: von Wissenschaftlern geschaffen), deren Intransparenz und Unkontrollierbarkeit ein gesellschaftliches Kernproblem der Social Media sind. Aber ganz abgesehen von der Durchführbarkeit einer Regulierung von riesigen internationalen Konzernen wie Facebook, Google und Co. (und was ist, wenn etwas ganz Neues kommt?) – ein solches Vorhaben passt nicht in diese Zeit. Ein Politiker – der Staatssekretär im Bundesjustizministerium Gerd Billen – zeigte den Wissenschaftlern in seiner Keynote zum Schluss, wie es möglich sein könnte, auch ohne die unhandliche Keule der Regulierung, bei Internet-Riesen qualitative Mindesstandards durchzusetzen: Durch politische Kreativität. Sein Schlagwort: Kosten internalisieren. Sein Beispiel: Das „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“, das zwei Tage später im Bundestag verabschiedet wurde: Wenn die Internet-Plattformen keine hohen Strafen für Hassinhalte zahlen wollen, müssen sie selbst dafür sorgen, dass rechtliche Mindesstandards eingehalten werden. Das braucht keinen großen Regulierungsrahmen mit Kontrolleuren und Medienräten. Prof. Anette Leßmöllmann hat dies in ihrem lesenswerten Kommentar „Weniger Kanalarbeiten, mehr Kreativität! sehr treffend zusammengefasst:“Das geht an der heutigen Medienrealität vorbei.“
  • Die zweite systemrelevante Empfehlung ist eine lange Forderung von Prof. Holger Wormer, einem der beiden Hauptautoren der Akademien-Studie: „Wissenschaftsjournalismus nach dem Modell der Forschungsförderung unterstützen.“ Staatlich finanzierter Journalismus? Und mit Verlaub: Warum nur Wissenschaftsjournalismus? Sind die anderen journalistischen Sparten weniger wert? Ich persönlich sehe da einen Grundpfeiler der Demokratie in Gefahr. Schon die öffentlich-rechtliche Konstruktion der Funkanstalten gibt wenig Grund zur Hoffnung, dass da der kritische Journalismus gut gedeiht. Die privatwirtschaftliche Print-Presse scheint bisher viel mehr kritisches Salz in die Suppe unserer Demokratie gemixt zu haben. Mir scheint mit Forderungen nach staatlich finanzierten Journalismus wird die Kreativität freier Kräfte unterschätzt, denen es – zugegeben – im Moment gar nicht gut geht. Vor allem aber der unabhängige Journalismus untergraben.
  • Fast ein Widerspruch dazu ist die Empfehlung „Bildungs- und Informationsauftrag des öffentlich rechtlichen Rundfunks stärken.“ Wenn man die Erläuterungen dazu liest, und vor allem die Äußerung von Prof. Wormer bei der Präsentation ernst nimmt („Unterhaltzung kann man sich ja auch woanders besorgen.“) dann drohen hier Rundfunk und Fernsehen mit stark sinkenden Zuschauer-/Zuhörerzahlen. Man kann zweifeln, ob der quotenfixierte Blick der Programmmacher immer richtig ist, Funk und Fernsehen mit vorwiegend Information, ohne Unterhaltung und Sport, werden zu Minderheitenprogrammen. Und die werden auf Dauer nicht überleben.
  • Ein Eigentor aber schoß der Arbeitskreis der Wissenschaftsakademien mit der Empfehlung „Unabhängigkeit der Informationsversorgung im Netz sichern“. Die ist im Netz sicher so breit und unabhängig wie in keinem anderen Medium – einmal abgesehen von Empfehlungsalgorithmen und anderen Missständen im Web. Doch dahinter steckt die Forderung nach dem Aufbau einer „redaktionall unabhängigen bundesweiten Wissenschaftskommunikations- und Informationmsplattform für ein breites Publikum“. Wo ist da die Empfehlung an die Politik? Möglich ist das schon heute: Die Wissenschaftsinstitutionen müssten nur ein wenig Geld von ihren Forschungsbudgets abknapsen, sich untereinander einigen, die richtigen Leute anstellen – und los geht es. Alle rechtlichen, inhaltlichen und strukturellen Möglichkeiten (die die Politik prüfen soll) sind gegeben. Woran scheitert es dann? Diese Antwort lassen die Autoren lieber offen.

Das war es auch schon mit den wichtigsten Empfehlungen. Die beiden restlichen, die sich an Bildungseinrichtungen und Forschungspolitik richten, sind so selbstverständlich (und lange von allen Seiten gefordert), dass es sich kaum lohnt, mehr als den Wortlaut der Empfehlungen zu zitieren:

  • „Medien und Quellenbewertungskompetenz in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen verbessern“.
  • „Mehr Forschung zu Auswirkungen digitaler Medien und reaktionsschnelle Förderlinien etablieren.“ Nicht nur, dass dies eine Dopplung zur Empfehlung „technologiefolgenabschätzung“ ist, diese Forderung dient wohl vor allem zur Befriedung der eigenen Klientel: Mehr Forschung ist immer gut.

Was fehlt für die Wissenschaftskommunikation?

  • Zunächst einmal ein differenzierter Blick auf die Social Media. Doch Social Media besteht nicht nur aus Facebook. Die einzelnen Kanäle und Medien sind so unterschiedlich, sie bieten ganz verschiedene Risiken und Chancen.
  • Überhaupt der Blick auf die Chancen der Social Media für die Wissenschaftskommunikation. Sie bieten so viele (siehe dazu Henning Krauses „Kommentar zur Social Media-Stellungnahme der Akademien“), doch der Ton der ganzen Studie ist sehr viel stärker von Furcht geprägt.
  • Ein Ausblick in die Zukunft. Die Studie ist weitgehend von Status Quo der Social Media geprägt. Doch Social Media stehen erst ganz am Anfang: Was werden Künstliche Intelligenz, Verifizierungs- und Empfehlungsalgorithmen noch bringen? In welche Richtungen gehen die technischen Entwicklungen und die gesellschaftlichen Konsequenzen? Dazu praktisch nichts.

Mein Fazit:

Die Wissenschaftsakademien haben einen großen Aufwwand betrieben um für die Wissenschaft und die Wissenschaftskommunikation die Kommunikationswelt des 21. Jahrhunderts begreifbar zu machen. Das ist in sechs Jahren und zwei Studien bestenfalls in Ansätzen gelungen. Bislang, so scheint es, ist die Wissenschaft weitgehend überfordert damit, die Auswirkungen der neuen Medienwelt auf ihr eigenes Tun und auf die Wissenschaftskommunikation zu verstehen. Immerhin, sie versucht es. Und schließlich bleibt zu hoffen, dass dies Wissenschaftskommunikatoren besser gelingt, allein mit ihrer Erfahrung in der Praxis. Denn wie sagte WiD-Geschäftsführer Markus Weißkopf so schön: „Die Social Media lassen sich nicht wieder abschalten.“ Sie bleiben, wir müssen mit ihnen auf Dauer leben, ob wir das wollen oder nicht, ob wir sie mögen oder nicht. Dann ist es doch besser, keine Angst vor ihnen zu haben, ihre Chancen zu begreifen und ihre Möglichkeiten für die Wissenschaft und die Wissenschaftskommunikation zu nutzen, so gut es nur geht.

 

Die Studie „Social Media und digitale Wissenschaftskommunikation“ zum Download.

Ein Video von der gesamten Präsentation der Studie am 28. Juni in Berlin.

Vier besonders lesenswerte Kommentare zur Studie „Social Media und digitale Wissenschaftskommunikation“.

 

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