Herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren! – Ist der IDW noch zeitgemäß?  

Posted on 11. März 2015

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Ein Kürzel, ein Begriff – Hat der IDW eine Zukunft?

Reiner_Blog_miniJetzt feiern sie in Berlin. Und mit gutem Grund: Der Online-„Informationsdienst Wissenschaft“ – längst nur noch als „IDW“ bekannt – wird 20 Jahre alt. Ein äußerst frühes und seltenes Jubiläum im Internet. Da gibt es jedes Recht für die (teils immer noch aktiven) Gründerväter, stolz zu sein. Früher als die meisten anderen haben die drei Universitäts-Pressesprecher Jürgen Abel (Bayreuth), Dr. Josef König (Bochum) und Jochen Brinkmann (Clausthal) mit dem Leiter des Clausthaler Rechenzentrums (Dr. Gerald Lange) die Chancen des Internets erkannt, zugleich aber auch gesehen, dass nicht etwa Einzeldienste der Institutionen, sondern nur einer gemeinsamen Plattform für Wissenschaftsnachrichten die Zukunft gehören kann. Das war 1994, nur zwei Jahre nachdem die ersten WWW-Server öffentlich gingen (das CERN, wo das World Wide Web von Tim Berners-Lee entwickelt wurde, rechnet 1989 als Startdatum, das war aber der Beginn der Entwicklung – öffentlich wurde das WWW erst 1992). Selbst die unschlagbare AAAS in den USA eröffnete ihr Portal für Wissenschaftsnachrichten „EurekAlert“ erst zwei Jahre später. Glückwunsch und volle Anerkennung für die Weitsicht daher von hier an die Gründungsväter.

Dr. Josef König

Gründervater und heute noch Teamleiter des IDW: Dr. Josef König.

Und dennoch löckt meine journalistische Ader bei einem solchen Jubiläum: Nach zwanzig Jahren haben einstige Pioniere oft die Neigung, nicht mehr ganz zeitgemäß zu sein: Gesettlet ob ihres Erfolgs und der Anerkennung verschlafen einige die Entwicklung der zwei Jahrzehnte.

Ist der IDW noch zeitgemäß? Haben ihn andere Wissenschafts-Nachrichtenportale längst überholt? Erfüllt er seine Funktion? Oder hat er gar die verkehrte Perspektive? Was könnte der IDW sein, und was ist er heute tatsächlich? Das sind die Fragen, die ich an eine Bilanz stelle. Die besten Antworten gibt wohl ein Vergleich mit dem, was ähnliche Portale anderswo leisten – und da vor allem „EurekAlert“, das Nachrichtenportal der AAAS in den USA.

Der erste wichtige Unterschied ist die gesellschaftsrechtliche Konstruktion. In den USA hat die anerkannte und entsprechend mächtige AAAS 1996 beschlossen, ein unabhängiges Nachrichtenportal zu eröffnen – unabhängig, das heißt mit einer Redaktion, die nicht von Weisungen der AAAS, und schon gar nicht von Weisungen ihrer Mitglieder und Sponsoren abhängig ist. Da dieses Portal gelesen und von Journalisten genutzt werden will, greift die Redaktion entscheidend in Auswahl, Darstellung und

Ein zweiter Gründer: Dr. Gerald Lange, der Computerfachmann.

Ein zweiter Gründer: Dr. Gerald Lange, der Computerfachmann.

Gestaltung der Website ein. Die Nachrichtenseiten von „EurekAlert“ lesen sich wie die aktuelle Wissenschaftswebsite eines Blogs, eines Magazins oder einer Institution, gestaltet und attraktiv aufgemacht mit Bildern, glaubwürdig, sachlich und mit Links zu Zusatzinformationen. Die Infos lassen sich selektieren mit einem breiten Spektrum der Auswahlmöglichkeiten, sei es nach Mediengattung, nach Fachgebiet oder regional, und dennoch stammen die Informationen von den Pressestellen der beteiligten Wissenschafts-Institutionen.

Frühe Weitsicht - Als Webseiten noch so aussahen, gründeten vier Pioniere den IDW. (Screenshot: CERN)

Frühe Weitsicht – Als Webseiten noch so aussahen, gründeten vier Pioniere den IDW. (Screenshot: CERN)

Im IDW-Team dagegen nennt sich niemand Redakteur, die meisten Mitarbeiter sind Content-Manager. Der IDW ist nicht mächtig, sondern ein Zweckverein von über 900 Mitgliedern – meist Wissenschaftsinstitute, -organisationen oder Hochschulen, das Nachrichtenportal finanziert sich – neben einigen Sponsoren – durch die Beiträge seiner Mitglieder. Und die Mannschaft versteht IDW auch nicht als redaktionelles Angebot, sondern als Verteilstelle – weniger als Dienstleistung für die Journalisten und andere Interessierte, sondern als Service für die IDW-Mitglieder. Entsprechend begegnen die Nachrichten dem Besucher auch nicht als interessant aufbereitetes Informationsportal, sondern als Listen von Überschriften – plus, falls gewünscht, erste 150 Buchstaben – , die direkt von den Pressestellen der über 900 Mitglieder des IDW eingestellt werden. Bei der großen Zahl von unbearbeiteten Quellen (ganz abgesehen von dem deutlich schlechteren Professionalitätsniveau der Wissenschaftskommunikation in Deutschland) muss es zwangsläufig zu Defiziten kommen. Ein journalistischer Impetus fehlt, keine eigene Formulierung, keine Selektion, keine Hervorhebung, kein anregendes Bild – nichts, was es ermöglicht, Wichtiges von Unwichtigem, Interessantes von weniger Interessantem zu unterscheiden. Das hat sich auch durch den grafischen Relaunch im letzten Jahr nicht geändert. Da steht die belanglose Pressemitteilung zum Habilitationsstipendium einer Wissenschaftlerin unterschiedslos neben einem heißen journalistischen Thema, etwa einer neu entwickelten Software für Fußballtrainer, die mit Big Data-Ansätzen Stärken und Schwachstellen der eigenen Mannschaft und des Gegners analysieren hilft. Natürlich kann man die Meldungen auch nach Fachgebiet und anderen Kriterien vorsortieren lassen, aber bei über 50 Pressemitteilungen, oft genug auch noch schlecht formuliert, die allein an einem Vormittag am Leser vorüberrauschen, ist schon die Selektion ein viel zu zeitraubendes Programm, zumal man dafür oft genug in die ganze Pressemeldung einsteigen müsste. In der Branche nennen dies manche den „IDW-Sumpf“.

Da ich einige Jahre auch als Informationsanbieter den IDW genutzt habe, konnte ich die Auswirkungen direkt erlebt: Selbst wichtige und journalistisch interessante Meldungen bringen über den IDW kaum eine Reaktion. Eine ganze Zahl von Webseiten mit Wissenschaftsnachrichten bedienen sich der IDW-Pressemeldung – zum Teil automatisiert. Das ist wichtig genug, denn das Echo im Internet ist vor allem für jüngere Zielgruppen bedeutsam und wird immer wichtiger, aber Rückfragen von Journalisten, Interviewanfragen oder andere Reaktionen der klassischen Medien oder freien Journalisten auf Meldungen im IDW: Fehlanzeige. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass sich in den zwanzig Jahren ja die gesamten Informations- und Recherchegewohnheiten von Journalisten verändert haben, dass angesichts der Informationsfülle Aufmerksamkeit, der erste Eindruck und interessante Darstellung entscheidende Bedeutung erlangt haben, dass heute jeder mit vertretbarem Aufwand seine eigenen Verteiler per Mail bedienen kann und so Beziehungsgeflechte eine ganz neue Bedeutung gewonnen haben. Wer sich da als Forschungssprecher allein auf den IDW verlässt, bleibt ziemlich einsam. Verteilen von Informationen allein genügt nicht mehr, um als zentrales Nachrichtenportal der Wissenschaft wahrgenommen und genutzt zu werden.

Die IDW-Website: Pressemeldungen in Listen, alles in gleicher Schrifttype.

Die IDW-Website: Pressemeldungen in Listen, alles in gleicher Schrifttype.

Was dem IDW fehlt, ist das Journalistische. Ursprünglich wurde er einmal als E-Mail-Service für Journalisten gegründet. Bei wenigen Meldungen und einer überschaubaren Zahl von Adressaten wie Absendern, war das auch in Ordnung, dass er sich vor allem als Verteildienst verstand. Heute hat der IDW in seinen Verteilern über 33.000 Abonnenten und nur eine Minderheit (7.300) sind Journalisten, Tage mit weit über 100 Meldungen sind keine Seltenheit.

Zum Vergleich: Die EurekAlert-Website - Geschichten statt Listen.

Zum Vergleich: Die EurekAlert-Website – Geschichten statt Listen.

Da reicht es nicht mehr, mechanisch zu verteilen, was reinkommt. Die Leser sind Puklikum, Journalisten sind heute stärker von Informationen überschwemmt denn je, haben aber weniger Zeit für Auswahl und Recherche als früher (Personalmangel). Und auch die Nicht-Journalisten sind mit dieser Fülle überfordert, wenn sie ihre Filter nicht eng auf ein einzelnes Spezialgebiet eingestellt haben. Selektion und Gewichtung, ja besonders eine attraktive Aufbereitung, sind für die Wahrnehmung des Nachrichtenangebots entscheidende Grundlagen. Das ist natürlich schwierig, wenn sich über 900 beitragszahlende Mitglieder beschweren können, falls ihre Meldung nicht gleichgewichtig behandelt wurde. Das ist eine Frage der Satzung, der Strukturen und der starken Persönlichkeiten, die das Dilemma erkennen und Wege finden, dennoch den IDW erfolgreich in die Zukunft zu führen.

Nur der Vollständigkeit halber: Natürlich bietet der IDW auch einen Online-Veranstaltungskalender, ein Archiv der Pressemitteilungen, einen Expertenservice (der erstaunlicherweise erst nach eigenen Recherchen der Journalisten tätig werden will – für mich galt bisher das Gespräch mit Experten immer als sinnvoller Bestandteil einer guten Recherche, manchmal am Anfang, meist aber mittendrin) und ein Bildarchiv. Das Bildarchiv könnte besonders wertvoll sein, allerdings ist auch hier der Zugang nicht einfach und die Verwendung der Bilder mit verwirrenden Hürden belegt (gesonderte Registrierung, Verwendung nach Rücksprache mit den einzelnen Pressestellen, unterschiedliche Regelungen für die Bezahlung der Bilder – ich habe da nicht mehr durchgeblickt).

Um es kurz zu machen: Der IDW ist eine wertvolle Einrichtung, so wertvoll für die Wissenschaftskommunikation in Deutschland, das man ihn erfinden müsste, wenn es ihn nicht schon seit 20 Jahren gäbe. Noch einmal Gratulation an diejenigen, die so früh auf die Idee gekommen sind. Doch so, wie er sich heute darstellt, droht die Zeit und die Entwicklung des Webs über ihn hinweg zu rollen. Die Social Media hat er kaum für sich entdeckt, der Twitter-Auftritt ist eine Überschriften-Wüste, Blogger, Facebook, Youtube und andere Web 2.0-Medien sind im IDW-Spektrum unbekannt. Reizvoll sind beispielsweise bei „Eurekalert“ die Video- und Audioangebote.

Ein Weg in die Zukunft? Durchaus! Aber eine Voraussetzung dafür ist der Abschied vom mechanischen Verteilen. Transport allein genügt heute nicht mehr. Journalismus sollte das Leitmotiv für die Zukunft sein. Dabei meine ich nicht Unabhängigkeit, Kritikfähigkeit oder gar Investigatives. Das journalistische Handwerkszeug, allen voran redaktionelle Selektion, Hervorhebung, Bearbeitung und in Zusammenhang stellen, sind Voraussetzungen dafür, Informationen über Wissenschaft heute, in einer Zeit des Informations-Überflusses, in einem Nachrichtenportal wie IDW attraktiv anbieten zu können. „EurekAlert“, bietet ein positives Beispiel, es versteht sich nicht als Verteildienst, sondern als Nachrichtenagentur der Wissenschaft. 20 Jahre? Eigentlich fängt die Arbeit für den IDW jetzt erst richtig an.

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