Wissenschaftskommunikation? – Räumt vor allem die Wissenschaft auf!

Posted on 8. Oktober 2015

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Bitte Wahrheiten in wunderschöner Kulisse - Tagungszentrum Herrenhausen in Hannover.

Bittere Wahrheiten in wunderschöner Kulisse – „Druck der Forschungs-PR“ im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen.

Wie schön ist doch das Bild von einer Wissenschaftskommunikation , das viele Forscher oft beschreiben: Da hat der Wissenschaftler selbst in jahrelanger Arbeit endlich ein Stück Wissen geschaffen, ein Forschungsergebnis gefunden, schreibt dazu eine wissenschaftliche Publikation, die in einem der großen Journale veröffentlicht wird, reicht eine Kurzfassung davon an seine Pressestelle – und muss dann entsetzt feststellen, oft nach hämischen Hinweisen von eifersüchtigen Kollegen, dass in der Zeitung alles falsch angekommen ist: Übertrieben, verzerrt, oberflächlich, sensationell aufgebauscht. Wie soll sich da ein Wissenschaftler für Wissenschaftskommunikation begeistern, wenn Kommunikatoren und Journalisten seine wertvolle Arbeit so verhunzen?

Hie der edle, nach Wahrheit strebende, hehre Forscher – da die von niederen Interessen geleitete, profitsüchtige und sensationsgierige Welt der Medien und die Öffentlichkeit. Das Bild mag überzeichnet sein, die Wahrheit sieht aber völlig anders aus. Das zeigte ein Workshop der VolkswagenStiftung in Hannover „Forschungskommunikation unter dem Druck der PR“: Nicht die PR vulgo die Öffentlichkeit ist es – die Wissenschaft selbst hat so viele Probleme mit der Wahrheit, dass sie froh sein kann, dass auf dem Weg in die Öffentlichkeit nicht mehr passiert. Noch wird ja meist das hehre Bild des die Wahrheit suchenden Forschers geglaubt, vielleicht auch deshalb, da Kommunikatoren über diese Probleme nicht reden und kaum ein Journalist die Möglichkeit hat, die Fehler und Übertreibungen aufzudecken, die von den Wissenschaftlern selbst kommen. Der Wissenschaftsjournalist Alexander Mäder brachte es in Hannover auf den Punkt: „Wenn Wissenschaftskommunikation falsch ist, dann sind nicht die Journalisten daran schuld, sondern die Wissenschaftler.“

Markus Lehmkuhl:

Markus Lehmkuhl: Wissenschaftler übertreiben, wenn sie hoffen, Geld zu bekommen.

Dies war nur der Einstieg in ein ernüchterndes Kreuzfeuer von Problemen des Wissenschaftsbetriebs, die bei dieser Tagung geboten wurde: Der Berliner Sozialwissenschaftler Markus Lehmkuhl räumte mit dem Glauben auf, dass immer, wenn etwas Falsches in den Medien erscheint, die Vermittler daran schuld sind, aber nicht die Forscher. Sein Beobachtungsfeld: Die Darstellungen zu Antibiotikaresistenzen. Hier, so Lehmkuhl, sind Übertreibungen seitens der Forscher inzwischen das Normale. Jedes Mal, wenn es um Forschungsanträge und damit um Geld geht, beschwören sie Weltuntergangsszenarien mit bis zu 50 Millionen Toten, prognostizieren den Rückfall in prä-antibiotische Zeiten – natürlich dann, wenn ihre spezielle Fragestellung nicht gelöst wird. „Die Kommunikation dieser Wissenschaftler ist völlig auf Alarmierung ausgerichtet, nicht auf Aufklärung“, folgert Lehmkuhl. Es werde verzerrt, übertrieben, von Einzelfällen aufs Ganze geschlossen – und dies seit vielen Jahren, mit sich ständig steigernden Aussagen. „Wer nicht auf den Busch klopft, bekommt kein Forschungsgeld.“

Er sieht in diesen verzerrten Aussagen aber keineswegs nur ein Vermittlungsproblem: Es bestehe vielmehr die Gefahr, dass sich Wissenschaft als Erzeuger nachprüfbaren Wissens selbst entwertet. „Dies ist ein Einfallstor für auf-Kante-genähte Ergebnisse, für Übertreibungen, ja sogar für Betrug“, schloss der Kommunikationssoziologe. Natürlich gab es in Hannover in der Diskussion gleich Gegenstimmen von Wissenschaftlern: Forschungsanträge seien keine Veröffentlichung, sondern an sachkundige Gutachterkollegen gerichtet, die das richtig einzuordnen wüssten. Eine Begründung blieb allerdings aus, warum dann überhaupt Übertreibungen, wenn die Gutachter das einordnen können. Und der Magdeburger Bio-Forscher Jakob Schweizer widersprach auch energisch: Jeder Wissenschaftler versuche, in seiner Publikation seine Versprechungen gegenüber den Geldgebern zu rechtfertigen – und so kämen die Übertreibungen fast automatisch in den Kreislauf des öffentlichen Diskurses. Dies war eine andere Beschreibung für die alte Weisheit, dass Informationen keine Grenzen einhalten: Man kann nicht hierhin etwas anderes kommunizieren als dorthin. Auch das zehrt an Glaubwürdigkeit.

 

Petroc Sumner: Fehler in den Medien beruhen auf falscher Kommunikation der Wissenschaft.

Petroc Sumner: Fehler in den Medien beruhen oft auf falscher Kommunikation der Wissenschaft.

Der britische Kognitionsforscher Petroc Sumner aus Cardiff legte in der Kritik noch einmal nach – mit Fakten: Er hat 462 Pressemitteilungen von 20 britischen Universitäten untersucht, sie verglichen mit den Originalpublikationen in Fachzeitschriften und mit den 668 resultierenden Artikeln in der Presse. Sein klares  Fazit: Übertriebene Sensationsberichte in den Medien hängen eindeutig mit übertriebenen Pressemitteilungen aus der Wissenschaft zusammen. Er befragte auch die beteiligten Wissenschaftler und bekam zu hören, dass 30 Prozent sich bewusst waren, in den Mitteilungen übertrieben zu haben. Andererseits zeigte sich, dass es nur wenige übertriebene Medienstories gibt, wenn die Pressemitteilungen nicht übertreiben. Und das schlimme (für diejenigen, die sich von Übertreibungen Vorteile erhoffen): Es gab keine Hinweise darauf, dass übertriebene Pressemitteilungen bessere Abdruckchancen hatten als sachlich korrekte. Sumners Schlussfolgerung: Wenn oft die Journalisten gescholten werden, dass sie übertriebene, sensationelle Geschichten aus der Wissenschaft bringen, dann sind in Wirklichkeit meist die Pressemitteilungen daran schuld, die in Abstimmung und unter Verantwortung der Wissenschaftler entstehen.

Uwe Schimanck: Reputationssucht hat Wahrheitsstreben in der Wissenschaft abgelöst.

Uwe Schimank: Reputationssucht hat das Wahrheitsstreben in der Wissenschaft abgelöst.

Soweit zur Kommunikation aus der Forschung. Es sind sicher keine einzelne Fehlleistungen, sondern dahinter steckt System. Das zeigte dann der Organisations- und Wissenschaftssoziologe Uwe Schimank aus Bremen: Aus seiner Sicht wird der Wissenschaftsbetrieb heute beherrscht durch „Reputationsopportunismus statt Wahrheitsstreben“. Die Veränderungen der letzten Jahre in der Wissenschaft hätten „Wahrheit“ als Ziel der Forschung verdrängt durch das Streben nach persönlicher Reputation. War der wissenschaftliche Ruf eines Forschers ursprünglich eine wertvolle Hilfe bei der Selektion von wissenschaftlichen Publikationen, so sei die Reputation heute – inzwischen sogar gemessen in eingängigen Zahlen wie Hirsch-Index oder Drittmittel-Einwerbung – zu einer wichtigen Leitlinie für Geldgeber geworden. Im Hintergrund steht dabei der alles bestimmende Wettbewerb und das allseitige Bestreben, zu klaren, einfach wahrzunehmenden Bewertungen zu kommen. Selbst in Berufungskomissionen würden die Indexzahlen inzwischen zum „Totschlagargument“ für oder gegen einzelne Bewerber. Die Folgen davon sind , so Schimank: suboptimale Forschungspraktiken,  Fälschungen, Kurzatmigkeit der Forschung und eine Mainstream-Ausrichtung der Wissenschaft. „Betrug wird zur ‚self-fulfilling prophecy‘, denn die anderen tun es ja auch“, folgerte der Wissenschaftssoziologe. Das schlimmste aber: Es merkt keiner.

Genug der Kritik. Natürlich wurden auch die Journalisten und die Medien kritisiert, zum Teil gab es sogar ein regelrechtes Medien-Bashing, etwa von der Münchner Ernährungsphysiologin Hannelore Daniel. Dabei legte sie aber nicht nur ihre eigene Widersprüchlichkeit offen, sondern durchaus auch weitere Abgründe des Forschungsbetriebs. Sie warf beispielsweise dem ARD-Fernsehen „Doppelmoral“ vor, weil sie im redaktionellen Abendprogramm mehr Wissenschaftlichkeit für die Ernährung fordere, am Vorabend aber Werbung für zweifelhafte Nahrungs- und Schlankheitsprodukte sende. Zugleich verkündete sie stolz, dass zehn Prozent ihrer Forschung über Drittmittel aus der Industrie finanziert würden und beklagte sich später über die ganz unwissenschaftlichen Vetragsbedingungen (Geheimhaltung selbst im eigenen Institut), die damit verbunden sind. Ein Hinweis vielleicht, für weitere Schwächen im Wissenschaftsbetrieb, die der Glaubwürdigkeit der Forschung schaden.

Doch was bedeutet dies alles für die Wissenschaftskommunikation? Wie kann man derartige Dinge darstellen? Soll man das überhaupt? Soll man sie verschweigen? Es geht allen, das ist klar, um die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Und der zunehmende Wettbewerb, der überall in der Gesellschaft herrscht, wo es um knappe Ressourcen geht, wird auch kaum zurück zu schrauben sein.

Das ein geschmiedete Geflecht der Wahrheitssuche enthält gefährliche Spitzen - aus den Herrenhäuser Gärten.

Das fein geschmiedete Geflecht der Wahrheitssuche enthält gefährliche Spitzen – aus den Herrenhäuser Gärten.

Forschung steht aber keineswegs unter dem Druck der PR, um auf das Thema der Tagung zurückzukommen, sondern unter dem Druck des eigenen Systems. Und sie macht eine miserable PR. Zunächst einmal machen die Probleme deutlich, wie bitter notwendig professionelle Kommunikatoren für die Forschung sind – Kommunikatoren, die nicht nur die von Wissenschaftlern vorformulierten Pressemitteilungen redigieren, sondern ihnen auch (kollegial) auf die Finger klopfen, wenn sie zu große Erwartungen wecken, wenn sie im Überschwang und Stolz auf ihre Ergebnisse über das Ziel hinausschießen, weil sie meinen, nur so „der Öffentlichkeit“ klar machen zu können, wie toll sie sind.

Es braucht Kommunikatoren, die wissen, welche Ziele wichtig und wie sie zu erreichen sind, die Zielgruppen erkennen und ansprechen können, die gekonnt auf dem immer komplexeren Klavier der Medien spielen, die aber auch – falls nötig – attraktive Antragstexte für Gutachterkollegen überzeugend planen und formulieren können, ohne den Weltuntergang herbeizuschreiben. Kurz: Wissenschaftler müssen erkennen, dass Kommunikation eine der komplexesten menschlichen Tätigkeiten überhaupt ist (das könnte jeder schon in der eigenen Familie erleben), die sie nicht auch noch neben ihrer komplexen Wissenschaft perfekt beherrschen müssen, weil es sie überfordert. Und sie müssen erkennen, dass es professionelle Helfer gibt, die nicht nur ihre Erfüllungsgehilfen, sondern Partner und vor allem Sparingspartner auf Augenhöhe sind bei all diesen Kommunikationsproblemen. Für diesen Erkenntnisprozess war – hoffentlich – die Tagung der Volkswagenstiftung in Hannover ein erster Schritt.

Wie geht man als Kommunikator damit um? Verschweigen kann man die innerwissenschaftlichen Zwänge und Deformierungen sicher nicht, man kann sie aber auch nicht aktiv kommunizieren (insofern ähnelt Wissenschaftskommunikation doch der Unternehmenskommunikation). Doch man kann selbstbewusst die gerade Linie vertreten, sei es einem eigenen Wissenschaftler (auch dem Chef) gegenüber, der über das Ziel hinausschießt, sei es gegenüber jungen Forschern, die erstmals mit der Wissenschaftskommunikation in Berührung kommen, sei es gegenüber Journalisten, denen man im Gespräch die Verhältnisse erklären kann – aufklären! Und vor allem muss man darauf achten, dass einem selbst in der direkten Kommunikation, in Pressemitteilungen, wie auf Websites, in Gesprächen wie in Ankündigungen, nicht die Fehler unterlaufen, die so gern in diesem System des Reputationserwerbs gemacht werden – siehe oben.

Das System selbst verändern – Wettbewerbsmerkmale und andere Rahmenbedingungen zu schaffen, die nicht das Ziel aller Forschung verfälschen, die Reputation ermöglichen, ohne zu Verfälschungen zu verführen – das kann die Wissenschaftskommunikation nicht. Das muss das System der Wissenschaftler selbst schaffen. Dies ist aber Voraussetzung dafür, dass Wissenschaft ihre Glaubwürdigkeit behält in einer Gesellschaft, die sich zunehmend auf Transparenzforderung und Partizipation hin entwickelt, damit sie nicht nur eine weitere unter den vielen Interessengruppen wird, damit sie nicht zum Instrument degeneriert, das andere benutzen, um ihre wissenschaftsfremden Interessen durchzusetzen. Professionelle Wissenschaftskommunikatoren können dabei beratend und vermittelnd den Forschern zur Seite stehen, als Partner auf Augenhöhe.

 

Postskriptum: Der Volkwagenstiftung ist es mit ihren Workshops „Image statt Inhalt?“ im letzten Jahr und „Forschungskommunikation unter dem Druck der PR“ jetzt im Herrenhäuser Schloss gelungen, in einem Top-Tagungszentrum eine Veranstaltungsreihe zu initiieren, wo Wissenschaftskommunikation auf angemessenem hohen Niveau diskutiert wird. Im letzten Jahr stand die Frage im Mittelpunkt, ob Wissenschaft überhaupt mit der Gesellschaft kommunizieren soll, dieses Mal waren es die innerwissenschaftlichen Probleme mit der Kommunikation. Und es gelang zum ersten Mal eine ansehnliche Zahl von Wissenschaftlern auch im Publikum zu versammeln. Die Volkswagenstiftung will auf diesem Weg weitergehen, das lässt hoffen auf die Motivation von noch mehr Wissenschaftlern. Das Einzige, was fehlt ist ein treffender Name für die Workshop-Reihe. Das Twitter-Kürzel „#wowk“ und die Jahreszahl ist nun doch etwas kryptisch, um als Marke für diese hochkarätige Reihe zu dienen.

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