Wissenschaft marschiert – Beobachtungen beim #ScienceMarchMUC

Posted on 23. April 2017

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Blogautor Wissenschaft kommuniziert

Der „Marsch für die Wissenschaft“ in München. Rund 2.500 Teilnehmer demonstrierten gegen Wissenschaftsfeindlichkeit und für faktenbasierte gesellschaftliche Entscheidungen.

Am Anfang war es richtig unterhaltsam, am Ende ging den Leuten eher die Puste aus und auch die Lust. Rund 2.500 Menschen (lt. Polizei) zogen am 22. April 2017 – wie zehntausende weltweit in über 500 Städten – durch die Straßen Münchens, um gegen Wissenschafts- und Faktenfeindlichkeit in der Politik zu demonstrieren. Es sollte ein ganz besonderer Tag für die Wissenschaft werden: Noch nie, solange ich mich mit Wissenschaft beschäftige (immerhin 45 Jahre – und vorher wohl auch nicht) ging die Wissenschaft für ein gesellschaftspolitisches Anliegen demonstrieren: nicht nur für eigene Interessen, sondern zur Stärkung einer kritisch, konstruktiven Demokratie.Es wurde eine eindrucksvolle, erfolgreiche Demonstration, geprägt vom enormen Engagement der Veranstalter und vieler Teilnehmer, von jugendlicher Aufbruchstimmung und Lebensfreude, aber auch von reservierter Distanz arrivierter Wissenschaftler und Anfängerfehlern der Organisatoren. Man merkt eben, dass Wissenschaftler noch nicht gewohnt sind, zu demonstrieren und so in manches Fettnäpfchen tapsen.

Ein Regenschirm gewann den Preis des besten Demonstrationsbanner „Let it Brain“. Lustig, aber nicht plakativ. (Foto: Amac Garbe)

Das Publikum? Viele junge Leute, die mit viel Ideen die Slogan-Banner gebastelt hatten – leider nur selten plakativ und daher kaum sichtbar. Die Eifrigen kamen meist aus dem Kreis Wissenschaft. Das merkte man schon an den Formulierungen der Plakate, die sie trugen: „Alternative Facts = „ Und weil sie offensichtlich gemerkt hatten, dass dies niemand versteht, haben sie schnell noch „imaginär“ mit Filzstift darüber geschrieben – auch wenn mancher Mathematiker dagegen protestieren würde. Die Veranstalter hatten einen Preis für das beste Demonstrationsbanner ausgelobt, er ging an einen Regenschirm mit vielen Gehirnbildern und dem Slogan „Let it brain“. Favorit der Fotografen dagegen war eher Nichtwissenschaftliches: Slogans auf Bayrisch, wie:„Make the world gscheit again“ oder der Sandwichman aus dem Oberallgäu, der verkündete „Ohne Wissenschaft wäre ich seit August 2016 tot“.

Ein Mensch als schlagendes Argument für Wissenschaft: Michael Maag aus dem Ostallgäu.

Das ganze begann mit einer lebendigen Auftaktveranstaltung Verkehrsknotenpunkt Stachus in der Münchner Innenstadt und mit einem kleinen Eklat, der von den Veranstaltern aber offensichtlich gar nicht wahrgenommen wurde: Die Partei „Die Piraten“ versuchte, die ausdrücklich als „überparteilich“ ausgelobte Demonstration für sich zu kapern. Einige Vertreter platzierten sich mit großen Fahnen und Schildern mit Parteilogo und Slogans direkt vor dem Rednerpult. Möglicherweise bemerkten sie selbst, wie deplaziert sie waren und zogen sich bald in die Menge zurück. Die Veranstalter haben nichts dazu getan, den Übernahme-Versuch zu verhindern. Befragt, ob sie nicht wenigstens anordnen sollen, die Fahnen einzurollen, antwortete der Chefordner und Zeremonienmeister nur „Genauso wie ich nicht will, dass die Leute mir in meine Forschung hineinreden, sind sie frei hier auf der Straße ihre Meinung zu sagen.“ Offensichtlich hat er noch nicht oft demonstriert, denn der Veranstalter trägt natürlich auch Verantwortung für die mitgeführten Transparente.

Stimmung garantiert: Die „Drumadama“ sorgten für Rhythmus und Laune bei den Teilnehmern. (Foto: Drumadama)

Die Reden waren kurz, knackig und passten fast durchweg zum Thema des „Marsches für die Wissenschaft“. Der Vertreter der Geisteswissenschaften erwies sich sogar als Stimmungskanone: Zusammen mit Gitarre und vier Freunden setzte er die Teilnehmer vor der Bühne in Tanzbewegung. Als dann auch noch die Münchner Trommlerinnenband „Drumadama“ auftraten, wurde es richtig laut und fetzig. Es konnte losgehen, jetzt machte es richtig Spaß, für die Wissenschaft zu marschieren.

Beeindruckend war der Demonstrationszug über den Maximilliansplatz, ein Teil der Münchner Verkehrsachse Altstadtring. Da waren es tatsächlich 2.500 Teilnehmer, wenn nicht mehr: Vier Polizeibusse mit Blaulicht vorweg, dann das Transparent „Wissen schafft Zukunft – March for Science“, dann etwa 200 Demonstranten mit ihren Bannern, danach der Bühnenwagen, der mit seinen Lautsprechern musikalische Untermalung bot, dann noch einmal Teilnehmer, die „Drumadama“-erinnen lautstark mittendrin. Ein schier endloser Zug von Menschen, bevor man ganz weit hinten die Blaulichter von der Polizeieskorte am Ende erkennen konnte.

Zwei Rapper empfangen die müden und durchkühlten Demonstranten am Siegestor. Viel Hitze erzeugen sie nicht.

Doch der Weg bis zum Siegestor war lang: über zwei Kilometer, nach einer knappen Stunde stehen am Stachus. Dazu lediglich neun Grad, ein grauer Himmel und ein eisiger Wind aus Norden. Bald verstummten die Trommler, die Rhythmen vom Lautsprecherwagen wärmten auch nicht unbedingt auf, so wurde das Marschieren bald zur Pflichtübung. Slogans zum Skandieren waren offensichtlich nicht vorbereitet, so blieb der Zug stumm. Die Unterschiede zu einem Gedenkmarsch (um nicht zu sagen: Trauerzug) waren minimal. Passanten am Rand des Zuges ratlos: Natürlich waren die selbsgebastelten Banner der Teilnehmer viel zu klein, als dass sie auch noch am Straßenrand gelesen werden konnten. Manche Teilnehmer, die auf dem Gehsteig den Zug begleiteten, mussten Auskunft geben, worum es bei der machtvollen Demonstration denn ging.

Und immer wieder stockte der Zug. Die bayerische Prachtmeile Ludwigstraße wurde im Schneckentempo bewältigt. Seltsam kahl blieb es beim Vorbeimarsch an der Ludwig-Maximillians-Universität München (LMU): Kein Banner, kein Transparent, das irgendeine Solidarisierung zeigte. Kein Wunder: Hatten doch die beiden großen Münchner Universitäten beschlossen, den „Marsch für die Wissenschaft“ nicht zu unterstützen. Warum? Niemand weiß es, auch der Veranstalter konnte keine Auskunft geben und von den Universitäten war natürlich niemand vor Ort. Gerüchte besagten sogar, die LMU hätte auch den eigentlich wunderschön geeigneten Geschwister-Scholl-Platz direkt vor der Universität nicht für die Abschlusskundgebung freigegeben, doch das dementierten die Veranstalter unbestimmt mit „Verkehrsregelungen des Ordnungsamtes“. So musste für die eineinhalb Stunden der Abschlusskundgebung die Leopold- und Ludwigsstraße gesperrt werden, eine der wichtigen Zugangsachsen zur Münchner Innenstadt.

Doch ganz schnell nach Erreichen des Siegestors schwand die Zahl der Teilnehmer zusehends. Zunächst hieß es warten, bis der Bühnenwagen aufgebaut war, es war Mittagszeit, es war kalt, viele waren müde und die Reden von weiteren elf Rednern waren weit weniger knackig und kurz als die beim Auftakt. Es war schon zweifelhaft genug, dass die Organisatoren ein Programm von dreieinhalbStunden Länge für den Science March in München aufstellten (wahrscheinlich hat man Absagen gescheut), spätestens aber als der Münchner 2. Bürgermeister Josef Schmidt ans Mikrophon trat und ständig über Wahrheit redete und noch einmal über Wahrheit, überlegten viele, ob nicht das nächste Gasthaus doch die bessere Form der Demonstration wäre. Einige twitterten das auch und signalisierten ihren Freunden, wo sie zu finden sind.

Schlussredner mit großem Engagement: MPG-Präsident Prof. Stratmann bei seinem Appell für Wissenschaftsfreiheit.

Doch zwei Reden waren bemerkenswert: Die von Max-Planck-Präsident Prof. Martin Stratmann und die der Studenten-Vertreterin Nora Pohle. Prof. Stratmann zeigte engagierte Identifikation mit der Wissenschaftsdemonstration: Nicht nur, dass er als Hauptredner der Abschlusskundgebung auftrat, sein Kommunikationsteam begrüßte die Teilnehmer am Siegestor mit einem großen Transparent und stellte sich während seiner Rede vor den Bühnenwagen, so dass jeder sehen konnte, wer da wofür eintritt. Er betonte die Freiheit der Forschung und dass die dabei ermittelten Fakten nicht Spielball von politischem Kalkül sein dürfen – eine Erscheinung, die man keineswegs nur aus Trumps USA kennt.

Die Studentenvertreterin wiederum sprach gezielt die jungen Teilnehmer gezielt an und las ihnen die Lebiten. Sie forderte ihre Altersgenossen auf, sich stärker beim Finden von Fakten und in die Gesellschaftspolitik einzubringen. Sie habe den Eindruck, dass die meisten sich zu stark in den eigenen Freundeskreis zurückziehen und zu wenig engagieren, was darüber hinaus in der Gesellschaft für ihre eigene Zukunft wichtig ist. Weise Worte aus jungem Munde. Meinungsblasen à la Facebook lassen grüßen.

Ein Fazit? Ohne Zweifel eine erfolgreicher „Marsch für die Wissenschaft“, auch wenn Wissenschaftler das Demonstrieren wohl noch üben müssen. Erfolgreich auch deshalb, weil überall sehr deutlich wurde, dass dies zwar eine Solidaritätsdemonstration zum „March for Science“ in Washington war, aber dass die Ziele der Kundgebung angesichts der anderen Verhältnisse in Europa ganz andere waren. Hier in Deutschland ging es darum, den Wert der Wissenschaft für die gesamte Gesellschaft aufzuzeigen, gegen Populismus und Faktenverweigerung aufzutreten. Wissenschaft hat gesellschaftspolitisch Flagge gezeigt. Und das sollte es sein.

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