Der Lackmus-Test – „March for Science“ vor der Bewährungsprobe

Posted on 9. April 2018

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Blogautor Wissenschaft kommuniziertAm kommenden Samstag marschieren sie wieder:Der „Marsch for Science“, eine der mächtigsten Massendemonstrationen für die Wissenschaft der letzten Jahrzehnte, geht in die zweite Runde. In mindestens fünfzehn Städten der Bundesrepublik und an über 200 Orten weltweit werden Zehntausende auf die Straße gehen und damit unterstreichen, wie wichtig Wissenschaft, strukturiertes Denken und faktenorientierte Entscheidungen – alles kulturelle Errungenschaften der modernen Wissenschaften – für eine demokratische Gesellschaft sind.

Das ist bitter nötig, in Zeiten, da Mächtige sich bei ihren Entscheidungen lieber auf „alternative Fakten“ berufen, da wissenschaftliche Ergebnisse als parteiliche Meinungen abgetan werden, da jede Information, die der eigenen Meinung widerspricht, als „Fake news“ verteufelt wird. Populismus, Eigennutz und Polemik feiern Urständ, die Lösung dringender Probleme bleibt auf der Strecke. Wer am „Marsch for Science“ teilnehmen möchte, findet Orte und Uhrzeiten für den 14. April am Ende dieses Blogposts. Weitere Informationen außerdem auf der Website des „March for Science“.

Der „Marsch für die Wissenschaft“ am 22. April 2017 in München.

Erinnern wir uns: Vor einem Jahr, am 22. April 2017, fand weltweit der erste „March for Science“ statt: In den USA initiiert, als Reaktion auf die wissenschaftsfeindliche Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump, gingen weltweit über eine Million Menschen für die Wissenschaft auf die Straße. Teils waren die Demonstrationen Solidaritätsbekundungen für die amerikanischen Wissenschaftler, deren Situation heute trotz des Protestes eher noch prekärer geworden ist. Teils aber wurde das Problem der USA vom reinen Protest gegen den US-Präsidenten auf die gesellschaftspolitische Ebene gehoben: Wissenschaft ist nicht nur Faktenlieferant, sondern wesentlicher Bestandteil einer offenen, vielfältigen demokratischen Kultur.

Die beiden Initiatoren des deutschen „March for Science“: Prof. Tanja Gabriele Baudson und Claus Martin.

Den deutschen Organisatoren gelang diese Umdeutung. Sie setzten damit nicht nur ein einzigartiges Zeichen für die Wissenschaftskommunikation (weshalb sie mit dem Sonderpreis als „Forschungssprecher des Jahres“ geehrt wurden), sondern sie haben in der deutschen Forschungslandschaft eine „positive Erschütterung“ ausgelöst: Viele der Verantwortlichen erkannten, dass die Wissenschaft ein neues Verhältnis zur Gesellschaft entwickeln muss, von der sie ja andererseits auf Gedeih und Verderb abhängig ist. (Und das wiederum ist der Kern der Wissenschaftskommunikation.) Die VolkswagenStiftung organisierte eine Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft – Wie geht es weiter nach dem March for Science?“, der Deutsche Hochschulverband zeichnete die Mitinitiatorin der Demonstrationen, die Bildungsforscherin Prof. Tanja Gabriele Baudson als „Hochschullehrerin des Jahres“ aus, die Diskussion innerhalb der Wissenschaft gärt – langsam aber sicher – wie sie mit einer Gesellschaft umgehen soll, der wissenschaftliche Forschung und ihre Ergebnisse nicht mehr so wichtig erscheinen (Warum? Dazu der Technikhistoriker Prof. Ulrich Wengenroth in diesem Blog: „Wie wichtig ist Wissenschaft für die Gesellschaft?„). Die interessantesten Denkanstöße vom ersten „March for Science“finden Sie im PDF-Reader „Die Werte der Wissenschaft“ hier in diesem Blog.

„Positive Erschütterung“: Tagung der VolkswagenStiftung zu „Wie geht es weiter nach dem March for Science?“

Kurzum: Der „March for Science“ war im letzten Jahr ein einmaliges Ereignis, eine neue Form gesellschaftspolitischer Kommunikation der Wissenschaft, getragen vor allem von jungen Forschern, denen sich einige der etablierten Meinungsführer anschlossen (aber keineswegs alle). Und das ist neu: Wissenschaftskommunikation wurde zu einer Grassroot-Bewegung!

In diesem Jahr geht die Bewegung mit vollem Engagement weiter: Ein Verein „March for Science“ wurde gegründet, konkretere Ziele erarbeitet, neben den Demonstrationen finden am 14. April weitere Veranstaltungen statt (eine Liste der Orte und Events ebenfalls am Schluss dieses Blogposts). Die Liste der Unterstützer ist lang und liest sich wie ein „Who is who“ der deutschen Wissenschaft. Das Engagement ist ungebrochen, im Gegenteil: Nach dem Erfolg des ersten Jahres vielleicht sogar noch größer.

Doch genauer betrachtet, sind es fast ausschließlich Wissenschaftsorganisationen, in der Wissenschaft tätige, wissenschaftsnahe Personen, Organisationen und Institutionen, die den „March for Science“ unterstützen. Das ist gut und wichtig! Was für eine breite gesellschaftspolitische Wirkung allerdings fehlt, ist die Unterstützung anderer gesellschaftlicher Kräfte:

Denkanstöße für die Gesellschaft: Der PDF-Reader mit den interessantesten Vorträgen vom ersten „March for Science“ in Deutschland.

Wo sind die Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände, wo sind Umweltorganisationen, Patientenverbände und andere Bürgerinitiativen? Sie hätten ohne Wissenschaft und ihre Ergebnisse keine Arbeitsgrundlage und keine Argumente, sie wären völlig wirkungslos in einer Welt, in der willkürlich über Tatsachen und Konsequenzen hinweg entschieden würde, sie sind in ihrer Arbeit vital auf Wissenschaft angewiesen. Der „March for Science“ will parteipolitisch neutral sein. Sicher richtig, aber es gibt genug gesellschaftliche Kräfte, die sich ebenso für Wissenschaft engagieren könnten, und mit denen die Wirkung der Demonstrationen sehr viel breiter wäre. Da fällt die „Junge GEW Dresden“, eine Gewerkschaftsgruppierung,  auf der Liste der Unterstützer leider nur aus dem Rahmen.

Auch in den USA wird am 14. April wieder für die Wissenschaft marschiert. Dort hat die Bewegung – im Gegensatz zu Deutschland – mächtige ideelle und organisatorische Unterstützung: die AAAS, die einflussreiche American Association for the Advancement of Science, größte Wissenschaftsorganisation der Welt. Dort haben die Organisatoren des „March for Science“ bereits ein Büro mit zehn hauptamtlichen Mitarbeitern. Der wichtigste Schritt aber jenseits des Atlantiks: Auch dort wurde das Ziel des Marches umgedeutet: Jetzt steht nicht mehr der Protest gegen Trump im Mittelpunkt, sondern die Bedeutung der Wissenschaft für eine demokratische Gesellschaft.

Nicht mehr allein Protest gegen Trump: Auch in den USA marschiert die Wissenschaft für ihre Werte. (Photo: Science online)

Und die Aktionen gehen auch viel weiter. Im Juli beispielsweise findet ein dreitägiger „Science March Summit“ statt, wo sich die Organisatoren aus allen Städten der USA (dieses Jahr über 150) treffen zur Fortbildung. Hier soll gelernt werden, wie sich politische Kampagnen organisieren lassen, wie sie kommuniziert werden, was andere Organisatoren besser machen und wie sich Freiwillige anwerben lassen, um die Organisationslast zu bewältigen. Im Blickpunkt: Die Halbzeitwahlen in den USA im November, wo nicht nur Sitze im Senat und im Repräsentantenhaus vergeben werden, sondern auch lokale Machtpositionen. Das Ziel, so berichtet es das Wissenschaftsmagazin „Science“: „Mehr wissenschaftsfreundliche Kandidaten für Positionen auf lokaler Ebene, in den einzelnen Staaten und im Bund sind eine hohe Priorität.“ Der „March for Science“ bekennt sich offen zu politischen Absichten.

Fazit: Der „March for Science“ am kommenden Samstag ist sicher nicht allein nach den Zahlen der Teilnehmer und durch Vergleich zu 2017 zu messen (37.000 in Deutschland, über eine Million weltweit). Es werden weniger sein – und das sollte niemanden enttäuschen. Seine Wirkung in die Gesellschaft hinein wird ohnehin immer begrenzt bleiben, wichtig dagegen ist seine Wirkung in die Wissenschaft selbst: Ihre gesellschaftspolitische Öffnung, das Engagement junger Forscher für Kommunikation und gesellschaftlichen Austausch, überhaupt eine Grassroots-Bewegung in der bislang so hierarchisch gegliederten Wissenschaft. Das wird die Wissenschaft verändern. Der „March for Science“ aber muss auch mehr werden, als nur Demonstrationen auf der Straße oder eine neue Institution der Wissenschaftskommunikation.

Der „Summit“ in den USA zeigt vielleicht einen Weg: Wissenschaft oder Wissenschaftskommunikation muss kampagnenfähig werden, wenn sie sich in den gesellschaftlichen Diskurs wirkungsvoll mit einbringen und wenn sie selbst offener dafür werden will. Und dazu muss sie Kampagnen lernen und starke Verbündete finden. Nicht der 14. April allein wird über die Zukunft des „March for Science“ entscheiden, aber er ist ein Lackmustest, ob Wissenschaft überhaupt  zu einer gesellschaftlichen Öffnung in der Lage ist. Das nämlich braucht die Wissenschaft in der durch Social Media und bürgerliche Partizipation geprägten Gesellschaft (von der sie, wie gesagt, abhängig ist): eine gesellschaftspolitische Öffnung. Wenn nicht, könnte es dem „March for Science“ so ergehen wie den legendären Ostermärschen, die – nach großem Erfolg – in den letzten Jahren eher bedeutungslos geworden sind (auch wenn die Medien zum 70-jährigen Jubiläum gerade jetzt wieder eifrig zurückblickten). Wenn die Bewährungsprobe am Samstag misslingt, wird dies beim „March for Science“ keine 70 Jahre dauern.

 

Der „March for Science“ findet in diesen Städten statt

(Details jeweils unter den Links, übernommen von der Website „March for Science Germany“):

In diesen Städten gibt es Diskussionsveranstaltungen oder Angebote, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern direkt ins Gespräch zu kommen (Details unter den Links):

Außerdem gibt es verschiedene Initiativen mit dem Ziel, Wissenschaftler/innen und interessierte Bürger/innen direkt in Kontakt zu bringen: „Forum der Ideen“ (Neumarkt, Dresden), „Science Arena“ (Römerberg, Frankfurt), „Kieznerds“ (an verschiedenen Orten in Berlin und Potsdam) sowie „Humans of Science“ (Göttingen) und die Science-Cafés in Jena.

Im Vorfeld finden bereits drei Podiumsdiskussionen statt: Am 12.April an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (16:00 Uhr, Aula) sowie an der TU Darmstadt (18:00 Uhr, karo 5 Lounge, Zentraler Eingang zur TU Darmstadt) und am 13. April an der Ruhr-Uni Bochum (18.00 Uhr, Blue Square)

Am 14. April wird in Frankfurt nach der Abschlusskundgebung auf dem Römerberg eine prominent besetzte Podiumsdiskussion mit der provozierenden Fragestellung „Brauchen wir eigentlich Universitäten?“ stattfinden.

 

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