Die Echokammer Wissenschaft – Eine mühsame Suche nach dem Weg zur Gesellschaft

Posted on 1. November 2017

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Blogautor Wissenschaft kommuniziert#wowk17

Ein dickes Brett zu bohren: Die Öffnung der Echokammer Wissenschaft – Volkswagenstiftung-Generalsekretär Wilhelm Krull.

Eines ist heute schon trivial: Das Internet hat die Gewohnheiten total verändert, wie Menschen sich informieren und Meinungen austauschen, im Privaten wie im Beruflichen. Mit dem Internet kamen die Sozialen Medien. Und plötzlich hatte jedermann die Möglichkeit, mit Gleichgesinnten weltweit ohne Schranken zu kommunizieren (mehr dazu – auf Englisch und Deutsch – im Blogpost: A World without Hierarchies – Communication in Social Media). Damit gingen nicht nur alle Informations-Hierarchien verloren, es entstanden auch die berüchtigten „Meinungsblasen“ und „Echokammern“, wo sich eben jene Gleichgesinnten gegenseitig mit Informationen versorgen, sich gegenseitig recht geben, so ihre Meinungen verstärken und Informationsmacht gewinnen – und gar nicht mehr wahrnehmen, was im Rest der Welt geschieht.

Doch dazu braucht man gar nicht das Internet und Social Media. Auch in der realen Offline-Welt existieren Echokammern. Eine davon ist offensichtlich die Wissenschaft. Jedenfalls präsentierte sie sich so letzte Woche bei einer Tagung der Volkswagenstiftung (in Zusammenarbeit mit der Nationalen Wissenschaftsakademie „Leopoldina“, der Robert-Bosch-Stiftung und der Wochenzeitung „Die Zeit“) in Hannover, wo es ausgerechnet darum ging, Wege zu finden, um die Wissenschaft zur Gesellschaft hin zu öffnen. Doch das ging gründlich schief.

Wissenschaft braucht Gesellschaft – Was aber, wenn die Gesellschaft kein Interesse mehr hat?

„Wissenschaft braucht Gesellschaft“, so war der Titel der Tagung, mit der Ergänzung „Wie geht es weiter nach dem March for Science?“. Den Veranstaltern war der Zusatz offensichtlich wichtig, doch bei den Referenten und in den Diskussionen ging er völlig unter. Kaum jemand erwähnte auch nur, dass der „March for Science“ im letzten Frühjahr ein Markstein war für einen neuen Umgang der Wissenschaft mit der Gesellschaft.

In der Echokammer Wissenschaft – Sprachlosigkeit bei der Öffnung zur Gesellschaft.

„Wissenschaft braucht Gesellschaft“ als Tagungstitel und jeder schaut nur auf die Wissenschaft? Die Gesellschaft, und wie sie heute verfasst ist, kein Thema? Um das nachzuvollziehen versetze ich mich einmal ganz persönlich in die Situation der Wissenschaft: Selbstbewusst und dennoch absolut abhängig von jemandem (und das ist die Wissenschaft von der Gesellschaft), der mir große und für mich notwendige Privilegien gewährt, aber in letzter Zeit mit deutlichen Anzeichen, dass in dem Verhältnis etwas nicht mehr so rund läuft, wie es sollte. Dann würde ich mich doch vor allem erst einmal fragen: Was will der andere denn genau von mir? Hat er sich verändert? Hat sich sein Bedarf verändert? Natürlich auch, habe ich mich verändert? Habe ich Fehler gemacht? Vor allem aber: Was braucht er? Was kann ich ihm bieten? Was kann ich ihm in Zukunft geben, so dass er mich braucht?

Naomi Oreskes, in den USA ein Tiger für die politische Öffnung der Wissenschaft – in Hannover eher eine Katze.

Wenn also die Wissenschaft die Gesellschaft braucht, dann wäre es doch das Erste, auf die Gesellschaft zu schauen, zu ergründen, was sie will, was sich da verändert hat, was neue Forderungen der Gesellschaft an Systeme wie die Wissenschaft sind. Doch da war in Hannover weitgehend Fehlanzeige – weitgehend. Das begann mit der Eröffnungsrednerin Naomi Oreskes von der Harvard University, die im Februar durch ihr vehementes Plädoyer aufgefallen war, Wissenschaftler sollten sich politisch einbringen. Jetzt blieb in ihrer Keynote bestenfalls die Aufforderung übrig, Wissenschaft solle der Gesellschaft nicht allein Fakten liefern. Das ging weiter in Diskussionen um die Wissenschaftskommunikation, als ob die alten Informationshierarchien noch existierten – mit dem Wissenschaftler als relevante Informationsquelle, die es nur optimal zu vermitteln gelte. Mit Verlaub: Ich habe mich um 20 Jahre jünger gefühlt, denn vor so langer Zeit haben wir diese Themen so diskutiert. Inzwischen aber ist viel geschehen.

Medien und Wissenschaftskommunikation: Im Mittelpunkt standen die „alten“ Medien.

Da wurde nach Kommunikationsformaten gefragt und Rezepte ausgetauscht zur Kommunikation mit wissenschaftsfernen Zielgruppen. Da wurde das verlorene Vertrauen in die Wissenschaftler beklagt und gefragt, wie man es zurückgewinnen könne. Da wurde die Krise des Wissenschaftsjournalismus beklagt und handfeste Unterstützung versprochen. Da wurde noch einmal die alte Tatsache beweint, dass sich die Politik von der Wissenschaft nichts sagen lässt, es sei denn, es passt in ihren Kram.

Doch halt. Gab es wirklich nur das weithin bekannte Echo in der abgeschlossenen Meinungsblase der Wissenschaft? Nein, natürlich gab es auch Lichtblicke in dieser Sammlung von Selbstbespiegelung, Selbstmitleid, ja manchmal sogar auch Selbstkritik: Ein Lichtblick war vor allem der Vortrag von Stefan Wegner, Partner und Geschäftsführer der PR-Agentur Scholz&Friends Agenda in Berlin. Endlich einmal ein Sprecher, der die Wissenschaft nicht von innen, sondern von außen betrachtete; endlich einmal suchte Wissenschaft nicht Kompetenz bei einem Wissenschaftler, sondern bei einem Praktiker. Endlich einmal nutzt die Wissenschaft die Kommunikationserfahrung, die in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft gesammelt wurde, auch für sich und versucht nicht, ihr eigenes Kommunikations-Rad zu erfinden.

Stefan Wegner, PR-Mann der Agentur Scholz&Friends Agenda

Wegner ist ein echter PR-Mann – sonst bei Wissenschaftlern eher eine geringgeschätzte Berufsgruppe. Hier gilt ja schon Marketing für Forscher und die meisten ihrer Kommunikatoren als etwa Negatives (Wegner versuchte, auch dies zu korrigieren: Marketing heißt nichts anderes als eine „Marke“ sein, also Profilbildung – ein unentbehrliches Asset für jede Kommunikation). Das Wichtigste aber: Wegner beschrieb schlicht, dass er im letzten Jahr von drei weiteren Kundengruppen um Rat gefragt wurde: von der Politik, der Kirche und dem Fußballbund, alle bislang scheinbar stabile Säulen unserer gesellschaftlichen Wertordnung – wie die Wissenschaft. Und alle haben sie – wie die Wissenschaft – den Eindruck, in der Gesellschaft an Vertrauen, Einfluss und Respekt zu verlieren.

Danke für die Organisatoren des „March for Science“ in Deutschland – Eine kleine Zeremonie mit großer Bedeutung.

Spätestens jetzt wäre der Zeitpunkt gewesen umzuschalten. Wenn derartige Institutionen klagen, heisst das doch, in der Gesellschaft hat sich etwas verändert, so dass Vertrauensinstitutionen alten Schlags Probleme haben: Es handelt sich bei den Schwierigkeiten zwischen Wissenschaft und Gesellschaft nicht um ein Problem der Wissenschaft, sondern um ein Problem der Gesellschaft. Was aber hat sich geändert?. Was sind die Ursachen? Sind die Veränderungen reversibel? (Kann ich also überhaupt Vertrauen zurückgewinnen oder muss ich neue Werte stärken?) Oder gehen die Probleme in Zukunft sogar noch sehr viel weiter? Welche Wege gibt es, in dieser veränderten Gesellschaft weiterhin gebraucht zu werden (denn nur dann wird sie bereit sein, die vielen und teuren Privilegien der Wissenschaft aufrecht zu erhalten)? Wie muss ich mich selbst und mein Verhalten verändern, um dieser gewandelten Gesellschaft gerecht zu werden?

Spätestens jetzt wäre der Zeitpunkt gewesen, Fragen nach der Entwicklung der Gesellschaft zu stellen. Doch Wegner, der diese Fragen sicher auch nicht hätte beantworten, zumindest aber Erfahrungen hätte einbringen können, wurde lediglich zur Kenntnis genommen. Dabei hatte er einige bemerkenswerte Parallelen anzubieten: Alle sind Institutionen, die wenig Fähigkeit zur öffentlichen Selbstkritik mitbringen, alle sind der festen Überzeugung, etwas Gutes zu tun und wirken dadurch abgehoben, alle haben intransparente Verflechtungen mit der Politik und alle zeigen nur eine scheinbare Dialogbereitschaft mit anderen Bereichen der Gesellschaft. Könnte sich da die Wissenschaft selbst erkennen? Doch die anschließende Diskussion konzentrierte sich wieder auf den Wissenschaftler als Informationsquelle.

Zweiter Lichtblick, eher zufällig und als Schlussgag einer Rede gedacht: Prof. Wolfgang Schön, Vizepräsident der DFG, berichtete von einem syrischen Taxifahrer, der ihn vom Bahnhof zum Tagungsort gefahren hatte. Mit ihm hatte er im Smalltalk über die Ziele der Tagung gesprochen und zitierte den Mann mit dem abschließenden Rat: „Dann braucht es wohl viel Geduld und Toleranz.“ – Ein weiser Mann, er hatte erkannt, dass Kommunikation und Verständigung in solch einer Situation, wo das überkommene Vertrauensverhältnis verspielt ist, nur über gemeinsame Werte funktionieren kann. Doch das blieb für die Diskussionen und die Referenten der Konferenz in Hannover folgenlos: Vorher ging es ihnen vor allem um Ergebnisse, Fakten, Gefühle und Kommunikationshandwerk, und nachher auch.

Werte sind der Kern, wenn es darum geht, die Wissenschaft aus ihrem schwierigen Verhältnis mit der gewandelten Gesellschaft zu befreien. Wenn Ergebnisse, logische Schlussfolgerungen, ja selbst Emotionen nicht mehr zählen, helfen gemeinsame Werte als Verbindung. Elisabeth Hoffmann hat dies schön in ihrem Gastbeitrag beschrieben (Zwölf Prozent: Wissenschaftskommunikation mit Wissenschafts-Skeptikern). Doch welche Werte hat die Wissenschaft einer demokratischen Gesellschaft zu bieten? Darüber hätte es sich gelohnt zu diskutieren, denn das sind keineswegs nur Forschungsergebnisse. Dazu zählen viele andere: von der Debattenkultur bis zu Entscheidungen auf unsicherer Grundlage, von der Ausbildung hochqualifizierten Nachwuchses bis zur Unterscheidung von wahr und nicht wahr.

Das Säulenmodell der „March for Science“-Bewegung – Das Dach bilden Werte.

Noch einmal blitzte die Bedeutung der Werte auf, als nämlich die Mitinitiatorin des „March for Science“, die Bildungsforscherin Dr. Tanja Gabriele Baudson (mehr zu ihr im Blogpost: Forschungssprecher des Jahres 2017 – Sonderpreis „March for Science“) in einem eingeschobenen Kurzreferat verkündete, dass es weiter geht mit Aktivitäten und dass ein gemeinnütziger Verein „March for Science“ gegründet wurde. Sie schilderte die Themen des neuen Vereins: Wissenschaft und Gesellschaft, Wissenschaft und Bildung sowie Wissenschaft und Politik. Und überspannt werden soll dies durch eine Wertediskussion zu Freiheit und Wahrheit. Reaktion der Tagungsteilnehmer: Null.

Immerhin am Abend vorher hatte die Volkswagenstiftung den Organisatoren der über 20 „Märsche für die Wissenschaft“ in Deutschland gedankt. Eine verdiente Anerkennung für diejenigen, die kaum einmal aufgefallen sind, die teilweise ihre Karriere ausgesetzt haben, nur um bei der Organisation dieses Ereignisses dabei zu sein. Die Motivation dieser Menschen kam einmal bei der Diskusssion zur Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zum Vorschein, als der Doktorand Claudio Paganini vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam sehr eindrücklich beschrieb, welche Hürden gerade für junge Forscher aufgebaut sind, wenn sie über den Tellerrand des „Publish or perish“ hinausschauen wollen.

Was folgt? Wissenschaft in einer Echokammer. Das kann nicht gut gehen. Vor allem nicht in einer Gesellschaft, die sich ganz offensichtlich mehr und mehr vom Expertentum lossagt. Doch wie kommt sie aus dieser Meinungsblase heraus? Mit „besser kommunizieren“ allein ist es da sicher nicht getan. Die Ansätze sind dünn, das zeigte die Tagung der Volkswagenstiftung in Hannover, doch einmal konzentriert auf die Gesellschaft zu schauen und sich der Werte der Wissenschaft für die Kultur in einer demokratischen Gesellschaft bewußt zu werden. Zwar wurde an der Leibniz-Universität Hannover im letzten Jahr ein Forschungszentrum „Wissenschaft und Gesellschaft“ gegründet, doch  es beschäftigt sich vor allem mit Wissenschafts- und Hochschulforschung. Etikettenschwindel führt keinen Millimeter weiter.

Mein Fazit: So verdienstvoll es von der Volkswagenstiftung war, mit einer Tagung zum Thema „Wissenschaft braucht Gesellschaft“ den Impuls des „March for Science“ aufzugreifen, ein voller Erfolg war das wohl nicht. Wichtig aber ist: Hier hat ein maßgeblicher Player in der deutschen Forschungslandschaft das Problem erkannt (siehe dazu das Interview mit Volkswagenstiftung-Generalsekretär Dr. Wilhelm Krull: „Wissenschaft braucht die Gesellschaft“ – Offene Worte zur Wissenschaftskommunikation). Jetzt gilt es für die Volkswagenstiftung standhaft zu sein, die Echokammer der Wissenschaft mit Tagungen und Förderprojekten Stück für Stück aufzubohren. Das wäre ein wichtiger Dienst, den sie für die Zukunft der Wissenschaft in Deutschland leistet, mindestens ebenso wichtig wie die Fördergelder von über 100 Millionen Euro pro Jahr, die die Stiftung vergibt.

Das scheint auf bestem Wege zu sein. Wie Generalsekretär Krull berichtete, wollen sich die Spitzen der deutschen Forschungsorganisationen zusammensetzen um die nächsten Schritte zu besprechen. Doch das heißt dicke Bretter bohren: In seinem Schlusswort verkündete Krull stolz, dass gerade ein erster Termin gefunden worden sei: im April 2018, in fast einem halben Jahr.

 

Denkanstöße zum Verhältnis Wissenschaft und Gesellschaft gaben viele Redner bei den 22 „Märschen für die Wissenschaft“ in Deutschland. Die interessantesten sind im PDF-Reader „Die Werte der Wissenschaft“ zusammengefasst, der vom Blog „Wissenschaft kommuniziert“ herausgegeben wurde. Zum Download (2,3MB).

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