Wissenschaftskommunikation ist Chefsache – unbedingt, wenn auch anders! #Wisskom-Journalismus

Posted on 22. Januar 2019

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Blogautor Wissenschaft kommuniziertDer „Siggener Kreis“, eine Gruppe von Wissenschaftskommunikatoren und Wissenschaftsjournalisten, die sich jedes Jahr auf dem Gut Siggen unweit der Insel Fehmarn treffen, einem Tagungszentrum der Alfred Töpfer Stiftung, hat in den letzten Jahren anregende und einflussreiche Papiere zur Wissenschaftskommunikation in Deutschland verfasst, die „Siggener Impulse“, und wichtige Initiativen ergriffen, etwa die „Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR“. Der jüngste „Siggener Impuls“ aber reizt zur Diskussion, nicht etwa weil er fordert, dass Wissenschaftskommunikation angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft in der Wissenschaft „Chefsache“ sein muss – das ist sicher bei allen Aktiven der Wissenschaftskommunikation unumstritten – nein, er fordert darüber hinaus ein Bündnis aller an Wissenschaftskommunikation Beteiligten und schließt dabei ausdrücklich die Journalisten – nicht nur die Wissenschaftsjournalisten – mit ein.

Ein Bündnis der Wissenschaft mit den Journalisten, bzw. der Wissenschaftskommunikation mit den Wissenschaftsjournalisten? Ein Reizthema, bei dem viele vehement dafür sind, viele aber auch ebenso vehement dagegen. Gehören Wissenschaftsjournalisten überhaupt zum System der Wissenschaftskommunikation, oder würde eine Partnerschaft nicht vielmehr die Glaubwürdigkeit der Medien wie der Wissenschaft untergraben? Ein Thema, das ebenso heftig polarisiert wie die Frage eines Bündnisses.

Ich hatte spontan vor, den neuen „Siggener Impuls“ zu kommentieren. Doch dann stieß ich auf der Plattform „Wissenschaftskommunikation.de“ auf den Kommentar der schweizer Wissenschaftsjournalistin Heidi Blattmann, langjährige Ressortleiterin Wissenschaft der „Neuen Züricher Zeitung“, die meine eigenen Gedanken zu dem Siggener Papier so gut zusammenfasst, wie ich es mir selbst nicht zugetraut hätte zu formulieren. Ich habe Sie daher gebeten, ihren Kommentar von „Wissenschaftskommunikation.de“ in „Wissenschaft kommuniziert“ als Gastbeitrag übernehmen zu dürfen.

Dieser Gastbeitrag ist außerdem der Startpunkt einer Diskussionskampagne hier im Blog zu den Fragen, die der „Siggener Impuls“ aufgeworfen hat. Dazu mehr im Aufruf „Was trennt Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus?“ In den kommenden Wochen soll hier im Blog, auf Twitter und Facebook unter dem Hashtag „#Wisskom-Wissjourn“ alle mitdiskutieren, ob Wissenschaft ein„Bündnis“ mit den Medien braucht und ob Wissenschaftsjournalisten ein Teil des Systems Wissenschaftskommunikation sind. Als „Startschuss“ hier der Kommentar von Heidi Blattmann zum neuesten „Siggener Impuls“.

 

Ein Gastbeitrag von Heidi Blattmann, langjährige Ressortleiterin Wissenschaft der NZZ. (Foto:Feninsky)

Wissenschaftskommunikation ist Chefsache – unbedingt, wenn auch anders!

Das neue Siggen-Papier zu kommentieren ist eine echte Herausforderung, und zwar aus gleich zwei Gründen. Zum einen sträubt sich alles in mir, mich als Journalistin in eine Kategorie – die der Wissenschaftskommunikation – einzugliedern, in die ich meinem Verständnis nach nicht gehöre. Zum andern sehe ich die gesellschaftliche Situation und damit auch die Gefahren für die Wissenschaft in entscheidenden Punkten anders als die Autorinnen und Autoren des Siggener Impulses 2018. Auch wenn ich der Forderung, dass die Kommunikation im Wissenschaftsbereich Chefsache sein muss, uneingeschränkt zustimme.

Beginnen wir mit dem journalistischen Unbehagen: Würde da nicht explizit darauf hingewiesen, dass (neu) auch der Journalismus zur Wissenschaftskommunikation gehöre, würde ich das Papier wie die früheren Siggen-Dokumente als ein Text der Wissenschafts-PR lesen (eine selbstgewählte Bezeichnung des Siggen-Kreises). Und das würde absolut Sinn machen. Wünsche und Empfehlungen an andere Akteure gab es auch früher schon (an Politik und Journalisten, zum Beispiel 2017). Die zentralen Analysen und Verhaltensregeln wandten sich jedoch immer an die Kommunikatorinnen und Kommunikatoren, die aus der Wissenschaft nach außen vermitteln.

Umfassender Begriff der Wissenschaftskommunikation verwäscht die Aussagen

Nun jedoch heißt es da schwarz auf weiss, dass zur Wissenschaftskommunikation auch der Journalismus zu zählen sei. Diese Ausweitung des Begriffs liegt bei Kommunikationswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern im Trend und Anfang Oktober wurde plötzlich auch der entsprechende Beitrag in Wikipedia umgeschrieben. Die neue Auslegung steht aber im Gegensatz zum bisherigen Sprachgebrauch in der Praxis und auch im Gegensatz etwa zum Selbstverständnis dieser Webseite hier, auf der ich schreibe und die den Begriff im Titel führt.

Dieser alt-neue Begriff der Wissenschaftskommunikation soll zudem (laut Wikipedia) nicht mehr nur die Kommunikation aus der Wissenschaft (PR) und neu den Journalismus umfassen, sondern jegliche Kommunikation in, aus und über Wissenschaft. Dazu zählen auch Romane, Unterhaltungs-Filme, Gutachten und eine Vielzahl weiterer Kanäle, inklusive den Schulen. Lese ich den Text nun mit dieser neuen „Brille“, heißt das: Ich muss jede Aussage zur Wissenschaftskommunikation auf ihre Gültigkeit für diese verschiedenen Kanäle prüfen.

Das funktioniert für den Journalismus allerdings an nur ganz wenigen Stellen. Die meisten Aussagen ergeben nur einen Sinn, wenn man sie auf die Kommunikation aus der Wissenschaft (die PR) bezieht. Und für den PR-Bereich sind sie durchaus wichtig, auch wenn man im Einzelnen unterschiedlicher Meinung sein kann. Was aber etwa soll ein (Wissenschafts-)Journalist oder eine Bestsellerautorin mit der Aussage anfangen, dass ihr Handwerk nur dann gut und redlich sein könne, „wenn die Wissenschaft, um die es geht, gut und redlich ist“? Solche Probleme haben vermutlich auch die Siggener Autorinnen und Autoren (zum überwiegenden Teil übrigens aus der Wissenschaft und der Wissenschafts-PR) gesehen. Wohl deshalb sind nun leider viele Aussagen sehr allgemein und damit etwas verwaschen – ein Vexierbild, in das man vielerorts hineinlesen kann, was man will. Dies ist bedauerlich, besonders wenn man den Text mit den konkreteren Aussagen der letzten Jahre vergleicht.

Bündnis von Wissenschaft und Journalismus lässt alle Warnlampen blinken

Diese Umdeutung des Begriffs Wissenschaftskommunikation schadet aber nicht nur der Aussagekraft des Siggener Impulses von 2018, sondern der Kommunikation aus der Wissenschaft insgesamt! Denn die Wissenschaft kommt letztlich in den Verdacht, dass sie die Unabhängigkeit anderer Meinungen, insbesondere der Medien, nicht wirklich respektiert, wenn sie den Unterschied zwischen der interessengeleiteten (weil von ihr finanzierten) Kommunikation aus der Wissenschaft und unabhängiger Berichterstattung über Wissenschaft verwischt. Die (mit großen Summen dotierte) Wissenschaft, so sehr sie auch guten, unabhängigen Wissenschaftsjournalismus schätzt und ihm immer wieder Anerkennung zollt, darf diesen zudem nicht fördern. Auch nicht vorsichtig, selbst wenn der Qualitätsjournalismus um Ressourcen kämpfen muss. Sonst zerstört sie genau das, was sie so lobt und was sie stärken will. Beinahe jede Förderung, die funktioniert, erzeugt auch eine Abhängigkeit und führt im Journalismus damit zu einer Schwächung der Kontrollfunktion, einer wichtigen Aufgabe der Medien.

Es gäbe da noch viel zu sagen, etwa, dass auch Journalismus Geldquellen hat, nur andere, dass er die Konsumenten nicht ignorieren kann, dass es eine Vielzahl von Spielarten des Journalismus gibt und auch, dass manche Journalisten (auch sie keine Engel) nicht nur gute Erfahrungen mit Forschenden gemacht haben, weil auch diese gelegentlich Druck ausüben. Journalisten legen nicht umsonst Wert auf Unabhängigkeit vom Gegenstand ihrer Berichterstattung. Der Siggener Aufruf zu einem thematischen Bündnis und Informationsnetzwerk, um „schneller und strategisch abgestimmt auf politische Fragen und auf manipulative Kampagnen zu reagieren“, lässt deshalb alle Warnlampen blinken. Und dort, wo das Vertrauen in die Institutionen bröckelt, dürfte eine solche Vermischung der Interessen die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft gar beschädigen.

Die gesellschaftlichen Veränderungen sind komplexer

Dieses Bündnis begründet der neue Siggener Impuls mit der Erosion des gesellschaftlichen Konsenses, dass Wissenschaft das nach objektiven Kriterien beste verfügbare Wissen über die Welt zur Verfügung stelle. Und damit sind wir bei der anderen Seite des Themas. Es wird auf Desinformationskampagnen oder Fake News verwiesen, und dass die Wissenschaft in Krisensituationen noch viel zu langsam reagiere. Gezielte Kampagnen, so liest man in der Einleitung, könnten heute große Teile der Gesellschaft beeinflussen und so die Aussagen der Wissenschaft über die Beschreibung der Welt in Frage stellen und neue, ihnen genehme Wirklichkeiten konstruieren. In dieser Situation werde ein Business-as-Usual in der Wissenschaftskommunikation der Situation nicht mehr gerecht.

Sowohl im Hinblick auf die Gesellschaft als auch auf die Position der Wissenschaft in ihr, habe ich eine etwas andere Sicht. Selbstverständlich hat die Beschleunigung und Globalisierung der Information durch Internet und Social Media einen nachhaltigen Einfluss auf die Gesellschaft. Und auch ich nehme die für die Demokratie zum Teil gefährliche Polarisierung der Politik wahr. Sie erschwert in einer immer komplexeren Welt konstruktive und sachbezogene Auseinandersetzungen. Aber Desinformation und Fake News hat es immer schon gegeben.

Es ist übrigens Donald Trump, der dem Begriff Fake News eine neue Karriere verschafft und ihn ins Gegenteil verdreht hat. Er nutzt ihn als Totschlagargument GEGEN die Qualitätsmedien. Ein Kampf gegen Fake News wäre genau genommen (laut Trump) also ein Kampf gegen die Qualitätsmedien – ein Grund, um diesen Begriff zurückhaltend einzusetzen.

Doch unabhängig von Begriffen und ihren Umdeutungen ist klar, dass wir uns zurzeit in einer tiefergreifenden gesellschaftlichen Umwälzung befinden. Noch ist schwer absehbar, wohin diese führt. Die Ursachen dafür liegen jedoch nicht nur in der Beschleunigung des globalen Informationsflusses und den Meuen Medien – auch wenn die Beschleunigung dazu beigetragen hat; und diese durch die neue Medienwelt mitverursacht wird.

Kann ein übergreifendes Bündnis zur Wissenschaftskommunikation die Demokratie stärken?

Mit der Umwälzung einher geht, dass sich wichtige Institutionen der Gesellschaft – über Jahrzehnte wenig hinterfragt – neu behaupten müssen. Das dürfte auch auf die Wissenschaft zukommen. Es geht nicht zuletzt auch um die Demokratie. Und hier hat die Wissenschaft eine wichtige Rolle zu spielen – auch das soll nicht bestritten werden. Ebenso klar ist, dass die Qualitätsmedien, wie wir sie kennen, in Gefahr sind und neue Modelle finden müssen.

Anderes bleibt in der Analyse des Siggener Kreises jedoch völlig unerwähnt. So sind zum Beispiel Geld und Ökonomie zwei wichtige Faktoren für die Wissenschaft und deren Entwicklung ebenso wie für die gesellschaftlichen und zeitgeistigen Verwerfungen. In Siggen 2018 war beides leider nicht mehr auf dem Radar. Und das sind auch nicht die einzigen Faktoren, die mit zu den Umwälzungen führen. Eine simplizistische Sicht, dass es nur schlecht ausgebildete Menschen seien (welche unter anderem die Wissenschaft nicht verstünden), die sich von demokratischen Traditionen abwenden, wäre nicht nur hocharrogant, sondern sicherlich ebenso falsch. Es ist daher mehr als fraglich, ob ein übergreifendes Bündnis zur Wissenschaftskommunikation die Demokratie stärkt.

Eine Kultur der Genauigkeit, Transparenz, Fairness, Redlichkeit und Bescheidenheit

Aus all diesen Gründen ist Wissenschaftskommunikation – und da bin ich ganz bei den Siggen-Autoren – Chefsache, und muss es sein!

Allerdings geht es nicht allein darum, dass die Chefs in der Wissenschaft den Kommunikatorinnen und Kommunikatoren Freiraum und Rückendeckung geben. Die zentrale Aufgabe der Chefs ist es, eine Kultur in ihren Institutionen – und zusammen auch institutionsübergreifend – zu schaffen und zu fördern, welche die Wissenschaft nicht als Macht und Institution im Besitz der Wahrheit begreift, sondern als einen Weg zum Erkenntnisgewinn, der immer auch fehlerhaft sein kann und vorläufig ist. Eine Kultur, zu der neben wissenschaftlicher Genauigkeit und Transparenz nicht zuletzt auch Fairness, Redlichkeit und Bescheidenheit gehören. Eine Kultur, die man nicht durch ein kompliziertes System von Anreizen schaffen kann, sondern für die Persönlichkeit und Vorbild an der Spitze unerlässlich sind. Nur so ist Wissenschaft auf Dauer glaubwürdig.

In dieser Kultur müsste auch versucht werden, die Probleme, die auf die Wissenschaft zukommen, unabhängig von den eigenen Finanzierungssorgen vertieft zu analysieren. Vor allem gilt es auch über jene Aspekte zu reden, die innerhalb des Wissenschaftssystems angegangen werden können und müssen, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Dass die Kommunikatorinnen und Kommunikatoren einen wichtigen Beitrag dazu leisten, diese Kultur zu stärken, versteht sich von selbst. Ebenso, dass Mitarbeitende, die sich in dieser Kultur wohl fühlen, die ehrlichsten und überzeugendsten Botschafterinnen und Botschafter nach außen sind. Aber ohne das persönliche Engagement der Chefs können sie das alle nicht. Dies ihren Chefs klarzumachen, dürfte mancherorts eine zentrale Aufgabe der Kommunikatorinnen und Kommunikatoren sein.

Heidi Blattmann hat nach einem Abschluss in Theoretischer Physik an der ETH Zürich und später in Religionsgeschichte und Ethnologie ihr Berufsleben im Journalismus verbracht – seit 1986 bei der Neuen Zürcher Zeitung. Im Zentrum standen Themen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Von 2001 bis Ende 2008 hat sie die derzeitige Wissenschaftsredaktion der NZZ aufgebaut und geleitet.