Die „Wissenschafts-Blogs des Jahres 2018“ sind gewählt: Theorie ist Gold!

Posted on 15. Januar 2019

3


 

Die „Wissenschafts-Blogs des Jahres 2018“ sind gewählt.

Jedes Blogautor Wissenschaft kommuniziertJahr wartet die Wahl der „Wissenschafts-Blogs des Jahres“ wieder mit neuen Überraschungen auf. Da lag 2017 etwa kein deutscher Blog, sondern der Blog der bekanntesten Hochschule des Nachbarlandes Schweiz ganz vorn in der Lesergunst, der „Zukunftsblog“ der ETH Zürich, 2016 war es ein Nachrichten-Blog: „Wissenschaft-aktuell„, wo Wissenschaftsjournalisten ein Newsportal aus der Wissenschaft liefern, und 2015 gar verwies der kleine, sehr gut gemachte Blog „Archaeologik“ sogar den Wissenschaftsblog „Planckton“ der großen Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf den zweiten Platz (der allerdings im Jahr 2012 bereits Sieger war). Zum achten Mal haben die Leser von „Wissenschaft kommuniziert“ über den „Wissenschafts-Blog des Jahres“ entschieden.

Hier die Ergebnisse, wieder gab es eine Überraschung:

„Wissenschafts-Blog des Jahres 2018“ ist der „Theorie-Blog“ des Instituts für Politische Wissenschaft der Universität Hannover, den ein Team von Kollegen betreibt. Die Theoretiker können ihren Blog in Zukunft mit dem „Wissenschafts-Block“ in Gold schmücken.

 

Zweiter der Wahl wurde ein guter Bekannter: Der „Zukunftsblog“ der ETH Zürich, der im vergangenen Jahr noch ganz vorn gelegen hatte. Er erhält den „Wissenschafts-Block in Silber“.

 

Dritter schließlich wurde ein kleiner, fachlich spezieller Blog einer Wissenschaftskommunikatorin: „Mikrobenzirkus“ von der begeisterten Mikrobiologin Susanne Thiele, Pressesprecherin des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig. Sie darf für ihren Blog in Zukunft den „Wissenschafts-Block“ in Bronze in Anspruch nehmen.

Den „Sonderpreis der Redaktion“ erhält in diesem Jahr der interessante, amüsante und bewegende Blog „Baking Science Traveller“ der Mathematikerin Isabelle Beckmann. Ein ganz spezieller, persönlicher Blog, der ihre Faszination für Wissenschaft darstellt und zugleich zeigt, wie sie dieses Interesse mit ihrem täglichen Leben als Mutter verbindet.

 

Nichts Neues bei den Blog-Teufelchen der Wissenschaftskritik

Zum Blog-Teufelchen der Wissenschaftskritik wurde auch dieses Mal wieder der Blog „Hausmittel-Hexe“ gewählt, ein Blog, bei dem jedem echten Mediziner die Haare zu Berg stehen, etwa wenn der Autor so tut, als ob Hausmittelchen gegen Alzheimer helfen könnten.

Auf den Sonderpreis der Redaktion wurde hier in diesem Jahr verzichtet. Er hätte wieder, wie im letzten Jahr, an den Blog gwup|die skeptiker gehen müssen, der sich leider noch immer als Einziger unter den hunderten seriösen Wissenschaftsblogs ernsthaft mit den Wissenschaftsskeptikern auseinandersetzt – ein großes Manko der Wissenschaftskommunikation in Deutschland.

Doch nun zu den Blogs im Einzelnen:

Der „Wissenschafts-Blog des Jahres 2018“:

Der Theorieblog der Leibniz-Universität Hannover erhält Gold

Ein Forum für politische Theorie, Philosophie und Ideengeschichte, 2010 ins Leben gerufen von vier jungen Politikwissenschaftlern in Hannover, heute ein bundesweites Netzwerk. Ziel: Der deutschsprachigen Theorie-Community einen Ort zu bieten, der Information, Austausch und Diskussion ermöglicht.  Wissenschaftliche Ideen können hier genauso diskutiert werden wie tagespolitische Ereignisse oder die Befindlichkeiten der Disziplinen. Sein Anliegen: Gleichermaßen nützliche Information zu bieten wie anregende Reflexion.

So finden sich Ankündigungen zu interessanten Tagungen, etwa im Januar in Dresden zu der gerade auch für die Wissenschaftskommunikation spannende Frage, ob angesichts der sich wandelnden Welt auch eine neue Begrifflichkeit für Öffentlichkeit gefunden werden muss, ebenso wie eine tiefgehende Analyse der Tweets von der Tagung der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaften (immerhin 3682 Tweets!) und natürlich ein inhaltlicher Bericht. Ein reiner Wissenschaftsblog, der gar nicht versucht populär zu sein, und dem es dennoch gelingt, durch seine Vielseitigkeit für interessierte Außenstehende attraktiv zu sein. Wieder einmal eine überraschende, aber durchaus stimmige Wahl unserer Leser.

Der „Wissenschafts-Blog des Jahres 2018“ in Silber:

Der „Zukunftsblog“ der ETH Zürich auf dem zweiten Platz

Die ETH Zürich ist ohne Zweifel eine der renommiertesten Universitäten Europas. Sie will mit dem „Zukunftsblog“ ihre Kompetenz für eine Zukunft mit Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Gesundheit unterstreichen. Der „Zukunftsblog“ war 2017 bereits „Wissenschafts-Blog des Jahres“, im Jahr vorher ebenfalls zweiter der jährlichen Wahl. Im Mittelpunkt des Blogs stehen Nachrichten und Meinungen von Wissenschaftlern zu den Themen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Gesundheit.

Redakteur: Michael Keller

Naturgemäß enthält er Informationen vor allem aus der  ETH-Forschung. Hier berichten die Beteiligten selbst – vom Doktoranden bis zum Professor, auch anderer Hochschulen – umso höher ist das Niveau der Darstellung einzuschätzen: spannend, verständlich, inhaltsreich und direkt aus dem Forscherleben gegriffen. Der Zukunftsblog der ETH ist ein Musterbeispiel, wie eine Hochschule, ein Forschungsschwerpunkt oder ein Institut mit etwas Engagement der Beteiligten Blogs für die Kommunikation nutzen kann. Voraussetzung dafür ist sicherlich ein Redaktionsteam, das sich um Themen, um Beiträge und um die attraktive Aufarbeitung der Posts kümmert.

Der „Wissenschafts-Blog des Jahres 2018“ in Bronze:

Mikrobenzirkus“ von Susanne Thiele auf Platz drei

Kann man sich für winzige Plagegeister begeistern, wie Bakterien, Viren, Pilze usw.? Man kann! Und wie, das führt Susanne Thiele vor. Die Mikrobiologin ist fasziniert von den winzigsten Organismen und schafft es, diese Begeisterung an die Leser ihres Blogs weiterzugeben: Sie erzählt Geschichten, etwa vom Sauerkraut, sie zeigt wunderschöne Bilder, etwa die unterschiedlichsten Mikroben auf Agarplatten in leuchtenden Farben (übrigens auch auf Instagramm) und sie variiert das Thema Mikroben tatsächlich so kreativ und vielfältig wie ein Zirkusprogramm.

Bloggerin: Susanne Thiele.

Man mag eine Abscheu gegen die Kleinstorganismen haben (die andererseits so lebenswichtig für uns sind), man kommt aber nicht an ihren attraktiven Seiten vorbei, die die Bloggerin in ihrem Ideenreichtum und ihrem Engagement jeweils neu erfindet. Das ist ein gut gemachter, optisch attraktiver Blog, wie man sich ihn als Blogger wünscht, und der in der Lage ist, eine in der Öffentlichkeit meist nur mit Krankheiten verbundene Disziplin aus den negativen Assoziationen herauszuholen. Da wiederum kommt Susanne Thiele ihr privater Blog auch beruflich zugute, denn sie ist Pressesprecherin des Helmholtz-Instituts für Infektionsforschung in Braunschweig.

 

Sonderpreis der Redaktion zum „Wissenschafts-Blog des Jahres 2018“:

Baking Science Traveller ist wirklich ein ganz besonderer Blog: Da macht die Mathematikerin Isabelle Beckmann ihre drei Hobbies zum Blog-Thema: Backen, Wissenschaft und Reisen – und verbindet alle drei. Herausgekommen ist dabei ein Blog, der zeigt, dass Wissenschaft irgendwie nah am Menschen und seinem Leben ist, nicht nur funktionierende Ergebnis-Produktion. Da wird dann in Memoriam zum 77. Geburtstag von Stephen Hawking ein Kuchenrezept veröffentlicht: „Der Brownie Nebel, lokalisiert im Sternbild der Kakaobohne!“, angereichert mit Aphorismen des verstorbenen Astrophysikers. Das Leben ist bunt, Isabelle Beckmann macht die Wissenschaft bunt und menschlich. Da kommen natürlich Erklärungen und fassbare Beschreibungen nicht zu kurz, von Eulers Graphentheorie bis zu den Gravitationswellen. Kurzum: Ein Blog, der nie langweilig wird, Wissen mit Genuss verbindet und von der Begeisterung der Autorin lebt. Einziger Nachteil vielleicht, dass man die schön fotografierten Werke von Isabelle Beckmann nicht riechen und schmecken kann ;-).

Die Kandidaten – Gute Beispiele für Wissenschaftsblogs

Die Wahl zum „Wissenschafts-Blog des Jahres“ hat ja nicht nur das Ziel, die beliebtesten Wissenschafts-Blogs zu finden und mit Gold auszuzeichnen, sondern auch aufmerksam zu machen auf Beispiele von Blogs zur Wissenschaft, die es sich anzuschauen lohnt oder mit denen man sich auseinandersetzen sollte. Daher die Liste von über 20 Kandidaten.

Gute Beispiele, da sollen die Nächstplatzierten nicht unter den Tisch fallen, schon allein weil es sich lohnt, sie anzuschauen. Hier die Liste der weiteren sieben Blogs auf den Plätzen vier bis zehn – in alphabetischer Reihenfolge, ohne Wertung:

  • adhibeo. „Der Wissenschaftsblog der Hochschule Fresenius“: Alles zu Wissenschaft und zum Beruf Wissenschaft.
  • Archaeologik: „Wissenschaftlich orientiertes Blog zu kritischer Archäologie und Denkmalschutz“: Archaeologe Rainer Schreg beleuchtet aktuelle Fragen der Archaeologie.
  • Baking Science Traveller: Der originelle Blog der Mathematikerin hat viele Freunde, nicht nur die Redaktion ist angetan, sondern auch viele Leser von „Wissenschaft kommuniziert“. Also Top-Ten.
  • Der Blog der großen Fragen: Die großen Fragen der Wissenschaft brauchen nach Ansicht des Lehrers Axel Stöcker viele kleine Antworten: Anregendes Nachdenken über Wissenschaft.
  • Jülichblogs: „Die Blog-Plattform des Forschungszentrums Jülich, einem der größten Forschungszentren Europas“: Bunt und informativ.
  • Pfahlbauten-Blog: Der Blog des Kuratoriums Pfahlbauten: Aktuelles und Hintergründe zu den prähistorischen Pfahlbauten rund um die Alpen.
  • Quark und so: „Was die Medien anrichten“: Medienkritik am Beispiel Ernährungswissen von der Journalistin Johanna Bayer.

Und das Blog-Teufelchen:

Das Blog-Teufelchen ist keineswegs zweite Wahl. Als wir bei den ersten Wahlen zum Wissenschafts-Blog des Jahres feststellten, wie viele Menschen sich für Veröffentlichungen im Namen der Wissenschaft begeistern, die mit Sicherheit nicht auf dem Boden wissenschaftlicher Fakten stehen, haben wir zugleich auch ein großes Defizit der Wissenschaftskommunikation entdeckt: Die Wissenschaftsskeptiker. Über sie wird in der Wissenschaftskommunikation viel zu wenig nachgedacht (mehr dazu im Blogpost „Teufelchen und Wissenschaft – Ich habe gelernt“ vor vier Jahren).

Das Blog-Teufelchen wurde geschaffen, um auf diese Zielgruppe aufmerksam zu machen. Denn das sind in der Bevölkerung gar nicht so wenige, wenn man dem „Wissenschaftsbarometer“ glauben darf, etwa genau so viele, wie die Fakten der Forschung ohne Wenn und Aber akzeptieren. Und auf diejenigen, die sich mit diesen Wissenschaftsskeptikern auseinandersetzen, und das ist nur ein Blog, viel zu wenige: Der Blog gwup | die skeptiker, und da kann man sich fragen, ob er das mit den richtigen Mitteln tut.

Um auf diese Situation aufmerksam zu machen, den Nachholbedarf herauszustellen, wurde das „Blog-Teufelchen“ geschaffen. Auch diese Blogs sollte man sich ansehen, um zu ermessen, was alles unter der Flagge „Wissenschaft“ in der Öffentlichkeit segelt.

Das „Blog-Teufelchen der Wissenschaftskritik 2018“ geht an:

Hausmittel Hexe“. Zur „Hausmittel-Hexe“, die bereits 2017 mit dem Blog-Teufelchen „ausgezeichnet“ wurde, lässt sich in diesem Jahr nicht viel Neues sagen. In diesem Blog geht es um Gesundheit um jeden Preis, da werden – wohlgeordnet im Aufbau, aber in der Wirksamkeit wild durcheinander – Kräuter, Lebensweisen und Tinkturen gegen weit über 100 verschiedene Krankheiten empfohlen – vom Hautjucken über Haarausfall bis zu Alzheimer. Immerhin sind die schlimmsten Ausrutscher („Himbeeren gegen Krebs“) offensichtlich bei einem Relaunch beseitigt worden, nicht mehr ganz so aufdringlich ist die Werbung für einschlägige Bücher oder Potenzmittel. Durchgehend aber ist die Überzeugung geblieben, dass es gegen praktisch alle Wehwehchen, und seien sie von Hund und Katze, ein Hausmittelchen gibt – bloß nicht der Schulmedizin oder einem Arzt vertrauen. Adresse und Sitz des Blogs schließlich ist in Singapur – so vermeidet man jede rechtliche Hürde, andererseits steht die Website „aus Zeitgründen“ auf der Website-Börse für 99.999 Euro zum Verkauf. Es scheint ein „Hobby“ mit guten Erträgen zu sein.

Schlagen Sie Ihren Lieblings-Wissenschaftsblog vor!

Alle drei Gewinner der Wahl zum „Wissenschafts-Blog des Jahres 2018“ waren einmal Newcomer, nicht entdeckt von der Redaktion, sondern vorgeschlagen von Lesern dieses Blogs. Deshalb mein Aufruf: Schlagen sie Ihren Lieblings-Wissenschafts-Blog vor, und zwar als Kommentar – hier zu diesem Beitrag oder zum Wahlaufruf. Aus Gründen der Transparenz werden – außer den Vorschlägen der Redaktion – nur Blogs bei der nächsten Wahl berücksichtigt, die als öffentliche Kommentare an diesen beiden Stellen vorgeschlagen werden – aber sie werden berücksichtigt! Die Wahlzettel stehen übrigens noch offen, damit Sie die aktiven Links zum Ansehen der Kandidaten nutzen können, aber sie werden natürlich nicht mehr ausgewertet.

Mehr Interesse für die „Wissenschafts-Blogs des Jahres 2018“

Noch kurz etwas für die Statistiker: Mit 3.498 Stimmen fanden die „Wissenschafts-Blogs des Jahres 2018“ deutlich mehr Interesse als in den Vorjahren. Wieder schafften nur drei Blogs einen zweistelligen Prozentanteil der Stimmen, bei den anderen Kandidaten ging es ziemlich eng zu. So lagen zwischen dem zehnten – noch hier erwähnten Wissenschafts-Blog und dem elften nur zwei Stimmen. Aber Mehrheit ist Mehrheit. Sehr viel ausgeglichener ging es bei der Wahl zum „Blogteufelchen der Wissenschaftskritik“ zu.

Dies war die achte Wahl zum „Wissenschafts-Blog des Jahres“. Standen früher vor allem die großen Wissenschafts-Blogs mit hohen Zugriffszahlen im Mittelpunkt, etwa (der nach allen zugänglichen Quellen Marktführer) „Astrodicticum Simplex“ oder die Wissenschafts-Blogs großer Medien und Organisationen, etwa der FAZ-Blog „Planckton„, so sind es heute die thematisch kleineren Blogs, meist von engagierten Einzelpersonen oder von Gemeinschaften betrieben, die ein Thema fördern wollen. Aus Sicht der Redaktion ist das eine gute Entwicklung, denn vor allem geht es mit dieser Wahl darum, unbekannte, gute Blogs aus der Fülle der Websites ans Licht zu holen und damit Ideen und Aufbereitung bekannt zu machen. Um dies aber so fortzusetzen, brauchen wir weiter viele Vorschläge von unseren Lesern. Also bitte: Melden Sie sich.