Teufelchen und Wissenschaft – Ich habe gelernt

Posted on 28. Januar 2015

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Qualität oder Popularität -  Über die Unterschiede von Wissenschaft und Gesellschaft

Qualität oder Popularität – es gibt deutliche Unterschiede zwischen Wissenschaft und Gesellschaft (Foto: Wikimedia Commons)

In den letzten Wochen musste ich einiges über mich ergehen lassen, von Menschen, die ich eigentlich sehr hoch schätze: Kritik an meinem Blog, persönliche Beschimpfungen – vor und hinter den Kulissen –, Vorwürfe, ich sei unseriös, und deutliche öffentliche Ankündigungen (oder Aufforderungen?), dass man lieber nichts mit mir zu tun haben wolle.

Doch kein Selbstmitleid: So ist das nun einmal, wenn man den Kopf aus dem Fenster streckt, dann muss man auch damit rechnen, im Regen nass zu werden. Der Kopf aus dem Fenster – das ist die Wahl zum „Wissenschaftsblog des Jahres“, die ich seit vier Jahren veranstalte und die wachsende Aufmerksamkeit in der Szene gewinnt. Dabei treten Blogs im klassischen Sinne der Wissenschaft mal direkt, mal getrennt gegen Blogs an, die alles andere als wissenschaftlich sind, sich aber mit dem Wort „Wissenschaft“ schmücken. Warum ich das tue? Zwei Welten miteinander zu vergleichen, die sich eigentlich in leidenschaftlicher Ablehnung gegenüberstehen. Nun, weil man dabei sehr viel lernen kann. Lernen über Strömungen in unserer Gesellschaft, lernen über Wissenschaft und Wissenschaftler und vor allem über das Verhältnis dieser Gesellschaft zur Wissenschaft. Und dieses Verhältnis Gesellschaft-Wissenschaft ist – wenn man es ernst nimmt – das Fundament der Wissenschaftskommunikation.

Wissenschaft lebt und arbeitet in unserer Gesellschaft, für diese Gesellschaft und von dieser Gesellschaft. Deshalb braucht Wissenschaft diese Gesellschaft. Auf der anderen Seite braucht natürlich auch die Gesellschaft die Wissenschaft, ganz wesentliche kulturelle Werte, unser Weltbild, unser Wissen, und nicht zuletzt ein guter Teil des Wohlstands und unserer Zivilisation beruhen auf Wissenschaft. Am besten hat dieses gegenseitigeseitige Abhängigkeitsverhältnis wohl die Wissensgesellschaft GDNÄ vor zweieinhalb Jahren in einem Tagungsmotto auf den Punkt gebracht: Gesellschaft braucht Wissenschaft – Wissenschaft braucht Gesellschaft.

32 Prozent Wissenschafts-Skeptiker - "Die Menschen vertrauen zu sehr der Wissenschaft und nicht genug ihren Gefühlen und dem Glauben." (Quelle: WiD)

32 Prozent Wissenschafts-Skeptiker – „Die Menschen vertrauen zu sehr der Wissenschaft und nicht genug ihren
Gefühlen und dem Glauben.“ (Quelle: WiD)

Nun haben aber Wissenschaftler – und meist auch Wissenschaftskommunikatoren – in der Gesellschaft vor allem nur diejenigen im Blick, die sich für Wissenschaft interessieren, die sie als wichtigen und generell positiven Faktor unserer Gesellshaft sehen. Das aber ist – wie repräsentative Umfragen zeigen – in unserem Land eher die Minderheit. Nehmen wir das Wissenschaftsbarometer von „Wissenschaft im Dialog“: In keiner der entscheidenden Fragen geht die Zahl der Wissenschafts-Befürworter über 50 Prozent. Der Rest sind Gleichgültige oder Wissenschafts-Skeptiker (dabei handelt es sich zudem um Selbstauskünfte, also die Befragten behaupten von sich selbst, sich für Wissenschafts zu interessieren, Wissenschaftlern zu glauben usw. – ob sie es wirklich tun, kann nicht nachgeprüft werden). Sogar ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland ist der Meinung: „Die Menschen vertrauen zu sehr der Wissenschaft und nicht genug ihren Gefühlen und dem Glauben.“ Mindestens ein Drittel also ist Wissenschafts-skeptisch! In einer Demokratie eine gehörige Minderheit. Soll Wissenschaft an diesen Menschen vorbei gehen? Das wäre ein großer Fehler.

Denn wenn Wissenschaftskommunikation die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft darstellt, dann muss sie eine so große Minderheit im Auge haben. Was aber wissen wir über diese Menschen? Ich denke, herzlich wenig, und da will ich mich persönlich gar nicht ausnehmen. Nur vielleicht so viel: Es sind wahrscheinlich nicht die Leser von „bild der wissenschaft“, wohl kaum die regelmäßigen Besucher der Wissenschaftsseiten und Wissenschaftsjournale, die Betrachter von Wissenschaftssendungen im Fernsehen oder der Wissenschaftsnachrichten im Internet, ob „Spiegel online“ oder in den „Helmholtz-Blogs“. Diese Menschen holen sich ihre Informationen und Interpretationen in Medien und auf Blogs im Esoterischen, Pseudowissenschaftlichen, Ideologischen, Anonymen, Skeptischen, voreingenommen Antiwissenschaftlichem wie „Grenzwissenschaft-aktuell“, „EIKE“, „Kalte Sonne“, „Kritische Wissenschaft“ oder „Science Skeptical“. Diese Medien existieren und haben großen Zuspruch – die große Zahl Wissenschafts-skeptischer Bürger, die etwa im Wissenschaftsbarometer aufscheint, ist keineswegs nur eine statistische Größe, die man übersehen könnte. Das war die erste Lehre, die ich aus den Wahlen des „Wissenschafts-Blogs des Jahres“ gezogen habe.

"Blogteufelchen" sind viele - Engagiert und begeisterungsfähig gegen Wissenschaft.

„Blogteufelchen“ gibt es viele – Engagiert und begeisterungsfähig gegen Wissenschaft.

Und noch etwas musste ich erfahren, durch Kommentare zu den Wahlen und zu den Ergebnissen, aber teils auch durch heftige E-Mail Diskussionen hinter den Kulissen: Das Engagement und die Begeisterungsfähigkeit, also das emotionale Potenzial der Wissenschafts-Skeptiker ist enorm. Das zeigt die Zahl der Stimmen, die auf diese Blogs entfielen, das zeigt auch der Verlauf der Stimmabgabe: An Wochenenden oder abends, und sogar nachts, wenn bei den wissenschaftskonformen Blogs (die werden eher zu Business-Zeiten gelesen) die große Flaute herrschte, da kamen die Stimmen der Wissenschafts-Skeptiker. Und außerdem sind sie diskutierfreudig und erst recht nicht konfliktscheu, wie die ungezählten Kommentare und Mails belegen. Vieles im Verhalten der Wissenschafts-Skeptiker erinnert an die oft zitierten „Wutbürger“. Und was derart engagierte Minderheiten bewegen können, zeigen Beispiele wie „Stuttgart 21“ oder in jüngster Zeit die furchtbaren „Pegida“-Auftritte.

Ich denke, Wissenschaftskommunikation sollte gesellschaftliche Strömungen der Wissenschafts-Skepsis ernst nehmen. Es sind keine Randgruppen, sie sind keine vorübergehende Erscheinung, dazu sind sie zu viele und außerdem spricht ihr großes Engagement auch für gehörige politische Durchschlagskraft – wenn einmal die goldenen Zeiten des politischen Höhenflugs der Wissenschaft vorbei sind. Wie es dann bei uns aussehen könnte, führt die Kreationismus-Debatte in den USA drastisch vor Augen.

Eine Auseinandersetzung mit den Wissenschafts-Skeptikern aber im belehrenden „Wir wissen es besser“-Stil, wie ihn etwa die GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaften) pflegt, ist da sicher nicht hilfreich. Denn dieses Vorgehen geht vom Defizit-Modell aus (also der Vorstellung, dass die Ursache für Skepsis gegenüber Wissenschaft mangelndes wissenschaftliches Wissen wäre) und dies hat sich inzwischen als falsch erwiesen. Viel wichtiger wäre es, die Motive zu hinterfragen: Was bewegt diese Menschen? Welche Vorstellungen, Ziele, Motivationen, Werte haben sie? Auf welche Argumente sprechen sie an? Doch da gibt es bisher kaum etwas. Hier müssen Sozialwissenschaften ansetzen, auch Instrumente wie das WiD-Wissenschaftsbarometer könnten Hilfestellung leisten. Auf jeden Fall müssen wir mehr über die Wissenschafts-Skeptiker wissen. Sie sind eine unentdeckte gesellschaftliche Kraft – tatsächlich sogar eine „schweigende Mehrheit“?.

Lernen über Wissenschaft und Wissenschafts-Skeptiker - Wahl zum Wissenschafts-Blog des Jahres.

Lernen über Wissenschaft und Wissenschafts-Skeptiker – Wahl zum Wissenschafts-Blog des Jahres.

Ich staune immer wieder, was man nicht aus einer Wahl zum „Wissenschafts-Blogs des Jahres“ lernen kann, worauf man nicht alles durch die – zugegebenermaßen oft mühsamen – Diskussionen stößt! Und nicht nur über die Wissenschafts-Skeptiker habe ich etwas gelernt, sondern auch über Wissenschaft und Wissenschaftler (und das nach über 40 Jahren Beschäftigung mit der Materie!). Aber eigentlich ahnte ich das schon vorher und es wurde mir jetzt eindrücklich bestätigt: Schon kurz nach der PUSH-Initiative im Jahr 1999 habe ich in einem Editorial von „bild der wissenschaft“ kommentiert, dass es eigentlich genauso wichtig wäre, neben einer „Public Understanding of Science and Humanities“-Initiative, eine SUP- oder eine SUS-Initiative ins Leben zu rufen (gemeint als „Science Understanding of Public“ – oder besser noch „of Society“).

Daran musste ich jetzt immer wieder denken. Denn natürlich habe ich um Ausschreibung und Ergebnisse nicht nur mit Wissenschafts-Skeptikern diskutiert, sondern auch mit Wissenschaftlern oder wissenschaftsnahen Partnern. Und da hat sich gezeigt: Viele von ihnen (löbliche Ausnahmen existieren!) verstehen überhaupt nicht, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Und vor allem nicht, dass diese Gesellschaft ganz anders funktioniert als die Wissenschaft: In dieser Gesellschaft geht es nicht darum, wer recht hat, sondern wer mehr Menschen auf seinen Weg mitnehmen kann. Hier zählen nicht die besseren Argumente, sondern die Mehrheiten. Hier spielen Emotionen eine viel wichtigere Rolle als Erkenntnisse, Sachargumente sind wichtig, aber allein kaum ausschlaggebend. Hier geht es nicht um wohlabgewogene „richtige“ Entscheidungen, sondern um Aktionen, mit denen Medien und Wähler zu überzeugen sind. Hier zählt auch nicht die Wahrheit (vulgo: Wirklichkeit), sondern der durchsetzungsfähige Kompromiss.

Nur ein kleines Beispiel, woran sich die Unterschiede in den Funktionsweisen von Wissenschaft und Gesellschaft immer wieder in den Diskussionen um den „Wissenschafts-Blog des Jahres“ bemerkbar gemacht haben: Immer wieder warfen mir Kritiker der Wahl vor, dass ich damit den Wissenschafts-skeptischen Blogs (die zuletzt gar nicht zur Wahl zum „Wissenschafts-Blog des Jahres“ nominiert waren, sondern in einer getrennten Wahl zum „Blogteufelchen der Wissenschaftskritik“ – mit bewusster sprachlicher Differenzierung, inklusive Relativierung und Diminuitiv) ein Qualitätsmerkmal umhängen würde. Weit gefehlt: Bei Wahlen gewinnt nicht der Beste sondern der Populärste (jeder kennt dies aus dem politischen Alltag: allzuoft gewinnt aus subjektiver Sicht die falsche Partei). Und für die Qualität der Kandidaten ist nicht der Veranstalter verantwortlich, er legt lediglich die Regeln fest, die für alle gelten.

Mit Wahlen (das gleiche gilt für Umfragen) lässt sich keine Qualität messen – ganz besonders wenn sie im Internet stattfinden, das schon technisch keine zuverlässige Stimmabgabe erlaubt. In der Wissenschaft finden Wahlen kaum statt (mit Ausnahme einiger meist nicht erkenntnisorientierter Gremien). Hier werden Auszeichnungen vergeben, bei denen hochkompetente Jurys entscheiden, die Juroren mit ihrem Ansehen für die Qualität stehen. Übrigens auch hier ist es (abgesehen von einzelnen Ausnahmen) so, dass sich der Einzelne nicht aktiv beteiligen muss. Das gilt auch für Umfragen: Er wird nominiert – weil er als aussichtsreich gilt, weil man einen Zählkandidaten braucht oder aus anderen Gründen – und aus der „Volksabstimmung“ findet sich dann der Sieger. Das ist so bei der Bambi-Wahl, beim Polit-Barometer, beim ARD-Deutschlandtrend und natürlich auch beim „Wissenschafts-Blog des Jahres“. Ob die Gewählten damit zufrieden sind oder nicht, entscheidet sich erst mit dem Ergebnis. Denn es geht nicht um deren Ambitionen, sondern um ein Stimmungsbild zur Beliebtheit der Kandidaten.

Manchmal lehnt der gekührte dann die Auszeichnung ab, sowie seinerzeit Marcel Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis. Zugegeben, mir ist nicht bekannt, ob schon einmal ein Gewinner das „Bambi“ abgelehnt hat, wie es im letzten Jahr der Sieger Florian Freistetter mit seinem Blog „Astrodicticum Simplex“ mit der Auszeichnung „Wissenschafts-Blog des Jahres“ getan hat. Aber die Bambi-Verleihung rückt ja jedes Jahr mit einer prächtigen Fernsehübertragung die Ausgezeichneten spektakulär ins Rampenlicht. Na ja, soweit sind wir mit dem „Wissenschafts-Blog des Jahres“ noch nicht. Aber hypothetisch gesprochen, wenn wir einmal soweit kommen sollten, wie es dann wohl um die Kritik steht? Eines ist sicher: Bis dahin habe ich noch viel mehr gelernt.

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