„Wissenschaft braucht die Gesellschaft“ – Offene Worte zur Wissenschaftskommunikation

Posted on 19. September 2017

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Interview mit Dr. Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung  (Teil 1)

US-Präsident Trump, Populisten und schlechte Meinungsumfragen – auf der anderen Seite aber auch Initiativen wie der eindrucksvolle „Marsch für die Wissenschaft“ – haben ganze Arbeit geleistet: Das Verhältnis der Wissenschaft zur Gesellschaft steht im Fokus. Spätestens jetzt ist klar, es geht um eine bessere Vernetzung der Wissenschaft mit der Gesellschaft – und damit vor allem um eine bessere, eine echte Wissenschaftskommunikation, einen Austausch.

Am 25. Und 26. Oktober treffen sich die Spitzen der deutschen Forschungsorganisationen und weitere Akteure bei einer Tagung der Volkswagenstiftung in Hannover: „Wissenschaft braucht Gesellschaft – Wie geht es weiter nach dem March for Science?“. Der Generalsekretär der Volkswagenstiftung, Dr. Wilhelm Krull, spricht in einem Interview mit „Wissenschaft kommuniziert“ über die kritischen Punkte im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft.

#wowk17

Dr. Wilhelm Krull, seit 1996 Generalsekretär der VolkswagenStiftung, mit einem Fördervolumen von über 100 Millionen Euro der größte unabhängige Wissenschaftsförderer in Deutschland. (Foto: Krenzel)

Wissenschaft kommuniziert: Herr Dr. Krull, die Volkswagenstiftung veranstaltet Ende Oktober die Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft“. Mit Verlaub, ist das denn etwas Neues?

Krull: Neu ist das Thema, dass Wissenschaft die Gesellschaft braucht und die Gesellschaft die Wissenschaft braucht, sicher nicht. Aber neu ist die Herausforderung, vor der wir stehen und die nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern und in den USA eine große Rolle spielt: das gewachsene Misstrauen gegen wissenschaftliche Experten, gegen politische und wirtschaftliche Eliten.

Es zeigt sich auch in Umfragen durch massiv gesteigerte Quoten von Menschen, die sagen: Wir vertrauen diesen elitären Personenkreisen nicht mehr. In Deutschland hat sich ihre Zahl verdoppelt; in den Niederlanden und in Frankreich sind über 60 Prozent der Anhänger von Wilders und Le Pen der Meinung – so wie bei uns die AfD- und die Pegida-Anhänger – , dass man den Experten und wissenschaftlichen Expertisen nicht trauen kann. Ich denke, das ist genug Anlass für die Wissenschaft, hier auf neuen Wegen auf die Gesellschaft zuzugehen und auch darüber zu sprechen, was können wir denn ganz konkret tun, um diese neuen Wege zu finden, wie Gesellschaft und Wissenschaft sich auf intelligente Weise vernetzen können.

Was sind denn die Ursachen für dieses Auseinanderbewegen? Hat sich die Wissenschaft zu wenig um die Gesellschaft bemüht oder hat sich die Gesellschaft von der Wissenschaftlichkeit entfernt?

Das ist eine komplexe Gemengelage von ganz unterschiedlichen Dingen, die hier zusammengekommen sind. Auf der einen Seite ist es sicher auch das Aufkommen der national- und rechtspopulistischen Bewegungen, die bestimmten Positionen, die latent schon immer da waren, jetzt eine Stimme geben. Es gehört aber auch dazu, dass die Wissenschaft, je stärker sie sich nicht mehr im deutschsprachigen Kontext bewegt, sich auch immer weiter davon entfernt hat, was der Normalbürger oder die Normalbürgerin noch verstehen. Wir haben ja in bestimmten Teilbereichen der modernen Lebenswissenschaften, aber auch in anderen Naturwissenschaften, feststellen müssen, dass es nicht einmal mehr eine deutsche Begriffsbildung gibt, die es ermöglicht, die Sinnhaftigkeit dieser Forschung zu vermitteln.

Aber darunter liegt natürlich auch eine soziale Entwicklung in fast allen Ländern ­– Stichwort: stark gestiegene soziale Ungleichheit, und die sich ausweitenden Unterschiede zwischen dem, was die normale Arbeitsbevölkerung verdient, und dem, was die Reichen und Superreichen verdienen. Das sind natürlich auch Spaltungstendenzen, die auf die Wissenschaft zurückwirken, und zwar dergestalt, dass ihre Verbindung zu dem, was den Alltag der Normalbürger und Normalbürgerinnen ausmacht, vielleicht nicht mehr sichtbar war.

Wissenschaft leidet unter dem Misstrauen gegen Eliten

Wird denn diese soziale Spaltung der Gesellschaft wirklich der Wissenschaft angelastet? Das ist doch eher eine Frage der Wirtschaft und ihrer Führungsebenen.

Ich meine nicht, dass diese sozialen Entwicklungen automatisch der Wissenschaft angelastet werden, aber sie sind ein sozialökonomisches Substrat für die Unzufriedenheit vieler Menschen mit dem Status quo unserer Gesellschaft. Und da wird nach meiner Wahrnehmung häufig nicht unterschieden zwischen politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Eliten, sondern das Misstrauen gegen alle drei Gruppen verstärkt sich gegenseitig.

Aber natürlich gibt es auch spezielle Herausforderungen für die Wissenschaft. Die hängen zusammen mit wissenschaftsgetriebenen Entwicklungen, die vielen Menschen Angst machen. Etwa Dinge wie Künstliche Intelligenz, die moderne, autonome Robotik und Gefahren, die viele Menschen in herkömmlichen handwerklichen oder produktionstechnischen Bereichen um ihre Arbeitsplätze fürchten lassen. Dazu gehören aber auch die moderne Gentechnik oder die durch Digitalisierung und Datenintegration erzeugte Transparenz, die von vielen als Überwachung wahrgenommen wird.

Es ist ein ganzes Konglomerat von Entwicklungen, bei denen von Seiten der Wissenschaft sehr viel mehr Aufklärungsarbeit erforderlich ist, als wir das bisher gesehen haben.

Ist es nur die Aufklärungsarbeit? Das würde ja für ein Defizit an Wissen in der Gesellschaft sprechen. Oder gehört zu den Notwendigkeiten nicht vielmehr auch ein klareres Bewusstsein für die gesellschaftlichen Auswirkungen des wissenschaftlichen Handelns?

Sicher ist es das auch. Es wird in vielen, vielen Bereichen deutlich, dass der Austausch über die Sinnhaftigkeit der Forschung, die hier geschieht, zu sehr in den Hintergrund getreten ist. Erst jetzt wird für viele, gerade auch für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen selbst, deutlich, dass sie sich ihrerseits hier engagieren müssen, wenn sie erreichen wollen, dass die neuen Erkenntnisse und die daraus resultierenden Innovationen überhaupt von den Bürgerinnen und Bürgern mitgetragen werden. Darum ja auch die Bemühungen, sehr viel früher mit der Kommunikation anzusetzen, nicht erst bei den Technik-Folgen, den Diskurs früh zu eröffnen über das, was in den großen Forschungsprogrammen der Bundesregierung, der EU-Kommission etc. angeboten werden soll.

Vielleicht sogar noch früher? Ich erinnere mich an eine Allensbach-Umfrage im Auftrag der „Leopoldina“, in der die Leute gefragt wurden, was sie von „Synthetischer Biologie“ halten. Das Ergebnis war, dass die Menschen nicht wussten, was das ist, dies zugleich aber vehement abgelehnt haben.

Genau, weil ein Begriff in die Welt gesetzt wird, der gar nicht in allgemeinverständlicher Form vermittelbar ist. Es gibt ja auch die karikaturhaften Antworten, man wolle keine Tomaten mit Genen. Als Vorsitzender des Fachforums „Transparenz und Partizipation“ im Rahmen des Hightech-Forums der Bundesregierung ist mir klar geworden: Wenn wir in Richtung mehr Transparenz und Partizipation gehen wollen, dann bedeutet das natürlich auch das Entwickeln von Beurteilungs- und Überblickskompetenz in der Bevölkerung. Ich kann nicht einfach nur sagen: „Laßt uns mal drüber reden, ich sag euch schon, wo es langgehen soll.“ Sondern man muss dann ja auch in eine halbwegs symmetrische Interaktion eintreten können. Bei der Volkswagenstiftung arbeiten wir schon seit 20 Jahren daran, Plattformen zu schaffen, auf denen Bürger und Wissenschaftler miteinander auch tatsächlich ins Gespräch kommen, und nicht nur kluge Forscherinnen und Forschern mehr oder minder interessierten Bürgerinnen und Bürgern kluge Vorträge halten.

Priorität für gesellschaftliches Handeln der Wissenschaft

Geht es auch darum, dass sich Wissenschaft mehr gesellschaftlich handelnd in die Gesellschaft einbringen sollte?

Das genau hat für uns Priorität. Das bedeutet freilich nicht, dass dies zu Lasten des Wissenschaftsjournalismus gehen sollte, der bislang der natürliche Intermediär gewesen ist für die kritisch reflektierte Vermittlung von Wissenschaft an ein breites Publikum. Angesichts der Krise des Wissenschaftsjournalismus ­– die Auflösung von Wissenschaftsredaktionen in fast allen Regional- und Lokalzeitungen, die Reduktion der Berichterstattung auch in den überregionalen Medien – sollten wir neue Formationen wie das Science Media Center oder RiffReporter nicht aus dem Blick verlieren. Im Gegenteil, wir glauben, dass beides Prozesse sind, um die wir uns kümmern müssen, und dass wir Vermittlungsformen viel stärker beleben müssen, bei denen auch dritte Akteure ins Spiel kommen.

Ganz weit weg vom Wissenschaftsjournalismus hat sich doch im Internet, vor allem in den Sozialen Medien, eine neue Diskussionswelt entwickelt, die abseits steht von Wissenschaft, die kritisch bis skeptisch ist gegenüber Wissenschaft, gegenüber Expertentum, die oft aber zugleich sehr gut informiert ist über das, woran die Wissenschaft arbeitet. Stehen die auch auf Ihrer Tagesordnung?

In den Sozialen Medien gibt es ja eine solche Vielzahl von neuen Plattformen – eine sehr fragmentierte Form der Kommunikation über Wissenschaft, aber auch unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – dass wir gar nicht mehr davon sprechen können, wo denn „die“ Öffentlichkeit ist. Wir stellen ja immer häufiger fest, dass wir es mit lauter Teil-Öffentlichkeiten zu tun haben.

Die Frage ist, wie kann man am Ende in den Sozialen Medien diejenigen erreichen, die sich ihre eigenen Echokammern gebaut haben, die auch gar niemanden reinlassen wollen, der anders denkt als sie selbst. Diese ganzen selbstverstärkenden Tendenzen in bestimmten Bereichen der Social Media wird man stärker in den Blick nehmen müssen. Da sind derzeit die Bosch-Stiftung und andere aktiv, um auszuloten, wie man mit denen, die sich vom allgemeinen öffentlichen Diskurs abschotten, so ins Gespräch kommen kann, dass mit ihnen überhaupt erst einmal ein Austausch von Argumenten möglich wird.

Welche Werkzeuge hat die Wissenschaft denn zur Verfügung, um in die Gesellschaft hineinzuwirken, und gerade auch in eine wissenschaftsferne Gesellschaft?

Im Moment sind fast alle Wissenschaftsorganisationen und viele Kommunikationsabteilungen der deutschen Universitäten dabei, den Bereich der Sozialen Medien stärker zu bespielen als das noch vor zehn Jahren der Fall war. Insgesamt gesehen ist auch – als Folge des Rückbaus des Wissenschaftsjournalismus und anderer herkömmlicher Formen der Kommunikation – eine Ausweitung des Personals in den Institutionen die Konsequenz. Allerdings sieht man – etwa anhand der Nutzerzahlen – noch nicht, dass dies tatsächlich die Größenordnung erreicht hat, die wir aus dem angelsächsischen Raum kennen. Das hat sicher aber auch mit der Sprache und den begrenzteren Reichweiten von deutschsprachigen Homepages und Plattformen zu tun.

Auf der anderen Seite sind ja immer mehr Forscherinnen und Forscher bereit, sich selber in entsprechenden Blogs zu Fragen wie Klimawandel, umweltrelevanten Prozessen oder auch gesundheitspolitischen Themen zu äußern. So sind auch – neben den klassischen Formen der Wissenschaftskommunikation unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – ganz neue Formen entstanden, in denen wiederum Wissensbestände von Personen, die nicht selbst Forscher sind, in den Dialog mit einbezogen werden können.

Kommunikation mit der Gesellschaft – ein Randthema?

Ich frage mich, ob Sie da nicht zu optimistisch sind. Ist nicht für viele Wissenschaftler die Kommunikation mit der Gesellschaft eher ein Randthema, bestenfalls ein Zweckthema, wenn es darum geht, Drittmittel einzuwerben, Akzeptanz zu schaffen oder die eigenen Leistungen toll darzustellen?

Das ist noch der Status quo. Aber er ändert sich gerade, an vielen Stellen – Stichwort soziale Wirkung, oder social impact, wie das im Englischen genannt wird. Hier sind inzwischen doch viele Wissenschaftler zu finden, die merken, es ist wichtig, etwa bei Bewerbungen um Professuren oder andere Funktionen mit einzubeziehen, wieweit jemand in der Lage ist, über den engeren Expertenkreis hinaus zu kommunizieren und sich auch in andere Formen der Verbreitung von Wissen einzubringen, als das noch vor einigen Jahren der Fall war.

Auf der anderen Seite haben Sie vollkommen recht: Viele Forscherinnen und Forscher der älteren Generation raten den jüngeren dringend davon ab, sich hier zu sehr zu engagieren. Das merken wir auch in der Volkswagenstiftung. Bei den von uns angebotenen, zusätzlichen Unterstützungsmaßnahmen für Wissenschaftskommunikation stellen wir fest, dass dieses Angebot auf weniger Interesse stößt als wir erwartet hatten.

Das gilt nicht für die jüngeren Leute, etwa wenn es um Medientrainings oder ähnliches geht. Da hatten wir zuletzt sogar eine gestiegene Nachfrage. Es gilt aber sehr stark für die Fördermittel, die wir anbieten, um Öffentlichkeitsarbeit außerhalb der üblichen Wissenschaftskanäle zu betreiben. Jedem geförderten Projekt bieten wir an, dafür Mittel abzurufen. Aber diese Option wird kaum genutzt. Ähnliches scheint auch bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) der Fall zu sein, dass diese Mittel gar nicht hinreichend abgefragt werden, weil die Geförderten es offenbar dann doch nicht für so relevant ansehen, der Öffentlichkeit zu erläutern, welche Forschungsprozesse hier ablaufen, welche Ergebnisse erzielt werden.

Man hört da alarmierende Zahlen, wie wenig erfolgreich diese Zusatzangebote für Wissenschaftskommunikation bei der Volkswagenstiftung und bei der DFG sind. Die Rede ist davon, dass diese Mittel nur in einem Prozent der Fälle überhaupt abgefragt werden.

Ein Prozent ist wohl etwas zu niedrig gehängt, eher maximal fünf Prozent– um mit der Größenordnung auf der sicheren Seite zu bleiben.

Wie gesagt, wir bieten das an. Wir motivieren die Wissenschaftler auch, in allgemeinverständlicher Sprache zum Ausdruck zu bringen, worüber sie forschen und was ihre Erkenntnisziele sind, indem sie bei verschiedenen Förderinitiativen einen Zeitungsartikel als Teil des Antrages mit einreichen müssen. Das wird auch ausgeführt. Das ändert aber nichts daran, dass unser Angebot, die Projektergebnisse später mit unserer finanziellen Unterstützung an ein breites Publikum zu kommunizieren, mit zusätzlichen Mitteln – dass diese Chance wenig genutzt wird, weil das dann als zu anstrengend oder als nicht so nötig angesehen wird, wie wir das eigentlich gern betonen würden.

Folgt Teil zwei des Interviews ab nächstem Dienstag (26.9.) hier auf dem Blog Wissenschaft kommuniziert: „Wir brauchen einen Mentalitätswandel der Wissenschaft“.

Denkanstöße zum Verhältnis Wissenschaft und Gesellschaft gaben viele Redner bei den 22 „Märschen für die Wissenschaft“ in Deutschland. Die interessantesten sind im PDF-Reader „Die Werte der Wissenschaft“ zusammengefasst, der vom Blog „Wissenschaft kommuniziert“ herausgegeben wurde. Zum Download (2,3MB).

 

 

 

 

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