Halle, Karlsruhe, Magdeburg, Potsdam – Die Zeit der Diskussion beginnt

Posted on 16. Oktober 2014

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Potsdam als Gastgeber des 7. Forums Wissenschaftskommunikation.

Potsdam als Gastgeber des 7. Forums Wissenschaftskommunikation.

Es ist wirklich nicht lange her, da sprach noch niemand über Wissenschaftskommunikation. Der Begriff war in deutschen Landen unbekannt. Die Leute in den Pressestellen hatten die Journalisten gut mit Pressemitteilungen zu bedienen – wie und warum? Das gab man ihnen am besten auch noch vor. Ausbildung, Konzepte, Werkzeuge oder Verteilsysteme wie IDW-online gab es nicht oder man nahm sie kaum wahr. Ja selbst das Wort Wissenschaftskommunikation drang erst langsam aus dem Angelsächsichen in den deutschen Sprachgebrauch der Branche.

Diese Zeiten sind vorbei.  Wissenschaftskommunikation steht auf der Tagesordnung, als Wort und mit seinen Inhalten. Da schadet es gar nichts, wenn man ab und zu umreißt, was darunter zu verstehen ist (eine allgemeingültige Definition gibt es nicht und wird es nicht geben, wie bei so Vielem, mit dem wir täglich umgehen). Dies hat die Volkswagen Stiftung jüngst getan hat (und damit Irritationen beim Bloggerkollegen Marcus Anhäuser vom Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus der TU Dortmund ausgelöst). Vor allem in diesem „heißen Sommer der Wissenschaftskommunikation“ gab es mit dem Siggener Aufruf, der Anti-PUSH-Streitschrift der Akademien, der Tagung Image statt Inhalt? – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen, nicht zuletzt dort dem Vortrag der Kommunikationsforscher Marcinkowski und Kohring (am besten nachzulesen im Blog von Jens Rehländer) und weiteren heftigen Diskussionen in Blogs, Twitter und Webkommentaren (eine gute Dokumentation bei Marcus Anhäuser im Blog Placeboalarm) heftige Aktivitäten. So viele Denkanstöße und Provokationen zur Wissenschaftskommunikation gab es nie vorher.

Nun ist es an der Zeit, diese Impulse aufzugreifen, nüchtern in ihren Facetten zu diskutieren und zu eruieren, was ist nötig, um in Deutschland eine professionelle Wissenschaftskommunikation nachhaltig zu erreichen? Auch dazu gibt es in diesem Herbst reichlich Gelegenheit. Daher hier ein Hinweis auf die interessantesten Ankündigungen:

Vier Veranstaltungen zur Wissenschaftskommunikation, die Beachtung verdienen

Es begann schon heute morgen (16. Oktober) in Halle: Die deutsche Nationalakademie Leopoldina veranstaltet einen Workshop „Sprache der Wissenschaft – Sprache der Politikberatung“. Nun ist Politikberatung, oder allgemeiner die Kommunikation mit Politik und staatlicher Verwaltung auf allen Ebenen, ein wichtiges Feld der Zielgruppenkommunikation – gerade in der Wissenschaft, wo es doch darum geht, die durch politishe Entscheidungen festgelegten Budgets der Forschung ­ zu rechtfertigen und den legitimen Vertretern der Steuerzahler (vielleicht als „Dank“) ein wenig Sichtbarkeit (für Medien und Parteifreunde) zu verschaffen.

Die Verständigung zwischen beiden Kreisen klemmt sicher nicht nur an der Sprache, aber die Tagung hat interessante Programmpunkte: Zum Beispiel soll in einem „Text-Experiment“ versucht werden, den Begriff „Epigenese“ für Politiker verständlich, relevant und brauchbar zu übersetzen. Wer dies ernsthaft tut, muss sich ganz tief in die Denk- und Gefühlswelten, in die Abhängigkeiten, Argumentationen und Prioritäten der anderen Seite hineinversetzen. Und dies ist der Beginn jeder guten Kommunikation.

Ich wäre gern bei der Leopoldina-Tagung dabei gewesen, Bahnticket und Hotel waren gebucht, aber der Lokführerstreik hat es verhindert. Und auf ein aussagekräftiges Storify von dieser Tagung darf ich angesichts des eher Twitter-fernen Publikums dieser Tagung wohl nicht hoffen. Ich werde es dennoch versuchen. (Aktualisierung: Versuch war leider vergeblich. Unter „Leopoldina“, „Sprache“, „Wissenschaft“ oder „Halle“ nichts auf Twitter zu finden. Wenn mir jemand helfen kann, bitte!)

Erste Handzeichen aus Karlsruhe - Prof. Anette Leßmöllmann meldet sich mit Rungvorlesung zur Wissenschaftskommunikation

Erste Zeichen aus Karlsruhe – Prof. Anette Leßmöllmann meldet sich mit Rungvorlesung zur Wissenschaftskommunikation

Am 23. Oktober beginnt in Karlsruhe die nächste interessante Gelegenheit, über Wissenschaftskommunikation zu diskutieren und nachzudenken: Die Ringvorlesung „Wissenschaftskommunikation erforschen“. Die Ringvorlesung ist offensichtlich das erste Handzeichen der neu in Karlsruhe etablierten Leiterin der Abteilung Wissenschaftskommunikation Prof. Annette Leßmöllmann. Der Titel ist offensichtlich angelehnt an das spannende amerikanische Format „The Science of Science Communication“ der Sackler-Kolloquien. Der Ablauf aber ist sicher verschieden. Viel weiß man noch nicht, was geboten wird, zumindest habe ich einen Überblick über die ganze Ringvorlesung im Web nicht gefunden. Nur die Ankündigung der Auftaktveranstaltung, und die ist vielversprechend: Christoph Koch, Ressortleiter Wissen des „Stern“ und von Hause aus auch Soziologe mit starkem Interesse an Wissenschaftskommunikation, spricht über „Wissenschaft und ihre Kommunikation – Symptomatik einer Entkopplung“. Koch ist als analytischer, kritischer Geist bekannt, seine Vortragsankündigung verspricht, dass er diesem Ruf gerecht wird, und dass er das Phänomen Wissenschaftskommunikation keineswegs aus eindimensionaler journalistischer Perspektive betrachten wird. Im 14tägigen Rhythmus soll es bei der Ringvorlesung weitergehen. Man darf gespannt sein.

Die „Wissenswerte“ öffnet sich in Magdeburg der Wissenschaftskommunikation

Magdeburg ist Gastgeber der "Wissenswerte" - erstmals nicht in Bremen.

Magdeburg ist Gastgeber der „Wissenswerte“ – erstmals nicht in Bremen.

Einen Monat später, am 24. und 25. November startet der alljährliche Klassiker, die „Wissenswerte“, zum ersten Mal nicht in ihrer Heimatstadt Bremen, sondern in Magdeburg. Diese Konferenz, eigentlich ganz auf Wissenschaftsjournalisten ausgerichtet (und von ihnen mitveranstaltet) hat ihren Wert vor allem als Begegnungsplatz von Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftskommunikatoren. Wer als Forschungssprecher hier hinfährt, um seinen ganzjährigen E-Mail-Kontakte und Telefonpartner einmal von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, kann sich viel Zeit bei der persönlichen Beziehungspflege sparen. Das bedeutet aber auch, die Konferenz hat ihren Wert vor allem durch die einzigartige Atmosphäre, die sie in den Bremer Räumen mit den Jahren geschaffen hatte. Ob das auch in Magdeburg funktioniert, muss man sehen – immerhin die bewährten Organisatoren aus Bremen sind mit im Boot.

Das Programm der Wissenswerte liegt noch nicht im Detail vor. Die Übersicht mit den Titeln der Symposien vermittelt aber den Eindruck, dass es eher frischer und spannender wird als im letzten Jahr, wo eher „business as usual“ angesagt war. Beispiele für Aktualität sind Titel wie: „Muss der Wissenschaftsjournalismus politischer werden?“, „Ebola – und das Versagen des Wissenschaftsjournalismus“ oder „Dual Use Technologien – Gute Forschung, böse Forschung?“; für Zukunftsorientierung: „Was folgt aus dem veränderten Medienkonsum für die wissenschaftsjournalistischen Produkte“, „Die besten Apps für Journalisten“ oder „Grenzgänger – Wissenschaftsjournalisten in Wirtschaft, Politik und Feuilleton“; bemerkenswert auch der Einführungsvortrag von Prof. Harald Welzer „Medien selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ und „Numbers in the Newsroom – Was Journalisten über Zahlen wissen müssen“.

Zum ersten Mal sind auch zwei spannende Sessions für die vielen Forschungssprecher dabei, die sich meist zur Kontaktpflege auf der Wissenswerte tummeln: Ein Streitgespräch „Journalismus und PR – Alles nur Kommunikation?“ sowie „Vom Pressesprecher zum Marketing-Profi – Was Wissenschafts-PR heute leisten muss“. Insgesamt: Das Programm klingt spannend, vor allem wenn die Referenten dann zu den Themen auch noch etwas zu sagen haben. Das wird man sehen, wenn das komplette Programm erscheint.

Forum Wissenschaftskommunikation in Potsdam: professionell, strukturiert und inhaltsreich

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Prof. Dietram Scheufele – Deutscher Soziologe, der in USA Wissenschaftskommunikation lehrt.

Und schließlich, für alle in der Wissenschaftskommunikation der Höhepunkt des Jahres, vom 8. Bis 10. Dezember, das 7. Forum Wissenschaftskommunikation in Potsdam. Das Programm in diesem Jahr bietet ein Füllhorn von Konzepten und Anregungen für die aktuellen Probleme der Wissenschaftskommunikation: Da gibt es Vorträge und Diskussionen zu Themen wie „Glaubwürdigkeit und Werte“, „Schule“, „Krise des Wissenschaftsjournalismus“, „Karrierewege in der Wissenschaftskommunikation“, „Beteiligungsformate“, „Was können Ausstellungen leisten?“, „Citizen Science“, „Dialogische Formate“, „Kooperieren mit Dienstleistern, Agenturen“, „Das ganze Wikiversum“ oder die wichtige Frage „Wer fördert Wissenschaftskommunikation“. Und auch mein Favorit ist dabei: Dietram Scheufele spricht über „Science of Science Communication“. Scheufele ist ein deutscher Soziologe, der in den USA an der University of Wisconsin Wissenschaftskommunikation lehrt. Wissenschaftlich kümmert er sich vor allem darum, wie Wissenschaftskommunikation funktioniert und ist Mitinitiator der oben schon erwähnten „The Science of Science Communication“-Sackler-Kolloquien der US-Wissenschaftsakademie, die es glücklicherweise auch auf Youtube in einem breiten Videoangebot nachzuhören gibt. Man sollte es kaum glauben, wie viele Grundlagen, Hintergründe und Anregungen entspringen, wenn ein Soziologe die Wissenschaftskommunikation unter die Lupe nimmt. Empfehlenswert.

Insgesamt ist das Forum Wissenschaftskommunikation deutlich professioneller und strukturierter geworden. Die Referenten sind hochrangig, zum ersten Mal setzt sich sogar ein hochrangiger Forschungspolitiker mit dem Thema Wissenschaftskommunikation auseinander: Parlamentarischer Staatssekretär Stefan Müller aus dem BMBF hält das Impulsreferat. Hoffen wir einmal, dass es nicht nur die übliche Fensterrede wird, sondern dass er sich tatsächlich mit der Bedeutung der Kommunikation für die Wissenschaft auseinandersetzt. Die Formate der vielen parallel laufenden Sitzungen sind unterschiedlich: Diskussionsrunden, Plenarvorträge, Interaktive Formate, Projektvorstellungen. Daneben gibt es natürlich und wie gewohnt viel Raum zur Begegnung, zum persönlichen Kennenlernen, zum miteinander tratschen oder zum Öffnen von Karrierewegen. Wenn das Forum Wissenschaftskommunikation und seine Referenten nur einigermaßen halten, was sie im Programm versprechen, dürfte die siebte Auflage dieser Veranstaltung das spannendste Forum Wissenschaftskommunikation aller Zeiten werden.

Fazit: Es bewegt sich was! Wissenschaftskommunikation steht auf der Tagesordnung und die Veranstaltungen in diesem Herbst bieten die Möglichkeit, die Provokationen, Konzepte und Aufrufe durch ernsthafte Diskussionen auf dem Weg zur Professionalität zu untermauern. Glückauf!

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