Die Misere der Wissenschaftskommunikation – Nennen wir die Verantwortlichen beim Namen!

Posted on 24. April 2015

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Breitseite gegen die Wissenschaftskommunikation - meta, das online-Magazin der Wissenschaftsjournalisten.

Breitseite gegen die Wissenschaftskommunikation – meta, das online-Magazin der Wissenschaftsjournalisten.

Wenn Journalisten über PR diskutieren, sollte man immer ganz genau auf die Argumente schauen: Einerseits gibt es klare Unterschiede der Ziele und Abhängigkeiten, andererseits sind die Medien – auch wenn sie dies meist leugnen – ungewollt abhängig von den Nachrichtenlieferanten „auf der anderen Seite des Tisches“. Und das ist im Themenfeld Wissenschaft besonders heikel, denn hier geht es um „Wahrheitsfindung“, zugleich aber eben auch um Interessenorientierung. Zudem sind Kommunikationsprofis in der Wissenschaft für die Wissenschaftsjournalisten noch eher ungewohnt, werden also besonders misstrauisch beäugt, ganz besonders auch, da ihr eigener Berufsstand in der Medienkrise steckt.

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Markus Lehmkuhl beschimpft die Wissenschafts-PR – Meint er die Wissenschaft?

Dies nur als Vorbemerkung zum Versuch, eine Debatte auf ihren wahren Kern zu kondensieren, die in den letzten Tagen im Online-Magazin „meta“ des Berufsverbands „wpk – Die Wissenschaftsjournalisten“ von Markus Lehmkuhl (FU Berlin) angestoßen und durch kluge Kommentare von Jens Rehländer (Volkswagenstiftung) und Markus Weißkopf (WiD) befeuert wurde. Es geht im Kern um das grundlegende Thema: Die Misere der Wissenschaftskommunikation in Deutschland und – wer dafür verantwortlich ist.

Um es vorweg zu sagen: Ja, sie haben alle recht! Markus Lehmkuhl hat recht, Markus Weißkopf hat in

Jens Rehländer, Kommunikator der VolkswagenStiftung, hat Wissenschaftskommunikation als Thema erkannt.

Jens Rehländer: Ein PUSH-II wäre nützlich.

seinem Kommentar recht, und ganz besonders Jens Rehländer sieht die Sache richtig. Markus Lehmkuhl gibt in seinem Dossier „Bashing der Wissenschafts-PR“ („Beschimpfung der Wissenschafts-PR“ – sic!) einen kritischen Rückblick auf die Entwicklung der Wissenschaftskommunikation in Deutschland in den letzten 15 Jahren, seit dem berühmten PUSH-Memorandum, und stellt fest: Das Ziel dieser Intitiative (die tatsächlich von einzelnen Entscheidern in den großen Forschungsorganisationen ausging, nicht vom Forschungsministerium, wie Lehmkuhl schreibt), nämlich einen „permanenten Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu etablieren“, wurde nicht erreicht.

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Markus Weißkopf: Welche Kommunikation wollen Wissenschaftler?

Richtig! Doch das ist keine neue Feststellung. Schon vor zweieinhalb Jahren resümierte sogar der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbandes, Dr. Volker Meyer-Guckel, immerhin einer der Väter und Förderer des PUSH-Programms, hier in diesem Blog (Marketing oder Kommunikation? –  Wie Wissenschaft kommunizieren sollte): PUSH ist im Wissenschaftsmarketing stecken geblieben, also in Werbung und Akzeptanzbeschaffung – weit weg von Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Doch so gut Lehmkuhl die Symptome beschreibt, so zögernd ist er bei der Suche nach den Ursachen und bei der Analyse der Situation. Immerhin mit zwei Beispielen aus Großbritannien schildert er, dass es keineswegs immer die Journalisten sind, wenn übertriebene oder sogar falsche Nachrichten über wissenschaftliche Ergebnisse in den Medien stehen, es sind aber auch nicht – so zeigt zumindest eines der Beispiele – die Forschungssprecher, die PR-mäßig übertreiben. Die im Titel angekündigte Beschimpfung der Wissenschafts-

Dr. Volker Meyer-Guckel: Förderer und früher Kritiker von PUSH-Ergebnissen.

Dr. Volker Meyer-Guckel: Förderer und früher Kritiker von PUSH-Ergebnissen.

PR beschränkt Lehmkuhl zudem vor allem auf die von den Forschungsorganisationen gegründete Agentur „Wissenschaft im Dialog“ (WiD), als ob die PUSH-Initiative vor 15 Jahren nicht Ausgangspunkt gewesen wäre für viele Initiativen zur Wissenschaftskommunikation auf breiter Basis – in Universitäten, in einzelnen Instituten, bei den Forschungsorganisationen und in Stiftungen.

Ein wenig hat man den Eindruck, als schlüge Lehmkuhl auf den Sack Wissenschaftskommunikation und meint in Wirklichkeit den Esel – die Wissenschaftler und den Wissenschaftsbetrieb selbst. Als ob er damit den Wissenschaftlern klar machen will, was damals seit PUSH falsch gelaufen ist, nämlich als sie, wie er es sieht, eine „Abkehr vom Journalismus“ vollzogen hätten. Das reizt dazu, eine schamlose Unterstellung einzuschieben: Wollen sich die Wissenschaftsjournalisten in der Medienkrise etwa wieder bei den Wissenschaftlern als die besseren Gesprächspartner anbiedern? Ist so etwa auch der Satz zu verstehen, Öffentlichkeit sei ein gesellschaftliches System, das „nur durch Massenmedien hergestellt werden kann“. Zugleich verdammt er Zielgruppendenken und werbende Botschaften im Zusammenspiel dieser gesellschaftlichen Kräfte. An wen denken denn Journalisten, wenn nicht an die Zielgruppe ihrer Leser? Ist dies die Sichtweise der Soziologie, wie Lehmkuhl andeutet? Dann wäre es höchste Zeit, dass diese Wissenschaft von der Gesellschaft sich selbst auf den neuesten Stand bringt und all die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, bis hin zu Special-Interest-Medien, Internet, Blogs und Social Web in ihre Theorien mit einbezieht. Auf jeden Fall ist es – nicht nur durch PUSH – mit der Exklusivität der Wissenschaftsjournalisten als Informationskanal in die Öffentlichkeit längst vorbei.

WiD im Fokus der Kritik von Lehmkuhl - Wissenschaftssommerals Abkehr von den Informationsmedien? (Foto:WiD)

WiD im Fokus der Kritik von Lehmkuhl – Wissenschaftssommerals Abkehr von den Informationsmedien? (Foto:WiD)

Analyse schwach. Wissenschaftskommunikation ist ja keine eigenständige Funktion in unserer Gesellschaft (im Gegensatz zu den Medien, zu denen die Journalisten gehören – unabhängig und zum größten Teil privatwirtschaftlich). Darauf macht zu Recht Jens Rehländer in seinem Blogbeitrag „Wissenschaftler! Welche PR wollt ihr eigentlich?“ aufmerksam. Mit einem „Bashing der Wissenschaftskommunikation“, so der langjährige Journalist und Pressesprecher der Volkswagenstiftung, „mogelt sich die Wissenschaft aus der Mitverantwortung für vieles, was sie an ihren Pressestellen und Eventmanagern kritisiert“. Doch was heißt da Mit-Verantwortung? Die Verantwortung für die Qualität der Wissenschaftskommunikation liegt voll und ganz auf Seiten der Wissenschaft. Zwar hat sich da seit PUSH viel getan, aber längst nicht genug.

Wer heute übertriebene, reißerische oder spektakuläre Pressemitteilungen beklagt, wer bemängelt, die Wissenschaftskommunikation diene vor allem der Akzeptanz- und Mittelbeschaffung, wer Selbstvermarktung und PR-Übertreibungen geißelt, wie die vereinigten Wissenschaftsakademien dies in ihrer Studie „Wissenschaft, Öffentlichkeit, Medien“ getan haben, oder gar von einer „irregeleiteten PR-Maschinerie“ spricht, der muss vor allem der Wissenschaft an die Nase fassen (und damit meist sich selbst), nicht aber denen, die sich voller Engagement um Wissenschaftskommunikation bemühen, den Forschungssprechern.

Ich weiß, wovon ich schreibe: Während meiner aktiven Zeit für meine Agentur Science&Media, aber auch schon davor viele Jahre als Wissenschaftsjpournalist, bin ich mit hunderten von Pressesprechern an großen und kleinen Forschungsinstituten und – institutionen zusammengekommen und habe mit ihnen über ihre Probleme diskutiert: Keine einschlägige Ausbildung, keine Budgets, keine Konzepte, keine Effizienzkontrolle, keine Wertschätzung innerhalb und außerhalb des eigenen Hauses. Wer seine Kommunikation so vernachlässigt, ist voll verantortlich, wenn sie schief geht – und wohlgemerkt: Kommunikation ist eine der komplexesten menschlichen Tätigkeiten, da braucht es jede einschlägige Kompetenz, offen und attraktiv zu kommunizieren und zugleich die eigene Glaubwürdigkeit zu festigen. Dies ist möglich, auch wenn die Akademien und Markus Lehmkuhl offensichtlich nicht daran glauben. Und vor allem ist es notwendig, will man den „permanenten Dialog zwischen Wissenswchaft und Gesellschaft“ etablieren.

Ein Schiff der Wissenschaft (vor der Kulisse von Dresden) - Werbung oder Information vor Ort? (Foto: I.Hendel/WiD)

Ein Schiff der Wissenschaft (vor der Kulisse von Dresden) – Werbung oder Information vor Ort? (Foto: I.Hendel/WiD)

Zwar gibt es mittlerweile ein paar Dutzend Kommunikationsprofis, vor allem bei den großen Organisationen und Instituten, doch in vielen mittleren und kleineren Instituten sieht es noch immer kaum besser aus. Noch immer beginnen viele hoffnungsfrohe junge Wissenschaftler ihre Karriere in der Wissenschaftskommunikation, weil sie dazu ohne Vorkenntnisse abgeordnet wurden: „Pressearbeit, machen Sie das mal!“ Noch immer gibt es in Deutschland keine umfassende Ausbildung, wo man die vielen Fallstricke, aber auch die faszinierenden Möglichkeiten der Wissenschaftskommunikation lernen könnte, noch immer keine etablierte, niveauorientierte Fortbildung. Da ist es kaum verwunderlich, dass Forschungssprecher noch immer vor allem als Handlanger ihrer Chefs arbeiten müssen, dass sie ihre speziellen Erfahrungen und Kenntnisse zur Kommunikation nicht als Berater und Sparringspartner der Wissenschaftler einbringen können, sondern bestenfalls als schüchternen Einwurf, der mit der Macht der Hierarchie leicht abzubügeln ist.

Markus Weißkopf beschreibt in seinem Kommentar zu Lehmkuhl dieses Dilemma treffend: „Es gibt Professoren, die morgens eine etwas übertrieben formulierte Pressemitteilung an ihre Pressestelle senden und sich am Nachmittag über die Medialisierung beschweren.“ Doch offensichtlich ist er in seinem professionellen Selbstbewusstsein auch schon eingeschüchtert, denn er empfiehlt seinen Kollegen: „Wir müssen stärker mit den Wissenschaftlern und den Leitungen klären, welche Kommunikation von uns erwartet wird.“ Stopp: Profesionelle Wissenschaftskommunikatoren sollten in der Lage sein, in Kenntnis der Kommunikationsziele, die Wege (in enger Abstimmung mit den Wissenschaftlern) zu entwickeln und vorzuschlagen. Da sind sie die Spezialisten und Berater, und nicht nur Ausführende.

Doch insgesamt stellt sich immer dringlicher die Frage: Sind die Wissenschaftler überhaupt an einer guten Wissenschaftskommunikation interessiert? Wer miterlebt, was ich aus einer Sitzung über ein gesellschaftsorientiertes Konzept für ein neues Forschungsgebiet berichtet habe, wer sieht, mit welcher Hilflosigkeit die Nationale Wissenschaftsakademie für teures Geld Meinungsforscher befragt, um Anregungen für die Wissenschaftskommunikation zu bekommen (was natürlich misslingt), anstatt Kommunikiationsprofis, kann seine Zweifel bekommen. Markus Lehmkuhl schlägt zwar in seinem Dossier auf die Wissenschafts-PR ein, aber er beschreibt nichts weiter als die Misere der Wissenschaftskommunikation in Deutschland, die von der Wissenschaft selbst verantwortet wird.

Da ist es nicht fair, dass dienjenigen, die gar keine Chance haben, besser zu sein, zu beschimpfen. Ohnehin hilft kein Klagen. Es geht nur voran, wenn es gelingt die Verhältnisse zu ändern, etwa Ausbildungs und Fortbildungsmöglichkeiten zu schaffen, für Qualitätskriterien und Qualitätssicherung zu sorgen. Vor allem aber geht es darum, Problembewusstsein bei den Wissenschaftlern und Wissenschaftsmanagern zu erzeugen. Sie müssen in die Debatten um Wissenschaftskommunikation, die bisher weitgehend in internen Kreisen, bestenfalls noch zwischen Forschungssprechern und Wissenschaftsjournalisten stattfanden, mit einbezogen werden. Sie stehen im Mittelpunkt des Problems, sie müssen überzeugt werden, etwas dagegen zu unternehmen. Ihnen muss klar werden, was gute Wissenschaftskommunikation leisten kann, aber auch, welche Nachteile drohen, wenn der Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft nicht entsteht. (Ich habe einen ersten Versuch dazu vor fast drei Jahren gemacht – Kommunikation tut Not – weitgehend ohne Echo.)

Da ist ein Vorschlag von Jens Rehländer gar nicht uninteressant, auch wenn er nur in Klammern formuliert ist: „wobei ein PUSH-II durchaus als Referenz nützlich wäre“. Auf jeden Fall hat es keinen Sinn, die heute bestehende Wissenschaftskommunikation madig zu machen und auf ihr rumzuhacken. Das ist leichtes Spiel, gibt vielleicht manches Material für Diplomarbeiten her. Der harte Job ist es, die Wissenschaft ernsthaft und engagiert mit ins Boot zu holen, von Leopoldina bis zu den Akademien, von den großen Forschungsorganisationen und Stiftungen bis zu den Ministerien. Das ist harte Arbeit. Es geht auch gar nicht darum (sorry Jens Rehländer), welche PR die Wissenschaftler wollen, sondern welche Kommunikation die Wissenschaft in unserer immer transparenter und partizipativer werdenden Gesellschaft braucht.

Ganz aktueller Nachtrag: Gerade hat Jens Rehländer für die Volkswagenstiftung eine Tagung im Oktober angekündigt: „Forschungskommunikation unter dem Druck der PR – Handlungsfelder für die Wissenschaft„, die sich vor allem auch an Wissenschaftler richtet. Ich bin gespannt, wie viele kommen.

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