Der Weckruf für die Wissenschaftskommunikation – 20 Jahre PUSH

Posted on 20. Mai 2019

3


Interview mit einem der Väter von PUSH, Prof. Joachim Treusch.

Am 27. Mai 2019 jährt sich zum 20. Mal, dass die acht wichtigsten deutschen Wissenschaftsorganisationen und –institutionen das PUSH-Memorandum unterzeichnet haben. Ein historisches Datum für die Wissenschaftskommunikation in Deutschland, denn die gemeinsame Aktion war ein Weckruf für die Wissenschaft, auf die Gesellschaft zu zugehen, zu kommunizieren und sich gegenüber den sogenannten „Laien“ zu öffnen. Erst seitdem ist in Deutschland so etwas entstanden, was man Wissenschaftskommunikation nennen kann.

Einer der Väter des PUSH-Memorandums war der damalige Chef des Forschungszentrums Jülich, Prof. Joachim Treusch. Im Interview mit „Wissenschaft kommuniziert“ schildert er, wie es zu dem Memorandum kam und was sich aus seiner Sicht daraus entwickelt hat.

Prof. Joachim Treusch, vor 20 Jahren Mitinitiator des PUSH-Memorandums. (Foto: Schaper)

Wissenschaft kommuniziert: Herr Professor Treusch, wie kam es eigentlich zu PUSH?

Prof. Treusch: PUSH ist ja schon etwa 15 Jahre vor der Jahrtausendwende in Großbritannien gestartet. Wir Deutschen haben mit Spannung und Neid hingeschaut. Das hat sich gewissermaßen im Bewusstsein aufgeschaukelt bis zur Jahrtausendwende. Da wussten alle: Wenn wir jetzt nichts tun, haben wir eine Riesenchance verpasst.

Für die folgenden Aktivitäten gab es im Grunde zwei Wurzeln: in der Wissenschaft und in der Politik.

Für die Wissenschaft muss ich den Namen von Detlev Ganten erwähnen, der in dieser Zeit Vorsitzender der Helmholtz-Gemeinschaft war, wie auch Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). In der GDNÄ wurde besonders heftig die Frage diskutiert, wie kommen wir an das Publikum, das die Wissenschaft gar nicht so wahrnimmt, wie es sie wahrnehmen könnte. Wir beide haben uns darüber oft im Rahmen der GDNÄ und auch der Helmholtz-Gemeinschaft unterhalten. Ganten hat über seine Verbindung mit Herrn Erhardt und dem Stifterverband die Kollegen zusammengetrommelt, die sich dann 1999 getroffen und das PUSH-Memorandum verfasst haben. Da war ich de jure gar nicht dabei. Ich bin keiner der Unterzeichner. De facto war ich  dabei und habe dann auch versucht, diese Sitzung vor genau 20 Jahren vorzubereiten, nicht zuletzt dadurch, dass ich mit einem echten Coup am Vorabend mit einigen Telefonaten dafür gesorgt habe, dass die „Heilige Allianz“ – Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer, Helmholtz und Forschungsgemeinschaft  – sich bereit gefunden haben, jeweils eine Million zu versprechen. Tatsächlich wurden diese Millionen später auch geleistet.

Das war ein guter Start. Von daher war aber allen Leuten auch klar: Das muss jetzt laufen, sonst haben wir eine Riesenchance verpasst. Ich wurde gebeten, das in die Hand zu nehmen. Und das muss ich auch noch erwähnen: Ganz ungeheuer wichtig war, dass die jeweiligen für die Öffentlichkeitsarbeit Zuständigen der Heiligen Allianz alle ganz hervorragend mitgearbeitet haben. Das war eine wunderbare Crew, ein Fußballtrainer würde sagen, eine hervorragende und motivierte Mannschaft.

Das Erste was wir getan haben war, dass wir uns noch im Dezember 1999 – zwischen den Jahren – zusammengesetzt haben, um über unsere Pläne und darüber zu reden, ob PUSH der richtige Name sei für die Initiative. „Public Understanding of Science and Humanities“ ist natürlich wunderbar, aber die Abkürzung PUSH hat natürlich auch die Konnotation von drücken. Wir wollten keine Wissenschaft in die Öffentlichkeit drücken, wir wollten eher mit Begeisterung ziehen und auf jeden Fall den Dialog in den Vordergrund stellen. Einer der wichtigen Beiträge kam damals von Ranga Yogeshwar: Wir mussten einen neuen Titel suchen und den umgehend durchsetzen. Der Titel war dann „Wissenschaft im Dialog“, heute allgemein akzeptiert.

Neben diesen Aktivitäten lief die Initiative aus dem Forschungsministerium von Frau Buhlmahn , im Jahr 2000, wegen der Jahrtausendwende und wegen der Erinnerung an das Max Planck Jahr 1900, ein Jahr der Physik zu veranstalten (die Namen Hermann-Friedrich Wagner vom BMBF und Heiner Müller-Krumbhaar von der DPG müssen hier erwähnt werden). Das lief eine Weile mit unseren Aktivitäten parallel. Aber dann war allen schnell klar: Das muss zusammengehen und die diversen Jahre der Wissenschaften, die dann folgten, und die Wissenschaftssommer und die ganze Initiative „Wissenschaft im Dialog“ wurden verschmolzen. Sie haben mit dem Jahr der Physik im Jahr 2000 einen furiosen Start gehabt.

Was war die Zielsetzung. die Sie damals hatten?

Ganz praktisch hat uns über Jahre hinweg, auch in der Physikalischen Gesellschaft, aus der ich stamme, die Frage bedrückt, warum Wissenschaftssendungen im Fernsehen, im Rundfunk oder Wissenschaftsseiten in der Zeitung permanent auf dem Rückzug waren, irgendwelchen redaktionellen Überlegungen geopfert wurden, immer kürzer und knapper wurden. Wir fragten uns: Wie kann man das ändern? Und es war völlig klar, dass es schwierig würde, die verschiedenen Wissenschaftseinrichtungen, die ihr je eigenes Profilierungsbedürfnis hatten, weil es ja auch um Geld ging, zusammenzubringen zu gemeinsamen Aktivitäten. Dass dies gelang, das war das wesentliche Ergebnis dieser Sitzung am 27. Mai 1999 in Bonn. Alle damaligen Präsidenten und Vorsitzenden haben sich gemeinsam und öffentlich darauf verpflichtet, einen aktiven Schritt auf die Öffentlichkeit zu zugehen.

Und dass sie ihren Öffentlichkeitsarbeitern sagten: Lasst euch darauf ein, ihr dürft auch einen gewissen Teil des eigenen Etats dafür verwenden, um hier mitzuarbeiten. Der Punkt war: Wir wollten alle gemeinsam nicht nur die öffentliche Akzeptanz steigern, das war die Konnotation des Wortes PUSH, sondern vielmehr die Leute in einen Dialog einbeziehen, damit sie besser verstehen, was Wissenschaftler tun, wie Wissenschaftler ticken – denn die sind ja durchaus eine besondere Spezies Mensch – und für gegenseitiges Verständnis werben.

Uns ist damals oft der Vorwurf gemacht worden „ihr predigt ja nur vor Getauften, in eure Veranstaltungen kommen nur Leute, die sich sowieso schon für Wissenschaft interessieren.“ Meine Antwort auf diesen Vorwurf war immer:  „wenn wir den Getauften Hilfe geben, worüber und wie sie am besten predigen können, dann haben wir eine ungeheure Multiplikator-Wirkung.“ Und die hat auch tatsächlich so stattgefunden.

Man spürte die Begeisterung derer, die schon in den ersten Jahren die Veranstaltungen von „Wissenschaft im Dialog“ oder den „Wissenschaftssommer“ besucht haben – das lief ja schon zu Beginn auf Zahlen bis zu einer Million pro Jahr hinaus. Die Besucher – neben vielen allgemein Interessierten viele Schulklassen und natürlich auch ihre Lehrerinnen und Lehrer, Journalisten und auch Leute mit Einfluss in ganz anderen Kontexten – sie alle konnten ein neues Gefühl von der Wichtigkeit von Wissenschaft und von der Freude, die Wissenschaftler an ihrer Arbeit haben, gewinnen und dies auch weiter verbreiten. Insofern waren die ersten Wissenschaftsjahre, die ich selber noch mitgestaltet habe, und die folgenden bis jetzt, ein Riesenerfolg, der damals, 1999, zwar erhofft wurde, aber bei weitem nicht als sicher angesehen werden konnte.

Um das zusammenzufassen: Ging es auch darum, die Wissenschaft aufzuwecken, um auf die Öffentlichkeit, auf die Gesellschaft zuzugehen?

Ganz klar. Das wurde mehr oder weniger deutlich formuliert. Es gab zunächst durchaus Hemmungen, die immer wieder aufkamen. Etwa derart, dass der Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin, die sich populär äußert, damit Gefahr läuft, den eigenen wissenschaftlichen Ruf zu beschädigen. Nach dem Motto: Wer sich auf diese einfachen Felder begibt, hat wohl in den schwierigen Feldern nichts mehr zu melden. Was völliger Quatsch ist.

Wir haben immer dagegen argumentiert mit Leuten wie Albert Einstein, der ein begnadeter Kommunikator der Wissenschaft war, wie man weiß. Dabei waren seine Spezielle und Allgemeine Relativitätstheorie ja gar nicht so einfach zu verstehen. Trotzdem ist er mit Vorträgen durch die ganze Welt gereist und bejubelt worden. Oder Alexander von Humboldt mit seinen berühmten Vorlesungen in Berlin. Ihm würde niemand vorwerfen, dass er wegen seiner populärwissenschaftlichen Aktivitäten ein schlechter Wissenschaftler gewesen sei.

Aber Sie haben recht. Es war dies zu Beginn eine Schwelle, die überwunden werden musste. Je öfter sich sehr renommierte Wissenschaftler bereit erklärten, die Organisation des Wissenschaftssommers, die Organisation von Ausstellungen, etwa die „Highlights der Physik“, zu übernehmen, desto mehr wurde klar, dass für einen guten Wissenschaftler auch eine gewisse Verpflichtung besteht, seine Wissenschaft gut erklärbar zu machen, und dass dies kein innerer Widerspruch ist.

Wie haben Sie diese Hindernisse überwunden.

Ich glaube ein ganz wesentlicher Schritt dazu war, dass die für Öffentlichkeitsarbeit Zuständigen der großen Wissenschaftsinstitutionen, die in ihren jeweiligen Organisationen durchaus Einfluss hatten, verstärkt auf ihre eigenen Leute zugegangen sind und sie gebeten haben, Artikel zu schreiben, etwa zum Wissenschaftssommer beizutragen, und und und… Das hat um sich gegriffen wie eine angenehme Infektionskrankheit, weil man merkte, dass die Leute, die sich engagiert haben, hinterher nicht nur keinen Schaden davon hatten, sondern riesigen Spaß genossen und viel Beifall bekommen haben. Und für Beifall ist man ja normalerweise auch als Wissenschaftler empfänglich.

Nun ist die Euphorie der Wissenschaftjahre vielleicht ein bißchen in Routine übergegangen. Wie sehen Sie denn jetzt nach 20 Jahren die Folgen von dem, was Sie damals mit PUSH angerichtet haben?

Ja, das ist eine gute Frage, die uns viele Jahre bis heute verfolgt: Die Frage der Effizienz eines Formates. So etwas muss sich permanent erneuern. Die Zeiten haben sich geändert. Im Jahr 2000 war von Internet noch keine Rede. Die ganze Kommunikation hat noch viel mehr auf Dialog, Fernsehen, Radio, Zeitungen etc. beruht. Wir haben damals schon gesagt, wir müssen uns auf die Moderne einstellen. Das ist schwierig.

Dagegen steht immer noch die von mir fest vertretene Meinung: Es gibt nichts Besseres als den persönlichen Dialog, das Gespräch, bei dem der Gesprächspartner lebendig dabei ist. In diesem Dilemma zwischen digitalem Zeitalter und persönlicher Vermittlung hat sich nach meinem Gefühl das Konzept „Wissenschaft im Dialog“ besser als erwartet bewährt. Ich erlebe es jetzt noch zum Beispiel bei den „Highlights der Physik“. Der Andrang ist ungebrochen: In Ulm waren in einer Woche Zigtausende, ja 100 000 Menschen hingekommen, um den Reiz der Physik zu erfahren, im Vorjahr war es ähnlich in Dortmund, davor in Münster. Das heißt: Die Leute lieben es, direkt angesprochen zu werden. Das Klima ist wie beim Fußball, oder besser: wie bei einem guten Handballspiel, das erzeugt ähnliche Begeisterung in den Hallen wie die „Highlights der Physik“.

Das ist sensationell. Die Leute kommen hin, statt an diesem Abend fernzusehen oder zu googeln, weil sie es authentisch erfahren wollen. Insofern ist das Format stabiler als man befürchten musste. Aber natürlich stellt sich die Frage immer wieder neu: Wie müssen wir mit den neuen Medien umgehen, mit den Verführungen der neuen Medien. Mir hat eine Schülerin vor zwei/drei Jahren bei einem Schüler-Symposium in Jülich geantwortet, als ich meine Verwunderung darüber äußerte, dass niemand während dieser drei Tage unkonzentriert mit seinem Smartphone oder Laptop beschäftigt war: „Wir wollen von euch Älteren lernen, was ihr an Erfahrungen uns voraus habt.“ Das war der erste Punkt: „Wir wollen es von euch direkt hören.“ Der zweite Punkt war:“Herr Professor, Sie wissen das vielleicht gar nicht, aber Facebook ist doch eigentlich längst out. Wer guckt denn da noch rein?“

Hier hat sich was getan. Der Nachwuchs, dem ich jedes Jahr immer wieder bei Vorträgen begegne, ist ungeheuer aufgeschlossen. Die Schulen, die wir mit der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung fördern, deren Vorsitzender ich bin, haben einen überraschenden und für mich extrem überzeugenden Spirit als Wissensvermittler. Natürlich sind das ausgewählte Schulen, die bei uns einen Antrag stellen. Aber mein Optimismus für die deutsche Schule von heute ist ungebrochen.

Nun hat sich in den 20 Jahren ja auch die Gesellschaft ziemlich drastisch verändert. Gerade auch der Zerfall von Hierarchien. Ist es denn noch so, dass die Wissenschaft Begeisterung wecken muss? Oder muss sie nicht vielmehr im Wettbewerb mit anderen gesellschaftlichen Kräften um Aufmerksamkeit kämpfen?

Sie haben völlig recht: In den Anfangsjahren von PUSH stand das Begeisterung wecken stark im Vordergrund. Auch ein gewisser Zukunftsoptimismus, wenn ich die heutigen Diskussionen betrachte. Da sind viele meiner Kollegen, die auch im „Wissenschaft im Dialog“-Umfeld kräftig mitgearbeitet haben, heute unter massivem Druck. Nehmen wir die Frage Elektromobilität, wo im Moment eine Welle der Diskussion durch die Republik schwappt, wo Leuten wie dem Wirtschaftswissenschaftler Sinn, der zusammen mit dem Physiker Buchal aus Jülich einen gründlich recherchierten Artikel über Elektromobilität und ihre Vor- und Nachteile geschrieben hat, sofort vorgeworfen wird, Büttel der Industrie zu sein. Ein heftiger Streit, der stark emotional geführt wird. Das ist etwas, was wir in dieser Schärfe zu Beginn nicht erwartet haben.

Vielleicht aber ist es sogar hilfreich, wenn diese Diskussion richtig aufflammt. Denn die Schwierigkeit in diesen Diskussionen bis hin in die Politik durchzudringen, heißt ein ganz ganz dickes Brett zu bohren. Ich persönlich habe einige Denkschriften zum Energiewandel mitunterzeichnet, mitgestaltet, mitformuliert – mit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft vor über dreißig Jahren, mit dem BDI, mit der GDNÄ, mit der Leopoldina, der Deutschen Akademie der Wissenschaften. Der Effekt in der Politik ist nur auf langer Zeitskala zu sehen. Und spontane Reaktionen, wie der Ausstieg aus der Kernenergie nach Fukushima oder die Trump-Kündigung des Klimaabkommens, zeigen immer wieder, dass politische Argumente – so irrational sie sein mögen – doch immer ihre eigene Kraft entfalten. Da ist es sehr schwierig, mit sachlichen Argumenten durchzudringen. Und am Schluss brauchen wir erst jemanden wie Greta, der Medien, Politik und Öffentlichkeit für das Thema Klimawandel neu erobert.

Das könnte man als frustrierend empfinden. Weil auch „Wissenschaft im Dialog“ andere Gesprächsniveaus angestrebt hat und anstrebt als diese doch zum Teil ziemlich populistischen. Aber dass die Welt so ist, und wir trotzdem reagieren müssen, ist natürlich unabwendbar.

Insofern muss man versuchen, mit der Zeit zu gehen, seine Formate anzupassen und eben auch die Öffentlichkeit zu gewinnen, damit ein Argument der Politik an Kraft verliert, mit dem wir, also alle die „Wissenschaft im Dialog“ aktiv oder indirekt betreiben, immer wieder konfrontiert sind; damit wir von der Politik nicht immer wieder die Antwort bekommen: „Ich als Politiker verstehe sehr wohl, was Sie als Wissenschaftler sagen. Aber ich kann es meinen Wählern nicht erklären.“ Das ist natürlich ein fatales Spiel und das sollte man versuchen, stetig und mit Geduld und Nachdruck zu verändern.

Nun ist ja „Wissenschaft im Dialog“ nicht nur eine Vorgabe für die Kommunikation der Wissenschaft, sondern auch eine Agentur der großen Forschungsinstitutionen in Berlin. Deren Ziel ist ja vor allem auch eine Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation.

Diese Organisation führt natürlich einen Ritt auf einem schmalen Grat. Auf dem Grat zwischen der Profilierung und Gestaltungsmacht der Politik, die ja auch Geld hinein gibt, und mit der man immer darüber argumentieren muss, dass Wissenschaftskommunikation kein Werkzeug der Politik, sondern eine Ausdrucksform der Wissenschaft im Gespräch mit der Gesellschaft ist. Und man muss die Einigkeit der verschiedenen Wissenschaftsorganisationen im Gegenspiel zu deren Eigenprofilierung wahren. Ich glaube, das funktioniert nach wie vor ganz gut.

Aber die Abhängigkeit von der Politik ist nach meinem Dafürhalten in den 20 Jahren eher gewachsen als gesunken. Das kann man positiv und negativ sehen. Positiv insofern, als die Politik gemerkt hat, dass Wissenschaft ein Instrument ist, mit dem man auch in der Öffentlichkeit wirksam werden kann. Das haben die Ministerinnen Buhlmahn, Schavan und Wanka vorgeführt. Im Augenblick ist es vielleicht nicht die Prima Ratio der Wissenschaftspolitik, aber es ist im Prinzip begriffen worden. Auf der anderen Seite weckt das natürlich den Wunsch der Politik, die Wissenschaft zu instrumentalisieren, wo sie der Politik dient. Auf diesem Weg die Balance zu behalten, ist kein leichtes Spiel. Aber „Wissenschaft im Dialog“ ist ja nicht nur ein Format. Es ist die Vielfalt der Formate – vom Wissenschaftsschiff über den Wissenschaftssommer, über die Highlights der Physik, über die ganzen Organisationsformen, die lokal stattfinden –  die es ermöglicht, den Einfluss der Politik zu kanalisieren und die Freiheit der Wissenschaft zu bewahren.

Wie das weiter gelingt, in einem Zeitalter, wo Twitter und Google die Informationslandschaft bestimmen, wie man damit optimal umgeht, ist eine offene Frage. Ich weiß nur eines: „Wissenschaft im Dialog“ hätte im Moment weder in den USA noch etwa in China Chancen, hilfreich zu wirken, und das ist eine Besorgnis, die einen wirklich packen kann. Auch in Europa sind im Moment politische Veränderungen gegenüber vor 15 oder 20 Jahren spürbar, die nicht optimistisch stimmen.

Herr Professor Treusch, wenn Sie zurückblicken mit ihrer ganzen Erfahrung aus der Wissenschaftskommunikation: Was würden Sie sich denn heute für die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wünschen.

Im Zeitalter der digitalen Medien ist die Zurückführung des Dialogs auf die notwendige Rationalität ein schwer zu erreichendes, aber höchst erstrebenswertes Ziel. Hier  würde ich mir wünschen, dass aus der Politik kräftigere Äußerungen kommen, auch mal wieder öffentlich gesagt wird, dass Deutschland als Wissenschaftsland eine Verantwortung trägt, und dass die Wissenschaft einen Stellenwert hat, der sich nicht nur in der dankenswerterweise wieder beschlossenen Erhöhung des Etats ausdrückt, sondern auch mal in einer flammenden und inhaltlich überzeugenden Rede für die Wissenschaft.

Es gibt nicht nur eine Bringschuld der Wissenschaft und eine Holschuld der Politik. Es gibt auch eine gewisse Bringschuld der Politik, die ja für das Fortkommen des Gemeinwesens zu sorgen hat, und sehr wohl weiß, dass dies ohne Wissenschaft nicht leistbar ist. Der alte Spruch, dass Deutschland keine Rohstoffe hat außer seiner Innovationskraft und seinem Erfindergeist, ist ja nun wirklich tägliches Wechselgeld im öffentlichen Diskurs. Angesichts der weltweiten Ressourcenverschwendung gewinnt  dieser Spruch zunehmend globale Aktualität. An praktischen Konsequenzen muss mehr passieren. Mehr Ehrlichkeit auf allen Seiten ist gefragt. Deutschland hat in dem notwendigen Entwicklungsprozess eine wichtige Rolle und sollte sie annehmen.

Was die derzeitigen Aktivitäten der Wissenschaft selber angeht, bin ich zurückhaltend, weil ich an den Entscheidungen nicht mehr teilnehme. Meine eher optimistische Grundstimmung kommt daher, dass in den öffentlichen Vorträgen, die ich nach wie vor regelmäßig halte, mir von Seiten insbesondere der jungen Leute sehr viel positives Engagement entgegenkommt; weil ich auch in meinen letzten Jahren hier in Bremen in der Jacobs University erlebt habe, dass es den jungen Leuten aus aller Welt sehr bewusst ist, dass sie was tun müssen.

Herr Professor Treusch, vielen Dank für das Gespräch.

 

Prof. Joachim Treusch (geb. 1940) ist Physiker, war von 1990 an sechzehn Jahre Vorsitzender des Vorstands des Forschungszentrums Jülich. In dieser Zeit engagierte er sich sehr für das Verhältnis der Wissenschaft zur Gesellschaft und wurde einer der Initiatoren des PUSH-Memorandums, mit dem sich die großen Forschungsinstitutionen zur Wissenschaftskommunikation bekannten. 2006 wechselte er als Präsident zur Jacobs University Bremen und baute die private Universität aus. Zudem war er von 1984 bis 1986 Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) und von 1995 bis 1996 Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ).