Sprunghafte Freunde –Wie Wissenschaftsfans ihre Meinung ändern #DGPuK

Posted on 15. Februar 2021

0


Die Haltung der Menschen zur Wissenschaft ist keineswegs stabil: Migrationsdiagramm des Schweizer Wissenschaftsbarometers zwischen den verschiedenen Zielgruppen.

Dass Menschen ihre Meinung ändern, sollte in einem offenen Zusammenleben normal sein. Neue Rahmenbedingungen, Geschmack- und Geduldsfragen, frische Argumente oder nur ein anderes geistiges Umfeld führen dazu, dass viele Menschen heute die Welt eben anders sehen als noch gestern.

Doch vielen Wissenschaftskommunikatoren scheint das nicht bewusst zu sein. Sie beobachteten jahrelang, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland in der repräsentativen, jährlichen Befragung „Wissenschaftsbarometer“ sagen, sie vertrauen der Wissenschaft (was immer das heißt) und arbeiten besonders für sie. In der ersten Verunsicherung der Corona-Zeiten ging das geäußerte Vertrauen zunächst sprunghaft auf bis zu 73 Prozent, befindet sich seitdem aber schon wieder im Sinkflug. Ein Zeichen, dass die Freunde der Wissenschaft nicht so zuverlässig sind, wie man das gerne möchte?

Prof. Julia Metag, Wissenschaftskommunikationsforscherin seit Jahren, seit 2019 mit eigenem Lehrstuhl an der Universität Münster.

Dies genau hat das die Münsteraner Kommunikationsforscherin Prof. Julia Metag untersucht. Zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Kira Klinger, dem Züricher Wissenschaftskommunikationsforscher Prof. Mike Schäfer und dessen Mitarbeiter Niels Mede befragte sie im Rahmen des Schweizer Wissenschaftsbarometers die gleichen Personen nach ihrer Einstellung zur Wissenschaft – zwei Mal im Abstand von drei Jahren. Bei der virtuellen Jahrestagung derFachgruppe Wissenschaftskommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) berichtete sie jetzt über die Ergebnisse.

Zunächst: Die Befragungen fanden vor Corona statt, zum Schweizer Wissenschaftsbarometer 2016 und 2019. In der Schweiz deshalb, weil Prof. Metag bis vor zwei Jahren am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IKMZ) tätig war, wo das Schweizer Wissenschaftsbarometer zu Hause ist, und weil die deutsche Umfrage gar nicht detailliert genug ist, um ähnlich aussagekräftige Analysen zu machen. (Laut Prof. Metag dürften die Ergebnisse jedoch ähnlich sein, was sie aus ähnlichen Vertrauenswerten für die Wissenschaft in beiden Ländern schließt.) Bei der Befragung vor fünf Jahren hatten sich die Züricher Wissenschaftler beispielsweise bei den befragten Personen auch die Erlaubnis geholt, mit Abstand noch einmal nachfragen zu dürfen. Fast 800 der 1050 Befragten stimmten zu, drei Jahre später darauf angesprochen, machten noch 366 Bürger mit.

Vier Zielgruppen für die Wissenschaftskommunikation, nach Inhalten definiert, nicht nach Lebensumständen. Die Analyse des Schweizer Wissenschaftsbarometers 2016.

Bereits die Auswertungen der ersten Befragung, sogenannte Segmentationsanalysen, hatten hochinteressante Ergebnisse gebracht. Prof. Schäfer berichtete über die vier relevanten Zielgruppen-Cluster des Themas Wissenschaft ausführlich beim „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“ #WisskomMUC (Bericht hier im Blog: „Falsche Zielgruppen: Erreichen wir die Richtigen?“). Anhand der Antworten auf zwanzig Fragen, etwa welche Relevanz Wissenschaft für ihr tägliches Leben hat, oder ob sie aktiv nach Informationen aus der Wissenschaft suchen, konnten die Züricher die Bevölkerung nach ihrer Einstellung zu Wissenschaft in vier verschiedene Cluster einteilen: Die „Wissenschaftsfans“ (28 Prozent) mit sehr großem und aktivem Interesse an Wissenschaft, die „Kritisch Interessierten“ (17%) mit großem Interesse, aber auch kritischer Distanz, die „Passiven Unterstützer“ (mit 42% die große Mehrheit), ohne aktives Interesse, aber durchaus offen für wissenschaftliche Erkenntnisse und die „Distanzierten“ bis Ablehnenden (13%).

Nun wurden 2019 also 366 Personen noch einmal befragt, man konnte die Ergebnisse vergleichen, aber auch sehen, ob und wie jeder Einzelne seine Meinung in den drei Jahren geändert hat und damit zu einem anderen Zielgruppen-Cluster gewandert ist. Stellt man die Gesamtergebnisse nebeneinander, hat sich nur wenig getan:

  • Wissenschaftsfans: 35,8% zu 31,1%,
  • Kritisch Interessierte: 18,0% zu 16,1%,
  • Passive Unterstützer: 37,7% zu 41,0%,
  • Distanzierte: 8,5% zu 11,7%.

Ganz anders aber, wenn man erkennt, dass fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) ihre Meinung in den drei Jahren so weit verändert haben, dass sie jetzt zu einem anderen Zielgruppen-Cluster gehören. Geradezu zerrissen hat es die Gruppe der „Kritisch Interessierten“, also derjenigen, die Wissenschaft für wichtig halten, sich mit ihr aber durchaus auch mit kritischem Geist auseinandersetzen: Nahezu ein Drittel von ihnen sind zu glühenden Fans der Wissenschaft geworden (teils vielleicht auch als Effekt der ersten Befragung), aber deutlich mehr haben ihr aktives Interesse verloren, einige sogar sind auf größte Distanz gegangen.

Die Prozentwerte stimmen nicht ganz mit dem Gesamtergebnis der 1050 Befragten überein, da sie sich nur auf die 366 Männer und Frauen beziehen, die auch beim zweiten Mal befragt wurden. Insgesamt keine überwältigenden Unterschiede, und eher eine Tendenz zu größerer Distanz gegenüber der Wissenschaft.

Nun, was sagt uns diese Migrationsanalyse von Prof. Metag für die Praxis? Zunächst einmal: Wir können nicht mit stabilen Zielgruppen rechnen, wer heute vom Wert wissenschaftlicher Forschung überzeugt ist, kann morgen schon auf Distanz gehen. Es gilt also, immer wieder und wieder zu überzeugen. Das dies gelingt, zeigt sich in der Analyse bei den „Passiven Unterstützern“: Ein guter Teil von ihnen wurde in den drei Jahren zu „Kritisch Interessierten“ oder sogar zu „Wissenschaftsfans“.

Die Analyse zeigt, dass sich die Wissenschaftskommunikation ganz besonders um die „Passiven Unterstützer“ bemühen muss, also diejenigen, die sich nicht aktiv für Wissenschaft interessieren. Dazu fehlen die passenden Formate, denn diese Zielgruppe nimmt Wissenschaftsinformationen eher zufällig auf, oder wenn sie direkt angesprochen wird. Wenn das nicht gelingt, verlieren viele von ihnen jegliches Interesse und migrieren zum Segment der völlig distanzierten, das damit langsam aber stetig wächst.

Die Ergebnisse, die Prof. Metag vortrug, waren wohl die spannendsten Neuigkeiten bei der Jahrestagung der DGPuK-Fachgruppe Wissenschaftskommunikation. Insgesamt wurde die online-Tagung Corona-bedingt von zwei Tagen auf einen Nachmittag verdichtet. Was dem Programm sichtlich gut tat – das Niveau lag deutlich höher als bei meiner letzten Teilnahme 2019 (siehe: „Emotionen machen Wissenschaft besser! – Kommunikationsforscher entdecken die Gefühle“). Das galt für die Keynote von Prof. Silke Adam (Universität Bern), in der man viel über die Reaktion der Massenmedien auf die Klimawandel-Skeptiker, aber leider wenig über diese Skeptiker selbst erfuhr, wie auch für fast alle Kurzvorträge. Natürlich fehlten – Corona-bedingt – die zwischenmenschlichen Kontakte. Es blieb im Wesentlichen bei der Ablieferung einzelner Forschungsergebnisse.

Was ich aber wirklich und dringend bei der großen Jahrestagung der Wissenschaftskommunikationsforscher vermisst habe, waren Anzeichen für einen Paradigmenwechsel in diesem Fachgebiet, wie er etwa im neuen Förderprogramm der VolkswagenStiftung „Wissenschaftskommunikation hoch 3“ zum Tragen kommt, und Bemühungen um eine engere Zusammenarbeit im deutschsprachigen Raum oder gar Ansätze für eine gemeinsame Forschungsagenda, wie sie die amerikanischen Kollegen erarbeitet haben. So blieb alles ein wenig abgehoben in der eigenen Filterblase.